Eine Reise in den Iran

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Aufnahmen

Die Lufthansa-Stewardeß erklärt auf Deutsch und Englisch: Das Fotografieren am Flughafen von Teheran ist strengstens verboten. Und hier ein Hinweis für unsere weiblichen Fluggäste: Die Regierung der Islamischen Republik Iran schreibt vor, daß Frauen eine Kopfbedeckung tragen müssen. Ich ziehe mir meinen als Halstuch getragenen Schal über den Kopf und nehme mir vor, statt Fotos Sprachbilder zu machen, wie es Peter K. Wehrli gemacht hat. Meinen Blick kann mir niemand verbieten. Das Kopftuch wird zu meiner Tarnung. Äußerlich angepaßt und ohne Kamera wird mich kein Vertreter der Islamischen Republik als heimliche Fotografin erkennen.

Die zwei alten Männer

Ein Billboard über dem ruckelnden Gepäckband: eine bunte Werbung für das neueste Sony-Handy. Dynamische Lichtschweife, ein farbenfrohes Display. Darüber hängen die goldgerahmten Portraits der beiden Ajatollahs, Khomeini blick finster, Chamenei etwas milder, aber beide mit dem Ausdruck verbissener Konzentration, als wäre es ihnen nur dadurch möglich, die unter ihnen prangende Werbung, dieses Imperialismus-Werkzeug, diesen Kommunikations-Teufel, auszulöschen.

Flickenteppich

Die Mega-City Teheran zieht sich bis an die Füße der Berge, klettert schon an den Knöcheln hoch, in alle anderen Richtungen breitet sie sich weiter aus, scheinbar bis an den Horizont. Ein Flickenteppich aus erdbraunen, gedrängten Häusern, Kuben, ein paar schwarzen Türmen, Scharten, Gerippen, Hochspannungsmasten. Immer kleinteiliger wird die City, zum Rand hin, immer staubiger, bräunlicher. Ein Teppich, lerne ich hier, bildet die Architektur eines persischen Gartens ab, ein Garten, den man sich ins Wohnzimmer legen kann, auf dem man sitzt und sich erinnert fühlt an die frische, ebenmäßige, kühle, wohlproportionierte, ruhige Schönheit der Gärten hier. Die Stadt ist kein Teppich, denke ich, eher ein Gewölle, eine verfilzte Gemengelage aus Treibgut, Sand, Verdorrtem und Lärm. Es ist ein Filz, in dem es die Menschen irgendwie immer noch schaffen, einzuatmen, zu überleben.

Inflation

Die Frau hinter dem Kassentresen im Schreibwarengeschäft malt mir die Inflationsnullen nur als nachlässige Reihe aus Punkten aufs Papier. Drei, sechs, neun Punkte. Wie wir Punkte zeichnen, am Ende eines Satzes. Eine nicht ganz gestellte Frage, eine nicht festgelegte Bedeutung, ein offenes Feld.

Enden der Kommunikation

Vier öffentliche Telefonzellen stehen hintereinander an der Straße. Es sind Pfeiler mit einer grün lackierten Rückwand, darauf der Tastenapparat. Aus dem Pfeiler des ersten Telefons hängt das Kabel heraus, mit aufgezwirbeltem Ende. Aus dem zweiten läuft der schwarze Draht hinüber zu einem Bauzaun, dort ist auch dieses Kabel durchtrennt, am Bauzaun einfach nur in ein Loch verknotet. Der dritte Telefondraht ragt aus dem Pfeiler heraus und ist an ein anderes Kabel angeknotet, das aber dann – wie ich beim Weitergehen sehe – nur bis auf den staubigen Asphalt herunterhängt. Am letzten Kommunikationspfeiler gehe ich vorbei und schaue nicht mehr genau hin.

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Relikte

Die Gerippe der halb fertig gebauten Häuser, Bürokomplexe, wie überall auf der Welt Wahrzeichen des Bauwahns, des übereilten Auftrags, der Insolvenz. Hier sind die Stahlgerippe königsblau und angerostet, aus eilig zugemauerten Flächen im Erdgeschoß bröckeln Steine. Wie mit gichtig gekrümmten Fingern, so scheinen die einbetonierten Stahlstreben sich selbst den Stein abzupulen.

An jeder zweiten Ecke, so wirkt es, stehen Skelette aus Stahlbeton. Ihre Unfertigkeit bleibt auf lange Zeit, vielleicht auf Ewigkeit, in der Luft hängen. Drum herum geht es weiter, Veränderung, aber wo die Skelette erst einmal stehen, scheint der Stillstand eine unverrückbare Form gefunden zu haben.

Angst

Der Schreckensschrei der Frau, hell und laut, auf der Mitte des Zebrastreifens, als der Taxifahrer, der abbiegt, nur wenige Zentimeter an ihrem Körper vorbeirast.

Frage

Zwei Frauen kommen mir entgegen, Nord-Teheranerinnen, die sich kleine rebellische Gesten im Stadtbild erlauben, den Schleier so weit es nur geht hinten auf dem Zopf, rot lackierte Fingernägel, Ballerinas ohne blickdichte Socken. Beiden sind die Nasen getaped, wie Boxern. Geschlagen oder operiert?, denke ich. Und kann mir, bis ich es später erfrage, keine Antwort geben.

Blicke

Eine Frau kommt mir entgegen, ihr lasziver Blick fällt mir auf, auch ihr Mantel, knielang, aber ganz lässig offen getragen. Sie nimmt mich ihrerseits aufmerksam in den Blick, ein kurzer Austausch zwischen uns, nur in diesem Blick: Woher kommst du? Warum bist du hier? Wer bist du? Wer bin ich, in deinen Augen? Und ich drehe mich, nachdem wir zehn, zwölf Schritte voneinander entfernt sind, zu ihr um und fühle mich an eine Szene aus Homeland erinnert: Übergaben, Austausch ohne Worte, eine verschleierte Claire Danes und die Gravitationskraft von Augenblicken, wenn sie etwas ändern.

Abschottung

Mir wird gesagt, wir seien so mit die letzten, die einreisen durften, vor den Wahlen Mitte Juni. Das Internet wurde und wird in der Woche, die wir dort sind, sukzessive abgeschaltet. Facebook funktioniert schon länger nicht mehr. Vom Land konnte ich noch eine SMS schreiben, aus Teheran nicht. Der Staat schottet sich ab. Schickt seine Studenten sechs Wochen früher nach Hause, alle Abschluß-Prüfungen sind vorgezogen worden, damit sich keiner mehr in Hörsälen und Mensen zusammenfinden und verabreden kann.

Trauer

Das Mädchen hinter dem Sitztresen im Restaurant – sie hat keine offensichtliche Aufgabe, außer, daß sie dem Kellner, der kein Englisch spricht, beim Übersetzen einiger Wörter hilft – und ihr schwarz umrandeter, tieftrauriger Blick. Sie ist bildschön, in einem anderen Land fiele sie mit ihrer Schönheit auf, hier überzieht ihr Gesicht eine nicht auffüllbare Fläche aus Hoffnungslosigkeit und Angst. Alles in ihrem Blick bringt den Schmerz und die Trauer zum Ausdruck, daß diese Diktatur, all die Männer, die sie hier umgeben, die weniger können als sie, ihr ihr Leben rauben.

In Bewegung sein

Die Männer stehen in dem dunklen Schlauch der Tiefgarageneinfahrt. Sie reden miteinander, neben ihnen läuft der Motor ihres Peugeots. Sie müssen den Benzingeruch einatmen, vielleicht wie ein Lebenselixier, das letzte, das nicht rationiert ist. Es ist noch bezahlbar, es wird nicht ausgehen. Wie das exzessive Autofahren ein letzter Ausdruck individueller Freiheit ist, in der Diktatur, so muß das Laufenlassen des Motors während des Gesprächs in der Tiefgarage eine Atmosphäre von Gewohnheit und Sicherheit erzeugen, das Zeichen, daß mir ein Hahn nicht zugedreht werden kann, daß ich mir eine letzte Sache nicht nehmen lassen werde: Auto zu fahren und so wenigstens in diesem Sinne das Gefühl habe, in Bewegung zu sein.

Alles

Jemand sagt: Dieses Land habe alles. Kultur, Gas, Öl, Bildung. Es könnte seinen Tourismus ausbauen, zu einem florierenden Wirtschaftszweig, es hat sehr gute Bildungsinstitutionen, es hat wichtige Ressourcen. Ich muß an eine Freundin denken, die mir mal erzählte: Kolumbien sei das Land, das alles habe, das Paradies auf Erden, so reich, so gefüllt, aber dann habe Gott den Menschen hineingepflanzt und der zerstöre das Paradies mit seinen Kriegen, seiner Mißgunst, seinem Haß, seinem Streben nach Vorteil und Gewinn. In Kolumbien liege, erzählte die Freundin, Reichtum und Hunger, Schönheit und Häßlichkeit, Leben und Tod so nah nebeneinander wie nirgends sonst auf der Welt. Doch, möchte ich ihr antworten, hier, in Iran, scheint es ähnlich wie in Kolumbien zu sein.

Brandung

Es fällt mir schwer, zu atmen. Ich nehme kurze Atemzüge, habe am Ende des Tages den Eindruck, wenig Sauerstoff, mehr Auspuffgas im Gehirn zu haben. Das Kopftuch belagert mich, ich reiße es mir vom Kopf, sobald ich im Hotelzimmer bin. Die benzinschwangere Luft werde ich nicht los, auch nicht das Geräusch des Tag und Nacht tosenden Verkehrs, wie es durch die Innenhöfe brandet, über alle Mauern hinwegfließt, bis hinein in jedes Zimmer. Erst, als ich aus Teheran raus bin, hört die Brandung auf.

Nacktheit

Lange nicht mehr so genossen, in mein Hotelzimmer zurück zu kommen und mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, um so eine freie Stunde am Nachmittag auf der Tagesdecke meines Bettes zu liegen. Wie die eisgekühlte Sprite, die ich trinke, so schmeckt diese Nacktheit nach einem Tag in Verhüllung.

Mut

Die junge Teheranerin mit türkis-weiß lackierten Fingernägeln, passend zum Kopftuch. Als sie vom Tisch aufsteht, sehe ich, daß sie einen langen Flattermantel im Tschadorstil trägt und schwarze, extrem zierliche Highheels. Auf diesen Auftritt in der Öffentlichkeit können, wie ich erfahre, Freiheitsstrafe, Gefängnisaufenthalt, Peitschenhiebe folgen. Durch die Zahlung einer Kaution in Höhe eines durchschnittlichen Jahresgehalts würde sie, bei Verhaftung, wieder auf freien Fuß kommen. Die junge Frau wirkte auf den ersten Blick wie ein Upperclass-Mädchen, wie es sie an vielen Orten der Welt gibt. Aber hier ist die Aufmerksamkeit, die sie ihrem Äußeren widmet, Teil einer stillen aber deutlichen Rebellion.

Bärte

Jemand nennt sie: die Scheinheiligenbärte. Die Männer, die im Straßenbild mit den fusseligen Ahmadinedschad-Bärten herumlaufen. Dichte Schnurrbärte sind wohl eher Zeichen einer neutralen Bartmode, die allermeisten jungen Männer, die ich an der Uni und im Straßenbild sehe, sind glatt rasiert. Aber die Scheinheiligenbärte sind immer wieder Männer, deren Blick etwas verschlagenes hat, etwas feindseliges, unberechenbares. Als ich, zurück in Berlin, diese Bartmode an hippen Mitte-Männern sehe, zucke ich kurz zusammen.

Scheinheiligenbärte

Ich sehe in Isfahan viel mehr Scheinheiligenbärte als in Teheran. Viel mehr Männergesichter, die kleinere und größere Ähnlichkeiten mit den Ajatollahs oder Ahmadinedschad aufweisen.

Mondregeln

Jemand erzählt mir: der Imam schaut in den Mond und legt den Tag fest, an dem der Ramadan beginnt. Es soll ein eigens durch den Imam gefundener Termin sein, kein kalendarisch vorbestimmter. Das Regime möchte sich nicht den allgemeinen gültigen Regeln und Interpretationen unterordnen, sondern findet, durch den Blick in den Mond, seine eigene Regel.

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Gottvertrauen

Der Autoverkehr in den Straßen von Teheran ist wie ein Tanz. So gut wie niemand schnallt sich an, in den Taxis existieren hinten gar keine Gurte. Kaum ein Moped-Fahrer trägt Helm, trotz Helmpflicht. Auf dreispurigen Straßen wird vierspurig nebeneinander gefahren. Zwischen den Seitenspiegeln nur Zentimeter Platz, kurze Huptöne signalisieren allen anderen: hier komme ich, von hinten links, paß mit auf mich auf, wie ich auf dich aufpasse. Alle scheinen alle im Blick zu haben, mit Augen in jeder Himmelsrichtung und der Rest ist Gottvertrauen. Gottvertrauen, daß es gut geht, mit Tempo 100 auf einer Innenstadtstraße zu fahren, daß der hinten aufs Moped geladene Kühlschrank nicht zuviel Übergewicht hat, daß die Fußgänger auf den schmalen Bürgersteigen schon zur Seite springen werden, wenn eine Schlange aus Krafträdern beim Stauumfahren auf diesen Weg ausweicht.

Schönheit

Die Schönheit der jungen, iranischen Frauen findet kein Pendant bei den Männern. Es gibt so viele, so außergewöhnlich schöne Frauen. Schier wunderschöne Gesichter, an denen ich mich nicht sattsehen kann. Ihre Schönheit speist sich auch aus der Herzlichkeit, und auch aus der Höflichkeit und Eleganz, mit der sie sich, noch trotz der Mäntel, Jacken, Tücher, bewegen.

Nach einer Weile differenziert sich mein Blick. Ich bemerke, wie viel Traurigkeit in der Schönheit eingelagert ist. Aber auch wieder: wie viel Stolz. Und dann: wie viel Mut und der Wille zur Rebellion. Aus all dem besteht hier die Schönheit der jungen Frauen.

Babys

Väter tragen ihre Neugeborenen in eine Decke eingewickelt vor sich her. Wie ein Geschenk auf dem Arm, wie eine Kostbarkeit, die man mit beiden Armen trägt – zum Überreichen. Die Teheraner Bürgersteige sind nicht kinderwagentauglich. Aber Ergocarrier oder Baby-Björns sind noch nicht in Mode gekommen. Sie wären auch einfach nur zu simpel praktisch, sie böten keinen Raum für den Stolz, mit dem Väter hier ihre Neugeborenen auf Händen tragen.

Pride

Das in Iran produzierte Auto, das am meisten gefahren wird, heißt PRIDE. Es sieht aus wie ein modernisierter Lada. Die meisten sind weiß, nur wenige schwarze Autos, die Taxis sind türkis wie die Farbe eines Pools oder kanariengelb. Aber fast überall fährt PRIDE.

Simulation von Bewegung

Es flimmert über dem totalen Stillstand der Blechlawine. Ein Mopedfahrer schlängelt sich durch die Lücken, weicht aus über den Bürgersteig, in einem Schwung die Anhöhe hinauf und hinunter, fast elegant, sein Ausweichmanöver. Raserei und Stillstand, die zwei Modi des Autofahrens hier. Ich denke: Es hat etwas Fatalistisches, die Art, wie die jungen Männer hier Auto und Moped fahren. Ein letzter Ausdruck von Freiheit: im kurzärmeligen T-Shirt ohne Helm und Brille auf der Schnellstraße, 100 km/h. Als wäre ihnen ihr Leben nicht lieb. Als hätte es keinen großen Wert. Vielleicht, denke ich, ist auch nur ihr Gottvertrauen so stark. Nein, es ist existentiell, wenigstens hier einen Kanal zu haben, in dem sie fortkommen, sich bewegen können, in Bewegung bleiben, auch wenn es die Simulation von Aufbruch und Bewegung ist.

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Flaggen

Die Staatsflaggen sind hier keine einfachen Fahnen an Fahnenmasten. Es sind 30, 40 Quadratmeter große Hoheitszeichen, die auf rätselhafte Weise (vielleicht, weil sie so groß sind) immer flächig im Wind stehen. Sie bewegen sich träge und in zeitlupenartiger Eleganz. Alle Überführungen an der Autobahn sind mit langen Fahnenmastreihen überzogen. Diese eng beieinander stehenden Flaggen zittern im perfekten Winkel im Wind, als wären sie mit Drähten aufgespannt, oder als bliese ständig eine Luftmaschine von der Seite. Oder als habe man den Stoff speziell gestärkt, ihm Korsettstäbchen eingenäht, die ihn in Form halten. Wie viel Fläche des Himmels durch die Staatsflagge verdeckt ist.

Königin (1)

Sie redet mit dem Polizisten in einem Tonfall, als weise sie ein unartiges Kind zurecht. Läßt ihn nicht zu Wort kommen, kanzelt ihn ab, durch das heruntergelassene Seitenfenster hindurch. Der Polizist weicht zurück, gibt den Weg frei. Ich frage sie, was sie gesagt habe, und sie sagt lachend, daß sie ihm einfach eine Geschichte erzählt habe, eine erfundene Geschichte, warum wir das Recht hätten, hier durchzufahren, warum wir auf dem Gelände parken dürften, warum es schnell zu gehen habe. All ihre Ungehaltenheit über das Regime schien in dieser Polizistenansprache zum Ausdruck zu kommen. Ihre Verachtung über die Militär-Männer, die Mitläufer der Diktatur.

Königin (2)

Es ist ihr zur Gewohnheit geworden, immer wieder ihren Schleier zu richten, das locker um den Kopf gelegte weiße Tuch. Dabei zeigt sie selbstbewußt ihre Haare, zieht dann das Tuch zurecht und legt es sich über. Das ist ihre Rebellion, ihre Methode zur Wahrung ihrer Menschenwürde, ihrer Identität, ihres Frauseins. Ich treffe noch mehr solche Frauen, mit so willensstarken Haltungen, kraftvollen, aufrechten Charakteren. Ich denke: Wenn sich in diesem Land etwas ändert, dann weil es diese Frauen gibt. Von ihnen wird die Veränderung kommen, sie werden sie erkämpfen müssen. Sie erzeugen schon jetzt den Wandel: höhere Scheidungsraten, sie leben als alleinerziehende, berufstätige Mütter. Es waren schon 2009 die Frauen, die in erster Reihe demonstrierten.

Königin (3)

Der Schmerz über die Unterdrückung eines stolzen Volkes, der Perser, ist am deutlichsten zu spüren im Auftreten der jungen Teheranerinnen. Ihr buntes, modebewußtes Aufbegehren gegen fledermausartige, schwarze Tuch-Überwürfe und unterm Kinn zugenähte Kopftücher von schwarzer Farbe (Pflicht an der Uni) malt individuelle Flecken ins Stadtbild, zieht meine Aufmerksamkeit an. Eine knallrote Brille, ein lila Tuch unter dem schwarzen, offene Sandalen, lackierte Fußnägel, großformatiger Schmuck an den Handgelenken, Ohrringe und ein gekonnt aufgetragenes Make-up. Jemand erzählt: 2009, kurz vor den Wahlen, waren sie und ihre Freundinnen ganz aufgeregt: Wir müssen zum Frisör! Ich brauch Strähnen, wenn das Tuch endlich wegkommt, eine neue Frisur. Und eine Diät! Wenn ich enge Jeans und T-Shirts tragen kann! Um solche Themen ging es, und das alles in einer euphorischen Stimmung, voller Vorfreude und in der nahezu sicheren Gewißheit, daß bald alles anders sein würde. Heute scheint dieser Traum weiter entfernt denn je, sagt sie.

Schwarz

Ein Mädchen vorm Eingang der Uni wirft sich, noch buntverschleiert in Jeans und mit Turnschuhen, den schwarzen Tschador über. Auch ihr Nike-Rucksack verschwindet unter dem Tuch. Am Kinn hält sie den Stoff zusammen, sie ist jetzt vom Scheitel bis zur Sohle schwarz. Eben noch sah sie, bis auf das Kopftuch, wie eine sehr hübsch zurechtgemachte Frau aus, die es in allen Großstädten der Welt gibt. Jetzt steht sie wie ein schwarzes Gespenst da, mit Buckel (der Rucksack), unförmig, austauschbar und deutlich angewidert über diese erzwungene Verwandlung.

Vernichtung

Bei Amir Hassan Cheheltan taucht das immer wieder auf: der Provinzler. Sie werden regiert von Provinzlern. Die Provinziellen haben es geschafft, an die Macht zu kommen und sichern ihr Regime durch Einschüchterung, Demütigung, Angstmacherei, Ausweisung, durch die Verurteilung und Vernichtung der Intelligenz.

Empfang

Auf einem flachen Hausdach, getarnt hinter einer Mauer aus Klimaanlage-Kästen, stehen drei rostige Satellitenschüsseln, in drei verschiedene Himmelsrichtungen ausgerichtet, auf Empfang.

Zweigesichtigkeit (1)

Offiziell ist das Trinken von Alkohol verboten. Jemand erzählt, daß Iran in seiner Importbilanz eine dreistellige Millionensumme für die Einfuhr von alkoholhaltigen Getränken ausweist.

Zweigesichtigkeit (2)

Die Satellitenschüsseln, die es nach Auffassung des Regimes gar nicht geben darf, werden immer dann vermehrt durch Stoßtrupps erspäht und abgebaut, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt. Die regierungsnahe Firma, die den Abbau vornimmt, ist die gleiche, die die neuen Modelle verkauft.

Mächtige Morsezeichen

Auf den Fahnenmasten der Staatsflaggen, die hier in Iran (wie mir gesagt wird) oft zu den größten Fahnenmasten der Welt zählen, blinkt oben ein Positionslicht, manchmal ein rotes, öfters ein grünes, aber immer wirkt das Licht wie ein Auge, das in die Nacht hinein späht, das seine Morsezeichen der Überwachung aussendet: hier bin ich, ich komme immer wieder, ich wache über dich, Tag und Nacht, glaube bloß nicht, daß du mir entkommst.

Doppelmoral

Der Schleier, so wird offiziell betont, sei etwas, das die Frau schützt und durch das sie sich emanzipiert. In der islamischen Welt ist der Schleier für Frauen immer ein Thema. Aber warum muß es dann ein schwarzer Schleier sein für alle Frauen? Auch für mich als Christin? Es macht, rein optisch, aus uns ein Nichts, ein schwarzes Gespenst, eine Fledermaus, identitätslos, uneigentlich.

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Die Waffen des Humors

Marjane Satrapi malt in Persepolis so treffend, wie eine junge Frau sich bei der Verhaftung durch einen Trupp von regimetreuen Frauen wehrt: Wenn ihr meint, daß unsere Haare die Männer so verrückt machen, dann müßt ihr euch zuerst mal euren Damenbart rasieren.

Höflichkeit (1)

Nur einmal erlebe ich einen kleinen Unfall, unser Taxifahrer kollidiert mit einem auf dem Mittelstreifen haltenden Moped, das wenden möchte. Der Taxifahrer steigt aus, aber niemand pöbelt (wie es auf einer Berliner Straße mit Sicherheit der Fall wäre), eher scheint er zu fragen: Ist dir was passiert. Der Mopedfahrer reagiert nicht, er fährt vom Mittelstreifen herunter, hinein in den ihm entgegenkommenden Verkehr, er schlängelt sich durch die Autos, hinüber zum Bürgersteig und ist fort.

Höflichkeit (2)

„Dies ist eine sehr anregende, schöne Veranstaltung. Ich danke Ihnen dafür, daß Sie unser Land besuchen. Vielen Dank, daß Sie hier sind. Mein Deutsch ist leider sehr schlecht. Darf ich Ihnen trotzdem eine Frage stellen? Ich würde Sie gerne fragen….“

Ich muß an Robert Pfaller denken und seine These, daß uns das Gespür für Rituale und Höflichkeiten, also auch die Fähigkeit zur Maskerade im öffentlichen Zusammenleben, zunehmend verloren geht. Wir fühlen uns ständig belästigt durch alle und alles. Das ist die Tyrannei der Intimität. Wenn wir ganz Ich werden, so Pfallers These, dann ist das nichts anderes als der reine Wahnsinn. Wie angenehm Rituale sein können, gerade in einer überfüllten, übergroßen, menschenfeindlichen Stadt. Was für eine Reißleine kann das sein, im Zusammenleben. Ein Sicherungspuffer. Und etwas, das Respekt und spontane Verbundenheit schaffen kann.

Zucker

Jemand greift im Vorbeigehen in die Schale mit den Würfelzuckerstücken. Kurz davor hat er nebenbei erzählt, daß seine Ex-Frau dies und das gesagt habe. Ich bekomme eine Art mütterliches Mitleid mit ihm, dem Mann mit der Ex-Frau, der sich im Würfelzucker eine kleine Portion Lebenssüße holt.

Hoffnungslosigkeit

Wie heute jemand am Tisch sagte, mit einer Mischung aus Bitterkeit, Resignation und Pragmatismus: Es wird sich nichts ändern. Ich habe keine Hoffnung mehr.

Lust

Der Mann am Nebentisch umleckt die Wölbung an der Flaschenöffnung seines Malzbieres, ganz selbstvergessen, so wie wir in der Nase popeln oder an Fingernägeln kauen. Der Mann leckt an der Flasche, und dann sieht es aus, als küsse er  sie mit geöffneten Lippen. Als lecke er Lippenstift von zarter Haut, als habe er mit der Flasche noch ganz was anderes vor. Er scheint auch meinen Blick auf sein Tun nicht zu bemerken, er ist versunken in das Spiel mit seiner Geliebten.

Rausch

The house of hope is built on sand,

And life’s foundation rest on air;

Then come; give wine into my hand,

That we may make an end of care. 

Hafez (1315-90)

Schichten

Die Berge bestehen aus Gesteinsschichten: rot, grün, gelb. Wie die Gewürzschichten in der Schüssel am Stand des Bazarhändlers, eine bunte Schichtung aus allen Gewürzen, die zusammen Curry ergeben.

Geröll

Wie die Streusel auf einem Kuchen, so liegen Geröllsteine auf den Kuppen der Berge.

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Müllkanten

Er ist, wie überall auf der Welt, das Zeichen, daß wir mal hier gewesen sind, der Plastikmüll. Leere Wasserflaschen, einzelne Flip-Flops, Kanister und alte Säcke säumen die Autobahn, eine milchige, grobe Fransenteppichkante neben dem Asphalt, im Gestrüpp hängen weiße Plastiktüten und blähen sich im Wind wie kleine Heißluftballons, die es nicht schaffen, aufzusteigen.

Transformator

Auf der Ladefläche eines dieser uralten Laster, die noch runde Schnauzen und unaerodynamische Aufbauten haben, liegen eng an eng hunderte von weißen, modernen Stoßstangen. Ein Schichtengebilde aus Ersatzteilen, ein liegendes Dinosaurier, das jederzeit aufstehen und sich zu einem mechanischen, transformatorartigen Gebilde wandeln könnte.

Isfahan

In der Freitags-Moschee, im Mittelpunkt unter der Kuppel, wo das natürliche Echo am stärksten ist, liest uns eine Frau ein Gedicht vor, auf Farsi, danach die deutsche Übersetzung. In ihrer fließenden, schwingenden, fast nach Gesang klingenden Sprache wird aus dem Echo ein Lied. Im Deutschen wird die Poesie zu einem abgehakten Stakkatotakt, da mäandert nichts mehr, da füllt sich kein Raum, da klingt Lyrik plötzlich wie ein kantiger, gebellter Befehl.

Überlandreisen

Auf dem uralten Bus steht im oberen Drittel aller Fenster: ONLY GOD. Und vorne, wo sonst der Zielort angeschrieben ist, steht: SUPER DRIVE.

Basar

Rhythmische Schläge eines Hammers auf Metall, irgendwo da vorn quietscht eine Fräsmaschine, gedämpfte Stimmen, leises Klirren, der sympathische Humor eines Verkäufers, der uns schon auf dem Platz entgegenkommt und in den Gang des Basars einfädeln will wie einen Faden ins Ör: Oh, you are from Germany, poor Germany, you have more problems than we have, so I will give you a good price for the carpet, I make a special price for you poor germans! Ich bleibe vor der Werkstatt eines Lampenmachers stehen, durch die in die Kupferkugeln geschlagenen Löcher leuchtet eine Energiesparlampe hellgrün. Er bittet mich, in fast akzentfreiem Deutsch, einzutreten. Sie dürfen auch nur schauen, schauen Sie. Sie müssen nicht kaufen.

Nachmittagsstimmung

Sie steht am zweitgrößten innerstädtischen Platz der Welt, die Freitagsmoschee hier in Isfahan. Die kleinen Hände auf den Dächern der Minarette, Sandstein neben königsblauen Kacheln, Ornamente, Spiegeldecken. Der Platz hat sich ein wenig den Charme der 70er Jahre erhalten, Familien sitzen unter Büschen auf dem Rasen, im kleinen Ausschnitt Schatten, die baumwollweißen Markisen blähen sich vor jedem Geschäft im Wind. Ein langgezogenes, türkis gestrichenes Springbrunnenbecken. Vor der Moschee ein gedrucktes Transparent an einem Fahnenmast: DOWN WITH ISRAEL. DOWN WITH USA. Wir sind die letzten, die die Moschee betreten. Kleine Männer in zu großen, holzbraunen Anzügen begleiten uns nach einer Viertelstunde wieder hinaus. Ein klappriges Baugerüst wird aufgebaut, Stoffbahnen als Sonnenschutz. Das Silber an der Eingangstür wurde so oft berührt, daß es poliert glänzt. In einem Nebenraum waren sogar Tiere in den Friesen und Weinkaraffen und sie sind, wie die Reiseführerin lachend unterstreicht, nicht übermalt oder entfernt worden.

Abendstimmung

Vier Frauen sitzen unter einem Buchsbaumstrauch auf dem Platz, in der Abenddämmerung, sie sind bis zu den Oberschenkeln eingehüllt in eine Kuscheldecke. Sie sitzen nebeneinander, vor ihnen noch die Tupperwaren mit dem mitgebrachten Essen, alles ist aufgegessen. Die Frauen – Mütter und Töchter, denke ich – beobachten von ihrer Position aus den Platz, als wäre er eine Bühne. Dort flirtet eine Frau mit einem Mann, stößt ihn immer wieder kokett weg, wehrt seine kleinen Annäherungen ab. Er trägt ihre Handtasche über der Schulter und wirkt doch wie ein Junge, der eben erst anfängt zu ahnen, wie kompliziert und reich an Mißverstädnissen das Spiel zwischen Männern und Frauen ist.

Scheidung

Es bricht aus ihr heraus: Alles, was ich je über den Horror der Scheidung gehört habe, stimmt. Sie muß ein Jahr lang ein Mal pro Woche vor Gericht erscheinen und ihre Entscheidung rechtfertigen. Nur, weil ihr Vater sie wieder aufnimmt, fällt sie nicht ins Bodenlose. Würde er sie nicht unterstützen, würde ihr noch viel Schlimmeres drohen. Sie habe damals nur geheiratet, um ein eigenes Leben anfangen zu können. Mit eigener Wohnung. Aber es ginge nicht mehr, es ginge einfach nicht mehr. Ihr ebenmäßiges, schönes Gesicht verfestigt sich in Schmerz und Angst. Sie flüstert, als dürften die Männer, die vorne im Auto sitzen, von ihrer Erzählung nichts hören.

Scherben

In dem edlen Restaurant, in dem sich nur noch die reiche Oberschicht ein Essen leisten kann, klirren plötzlich Gläser und Teller auf der Treppe nach oben, in Richtung Küche, es zerspringt viel Geschirr, es muß durch eine Unachtsamkeit heruntergefallen sein. Aber dann knallt eine Tasse gegen die Wand, das Klirren ist härter, die Tasse wurde geworfen, wie aus Unmut über all das zerbrochene Porzellan. Die Kellner sind aufgeschreckt und laufen Richtung Treppe. Sie bleiben auf den ersten Stufen stehen, legen besorgt die Hände in die Hüften und diskutieren mit zusammengesteckten Köpfen.

Simulation

Die Frauenmoschee ist nahezu fensterlos, nur weit oben, weit über dem Eingangsportal, fällt Licht durch einen Schacht hinein. Darüber wölbt sich die Kuppel. Im Mittelpunkt der Kuppel ist ein türkisblauer Kreis und plötzlich sehe ich, wie das Sonnenlicht einen leuchtenden Schweif bis an diesen Kreis heran wirft. Das Licht wird zum Schweif eines Pfaus. Die goldenen Intarsien der Deckenzeichnungen changieren darin. Es sieht wirklich täuschend echt aus: das lange Federkleid am Körper eines türkisfarbenen Pfaus.

Mercedes

Der Wagen fällt hier in Isfahan auf. Die Blicke der jungen Mopedfahrer auf das saubere, silberne Auto: verwundert, interessiert, bewundernd, einige versuchen, einen Blick auf die Rückbank zu erhaschen, ich trage kein Kopftuch, fühle mich hinter den halbtransparenten hochgezogenen Sonnenschutzgittern zu sicher.

Ekel

Die obszöne Geste, die ein Mopedfahrer mit Scheinheiligenbart zu mir macht, als unser Taxi in einer Gasse halten muß, weil ein anderes, herrenloses Moped im Weg steht. Alle an dieser Situation Beteiligten lächeln, unser Taxifahrer hupt freundlich, allgemeine Heiterkeit und auch ich lächele von der Rückbank aus. Da schaut mich der ausgebremste Fahrer von gegenüber an, geht mit seiner Zunge in die Wange und stößt drei Mal zu. Meine spontane Heiterkeit schlägt um in Ekel – wenn das die Erwiderung auf ein Lächeln ist. Ich verstehe augenblicklich und zutiefst, warum sich keine Frau im Getümmel der Straße ansprechen, nach dem Weg fragen läßt, warum sie weitergehen und so tun, als hätten sie die Frage nicht gehört. Ich verstehe, was meine iranische Freundin meinte, als sie mir von der Verachtung erzählte, die viele Frauen den hiesigen Männern gegenüber haben. Verachtung als Abwehr gegen Respektlosigkeit und der Reduktion einer Frau auf ein Lustobjekt.

Subventionen

Ich bekomme es erklärt, so, daß ich es zu verstehen meine: Mit dem Öl-Geld wurden so gut wie alle Lebensmittel zu fast zwei Dritteln subventioniert. Auch die Sozialleistungen, eine Art Grundsicherung für sehr viele Menschen hier. Seit dem Embargo funktioniert dieser Transfer nicht mehr wie früher. Das einzige Lebensmittel, das noch subventioniert wird, ist der Weizen, also das Brot. Wenn das Regime die Sozialleistungen nicht mehr finanziert, würden die Menschen noch beängstigender verarmen, als sie es durch die rasende Inflation schon jetzt tun. Spätestens, wenn das Brot unbezahlbar wird, hatten schon andere Diktatoren in der Vergangenheit ein Legitimitätsproblem. Ja, sagt mir jemand, das sei schon eine neue Situation, nicht wie die Inflation, die Verarmung, die wirtschaftliche Stagnation, das alles dominiere seit Jahren das Leben. Nein, die teuren Lebensmittel, die fehlenden Subventionen, das sei neu. Wenn das Regime es nicht mehr schaffe, die Menschen durch solche Zahlungen zu besänftigen, wenn, dann.

Einkommen

Ein sehr gutes Gehalt, wird mir gesagt, seien im Augenblick 35 Millionen Rial, umgerechnet 760 Euro im Monat.

Lange Schatten

Er fragt mich, ob wir in Westeuropa wirklich glauben würden, sie seien hier alle savages, wie er es in einer BBC-Doku über den Iran letztens gesehen habe. Er entschuldigt sich für die Frage, ich sehe ihm an, wie es ihn drängt, sie zu stellen, etwas klarzustellen. Es ist eine zu elementare Kränkung. Er möchte nicht mit den tumben, regressiven Machthabern gleichgesetzt werden, mit ihrer durch Propaganda und Repression etablierten Angstdiktatur. Er möchte, daß ich ihn und seine Mitmenschen als säkulare, hoch gebildete Iraner wahrnehme, Bürger eines traditionsreichen und modernen Landes. Ich versuche ihm zu vermitteln, daß ich sein Gefühl gut nachvollziehen kann: Es ist eine kollektive Erfahrung für Deutsche, im Ausland, im Urlaub, mit Hitler assoziiert zu werden, über 60 Jahre nach dem Nationalsozialismus, Angela-Merkel-Plakate mit Hitler-Bart, unsere Geschichte wirft lange Schatten.

Nach meiner Rückkehr erfahre ich von einer britischen Studie, die besagt, daß Deutschland zur Zeit zu den beliebtesten Ländern der Erde gehört, den letzten Platz, noch nach Nord-Korea, belegt der Iran.

Liebe

Ein Achtung-Schild mit einem Ausrufezeichen in der Mitte prangt auf der rostigen Ladeklappe eines LKW. Statt eines Punktes hat das Ausrufezeichen ein Herz. Unter dem Herz-Schild steht in roten Lettern: MERCEDES.

Reisebus

Auf einem uralten Überlandbus steht auf jedem Fenster: SUPER SALON. Die Menschen schauen durch die Buchstaben hindurch, nach draußen, ihre Gesichter hinter den Masken der Schrift.

Goldfische

Drei Goldfische schwimmen im steinernen Wasserbassin in der Eingangshalle des Hotels. Sie werden zu Neujahr verschenkt, wurde mir gesagt. Auf vielen Häuserwänden in Teheran und hier, in Isfahan, gibt es aufgemalte Bilder von Familien, der Vater hält ein Kugelglas mit Wasser in den Händen, darin ein Goldfisch. Mir fällt es schwer, die irgendwie zynische Doppeldeutigkeit darin nicht zu sehen: Die Goldfische im Glas sterben oft wegen mangelnder Pflege und zu wenig Essen, einige Wochen nach Neujahr.

Eine Frage

Doron Rabinovici schreibt: Wie berechenbar sind noch jene kleinen Diktatoren, deren Herrschaft darauf beruht, undurchschaubar und ungeheuerlich zu sein?

Symbole

Vor dem Tempel der Zoroaster stehen links und rechts zwei Löwen mit schnittigen Gesichtern und angelegten Flügeln. Im Gebetssaal brennt das ewige Feuer, heute wird es durch Gas betrieben. Gegenüber an der Wand, das Portrait eines der Gründer dieses Tempels. Er trägt einen schmalen Bart, einen typischen Hitlerbart, ein Bremsklotz unter der Nase. Das Vogelzeichen des Ordens erinnert mich – und ich kann es nicht genau zuordnen – an die Abzeichen auf den Mützen von SS, SA? Mir wird gesagt, der Vogel der Zoroaster stehe – mit den drei Richtungen in die seine Schwingen und sein Schwanz weisen würden – für: Gutes denken, Gutes reden, Gutes tun.

Ich nehme mir vor, zu recherchieren, ob sich Hitler von den Insignien der Zoroaster einiges abgeschaut hat, ob er die Symbole, wie die Swastika, wild zusammengeklaut und damit nachhaltig ruiniert hat, so daß ich bei der zufälligen Bartmode des Zoroaster-Mannes auf dem Bild und der Darstellung des heiligen Vogeltieres den Umdeutungen und Einverleibungen durch den Nationalsozialismus auf den Leim gehe.

Pomeranze

Die verschimmelt wirkende, grünlich angestaubte Trockenfrucht auf dem Basar, die gut riecht, aber leider entscheidend ungenießbar, gammelig und vermufft aussieht.

40-Säulen-Palast

20 hölzerne Säulen tragen das Dach des Königspalastes in Isfahan. Vor diesem Eingang liegt ebenerdig ein langes Wasserbecken, es streckt sich bis zum Eingang hin, wo ich stehe. 20 reale Säulen und 20 gespiegelte, daraus setzt sich der Name des Palastes zusammen. Die Fähigkeit, die Summe aus zwei Teilen, aus der Realität und der Vorspiegelung, zusammenzusetzen, erscheint mir plötzlich als eine der eindrucksvollsten Fähigkeiten des iranischen Volkes. Das Leben hier besteht aus diesen zwei Teilen, aus dem Leben Zuhause, hinter verschlossenen Türen, und aus der Vorspiegelung von Leben draußen, um  für das Regime zu funktionieren. Es gibt ein Innen und ein Außen, eine Wirklichkeit und ein Theaterspiel, ein Eigensein und ein Fremdsein.

Rastplätze

Auf den Rastplätzen an der Autobahn stehen auf kleinen Grünflächen modische Kuppelzelte, wie man sie bei uns auf Campingplätzen finden kann. Sie dienen hier als Hotelersatz. Am frühen Morgen, als wir an der Raststätte halten, kriecht eine Frau aus der Reißverschlußöffnung, dahinter sehe ich zerwühlte Schlafsäcke, die auf dem Betonboden liegen.

Innen und Außen

Aus einem Fenster im siebten Stockwerk eines Hochhauses hängt, wie eine weiße Zunge, ein Teppich zum Trocknen. Am Fenster erscheint plötzlich eine Frau – in Trägertop – und zieht den Teppich hinein. Ich erschrecke selbst, weil es das erste Mal seit einer Woche ist, daß ich die nackten Arme, das Dekolleté, den Hals einer Frau sehe. Es führt mir wieder das Draußen und Drinnen, die Trennung von öffentlichem Leben und Privatsphäre vor Augen. Wie in jeder Diktatur ziehen sich die Menschen so weit es geht ins Private, ins Unüberwachbare zurück. Die Frau, eben in diesem Moment, als sie den Teppich hineingezogen hat und verschwindet, führt diese Geste in einem doppelten Sinne aus.

Leerer Pool

Von einem Ausblick aus dem 2. Stock eines Hauses aus, kann ich in den Nachbargarten schauen. Ein Rechteck, eingefaßt von hohen Betonmauern. Erde, ein wenig Rasen, ein paar Frühlingsblumen, in der Mitte ein leerer Pool, der wirkt, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr befüllt worden. Heute, am Freitag, dem hiesigen Sonntag, sitzt eine Großfamilie zusammen auf der schattigen Terrasse. Es gibt Reis mit Kebab, ein rotes Getränk, selbstabgefüllt in einer Wasserflasche, die Frauen tragen Tops und kurze Kleider, es wird gelacht und geredet, im Schatten des Maulbeerbaums. Neben der Fülle dieses Zusammenseins wird aus dem türkisblauen Graben in der Mitte des Gartens ein gähnend leeres Mahnmal. Niemand wird hier ein Bad nehmen, um sich zu erfrischen.

Tag und Nacht

Tag und Nacht tost draußen der Straßenverkehr, rauscht die Brandung durch die 18-Millionen-Stadt. Er schwillt  zu keiner Minute ab, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht, Arbeit und Schlaf, Alltag und Ruhe.

Durchfahrt

Eine Polizeisirene zuerst, dann taucht der Wagen auf dem äußersten Seitenstreifen der Straße auf, er preßt sich aus dem Stau heraus mit seinen Sirenen, halb über den Bürgersteig. Hinter ihm fährt ein silberner Mercedes-Benz-Laster. Dann fädelt sich ein Moped-Fahrer ein, ohne Helm fährt er, triumphierend irgendwie, im Schweif der Eskorte am Stau vorbei. Ich sage: Oh, der traut sich ja was. Mein Mitfahrer sagt: Warum? Beim Fahren kann die Polizei schließlich nicht kontrollieren. Ich mit meiner deutschen Regelgläubigkeit…

Nacktheit

Mir wird erzählt, wie einmal ein SPIEGEL in Teheran gekauft wurde, auf einem Flohmarkt, und bei Durchsicht des Magazins fiel auf, daß mit großer Detailliebe jedes Foto, das eine zu leicht bekleidete Frau zeigte, nachbearbeitet worden war: Zu kurze Ärmel wurden bis zum Handgelenk verlängert, Kopftücher reinretuschiert, Dekolletés übermalt, nackte Füße in aufgemalten Schuhen versteckt.

Lügen und Glück

Jemand erzählt mir: Er arbeitete für eine staatliche Fernsehstation und mußte den ganzen Tag nichts anderes machen, als Meldungen zu übersetzen, die jede für sich eine Lüge waren. Er übersetzte also Lügen, sprach diese Übersetzungen ein, war den ganzen Tag immer nur mit Lügen beschäftigt. Er hielt das nicht mehr aus und kündigte. War gebrandmarkt. Bewarb sich bei deutschen Institutionen in der Stadt, wurde dort aber nicht mehr genommen, wegen des Jobs im  Staats-Sender. Eine tiefe Lebenskrise folgte, und heute endlich die Arbeit für eine deutsche Organisation, eine gute, ehrliche Arbeit, ein Glück, so eine Arbeit bei diesem Arbeitgeber zu haben.

Aus der Nähe

Wir fahren an der Wiederaufbereitungsanlage vorbei, sie liegt ein paar hundert Meter neben der Autobahn. Auf Betonpodesten stehen Panzer, Granatwerfer, Geschütze, dazwischen mehrere Reihen Stacheldrahtzäune, so breit wie die frühere innerdeutsche Grenze. Jemand sagt: Ja, aber alles vollkommen friedlich hier, deshalb wird es auch so überaus friedlich und unmilitärisch bewacht. Mit einem Mal zieht ein Sandhügel auf, direkt neben der Autobahn, ein Sichtschutzwall. Jemand sagt: Der wurde mit den Händen aufgeschüttet, so viel Arbeit, nur, damit wir das friedlich genutzte Gelände dahinter nicht sehen können. Bloß nicht, auf keinen Fall mit dem Auto stehen bleiben, sagt jemand. Hier bloß keine Panne haben.

Ich habe noch nie Kriegswaffen aus der Nähe gesehen, und schon gar keine, die direkt auf alle, die hier einfach vorbeifahren, gerichtet sind.

Abschied aus Teheran

Mich trifft das Bild wie ein Schlag: Wir fahren um ein Uhr nachts auf der Stadtautobahn Richtung Süden. Neben uns fädelt sich ein Moped ein, vorne ein Mann, hinten eine Frau, vollverschleiert, beide ohne Helme. Sie hat ein weißes Bündel im Arm, ich sehe, daß es ein Baby ist. Sie hält es mit beiden Armen fest, drückt sich an den Rücken ihres Mannes. Er fährt sehr konzentriert, angestrengt, aber immer noch knapp 90 km/h. Warum schnürt es mir den Hals zu? Unfälle sind hier keine Unfälle, es sind Todesfälle. Ein Menschenleben scheint einen viel geringeren Wert zu haben. Oder: es gibt keine Illusion von Sicherheit. Das Leben ist etwas ungeschütztes, ausgesetztes, hingeworfenes, es ist wie das Baby auf dem Motorrad. Es ist wehrlos, sicherlich geliebt, gehalten, so weit es geht, geschützt, aber immer noch: man setzt sich aufs Moped und rast mit ihm durch die Nacht.

Ein Neugeborenes, denke ich dann, steht immer auch für die Hoffnung auf Veränderung, Aufbruch, Neuanfang. Es braucht die Kraft der Jugend, der nächsten Generation für den Umbruch. In diesem Sinne bedeutet das Baby auf dem Moped mehr: Sein Leben hängt am seidenen Faden, im Falle eines Unfalls hat es keine Chance auf ein Überleben. Das Neue, die Hoffnung auf Veränderung, kann jeden Augenblick sterben. Ich habe noch nie zuvor Hoffnung als etwas so fragiles, kleines gesehen.

Gegensätze

Viele Gegensätze scheinen hier geradezu spiegelbildlich zusammenstehen: die leuchtende Schönheit der Frauen und ihre tiefe, schwarze Traurigkeit, die Kultiviertheit so vieler Menschen und die verwilderte, dumpfe Beschränktheit des Regimes und seiner Gefolgsleute, die Höflichkeit im offiziellen Umgang miteinander und, wenn man sich vertraut, die ehrliche Nähe, die spontane Freundschaft, die große Zugeneigtheit. Wie auch: die Frische der Gärten und die Staubigkeit der Stadt. Die Herzlichkeit im Privaten, die Distanziertheit im öffentlichen Raum. Die Heiterkeit in vielen Gesprächen, und die tiefe Hoffnungslosigkeit. Wie Väter ihre Neugeborenen tragen und der lebensmüde Fatalismus im Straßenverkehr. Der Stillstand im Stau und die rasenden Fahrten der jungen Männer, wenn sie mal durchkommen. Die himmelverdeckenden, massiven Staatsflaggen und wie klein ein Mensch neben diesen Insignien der Macht wirkt. Wie alles ganz nah dran ist, am Leben, und dennoch ständig Rücken an Rücken zum Tod zu stehen scheint.

Im Flugzeug zurück

Im Flugzeug zurück nach Frankfurt schalte ich in ein Rihanna-Video. Ihre Nacktheit fesselt mich einen Augenblick, dann setzt langsam die Wiedergewöhnung ein. Aber was bleibt, ist der Eindruck, wie eindimensional der Körperkult ist. Das ist alles, was sie hat. Kein Geheimnis, kein doppeltes Leben. Ich bin eben noch fasziniert von der Beherrschung, der Makellosigkeit, und schon besetzt mich eine Langeweile, die sich aus Übersättigung und der Flachheit eines Körpers speist, der darum ringt, jeden Blick auf sich zu ziehen, der sich perfektioniert, um gesehen zu werden, der nur in den Blicken anderer zu existieren scheint.

Frankfurt

Fast gierig sauge ich, zurück in der deutschen Servicewüste, die herzliche Höflichkeit des türkischstämmigen Kellners auf, der mir um fünf Uhr früh einen Latte Macchiato mit den Worten serviert: Und wo kommen Sie her?

Die Autorin reiste Anfang Mai 2013 auf Einladung der Frankfurter Buchmesse und des Auswärtigen Amtes in den Iran und hatte Lesungen, Diskussionsrunden, Round Table-Gespräche an mehreren Universitäten und anderen Bildungsinstitutionen.

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