abschied von den illusionen

Kühlkiste

Der vielleicht dreißigjährige Mann auf dem U-Bahn-Sitz mir gegenüber hat lange Dreadlocks, eine randlose Brille, er liest in einem Heft, das HINTERGRUND heißt. Er wirkt ein bisschen wie ein Autonomer, vielleicht aber auch wie ein Programmierer – oder ein Musiker? Er hat eine große, grüne Kühlkiste vor sich stehen, auf der irritierenderweise mehrere Swastikas sind, ein paar Op-Art-Aufkleber, Pixelbilder, BROS steht als Edding-Tag quer auf der Kiste. Ich kann den Mann nicht mehr entschlüsseln, denke ich, unmöglich, zu sagen, für welche Richtung er steht. So geheimnisvoll, wie die grüne, beklebte Kühlkiste ist er, in der ich mir auch alles vorstellen kann: Drogen, Laufwerke, Waffen, vielleicht auch einfach nur Schallplatten.

Augen

Die Quasselstrippe in der Sauna erzählt ihrer Freundin von ihrem Traum: kurz vorm Aufwachen sei sie an einem Wal vorbeigeschwommen und habe ihm in sein Auge geschaut, krass, oder?, echt, und dann habe sie geweint vor Glück, im Traum: „weil, ich hab ihm ja direkt in sein Auge geschaut, weißt du, direkt hinein.“ Ich fahr zurück und der Mond hängt tief am Himmel, leicht schräg, wie ein großes, weißes Auge unter einer Wolke, – und der Anblick stimmt mich milde, irgendwie, gegenüber der Quasselstrippe.

Hamilton

Seltsam ist der Zufall, dass mir Kat, die Amerikanerin in unserer Gruppe in China, in der Wahlnacht von „Hamilton“, dem Broadway-Musical, erzählte, und wie ich die Geschichte nicht ganz verstand, nur verstand, dass es für sie etwas Mythisches war, wie ein heiliger Ort, eine göttliche Kraft, die sie noch an ihr Land glauben ließ – und jetzt ist Hamilton in den Schlagzeilen hier, und ich gehe das erste Mal online und schaue mir Ausschnitte an, und bin sofort ergriffen von der Kraft, die da drin steckt: Ein  Mann erzählt seine eigene Geschichte von Migration, Ehrgeiz und dem Wunsch, dazu zu gehören, akzeptiert zu werden, anzukommen, im Kleid von Hamiltons Geschichte. Seine individuelle Erfahrung verbindet er mit einem universellen Thema. Ich wundere mich keine Sekunde mehr über den Erfolg und die Bedeutung. Das sollte ich Kat noch mal schreiben.

New Era Express Bus

Eine Sache meine ich in China verstanden zu haben: welche Macht Unberechenbarkeit hat. Trump hat diese Ära jetzt eingeläutet, die Macht der Unberechenbarkeit, für die westliche Welt. Während wir noch auf berechenbare Aussagen hoffen, ist er längst ganz bei sich: was er in einem Augenblick ist, ist er im nächsten nicht mehr und so weiter. Zynisch daran ist, dass diejenigen, die ihn gewählt haben, gerade auf Berechenbarkeit hofften. Das ist die einzige Sollbruchstelle – wenn er sie mit seiner Unberechenbarkeit enttäuschen sollte. Aber dann kann er immer all die dafür verantwortlich machen, die er als Berater um sich hat. Er wird sie einzeln opfern können, wie Lämmer. Sie sind Schuld, er wird über sie hinübersteigen und durch die Tapetentür einer neuen Ansicht, Entscheidung, Sichtweise treten – immer in die Unberechenbarkeit hinein. Das ist wahre Macht.

Die Chinesen, die dieses Spiel aus welchen Gründen auch immer, so viel besser beherrschen als wir. Und Putin, der als Geheimdienstmann genau gleich um die Kraft der Unberechenbarkeit, des Unvorhersehbaren weiß.

Im Alkoven vor meiner Tür ist ein Dach aus Plexiglas. Ein halbes Dutzend Wespen und ein weißer Schmetterling haben sich darunter verfangen und fliegen unerbitterlich gegen das Glas, prallen ab, versuchen es wieder. Sie machen zusammen ein Getöse, das ich im ersten Moment für das Brummen eines Motors halte. In Gedanken gerade bei der Unberechenbarkeit Trumps, kommen mir die Wespen plötzlich so vor wie die anderen, die unaufhörlich gegen diese gläserne Decke fliegen, ohne zu verstehen, dass es eine ist.

Die Männer unten auf der anderen Terrasse reden aggressives, lautes Stakkato durcheinander, bis einer lacht, und ich begreife, dass es ein normales Gespräch zu sein scheint. Aber ihre Stimmen sind schrill, abgehakt, voller Aggressivität, so hört es sich für mich an. Einer holt von tief aus dem Hals Spucke hoch. Sie rauchen. Sie reden und reden, Lachen dazwischen, als hätten sie sich sehr dreckige Witze erzählt, alles unter Strom und durcheinander, niemand ist da unten entspannt.

Mir fällt wieder ein, was Alison uns übersetzt hatte, das, was die Taxifahrerin ihr erzählt hatte. Die Chinesin schüttete ihr, der Fremden – Alison ist Halb-Chinesin und spricht ganz gut Kantonesisch – einfach ihr Herz aus. Erzählte, während sie fuhr, dass die Männer in der Gegend fürchterlich seien. Alles müssten die Frauen machen. Die Männer seien faul, aggressiv, verlogen, sie werde von ihrem Mann regelmäßig geschlagen, könne sich aber nicht trennen, da ihm die Taxilizenz gehöre. Wenigstens ihre Tochter studiere jetzt woanders. Dass sie nicht noch einen Mann hier aus der Gegend heiratet! Durchhalten, habe die Taxifahrerin zu ihr gesagt, sie halte einfach nur noch durch.

Der Tourismus-Minister der Region, der uns eingeladen hat, sagt, dass sie von Kanada und den USA gelernt haben, was Nationalparks angeht. Von diesem Jahr an wird es einen Schwerpunkt geben, um Nationalparks entstehen zu lassen. Auch das kulturelle Erbe, wie die Diaolous, soll besser erhalten werden. Er sagt es nicht, aber es ist deutlich spürbar: die Rückversicherung in ihre eigene Geschichte hinein, die frühe und andauernde Vernetzung Chinas mit der Welt aufzeigen und zeigen, dass man dem Westen in nichts nachsteht.

Die aufgeforsteten Eukalyptus-Bäume überziehen die Hügel wie in Reihe gesetzte grüne Puschel-Hüte, Hügel für Hügel, sehr viel Eukalyptus, das schnell nachwachsende Holz.

Es gibt keine Stadtplanung, keine Stadtgestaltung, deshalb ist alles nebeneinander: Felder, Blechhütten und zehnspurige Autobahnen. Industriegaragen und Wohntürme. Schrottplätze mit Stapeln aus Flachbildschirmen und Parkanlagen. Backsteinhäuser und Wolkenkratzer. Zuckerbäcker-Apartmenthäuser und rostige Hafenanlagen. Und über alles zieht sich noch ein Riesenstelzen-Gebilde hinweg – eine in den Himmel gebaute Autobahntrasse.

Aus dem Seiteneingang der Mall of the World, da, wo die internationalen Essensstände sind, schwärmen um die Mittagszeit gelb-schwarz gekleidete E-Bike-Fahrer auf ihren gelb-schwarzen E-Bikes heraus, wie ein Schwarm Bienen, und liefern das bestellte Essen aus.

In dem Schreibworkshop, den ich gebe, in dem es um das eigene Thema im Schreiben geht, zeichnen sich fast durchweg zwei Gedankenfelder ab, die die Studenten beschäftigen: Zugehörigkeit, Verbundenheit, Familie und wie oft sie es mit Alleinsein, Unverbundenheit, tiefer Einsamkeit zu tun haben, und weiterhin: Der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Vorstellung und Realität, und die damit verbundenen Enttäuschungen.

Auf dem kleinen Hinterhof inmitten ein paar Blocks von Backsteinhäusern haben Frauen ihre Webstühle an den Pfeilern von Sonnendächern angebracht. Die Fäden gespannt. Um sie herum liegen Plastiktüten mit den Garnen. Sie reden lautstark, weben, lachen; etwas abseits steht ein Tisch an dem vier Männer sitzen und Karten spielen.

Plötzlich, auf dem Bildschirm in der U-Bahn von Guangzhou, ist ein deutsches Fußballspiel zu sehen, Bayern München, vielleicht, und Dortmund, die Spieler, Trikots, alles sehr klein, ich erkenne keinen, bis auf Thomas Müller dann, der ins Bild kommt.

Die Straßenecke ist ein Recycling-Hof – ich verstehe es erst beim dritten Mal, als ich vorbeilaufe. Pappe wird zu meterhohen Türmen zusammengepresst, eine Waschmaschine auseinandergenommen, und gerade sind alte Alufensterrahmen-Schienen von einem Transportfahrer geliefert worden und werden auf offener Straße mit großen Hammern plattgeklopft.

Aus dem Massage-Salon, durch die große Fensterscheibe, lachen mich drei junge Chinesinnen an, die gerade selbst eine Fußmassage bekommen, und obwohl ein Platz frei ist und ich kurz zögere, gehe ich doch nicht rein, zu offen, zu viel Glas, zu helles Licht.

Wie ich mir zutraue, in den kleinen Lädchen hinter dem Einkaufszentrum zu verhandeln, mit den Frauen, die nur Chinesisch sprechen und mich mit ausdruckslosen Pokergesichtern taxieren – und plötzlich meine ich, ihren Trick raus zu haben. Während man um den Preis verhandelt, lächelt man nicht, ist einfach nicht mehr nett und schon gar nicht schüchtern. Man muss in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen, und immer dazu das vollkommen desinteressierte Pokerface machen.

The only reason anyone would ever hate you is because they want to be just like you – dieser Satz vor einem Bild von einer Wespe auf einem Löwenzahn, in Gold gerahmt, hängt über meinem Klo. Sollte die Wespe eigentlich eine Biene sein? Warum hängt das in einem Hotel-Bad? Ein Rätsel, nicht zu lösen.

Die große Brandschutz-Veranstaltung auf dem Platz zwischen Oper und Bücherrei. Ein halbes Dutzend Soldaten präsentiert eine schwarze Drohne, die so groß ist wie ein VW-Golf. Sie wird von einer Traube Männer bestaunt. Auf einer Riesenleinwand läuft ein Video – was zu tun ist, wenn es im Kino brennt. Es schlendern zahlreiche Soldaten über den Platz, die Sitzplätze vor der Leinwand sind unbesetzt. Ich wollte eigentlich zur Oper, aber die ist abgesperrt.

Die pop-bunten Klebestreifen, auf denen das Tier in lebend und darunter als Gericht, zu dem es verkocht wurde, abgebildet sind, sind genau auf Augenhöhe angebracht, so dass niemand nach draußen schauen kann, in die geschmackvoll angelegte Teichlandschaft hinter dem Fenster.

Die Putzfrau, die am Morgen nach der Kakerlaken-Geschichte im Zimmer war, und die mich Tage später durch ihre Translation-App (sie malt die Schriftzeichen auf ihr Smartphone, oberhalb erscheint die englische Übersetzung) fragt: Was everything clean or did they disturb you again? Durch Fan lerne ich, dass ihr Lächeln, das mich am Kakerlaken-Morgen doch irritiert hat, weil ich dachte, sie lache mich aus – dass ihr Lächeln zu der Entschuldigung dazu gehörte. Hier wird gelacht und gelächelt, gerade wenn man sich für etwas schämt, wenn einem etwas unangenehm ist, wenn man sich entschuldigen möchte. Sie wird mir doppelt sympathisch. Dennoch sage ich nur nachdrücklich Danke und schaue ihr in die Augen.

Pauls zurückhaltende, schüchtern-zarte Art, wie er leise zugibt: Ja, ich hatte auch eine in meinem Zimmer. Und dann sagt: But I pretended not to see her.

Ich bin mir absolut sicher, dass den weißlichen Fischen in dem Aquarium in der Lobby ihr Stickkissen-Muster auf den Körper gemalt worden ist: zwei Blumenblüten, ein Zweig, zwei Blätter. Wie im Kreuzstich-Muster auf ihren Schuppen. Paul klärt mich auf – das ist alles Natur. Auch die anderen, die ein Muster aus großen rosafarbenen Pixeln auf ihren Seiten haben.

Die Studentin holt sich am Ende des Essens mit den Stäbchen den Kopf des Fisches vom Servierteller. Ich frage entgeistert, was sie damit vorhabe. Der Kopf sei das teuerste vom Fisch gewesen, alles an ihm sei gut. Sie sagt, sie habe früher schon immer Fischaugen gegessen und esse sie noch jetzt gern. Man bekomme gute Augen davon. Sie pult mit einem Stäbchen das Auge des Fisches heraus und isst es. Ich zwinge mich hinzusehen, aber als die Gallertmasse von ihren Stäbchen tropft muss ich wegsehen.

Die drückende weiße Luft am Morgen, wie eine giftige Wolke in der wir stehen.

Jeder habe seine Interessen, erklärt die Insiderin. Wenn du nicht genau weißt, was du willst, und mit wem du wie kooperierst, das heißt, wenn du unsicher bist oder mal so schaust, was der andere dir anbietet – dann gehst du unter in China. Dann wirst du immer instrumentalisiert, ausgenutzt, vor einen fremden Karren gespannt, in deinen Absichten verbogen. Dann entgleitet dir alles. Eins musst du können, in China, sagt sie noch, und ich merke es mir: Das, was du haben willst, mit beharrlicher Härte einfordern. Sonst bekommst du es mit Sicherheit nicht.

Ich sitze im vielsprachigen Superlärm im Keller des Flughafens, San Francisco, Perth, Mumbai, Teheran, Amsterdam, jede Hautfarbe, die es auf der Welt zu geben scheint, scheint hier vertreten. Ich freue mich auf die Ruhe, die wir in Deutschland haben. Auf die gute Luft. Und etwas ist mir bang davor, vor der Kleinheit im Denken, der Weltabgewandtheit bei gleichzeitiger Hybris, die man gerade in Berlin so gerne pflegt. Mir wird bang, vor mir selbst, im Wissen, wie schnell es geht, diese globale Perspektive zu verlieren, auch die stoische Gelassenheit, die Coolness mit der alle anderen Nationen hier das Warten im stickigen, megalauten Kellergewölbe ertragen. Ich nehme mir vor, mich an den Wahnsinn der Welt, wie sie ist, zu erinnern, und mich nicht zu schnell wieder im Kleinklein aufzureiben, im Kreisen um Befindlichkeiten, um Kontrolle und Ordnung.

Noch nie ist es mir so aufgefallen, wozu die Telefone, die alle Menschen mit sich herumtragen, dienen: um in Kontakt zu bleiben, um verbunden zu sein, um einander zu sagen: ich muss jetzt gehen, aber ich komme wieder, wartet auf mich. Um, wenn man das nicht hat, sich Filme von Menschen anzuschauen, die aufeinander warten, die sich in den Arm nehmen und küssen, über ein Wiedersehen freuen. Selbst, wenn so viele stumm darauf starren, eigentlich steht diese wahnsinnige Erfindung nur dafür: unsere Sehnsucht, dass wir endlich alle miteinander verbunden sind, dass wir uns unserer Zugehörigkeit versichern können, miteinander reden, verbunden sind, uns verstehen.

NEW ERA EXPRESS BUS steht auf dem Kleinbus, der mit uns auf der Autobahn ständig auf einer Höhe ist. Mal ist er etwas vorn, mal wir, der Stau ist zäh. Ich lese es zwei Mal, und dann denke ich, es ist wie ein schöner Titel für das alles hier.

Posen

Zwei Pakete Spielkarten neben meinem Kingsize-Bett, zu je 10 Yuan, eine Packung Kondome, die „Making Bee“ heißt, zu 25 Yuan.

In der Nacht, nachdem das Wahlergebnis wirklich feststeht, keine Zweifel mehr, bin ich um halb zwei Uhr erst müde genug, ins Bett zu gehen. Nicht eine Ahnung, soviel ist es nicht, mehr auch Gewohnheit: Ich hebe die drei Kopfkissen hoch, auf jeder Seite des Bettes. Beim letzten Kopfkissen läuft eine Kakerlake heraus, übers Bett, auf den Boden. Ich soll ins Nebenzimmer gehen, da schlafen, das mache ich, unruhige Nacht. Am Morgen versichern mir die Frauen vom Roomservice via ihrer hervorragenden Übersetzungs-Apps, das Zimmer gut geputzt zu haben. Ich schiebe das Bett zur Seite und sehe die Kakerlaken-Eier, ich bin Expertin auf diesem Gebiet. Nach weiteren Telefonaten mit der Hotelrezeption, über den Umweg des Übersetzers, entschließe ich mich kurzerhand, einfach selbst aufzuräumen. Ich nehme das Bett auseinander. Komplett. Wer läuft aus dem Unterteil-Kasten? Meine Freundin. Ich erschlage sie mit einer Mischung aus Genuss und Ekel. Irgendwie in Gedanken bei Trump. Ich weiß auch nicht, zeitliche Koinzidenz.

Stolz verkünde ich beim Abendessen: Selbst ist die Frau, Problem gelöst. Gehe wieder spät ins Bett. Komme aus dem Bad, wo eine kleine, aber wirklich nur eine kleine am Duschabfluss saß, die sofort erschlagen war –, da klettert eine große, ein wirklich große, schwarze Kakerlake am Vorhang hinunter. Ich schreie sie an. Erst auf Englisch, dann erst Deutsch. Werfe einen Schuh nach ihr. Sie fliegt mir entgegen, eine Kurve, bis aufs Bett. Ich schreie, schlage, erwische sie nicht, schlage wieder, Matsch. Etwas verzögert setzt ein Zittern ein. Es fällt mir schwer, so richtig klar zu denken. Rufe den Übersetzer an, obwohl es knapp zwei Uhr nachts ist. Ich soll wieder in den Nebenraum. Als die kleine Chinesin der Nachtschicht, die auf ihrem rosa Fahrrad angeradelt kommt, mich reinlässt, läuft eine mittelgroße Kakerlake quer durch den Raum. Ich soll in ein ganz anderes Apartment, drüben, auf der anderen Seite der tropischen Poollandschaft. Ich marschiere durch die Nacht. Meine Tochter ruft an. Ich betrete mit ihr am Ohr den nächsten Raum. Sieht doch alles prima aus, sagt mir die Chinesin mit Gesten und ihrem fröhlichen Lachen. Ich bin kurz davor, ihr zuzustimmen, da sehe ich eine Große an der Wand oberhalb des Bettes und eine andere kommt gerade unterm Vorhang hervor. Es hat mit mir zu tun! Egal, wo ich bin, sie sind da! Ich locke sie an! Die Chinesin erschlägt die an der Wand mit der Fernsteuerung des Fernsehers. Die andere zertritt sie zielsicher mit ihren neongrünen Turnschuhen. Und macht ein Gesicht zwischen Zuversicht, Hoffnung und Einverständnis, dass ich hier wohl doch auch nicht schlafen werden kann.

Auf dem Rückweg in der dunklen Allee stolpere ich fast über eine sehr große Schnecke.  Ihr Haus: wie eine Megawaffel für sechs, sieben Kugeln Eis. Ihr Körper dick und mächtig, eine Fleischwurst. Gemächlich quert sie, fast majestätisch, die Straße.

Als ich der Studentin erzähle, am nächsten Tag, dass mir eine entgegengeflogen kam, sagt sie in lachendem Ernst: Oh, chinese cockroaches are really strong!

Der künstliche Ginko-Baum, der auf der Höhe der Diaolou-Häuser in Kaiping ist, als wir ganz oben auf der verwitterten Dachterrasse stehen, und der mich an die künstlichen Palmen neben dem neuen BND-Gebäude erinnert, die ja auch keine Palmen sind, sondern was anderes. Aber wozu dieser hohe Ginko-Baum fähig ist, kann ich leider nicht herausfinden, Pech nur, dass wir uns jetzt alle direkt vor ihm fotografiert haben, der Aussicht wegen.

In dem Museums-Dorf in dem wir sind, laufe ich in eins der schönen, verwitterten zweistöckigen Häuser hinein, weil ich denke, dass es zu besichtigen ist; da sitzt eine alte Frau an einem Tisch und schaut mich an, als wäre ich gerade in ihr Schlafzimmer reingerannt, um es einzunehmen. Ich gehe rückwärts wieder raus, mich entschuldigend, beschämt, verwirrt auch, weil ich dachte, dass wir in einem Museumsdorf sind.

Die Chinesen, die um die 1920er Jahre in alle Welt aufgebrochen sind, und dort in der Fremde Geld gemacht haben, die haben das Geld und die Baupläne für ihre Häuser in die Heimat zurückgeschickt. Hierher, in diese Gegend. Und dann wurden diese Burghäuser, wie sie übersetzt heißen, gebaut, hochgesichert gegen Diebe, mit spanischen Fensterläden, deutscher Eisen-Schmiedekunst, dazu italienischer Freskenmalerei, französischen Möbeln, portugiesischem Geschirr, und oben spanische Terrassen oder Giebeldächer oder Zwiebeltürme, ein paar chinesische Drachen – ein wildes Mischmasch, eine wahrhaft eklektizistische Architektur, schön, seltsam, ein bisschen wie die Kulisse für einen Fantasy-Film.

Die Chinesen schmatzen. Es ist selbstverständlich. Alle machen es. Ob jung, ob alt. Aber wenn der westeuropäische Kollege bei jedem Essen wieder schmatzt, laut, schnalzend, dann ist es für mich schwer auszuhalten. Ich empfinde es als dreiste Nachlässigkeit. Als der mir oktroyierte Charakterzug eines Unerzogenen. Mir wird schlecht davon. Und ich stutze selbst über dieses zweierlei Maß, das ich hier anlege.

Die chinesischen Mittelschichts-Kleinkinder in Ralph-Lauren-Hemden – drei, vier Jahre –, die auf die Terrasse kommen und mir beim Vorbeischwimmen zuschauen, als sei ich ein seltener Fisch; und dann, als ich fast aus ihrem Blickfeld geschwommen bin, im Endlospool-Kreis, rufen sie mir Bye-bye nach, und winken begeistert, alle beide.

Das Pärchen sitzt abseits im großen Essenssaal. Links und rechts neben den beiden, auf den Stühlen, ihre weiß-braunen Pudel. Der Mann trägt eine Hip-Hopper-Kappe, Oversize-Hemd und Goldketten, wie ein Rapper aus den 90er Jahren. Die Frau ist sehr schlank, stark geschminkt, hohe Boots, und sie raucht dünne, feminine Zigaretten, ohne zu rauchen. Gemeinsam füttern sie mit ihren Stäbchen die Pudel. Zwischendurch füttert sie dann noch einmal ihn, den Rapper, mit einem Stück Fleisch zwischen den Stäbchen.
Ich sehe sie später wieder, sie schlendern übers Gelände, die Hunde tollen um sie herum. Sie wirken, als steckten sie fest in diesen Posen, die aber auch keinen richtigen Sinn mehr für sie selbst zu ergeben scheinen. Die Pose abzulegen – geht auch nicht mehr. Sie sind darin gefangen. Wie eine wandelnde Entfremdung, ein lebendiges Zitat, eine Kopie von einem Original, das es nie gegeben hat. Sie sind junge Chinesen.

Träume

Die Professorin erzählt von einem chinesischen Autor, der sich selbst zensiert hat in seinen Büchern. Mitten in der Erzählung steht dann: Hier habe ich selbst 280 Wörter rausgenommen. Und weiter geht es in der Geschichte.

Oder die Erzählung: Dass ein auf Englisch schreibender Autor zurück ins Chinesische übersetzt wird und dabei bekommt die Geschichte ein anderes Ende, als sie hatte.

Wie der junge hochgewachsene Mann mit eisern-stoischem Blick, leicht gebeugtem Rücken, durch den langen Autotunnel läuft, auf dem schmalen Notfallfußweg, es sieht nicht so aus, als hätte er sich verlaufen, eher, als beweise er sich hiermit selber etwas.

Zwischen den nahstehenden, alten, schwarz angelaufenen Hochhäusern gehen Stromkabel hin und her. An den Stromkabeln hängen Bügel, darauf T-Shirts, Hemden, Hosen, BH, Unterhosen. Kurz frage ich mich, wie das geht, die Wäsche dort dran zu hängen, wie sie wieder runter holen? Und dann berührt es mich viel mehr: dass das Private so öffentlich ist, ständig, überall.

Eine Studentin erzählt mir, wenn eine Berühmtheit mit Drogen erwischt wird, sagt man über ihn: Oh, sieh doch nur, wie jung er ist! Wenn eine beliebte Schauspielerin einen schlechten Film macht: Oh, sieh doch nur, wie hart sie gearbeitet hat. Wenn es eine Trennung gibt unter Stars: Sieh doch nur, sie sind doch noch Kinder.
Es ginge immer darum, erklärt mir Liling, Berühmtheiten von aller Verantwortung für ihr Handeln frei zu sprechen, egal, was sie gemacht haben.

Eine Riesenshow am Abend in der ehrwürdigen Halle der Universität – zu unseren Ehren –, und zur Verleihung eines Poesie-Preises. Ein perfekter Chor, der Halleluja singt, eine lupenreine Flötistin, eine großartige chinesische Gitarristin plus afrikanischem Trommler, Lichtshow, roter Teppich, wir auf mit weißem Satin bezogenen Sesseln. Neunzig Minuten lang ist es fett und lustig und schräg schon auch, aber dann kippt es: eine lange Gesprächsrunde nicht über die Poesie des britischen Kollegen, der den Preis bekommt, sondern über die Gedichte des Erfinders des Preises. Dann ein chinesischer Elvis Costello, der ein Lied über eines eben dieser Gedichte singt (nach einer zehnminütigen Einführung). Das Publikum schläft, der britische Kollege schläft, aber die Show geht noch eine Stunde lang weiter.

Ich gehe missmutig nach Hause. Wir sind gekapert worden, waren Staffage in einer Show für einen Mann, dessen Poesie von den Professoren, mit denen wir zu tun haben, als mittelmäßig bis schlecht eingestuft wird. Wir dienten ihm als Bestätigung, Rechtfertigung, um sich selbst zu ehren.
Er hatte mir zu Beginn des Events sein Buch in die Hand gedrückt, auf dessen Rückseite ein großes Porträt von ihm war, und ich hatte es freudig entgegen genommen. Ich habe es verloren, stelle ich fest, als ich im Hotelzimmer ankomme und trauere nicht eine Sekunde darum.

Wie mich der heilige Ernst in der Stimme einer vorlesenden Kollegin abstößt, ich kann mir nicht helfen, wie sie versucht, das Banale durch den salbungsvollen Ton ihrer Stimme aufzuladen –, es lässt mich milde aggressiv werden, ein irritierendes Gefühl. Herz, Herz, Herz, betont sie immer wieder, überall das Herz, das schlägt und leidet und singt (und dann singt sie wirklich), und ich will nur noch aufstehen und gehen.

Auf einem Buchrücken in dem großen, gut sortierten Bookstore lese ich den englischen Titel neben dem chinesischen: The Dark Side Of Democracy – The Ethnic Cleansing.

Wie Fan sich am nächsten Tag für die Show entschuldigt, sagt, sie schäme sich noch jetzt dafür. Nennt es: we got hijacked, wir wurden entführt. Und dann sagt sie, es sei ein Beispiel dafür, wie kompliziert ihre Kultur sei, wie schwer zu durchschauen: Wenn man eine Woche in China sei, könne man einen Roman schreiben, wenn man einen Monat in China sei, könne man einen Artikel schreiben, und wenn man ein Jahr in China sei, könne man gar nichts mehr schreiben.

Die achtzigjährige Chinesin steht am Pult und liest aus ihrem neuesten Erzählband vor. Sie hat mit sechzig erst lesen und schreiben gelernt, mit vierundsiebzig ihr erstes Buch veröffentlicht und seither jedes Jahr eines, allesamt Bestseller in China. Sie hatte nie Träume gehabt, sagt sie, erst seit sie schreibt, träumt sie. Und jetzt träumt sie davon, mit neunzig noch mal Malerin zu werden.

Geschichten von Gewalt, gebrochenen Zehen, die Füße so verbunden, dass sie nicht mehr wachsen konnten, Mädchen mussten kleine Füße haben, sonst bekamen sie keinen Mann. Eine Frau erhängt sich, weil sie große Füße hatte und auf ein Küken getreten ist, im Haus ihrer Schwiegereltern, die sie eh schon missmutig aufgenommen haben. In klarer, emotionsloser Sprache erzählt sie von Geistern, die blaue Flecken auf den Körpern von Frauen hinterlassen – Geister, die es wirklich gibt, sagt sie später –, von ihrem Bruder, der die Mutter darum bat, der kleinen Schwester das Füßebinden zu ersparen, die Brüche, die Schmerzen beim Gehen auf Hacke und gebrochenem Zeh. Sie strahlt, als sie am nächsten Tag neben mir am Tisch sitzt, eine hoheitliche Würde aus, in ihrem edlen Pailettenkleid, und lässt übersetzen, dass sie sich minderwertig fühle zwischen uns, weil sie nicht studiert habe, aber nicht unwohl, und das sei das Wesentliche – sie lächelt wie eine Queen.

Ihre Tochter steht neben ihrer Mutter, ist größer als sie, aber sehr schüchtern, sie hat eine Narbe quer über die Oberlippe, und sie wird vorgestellt als Tochter von der berühmten Autorin – mit dem Nachsatz: die auch schreibt, aber eben nicht so berühmt wie ihre Mutter ist. Was die Tochter mit einem schrägen, durch die Narbe verzogenen Lächeln quittiert.

Fan nennt ihre eigenen Geschichten Reflexions on Bitterness and Sweetness, und sie erzählt von den behinderten Kindern in ihrer Klasse und wie grausam sie von ihnen behandelt wurden, welchen harten Stolz sie darüber entwickelten, sich selbst durch grausame Härte retteten. Von einem Jungen, der plötzlich in ihre Klasse kam, dessen Mutter sich das Leben genommen hatte, und über die der Lehrer des Jungen sagte: Ist schon recht gewesen, dass man deiner Mutter Ameisen ins Ohr gesetzt hat, sie hat nicht hören wollen. Ist schon recht, dass sie verprügelt wurde, sie wollte einfach nicht verstehen. Ist also recht, dass sie tot sei – und wie Fan diesen Jungen Jahre später wiedertrifft und sieht, dass er verrückt geworden ist. Er läuft durch die U-Bahn und ruft, er sei Maos leiblicher Sohn.

Dann kommen Mädchen auf die Bühne, die das durchgehend englischsprachige Theaterstück, das sie aufführen, selbst geschrieben haben. Sie trippeln und tanzen, sie spielen und singen – selbstbewusst, stolz, gefördert, geliebt, privilegiert. Zum Schluss hält die Mutter eines der Kinder eine Ansprache, erklärt, dass sie hier nur zum Abspielen der Powerpoint-Präsentation im Hintergrund dagewesen sei, alles andere hätten die Kinder selbst gemacht –, und dann holt sie die Kinder auf die Bühne, auf Englisch, und es wirkt plötzlich so, als würden sie kein Wort von dem, was die Mutter gerade gesagt hat, verstehen, kein Wort davon, was außerhalb ihres erlernten Textes ist.

Flying With Dreams steht aber oben auf der Powerpoint-Präsentation und am Ende tanzen sie glücklich, ausgelassen zu einem Song, der im Text die Zeilen hat: I try everything, even when I fail, I try everything….

Die Selbstgewissheit der Männer, die auf der Hauptstraße des Campus‘ auf mich zukommen – achtzig, neunzig Männer in blauen Businesshemden, mit den typischen Messe-Plastikschildern um den Hals. Babyboomer, denke ich in dem Moment. Sie sehen nach leitenden Positionen aus, nach großen deutschen Autos, danach, dass ihnen so leicht niemand widerspricht, dass sie sich nehmen, was sie haben wollen. Sie sehen nach Deutungshoheit aus – aber vielleicht täusche ich mich auch, wegen der glatten Verschlossenheit ihrer Gesichter. Da ist auch ein feines Abschätzen mir gegenüber, der blonden Westlerin, auch etwas ängstliche Feindlichkeit, und eine Fremdheit, die bleibt.

Zu Beginn des Umbaus der Wirtschaft hieß es: Hauptsache es wächst, egal, wenn was an der Seite abfällt. Jetzt, seit Beginn der Anti-Korruptions-Kampagne, darf nichts mehr an der Seite abfallen – und wir bekommen, zum Beispiel, einen Platz in einem berühmten Restaurant, in dem wir sonst nie einen Platz bekommen hätten.

Über den seltenen Fischen, Molchen, Muränen, Riesenhummern, Schildkröten, Schlangen und anderen auch bedrohten Tierarten, die draußen in den Bassins schwimmen und liegen, hängen rot-gelbe Zacken-Schilder, darauf die Preise, der Discount, heute billiger –, und plötzlich wirken alle Bassins, die Tiere, das Gluckern, die aufgelegten Kescher wie Relikte aus einer anderen Zeit, als noch sorglos konsumiert wurde, ohne auf den Preis zu schauen.

Haifisch-Flossen-Suppe lese ich in der Karte. Sie wird im Winter serviert, in dieser Region, weil sie wärmt. Woanders ist es eine kühlende Suppe für den Sommer. Aber als ich Fan frage, kein Wort über die angeblich stärkende Wirkung der Haifisch-Flosse, die Kraft für alles mögliche im Leben verleihen soll.

Finde das kleine North-Gate, eine Tür in der den Campus umfassenden Mauer, und lande direkt in einer Garküchen-Lädchen-Gasse, eine Katze auf Raubkopien-DVDs, eine Kakerlake auf dem Treppenabsatz, bunte Plastikschüsseln, geschälte Früchte in Bechern, eine Frau schiebt ihr Moped vor mir, deutschsprachige Studenten, die über das Essen reden, das sie grad gekauft haben: umgerechnet knapp 90 Cent pro Portion.

Im dem Block für Block umfassenden Stoff-Großmarkt werde ich wie eine Einkäuferin aus dem Westen wahrgenommen, egal, welchen offenen Laden ich betrete, die Verkäuferinnen schießen auf mich zu, halten mir Pappkarten mit Stoffproben entgegen, unter denen sie kryptische Zahlenkombinationen notieren, zu denen ich beflissen nickte und mich bedanke, schon wie eine Einkäuferin, die plant, im großen Stile einzukaufen, dann ziehe ich routiniert und irgendwie belustigt weiter, milde beschämt kurz darauf, wie ich die höchstens ein oder zwei Meter, die ich kaufen will, auf dem Großmarkt aushandeln soll.

Wir steigen geschockt, wie im Trance aus dem Bus, über Fans Smartphone, über ihren in Hong Kong lebenden Sohn, tröpfelt CNN zu uns durch, ich schaffe es einmal auf die Seite der Süddeutschen zu kommen, die alle für vertrauenswürdig halten. Die beiden amerikanischen Autoren sind in einem wahrnehmbaren Schockzustand, etwas, das sich auf uns überträgt, während wir durch einen historischen Park geführt werden, und uns der Leiter der Tourismusbehörde von Kaiping etwas über die chinesischen Emigranten der 1920er Jahre erzählt, die Geld in Europa und den USA machten, es nach Hause schickten und für den Wohlstand dieser Region sorgten.

Es fühlt sich an wie, auf einer Seite der Welt zu stehen – voraus, in der Zukunft, ganz konkret ja auch, rein zeitlich –, während unsere Welt, wie wir sie kennen, zurücksinkt in eine Vergangenheit, die überwunden geglaubt war, die uns doch nicht mehr einholen konnte. Doch, sie kann. So eine Schieflage.
Und das ist hier, von hier aus gesehen, doppelt bedeutend. Denn: je verwirrter wir werden, je größer unsere Identitätskrisen, umso stärker stehen die Chinesen da. Es ist spürbar, in diesem Moment, als wir dort alle am Bus stehen – verwirrt, ungläubig, traurig, erschlagen, der mächtigste Mann der Welt eine Witzfigur, ein egomanischer Populist, eine gestörte Persönlichkeit, ein Meister der Manipulation. Und in exakt diesem Moment lässt uns der chinesische Tourismus-Chef mit einer jovialen Selbstgewissheit, hoheitlich und unendlich großzügig, in das ihm unterstellte Hotel bringen, wir fahren mit dem Reisebus direkt in die offene Lobby, als kämen wir in ein Exil der Sicherheit und des Vergessens.

Das Hotel: wieder eine Raumstation aus der Zukunft, die im zeitlichen Hier, aber im räumlichen Nirgendwo gelandet ist. Eine Pool- und Palmenlandschaft von der Größe einer Kleinstadt, Carrara-Marmor, Kronleuchter und jeder hat seinen eigenen Spa-Bereich mit Hot-Spring-Poolwasser.

Ich nehme die Rotwein-Flasche, die es zum Abendessen gab, noch mit aufs Zimmer, unter den gar nicht achselzuckenden Blicken der chinesischen Kellnerinnen. Draußen rauschen die Palmen, es klingt, als würde es regnen. Ich räume das riesige Luxus-Zimmer auf. Versuche, ins Internet zu kommen. Alles fühlt sich ganz nah und gewaltig an. Ende aller Träume. Der Anfang einer Realität.

 

Bahnhof

Der gutaussehende Chinese spricht mich kurz vor unserer Abreise in der Lobby des Gästehauses an, hält mir seine Videokamera entgegen, aber so, dass ich denke, er will einfach mit mir reden, stellt mir dann in schneller Folge Fragen, ich bin überrumpelt aber antworte höflich, dann fragt er mich nach meinem Namen, ich soll ihn buchstabieren, mir ist unwohl, aber ich bleibe ein höflicher Mensch, der Chinese verschwindet, so schnell wie er gekommen ist. Ich steh da und fühle mich ausgenommen. Der niederländische Autor sagt, ebenso überrumpelt wie ich: Jetzt bist du auf einem Propagandavideo. Ich spreche Fan an, sie findet es heraus, wer und wofür, ein Lokalsender für die Konferenz, die oben im Gästehaus stattfindet zu ökologischem Tourismus. Sie sagt, so seien die Journalisten hier, sie nehmen sich einfach das, was sie haben wollen, schneiden es dann zurecht, wie sie es haben wollen, sind unhöflich und zugleich höflich, kommen aber gar nicht auf die Idee, sich vorstellen zu müssen. Ich habe eine Lektion darin gelernt, wie man durch Freundlichkeit überrumpeln kann (und das bekommt, was man haben will), es sei sehr chinesisch.

Fahrt mit dem Bus über Land: Ein alter Mann hat einen Büschel Stroh hinten auf seinen Fahrradgepäckträger geklemmt. Das grüne, schöne Tal ist kreuz und quer durchzogen mit Hochspannungsleitungen. Bauruinen überall, halb fertig gebaute Häuser, Ruinen, in denen aber Menschen – meist im untersten Stockwerk – wohnen. Eine Frau holt mit einem Eimer Wasser aus einem Brunnen. Ein Mann sitzt in seinem Garagenverschlag und verkauft Berge roter Ziegelsteine. Der offene Laden, direkt an der Straße, in dem im Zahnarztsessel ein Patient liegt, ihm wird im Mund gebohrt.

Ein Haufen alter Mopedreifen, gesammelt an einer Feuerstelle, wo schon andere Reifen rußig verbrannt worden sind. Und wieder Bauruinen, halbfertige Häuser, Wohngaragen, alte Schuppen, offene Autowerkstätten und dazwischen kleine Felder, auf denen Menschen sich über ihr Gemüse beugen, die Erde mit Holzhacken hacken. Eine Frau sitzt mit ihrem Baby auf dem Arm im Schatten eines Baumes. Ein alter Mann, klein und krumm, schleppt an beiden Seiten des Tragebalkens über seinem Rücken Wassereimer. Steinkreise, hoch und breit wie Brunnen, mit den weißen Flatterbändern darüber, die Totenstätten, gleich neben den Feldern. Supermärkte – die Waren direkt in den Pappkartons an den Rand der Straße gestellt, mit dem Moped ranfahren, anhalten, bezahlen, aufladen. Gemauerte Wassertröge unter den Brücken, wo der Fluss hineinläuft, dort hocken Frauen und schlagen die nasse Wäsche auf den Stein.

Wir fahren über eine breite Sandpiste. Eine achtspurige Straße, noch im Bau. Hier sind die grünen Berge angenagt, aufgerissen, gerodet, grau-blank, erodiert. Das Grün an der Straße ist wie von Asche verstaubt. Irgendwann muss hier eigentlich der Bahnhof kommen, aber weit und breit nur die Sandpiste und die angenagten Berge.

Alles wird noch staubiger, je näher wir einer Sandstein-Fabrik kommen, zu der die Steinbrocken gebracht werden auf den roten LKW, die vor uns über die Sandpiste rasen und Staub in die Luft wirbeln wie ein Sturm in der Sahara.

Wir sind wirklich wie in der Mitte von Nirgendwo.  Und da plötzlich: der Riesen-Bahnhof, futuristisch, ein gelandetes Weltraumding aus der Zukunft. Hohe Trassen, vier, fünf Stück nebeneinander. Aber wirklich: wie vom Himmel herab in das Land gesetzt. Ein großes Plakat am Parkplatz: LOST IN THE WORLD OF WONDERLAND.

Die Erziehungsvideos im Hightech-Schnellzug, auf denen erklärt wird:

  1. im Bordbistro dürfen nur Kinder aus den mitgebrachten Flaschen trinken, Erwachsene müssen sich Getränke kaufen, sie trinken und vor allem den Deckel gewissenhaft zudrehen.
  2. Der Sanatory Bag im Vordersitz soll für Müll und Übelkeit benutzt werden.
  3. Auf der Toilette soll man das Spülen nicht vergessen.
  4. Keine Babys auf den Ausklapptisch vor einem legen.
  5. Nicht die Schuhe ausziehen.
  6. Nicht auf den Boden spucken.
  7. Den Wasserhahn zudrehen.
  8. Die Nüsse, die man sich gekauft hat, nicht direkt aus der Packung essen, sondern nur ein paar herausnehmen, auf den Tisch legen und einzeln essen.

Dann ein Film, der anfängt wie ein perfekt ausgeleuchteter Hollywood-Film, schwarzer, edler Vorspann: Grandmother and Train heißt der Film, und die Geschichte, die er erzählt, muss ich hier nicht wiedergeben. Die Bilder aber bleiben grandios ausgeleuchtet, traurige Frauengesichter, dunkle Hinterhöfe, warme Küchen-Schreine und dazwischen der Hightech-Zug, wie er durch eine perfekt nachgegrünte Landschaft saust – und natürlich Oma und Enkelin endlich wieder zusammenbringt.

Zum Augenblicke dürft’ ich sagen…

Die Mischung aus Wehmut und Glück, die ich empfinde, in dem Moment, heute Abend, farewell dinner. Wir stellen alle fest: keiner will gehen. Wie schön es wäre, jetzt hier zu bleiben, nicht Sachen packen und weiter nach Guangzhou.

Fan will, dass wir vom farewell buffet essen. Dazu eingeladen sind Künstler aus der Region, wir werden einander vorgestellt, alles ist erst distanziert und spröde. Dann breiten die vier Männer und eine ältere Frau auf der langen Tafel ihre Kalligraphie-Werkzeuge aus: Pinsel in allen Größen, Schälchen, die mit Wasser gefüllt werden, dickflüssige Tusche, Aquarellfarben, eine Schale mit roter, gummiartiger Ölfarbe für die Stempel. Sie legen die China-Papiere aus und malen sich erst einmal warm. Die ersten Gedichte, die sie gemalt haben, werden weggeworfen – mit kritischem Blick auf das eigene Tun gar nicht erst gestempelt. Aber dann: wie der kompakte Mann in seiner grauen Polyesterjacke, den ich, wenn ich ihn auf der Straße gesehen hätte, für einen von seinem Job gelangweilten Beamten gehalten hätte; wie er schnell, kraftvoll, mit Verve und Konzentration die Schriftzeichen aufs Papier tuscht.
Und langsam geraten wir alle in eine Euphorie. Die Schönheit, Präzision, Kunstfertigkeit. Das harmonische Gleichgewicht der weißen Leerstellen und der schwarzen Striche auf dem feinen Papier. Der Bleigeruch der Tinte. Wie eine Blume, ein Baum, die Landschaft wächst. Dazu die roten Namensstempel. Gedichtzeilen, die hervorgehoben werden, leicht nach hinten gesetzt, das gesamte Gedicht. Bilder aus Zeichen, alles verschlüsselt, jedes für sich wunderschön.
Weiß nicht warum, mir ging schon vom frühen Abend an das „Augenblick, verweile doch“ nicht aus dem Sinn, so viel Melancholie, Himmel noch mal!, als ich der Dämmerung dabei zusah, wie sie den Garten, die Berge, die Bananen-Palmen schluckte. Und die LED-Schlange, die am Weg entlang führt, anfing zu leuchten, sie ist so gehängt, wie wir eine Endlosfolge von Us aufs Papier schreiben würden.

Augenblick, verweile!, pinsele ich dem Kalligraphen in meiner schönsten Schönschrift auf ein China-Papier, weil ich ihm etwas für das Gedicht, das er mir schenkt, zurückgeben möchte. In dem Moment komme ich nicht mehr auf das bittende Doch. Ich schreibe es in dieser fordernden Form, sogar mit Ausrufezeichen.

Fan übersetzt und erklärt, von wem und woher, und wie wirklich, und wir machen Fotos vom Austausch der Bilder auf allen Handys; und plötzlich ist dieses Gefühl im Raum, über alle Sprachdistanzen, kulturellen Unterschiede, Unbeholfenheiten und sonstigen Differenzen hinweg, sind wir uns einig, einen poetischen, außergewöhnlichen, schönen Moment zu erleben, der anhalten wird – und das ist der Grund für unsere gemeinsame Euphorie, glaube ich.

Erdbeben

Ich lerne, dass die vielen kleinen Zettel, die in manchen Läden – Cafés, Smoothie-Shops, Karaoke-Bars, eng an eng an den Wänden kleben, ganze Wände bedecken wie Schuppen einen Fisch –, dass diese Zettel auf eine Tradition zurückgehen: Früher sammelten Ärzte sie an den Wänden ihrer Ladengeschäfte – wo sie ihre eigenen Medizinmischungen und ihre ärztliche Beratung anboten – von ihren Patienten, um einen Nachweis ihrer Heilkunst zu haben; quasi ein uraltes Tripadvisor-System.

Ich wache in der Dämmerung auf, schaue auf dem Computer nach, zu Hause ist es fast Mitternacht, zu spät, um anzurufen. Ich schlafe wieder ein, zurück in einen wirren Traum rund um das Thema Abreise, Zuspätkommen, eine letzte Zigarette in einem Raucherkabuff (?), da schrecke ich hoch von einem Böller-Gewitter, einer langen Salve China-Kracher. Kurze Stille und dann noch drei Mal fette Detonationen nahbei. Kehre noch mal in den Flughafen-Traum zurück, er bleibt nervig wie ein Transit-Anschluss. Zum Frühstück erfahre ich, mit den Böllern beginnt eine Beerdigung hier auf dem Land, und später, als ich mit dem Fahrrad in den Ort fahre, stehen viele Chinesen in ländlicher Kleidung an der Straße Spalier, oberhalb das umrandete Grab, und kilometerweit fliegt das rote Böllerpapier und dazwischen weiß-gelbe DinA-5-Zettel mit angedeuteten Geldstücken darauf – all das Geld, das dem Toten fürs Jenseits mitgegeben wird.

Der Fisch, der aus dem Becken gesprungen ist, liegt Bauch nach oben auf der Terrasse. Ich sehe ihn, Ravi sieht ihn, wir reagieren aber beide nur mit: Oh, ein Fisch, oh, nein, der lebt ja noch! Er schlägt panisch aus, dreht sich, schlägt weiter. Wir rufen Cindy, das Mädchen von der Rezeption. Sie greift patent und entschlossen den Fisch an Kopf und Schwanz und wirft ihn im hohen Bogen zurück in seinen kleinen Teich – aus dem er selbst herausgesprungen sein muss.

Der kurze Moment, wo ich auf dem Rücken des Lonely Planet-Reiseführers in Großbuchstaben CHINA lese, und plötzlich selbst ganz erstaunt bin, über mich, dass ich jetzt hier bin und lerne, sehe, ein bisschen verstehe, was sich hinter den paar Großbuchstaben für ein Universum verbirgt – das ich so lange eher beharrlich ignoriert hatte, mein Interesse an China war gering gewesen.

Ich sitze mit Kloß im Hals im Garten, nach dem kurzen Telefonat mit meinen Kindern, als mein Sohn mir sagte, er wolle all die Geschichten aufschreiben, die zwischen meinen seien. Und ich begreife, was er will: die Erzählung fertigen, die nicht da ist, die Lücken vervollständigen, die ganzen Zwischenräume, in denen ich verschwinde, will er füllen, ein Ganzes haben, und das berührt mich so, dass ich vor Sehnsucht, Freude, Verlorenheit und Glück kurz weinen muss.

Barbara, die mexikanische Autorin, erzählt in ihrer heiteren Art, wie sie sich bei den ständigen Erdbeben, die sie im Land haben, eigentlich immer auf den Boden legt. Ihre Nachbarn rufen sie raus auf die Straße, Komm, Barb, los!, aber sie legt sich hin. Und: lieber die vielen kleinen Erdbeben ständig, dann lockere sich die Erde immer ein bisschen, als lange Ruhe und dann der große Knall. Und wir finden, es klingt nach einer einleuchtenden Theorie, die man auch auf Rücken- oder Beziehungsprobleme anwenden kann.

 

Die Schwedischen Familien, die alle zusammen hierher fahren, weil sie in der ländlichen Gegend weiter süd-westlich vor knapp 10 Jahren jeweils ein Kind aus einem Waisenhaus adoptiert haben. You have to know your roots, sagt der Schwede ruhig und freundlich, als Erklärung für die Reise, die sie jetzt gemeinsam machen, um ihren Kindern ihren Geburtsort zu zeigen.

Wie Barbara und ich plötzlich mit dem Gedanken beschäftigt sind, wie sich das schwedische Mädchen, das aus dem Waisenhaus adoptiert worden ist, fühlen muss, wenn es an den Ort zurückkehrt, wo seine leibliche Mutter es abgegeben hat. Dankbarkeit, dass du jetzt so ein anderes Leben hast? Vielleicht auch Scham: Warum ich und nicht die anderen hier? Auf jeden Fall eine Zerrissenheit, glauben wir zu erahnen, eine Hybridität, die immer bleiben wird: Waisenkind und absolutes Wunschkind, Mädchen in einer mädchenfeindlichen Kultur und selbstbewusste schwedische Frau, bäuerliche Vorfahren, das Aufwachsen in einer schwedischen Stadt etc.

Ich rieche, dass ich anders rieche. Es muss mit dem, was ich esse und trinke zu tun haben. Ich rieche jetzt wahrscheinlich so, wie der Geruch, den ich wahrgenommen habe, als ich in Amsterdam ins Flugzeug nach Peking stieg, als eine der wenigen Westler unter fast ausschließlich Chinesen, und es einfach anders gerochen hat, nach anderen Ausdünstungen, anders nach Knoblauch, nach anderem Schweiß, nach einem einfach anderen Körperlichsein.

Stoße durch Zufall auf den Reisebericht von George Ernest Morrison, der als Australier 1895 durch den Süden Chinas gereist ist. Darin lese ich den Satz: „Medicine,“ says the Chinese proverb, „cures the man who is fated not to die“ und muss laut lachen.

Die chinesischen Harley-Davidson-Fahrer, die mir in einer Gruppe von sechs, sieben entgegen fahren auf ihren Harleys, aber aus der Nähe wie höfliche Rocker-Doubles aussehen, die spielen, Rocker zu sein; denn dafür sehen sie einfach zu klein und schmal und nett aus –, auch wenn sie mit einigem Grimm versuchen, ihre Totenkopf-Kopftücher, Lederjacken und Harley-Brillen verwegen zu tragen.

Immer wieder die Erdbeerfelder, auf denen die Arbeiter zwischen den Reihen hocken und die Pflanzen durch die schwarze Abdeckfolie ziehen, Reihe für Reihe, Feld für Feld. Und weiter hinten brennen sie Feuerlöcher ins Gras, der Rauch ist dicht wie Nebel, es stinkt, und es ist nicht auszumachen, nach welchem System der Boden verbrannt wird.

Diese beißende Armut, die wehtut, wenn man sie aus der Nähe sieht. Und wie ich plötzlich nachvollziehen kann, warum man alles dafür tut – über Leichen geht, korrumpiert, auch die Natur zerstört – um da raus zu kommen, um nicht mehr Gemüse am Straßenrand zu verkaufen; sondern endlich, wie so viele andere in einem SUV sitzen will, neben einer Klimaanlage, hoch oben über dem Boden, raus aus dem Lärm, dem Staub und der Hitze.

Wir gehen den Weg hoch zum Moon Hill – ein großes Loch in einem Sandsteinberg – und unten, am Fuß der Treppe, steht eine kleine alte Frau, Fan erkennt sie als Mama Moon. Eine bekannte Persönlichkeit hier in der Gegend. Sie umarmt Fan herzlich, dass sie sie erkannt hat.
Als sie mich fragt, woher ich komme, und ich es ihr sage, holt sie ein altes Kalenderbuch heraus und zeigt mir die Einträge und Grüße von Deutschen. Dabei sagt sie in einem fort: Dankeschön, Bitteschön, Auf Wiedersehen.

Wir gehen auf Papier, denke ich, Bambusblätter, wie Papyrusblätter, die selbe Textur, darauf Muschelglanz, ganz wunderbares Material, und ich sammle diese Blätter, bemerke, dass sie auf der Rückseite dunkel behaart sind, aber sammle immer weiter. Als ich wieder unten bin, rufen die alten Frauen, die dort versammelt sind: Away, away, away. Als hätte ich etwas Giftiges bei mir. Kurz darauf juckt es mich überall, die kleinen Härchen, sie haben sich auf meine Haut gesetzt, und ich verstehe, was die alten Frauen meinten.

My Little Fellows, steht unter den niedlichen Tiger-Katzen-Gesichtern, die auf die Umhängetasche gedruckt sind, die die Frau im Markt quer über der Schulter trägt. Sie steht an dem Stand, an dem hinter den Käfigen mit den Hasen, Gänsen und Hühnern, die Käfige mit den Katzen stehen; und ich stocke, verhake mich darin, ob ihr diese Ironie bewusst ist, die darin steckt, – natürlich nicht, sie verkauft einfach lebende Tiere auf dem Markt.

Ich fahre mit dem Fahrrad in die Stadt, fädele mich erst noch höflich und vorsichtig ein, dann merke ich schnell, ich muss genauso dreist, zackig, entschieden und dennoch umsichtig fahren wie alle, sonst komme ich hier nicht weit. Und während ich so dahinradle, auch fleißig klingele, wenn ich jemanden überhole, das Hupen der Mopeds, Tuck-Tucks und Busse mit Rufen abwehre, rasant überholte usw., denke ich: Hier lernt man wirklich, sich abzugrenzen. Sich durchzusetzen. Wenn ich das alles hier persönlich nehmen würde, deshalb Rücksicht nähme, freiwilliger Verzicht, ich lass dich vor, weil ich bin ja kein Ellenbogenmensch, wenn ich also vorsichtig und empfindlich wäre, ich wäre längst verrückt geworden hier.

Kein Chinese trägt einen Helm auf dem Moped und auf den Vespas, niemand, bei durchschnittlich fünfzig Stundenkilometern, die alle fahren. Aber vor den Pony-Reit-Anlagen, wo man auf Shetlands im Schritttempo im Kreis geführt wird, werden auf langen Tischen die typischen schwarzen Reithelme verkauft – und auch getragen.

Die junge Chinesin vor dem Cocktail-Laden, deren Stimme irgendwie ordinär klingt, und so, als befehle sie ihren etwas antriebsarm wirkenden Freund herum, will ein Foto von sich mit mir hinten drauf haben. Sie legt sich ihre Haare zurecht, wieder und wieder, spitzt den Mund, macht Posen, und ich stehe im Hintergrund wie bestellt und nicht abgeholt – und fange den kritischen Blick ihres Freundes auf, den das ganze Selfie-Fotografieren seiner Freundin an sich arg zu nerven scheint. Und ich kann ihn verstehen.

Markt

Wie ich bei jedem BMW und VW, der mir entgegenkommt, jetzt an Vizekanzler Gabriels Mission denken muss, dass die deutsche Automobilindustrie doch bitte von der von chinesischer Regierungsseite erklärten Elektroauto-Quote, die schon ab 2018 gelten soll, verschont bleiben soll – weil die deutschen Innovationen so langsam sind, die Hersteller so behäbig und die ganze Umstellung auf Elektroautos ‚Stress‘ für sie bedeute. Irgendwie zum Lachen. Will man den Markt, dann muss man auch so schnell wie die Chinesen sein.

Ich erinnere, dass mir jemand erzählte: Die Alternativen zu Google und WhatsApp wurden von hiesigen Programmierer-Team im Auftrag der Regierung in weniger als einem halben Jahr geschrieben. Alles geht schnell, unendlich schnell hier. Das ist doch keine Neuigkeit.

Das junge Düsseldorfer Paar in dem Kochkurs, den ich mitmache, lässt sich ausschließlich darüber aus, wie dreckig hier alles sei. Der Mann weist mich ständig auf die losen Gehwegplatten hin. Sie will in der Markthalle nicht die Käfige mit den lebenden Tieren sehen. Alles stinkt ihr zu sehr. Schon das Gemüse betrachtet sie pikiert. Die Menschen seien so dreckig. Keiner putze sich die Zähne. Ich frage sie, warum sie überhaupt hierher gekommen sind. Klettern am Mount Everest. Aber hatte er nicht gesagt, sie seien nur bis ins erste Basislager? Diese Arroganz und dazu die kleingeistige Mäkeligkeit, selten habe ich mich für Landsleute so fremdgeschämt.

Eine Salve Schüsse gegenüber auf dem Baustellengelände. Wir waschen gerade unsere Schneidebretter ab, auf dem Dach des Restaurants, in der offenen Küche. Ich schaue hoch und sehe das Mündungsfeuer, und schemenhaft den Polizisten im schon verglasten Innenraum, der nach oben, in die Decke des innen noch nicht fertig gebauten Gebäudes schießt. Soldaten laufen aufs Gelände. Schaulustige versammeln sich vor dem Eingang der Baustelle.
Ein Dieb, sicher, sagt Jenny, die Köchin, und ich kriege es nicht ganz zusammen mit den zwanzig, dreißig Schuss, die wir gehört haben, und den Soldaten.

Für einen kurzen Moment, als ich vor dem exakt halben Hund stehe, der mit seinem halbierten Maul am Haken hängt, vor dem Fleischer, der so gelb im Gesicht ist wie die Hühnerbeine am Fleischstand nebenan –, für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl in einen Film von David Lynch geraten zu sein. Ein surreales Bild. Der halbe Hund. Und hinten, im Zwinger, drängen sich zwei noch lebende Hunde im Kreis. No photo, ruft der Fleischer. Dabei hab ich gar keine Kamera in der Hand.

Träume

Höre das schöne Sprichwort: Wenn du einen Tag lang glücklich sein willst, betrinke dich, wenn du eine Woche lang glücklich sein willst, schlachte ein Schwein, wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst, heirate, wenn du ein Leben lang glücklich sein willst, werde Gärtner.

Melissa erzählt mir aufgeregt ihren Traum: Sie wusste, dass die Romanows ermordet werden sollen, und sie versucht, noch was zu ändern, sich einen Plan zu überlegen, wer wie zu retten sein könnte, ob da nicht jemand ist, der die Verschwörung aufdeckt – und ich erzähle ihr meinen: Dass ich einen deutschen Komiker namens Dieter Hallervorden in einer Berliner Eckkneipe davon überzeugen will, etwas für mich zu tun. Ich weiß aber nicht mehr was.

SALTWATER HEALS EVERYTHING steht auf dem langärmeligen T-Shirt der strengen amerikanischen Touristin, die höchstens ein paar Jahre älter ist als ich und einen ähnlichen Haarschnitt hat, an der ich aber sehe, wie wenig gut es unseren Gesichtern tut, so viel so streng zu gucken. „I am one“, höre ich sie später knapp mit erhobenem Zeigefinger zu den Chinesinnen sagen, als es um die Raumaufteilung geht.
Dann klopft der sehr schmale, ältere, großgewachsene Chinese an die Tür ihres Apartments, den ich hier schon was habe essen sehen, zwischen den ganzen Westlern, und ich frage mich, ob es doch ihr Mann ist, aber sie hatte doch ein Einzelzimmer, daraufhin denke ich: Sex-Tourismus?! Bis mir klar wird, wer er ist: der chinesische Masseur, der ihr den Ernst aus dem Gesicht zaubern, sie durchwalken, drücken und entspannen wird, was hier so selbstverständlich ist wie ein Frisörbesuch.

Stromausfall, alles dunkel. Wirklich Dunkelheit. Wir sitzen ganz still da, wie in Ehrfurcht ob ihrer Übergröße. Dann geht in einem Telefon nach dem nächsten die Taschenlampe an. Wir wandern als flackernde Lichterprozession durch die Dunkelheit nach Hause. Ein weißer Mercedes rast vorbei, er leuchtet in seinem eigenen Licht.

Die Süßspeise hat das Aussehen und die Konsistenz einer gelben Schaumstoffmatratze. Aber als ich sie probiere, erinnert sie an ein fluffiges Fruchtgummi mit Brioche-Geschmack. Es ist nur schwer sie herunter zu schlucken. Im Hals wird sie wieder zur Schaumstoffmatratze.

Ich nehme mir vor, an den drei Männern in den blauen Phantasie-Uniformen, die die Einfahrt zu dem sehr edlen Nobel-Hotel versperren, auf dessen Riesengelände ich laufen will, mit einem Nicken vorbei zu joggen, mit einem teuer aussehenden Nicken, das ich im Laufen schon mal übe: Ein Einzelzimmer für 800 Dollar die Nacht? Klar! Ich verdiene doch fünfstellig im Monat! So einem Nicken. Und dann laufe ich durch, nicke, und alle drei nicken zurück, genau so: Klar verdienst du fünfstellig im Monat, und ich laufe ganz erstaunt weiter, muss lachen und freue mich wie ein Kind.

Wegen Halloween, das wir heute gemeinsam feiern werden: Gespenster zu malen, ist leicht, sagt man in China. Menschen zu malen, ist schwer.

Eine alte, sehnige Chinesin in einem Kittel und mit Ärmelschonern, die auf einem niedrigen Hocker vor einer Nähmaschine sitzt, direkt auf der Straße, näht einen bunten, poppigen Nike-Turnschuh, – freihand – an der Spitze zusammen.

Zeige in einem kleinen Küchenwaren-Geschäft auf eine Wasserflasche, die ich kaufen will, und der Besitzer stellt eine Holzleiter wie frei in den Raum, und fängt an, hoch zu klettern, dann klappt er eine höchstens 50×50 cm große Luke auf und verschwindet in dieser Lager-Zwischen-Decke; um nach ein paar Minuten wieder hinabzusteigen, umsichtig, flink, um mir die verpackte Flasche zu überreichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hühner

Alle Klassenräume in allen Gebäuden sind in der Nacht hell ausleuchtet, weiß-blaues LED-Licht, als wollte die Uni-Leitung ihre Studenten fortwährend daran erinnern, wozu sie eigentlich hier sind.

Die junge Schülerin lässt mir durch die Übersetzerin die Frage stellen: Was ich von der Hegemonie der USA in der Welt halten würde? Der Übersetzerin ist es sichtlich peinlich, sie windet sich. Ich sage: Sehr spannende Frage! Aber die Schülerin lässt sich von diesem Lob nicht ablenken, sondern wartet mit konzentrierter Neugierde weiter darauf, dass ihr meine lange Antwort endlich übersetzt wird.

‚Wir leben in Harmonie‘, steht auf Englisch über der kleinen Polizeistation, einem festeren Schuppen, der an eine Hauswand gezimmert ist, und das Wandbild darüber zeigt eine lächelnde Mutter zwischen zwei lächelnden Polizisten, die ihr ihr Kind überreichen.

Die Marktfrauen haben ihre Stände direkt gegenüber von dieser kleinen Polizeistation aufgebaut. Plötzlich fängt ein blau-rotes Blinklicht am Dachgiebel an zu flackern und eine Sirene ertönt, die nicht lauter ist als die Alarmsirene der Mopeds, die angeht, wenn man sie aus Versehen berührt.
Die Marktfrauen springen auf, tragen ihre Kleiderständer, ihre Körbe eilig, flüchtend, bis in die nächste Seitengasse, stellen dort alles ab, aber bauen es nicht auf. Als würden sie nur auf das Ende der Sirene warten.

Ich jogge sehr langsam über einen schmalen Damm mit Straße, rechts und links Felder. Als ich auf der Höhe eines älteren Mannes bin, der direkt neben der Straße sein Feld mit einer Holzhacke umgräbt, fährt an uns eine weiße BMW-Limousine vorbei. Für eine Sekunde oder weniger, sind wir alle auf einer Höhe, genau gleich. Verrückte Welt, denke ich.

Im Touristenbüro kann man eine Reise dahin buchen – zu dem exakten Ausblick auf die Sandsteinberge, wie er auf den 20-Yuan-Geldscheinen abgebildet ist. Es wird nicht mit den echten Bergen Werbung dafür gemacht, sondern mit einem postergroßen 20-Yuan-Geldschein, auf dem die Berge in rot als Radierung zu sehen sind.

Wie ich denke, dass nur, weil die Kellnerin in der Garküche mir diese zwei großen Schüsseln mit Reis und reichhaltiger Suppe bringt, auch der Preis ein höherer sein muss – und wie sie mir beim Bezahlen sagt, dass es 28 Yuan (3 Euro) sind, was ich kaum glauben kann.

Auf dem Hinweg ins Restaurant sehe ich das letzte Huhn im Käfig, es kauert in der Mitte des Blechverschlags. Auf dem Rückweg sehe ich, wie der Koch dem gelben Körper letzte Federn ausreißt und ihn am Wassertrog wäscht, der sich aus dem Fluss speist; und das tote Huhn sieht wirklich aus wie bei Max und Moritz –, wie es dort vom Baum hing oder an Grusel-Witwe Boltes ausgestrecktem Arm, was mich als Kind fasziniert hat und schaudern ließ, beides zugleich.

Ähnlichkeiten

Kein Fernsehen, kein funktionierendes Internet. Ich sitze im Restaurant, nehme den Jasmintee mit in die Ecke, zum Bambussofa. Ich setze mich und kann nur Sekunden still sitzen, dann suche ich, mit einer fast zittrigen Fahrigkeit, nach etwas zu tun, nach einer Ablenkung, die aber nicht lesen ist, eher so wie Fernsehgucken oder Surfen. Ich finde eine weichgeblätterte MADAME zwischen niederländischen und französischen Büchern.
Ich blättere die MADAME von hinten nach vorne durch, schaue mir jedes Kleidungsstück an, wäge ab, wie ich es finde, schlage die Seite um, das nächste Bild, plötzlich mit einer Ruhe, die ich lange nicht mehr gehabt habe.

Wir fahren an einem Unfall auf der Hauptstraße vorbei, der gerade eben erst passiert zu sein scheint: die junge Frau steigt aus ihrem königsblauen Toyota Yaris, ihre hohen Plateau-Schuhe fallen mir auf. Der Moped-Fahrer, mit dem sie kollidiert sein muss, ein mittelalter Mann, sitzt im Graben, mit dem Rücken zur Fahrbahn und zu ihr, als wollte er seinen Ärger, seine Wut, die er haben muss über sein ruiniertes Moped, verstecken.

Die weiß-grauen Bauruinen, die überall an den Ausläufern der Stadt hängen, wie in Spanien, und die wirken, als wären sie ausgeblichene Gerippe von etwas, das am Rande der Wüste verdurstet ist.

Die grünen Plastik-Kisten vor jedem Restaurant, aufgestapelt zu Fünfer- bis Sechser-Türmen. Darin sammeln die Garküchen, aber offenbar auch andere Restaurants, das dreckige Geschirr. Es muss in der Nacht abgeholt, und gegen das neue ausgetauscht werden. Man bekommt die Sets aus Teller, zwei Schüsseln, Teebecher, Löffel, alles platzsparend ineinandergelegt und in Plastik eingeschweißt, jedes Mal auf den Tisch gestellt und packt es selber aus, vor jedem Essen.

‚Golden Way To Success‘ steht auf dem ansonsten in Chinesisch gehaltenen Lernheft, das oben auf dem hohen Stapel aus Lernheften liegt – ein Stapel, der den nur DinA3-großen Schreibtischplatz, den jeder Schüler in der Schulklasse hat, schon mal zur Hälfte abdeckt. Dazu sitzen sie auf kleinen Hockern – über fünfzig Kinder in einer Klasse.

Ich frage nach, ob das Gebäude hinten raus ein Wohngebäude sei, es ist von jedem Klassenzimmer aus zu sehen. Da hängen Jeans und T-Shirts, Handtücher und die privatesten Kleidungsstücke, für alle einsehbar. Ja, ein großer Teil der Schülerschaft wohnt dort, ab der sechsten Klasse, ihr Weg zur Schule ist zu weit.

Die automatisiert, blechern klingende Lautsprecheransage hallt in der Pause über den großen Schulhof. Ein Dank an die Lehrer, übersetzt mir Liling, für die vergangene Stunde.

Jetzt, wo ich es einmal bemerkt habe, fällt mir bei vielen der Tremor auf, den sie in den Beinen haben, das ständige nervöse Hin- und Herwackeln, das Auf und Ab der Knie.

Die Alten im Park wirken ausgelaugt, man sieht ihnen an, dass sie ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben. Es steht ihnen in den Gesichtern. Vielen fehlen mehrere Finger. Aber sie sitzen zusammen an den niedrigen Steintischen, zu sechst, sieben, viele Tische lang, und spielen Karten. Manche um Geld. Oder stehen in Gruppen vor Staffeleien, oder geben Tai-Chi-Kurse auf dem sandigen Bouleplatz. Oder hören beim Mountain Song Fair zu, der immer mittwochs drei Mal im Monat hier stattfindet.

Fünf Frauen in üppig bunten, perlenbestickten Kostümen, mit Blumenkopfschmuck aus gehämmertem Blech – Blätter über Blätter, Glöckchen, Pfauen oben auf – sitzen fünf Männern gegenüber, nicht weniger eindrucksvoll ausgestattet. Sie singen sich improvisierte, in dem Moment entworfene Liedzeilen zu, die Melodien immer ähnlich, aber die Texte eben immer neu, je nachdem, was das jeweils andere Geschlecht ihnen gerade von seiner Sehnsucht, seinem Verzehren, seiner Erinnerung an die Liebe, die sie hatten und im letzten Sommer teilten, erzählt hat.
Sie leiden so, dass sie noch nicht einmal Drachenleber essen können, singen die Männer den Frauen zu.
Sie seien wie Blätter vom Baum gefallen, letzten Herbst, als die Männer gegangen seien, antworten die Frauen im Gesang.

Der opulente Blumen-Blätter-Glöckchen-Pfau-Schmuck auf den Köpfen der Frauen ist nur von vorne opulent, von hinten schaut man in das billige Gestänge und auf die Schrauben, die es zusammenhalten.

Ein mittelalter Chinese im Business-Outfit schläft heruntergerutscht in dem Sessel, seine Füße ruhen in dem Kissing-Fish-Bad, in dem es sprudelt und ein dichter Schwarm kleiner Fischchen ihm die Hornhaut von den Füßen knabbert.

Wir fahren auf der Autobahn an einer Ausfahrt Xanadu vorbei. Xanadu? Ich komm nicht drauf. Was ist noch mal Xanadu? So was wie Arkadien? Wie Shangri-La? Ohne Google zu sein, wirkt wie ein großes Manko, bis mir wieder einfällt, dass ich einfach meine Mitmenschen fragen kann.

Wir fahren schon drei, vier Kilometer über eine ganz neu gebaute achtspurige Straße mit einem imposanten, erdigen Mittelstreifen, auf dem nur riesengroße Laternen stehen. Auf beiden Seiten der Straße stehen Häuser, sind Läden, gehen Menschen. Es ist kein Übergang mitgebaut worden, und so laufen die Menschen mit ihren Karren hinter sich herziehend oder die Studenten mit hüpfenden Rucksäcken eilig über die Riesenstraße. Wenn mal eine Lücke im dicht rauschenden Verkehr ist.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz, vorn. Am Toll-Collect-Point stiert eine Kamera direkt in die Frontscheibe des Autos hinein. Ich drehe, aus einer Laune heraus, den Kopf zur Seite. Da schaut mich eine 360-Grad-Glubschaugen-Kamera an.

Wir überholen zwei rote Tuck-Tucks, eins schleppt das andere ab. Die offenen Ladeflächen beider Wagen sind eng an eng bedeckt mit lebenden Hühnern, die wirken, als würden sie sich selbsttätig zusammenkauern ob der Fahrt.

Sie seien beide Single-Dogs, sagen die Studentinnen, die mich über ihren Uni-Campus führen, der ungelogen die Ausmaße von mindestens der Innenstadt Wolfsburgs hat.
Single-Dogs? Warum Hunde? Es sei ironisch gemeint, beteuert Summer, und klingt nicht lustig dabei. Wir sind die, erklärt Melissa, die keinen finden, den sie lieben können, oder der sie liebt. Als ich Fan später frage, sagt sie: Ja, Single-Dogs. Weil, Hunde ein Scheiß-Leben in China führen. Sie werden nicht nur vor die Tür geworfen, Fußtritt und raus, sie werden ja auch immer noch gegessen. Gerade in dieser Region hier.

Die Englisch-Studentin kommt nach der Lesung auf mich zu. Du kennst Einsamkeit, sagt sie, als Frage formuliert. Ich zögere kurz, unsicher, ob ich sie richtig verstanden habe, aber sage dann einfach, ja, und dass ich immer die war, die außen stand, die Party woanders, ich auf meinem Beobachtungsposten, sicher, aber einsam, unverbunden. Bis ich verstand, dass meine Beobachtungsgabe eine Fähigkeit ist, weil ich vieles sehe, das anderen entgeht, weil ich dadurch gelernt habe zu sehen, wie andere sich fühlen.
Mit einer Aufrichtigkeit, die einfach aus ihr herausplatzt, sagt sie: We have so much in common.

Bambus

Selbst das Gewitter, das über dieses große Land rollt, wirkt größer. Der Donner brummt tiefer, die Blitze dauern länger und die Regentropfen sind dick und warm, als würden weichgekochte Bohnen auf mich niederprasseln, während ich den Weg nach Hause gehe – mitten durch den tropischen Regen.

Der haushohe Bambusstrauch, der wie eine grüne, in der Luft erstarrte Fontäne aussieht, und wie es in ihm knarrt: ein uraltes Dachgebälk, eine langsam sich öffnende, hölzerne Tür, ein vollkommen eingerostetes Scharnier.

Unser kleiner, hagerer Bambusbootkapitän erklärt uns stoisch auf Chinesisch, was die einzelnen Hügelberge bedeuten, er will nicht verstehen, dass wir ihn nicht verstehen, bis er plötzlich anfängt es nachzuschauspielern: ein sich küssendes Pärchen, eine schwangere Frau, irgendwas mit dem Victory-Zeichen, ein bärtiger Alter mit Buch, und dann sollen wir genau die Fotos in die Richtungen machen, die er uns mit dem Bambusstab zeigt.

Überhaupt Bambus, Wunderpflanze: man macht Boote, Möbel, Gerüste von ihm, Hüte, Taschen und Schuhe, und am Ende isst man ihn noch.

Regen

Eben noch bin ich müde und will schlafen, da entdecke ich die sehr große haarige Spinne an meiner Zimmerwand. Verwirrterweise rede ich sie auf Englisch an, springe aufs Bett in Ekel, und stürme dann hinaus, einen Besen suchen, etwas, mit dem ich sie erschlagen kann. Während ich suche, kommt die kleine Rezeptionistin im Pyjama aus ihrem Zimmer und fragt, was sei. Sie holt einen langen Stab mit Bambusfasern am Ende und legt ihn behutsam auf die Spinne, zieht sie damit zu sich heran. Ich biete ihr meinen Schuh an, um jetzt die Spinne zu erschlagen. Sie will Kleenex. Ich gebe ihr welche, sie drückt damit die Spinne in die Besenfasern – tot. Ich will den Beweis sehen, die Chinesin verabschiedet sich aber schnell; überdankbar denke ich erst kurz darauf: sie hat sie gar nicht mit der Hand zerdrückt, sondern bringt sie im Tuch nach draußen und setzt sie aus.

Der höchstens eineinhalb Jahre alte Junge, der an der Hand seiner Mutter vor mir über den Weg geht, trägt keine Windeln. Er kann sich kaum auf den Füßen halten, schwankt immer wieder, aber braucht keine Pampers mehr.

Es hat die ganze Nacht wie im Regenwald geregnet – so stelle ich es mir vor. Ich trete auf einen Fleck neben der Straße und sinke mit meinen Ballerinas tief mit einem schmatzenden Geräusch in diesen Inbegriff von fruchtbar wirkender Erde ein. Dazu riecht es, als hätte jemand einen Joint geraucht, aber es muss die Erde sein, der Duft erstreckt sich über Hunderte von Metern.

Die Pflanze am Wegesrand, deren Blätter von oben maigrün und lorbeerartig sind – und drehe ich sie um, sind sie ochsenblutrot. Irgendwie eine chinesische Pflanze, denke ich, oben einladend-freundlich grün, unten diese dramatische, wilde Farbe, alles in scharfem Kontrast.

Die junge chinesische Studentin erzählt mir, dass sie deutsche Fußballer liebt. Neuer, Müller, Lahm und der, der immer die Saltos machte, nach jedem Tor, dessen Namen sie sich nicht merken kann. Aber vor allem der kleine, flinke Lahm. Ich sage ihr, was sein Nachname als Adjektiv bedeutet, und sie lacht auf und sagt dann: Aber er war der Kapitän.

Meine Mitstipendiaten waren in einer Multimedia-Opern-Show in der Stadt. Gigantisch, gewaltig, ist die Antwort, als ich frage, wie es war, und es sei schwer zu sagen, ob 500 oder 1000 Leute auf der Bühne gewesen seien, auf den Pontons, die knapp unterhalb der Wasseroberfläche im Fluss schwammen, so dass es aussah, als ginge diese Masse an Menschen andauernd übers Wasser.

 

It’s pretty deep – weiter

In der Morgendämmerung höre ich die Insekten und Vögel draußen erwachen. Sie klingen irgendwie elektrisch. Zzrrrr macht ein Vogel, in präzisen Intervallen. Tshhuu macht etwas anderes, das klingt, wie ein lauter Stromkabelzaun. Dazwischen Geräusche, als fliege eine Motte gegen eine Lampe. Es sind ihre Rufe, ich bin mir eigentlich sicher. Aber es könnte auch sein, dass ein überdimensionaler Glühdraht in der Dämmerung hängt, der schlicht jedes Insekt, das ihm zu nahe kommt, durchglüht und in Staub verwandelt.

Seit dem Morgen fliegen filigrane Helikopter sehr tief über unser Haus hinweg. Erst ein roter, dann ein königsblauer, jetzt nur noch schwarze, libellenschmale, aber deshalb nicht weniger bedrohlich wirkende Hubschrauber. Ich beziehe sie auf mich. Darauf, dass ich hier unten sitze und versuche, auf amerikanische Website zu gelangen, Texte über Geheimdienste lese, Deutsche bin mit einem Flug, der vom Auswärtigen Amt bezahlt wurde, ach, verschwörerische Gründe finde ich genug.

Da wird aus dem kleinen Teich am Ende der Terrasse, neben dem ich sitze und arbeite, ein Fisch mit einem Kescher herausgeholt. Der junge Chinese trägt den im Netz zappelnden Fisch eilig den Weg hinunter, Richtung Küche. Der Fisch schlägt heftig aus. Der Junge beginnt zu rennen. Ich stelle mir vor, wie dem Fisch gleich der Kopf abgehakt wird, bevor er ausgenommen wird, stundenlang in Bier gekocht, wie hier üblich. Ich fühle mit ihm, wie er, vollkommen zu recht, Lebensangst hat und auf den letzten Metern um sein Leben kämpft.

Der Zaun zwischen Terrasse und Fluss, der aussieht, wie die geschuppten Stämme von hoch gewachsenen Kiefern. Auf den ersten Blick wirklich identisch, da die Schuppen überwuchert sind von ockerfarbenem Moos. Aus der Nähe sehe ich, der Zaun besteht aus Betonstehlen, an die längliche kiefergraubraune Gips-Schuppen angeklebt sind. Ein frappierendes Kunstwerk, alles in allem, das sich über hunderte von Metern erstreckt.

Immer noch ein Wellblechdach über dem eigentlichen Dach des Hauses, an dessen offen liegenden Verstrebungen auf Bügeln frisch gewaschene Wäsche hängt und in der Brise schaukelt: Unterhosen, T-Shirts, Tüllkleider, Handtücher und ein hautfarbener und ein pinker BH.

Zwei Männer in Polohemden und schwarzen Hosen kommen zu dem Becken, wo ich immer noch sitze und arbeite, zusammen mit dem Jungen, der vorhin schon am Becken war, der den Kescher trägt. Die Männer schauen die Fische im Becken an und diskutieren. Sie stehen auf dem gemauerten Rand und reden. Sehr ruhig, ganz anders, als vorhin, fährt der Junge den Kescher durchs Wasser. Sehr ruhig zieht er ihn hoch, und der Fisch darin fängt nicht zu zappeln an, auch nicht, als er gar nicht eilig zusammen mit den Männern Richtung Küche geht.

Begreife am späten Nachmittag, dass es ja Wochenende ist und all die Helikopter reiche Chinesen an die „most remote places“ hier in Yangshuo bringen, über das Sandsteingebirge, den grün-türkisen Fluss hinweg, zu der Aussicht, die sonst keiner hat.

Ein Mann auf einem Moped, der mir entgegenfährt, grüßt mich: Hello! Die Frau, die hinter ihm sitzt, schaut mich interessiert an. Ich grüße zurück, Hello!, da sind sie schon weiter, aber ich höre ihn noch auflachen, in Freude und in einem fröhlichen Triumph, der Fremden diesen Gruß entlockt zu haben.

Auf einer gemauerten Schwelle am oberen Ende des Flusses steht ein Brautpaar und wird fotografiert. Drei Assistenten, alle mit den modisch aufgehellten Haaren, um sie herum, einer macht das Licht, einer den Schirm, eine hält die bestimmt zehn Meter lange Tüllschleppe über den kleinen gemauerten Wasserabhang hinweg. Der Stoff wird immer wieder ins Wasser gesogen, er zieht an der Braut. Die Hosenbeine des Bräutigams sind bis zu den Knien nass. Der Fotograf muss immer wieder Pausen einlegen, wenn die Bambusboote sich an der Schwelle stauen und nah neben dem Pärchen stecken bleiben.

Die Bambusbootfahrer liegen auf den Mauervorsprüngen, gegen die haushohen Bambusstauden gelehnt, zwischen die sie auch ihre geflochtenen Spitzhüte gesteckt haben; oder auf den Metallgestängen, die sie als Doppelsitz auf ihrem Boot nutzen. Hunderte Fahrer, alle klein, braungebrannt, drahtig in den gleichen gelben T-Shirts. Im Wasser hinter ihnen liegen die Flöße, eng an eng, die Schirme eingeklappt, es sieht aus wie ein einziger Riesensteg aus Bambusröhren, der weit in den Fluss hineinwuchert.

An der einzigen freien Stelle, nahe einer Rampe, kommt ein uralter LKW zum Stehen. Er hat auf seiner Ladefläche fünfzehn, zwanzig Bambusflöße übereinandergestapelt. Er kippt die Ladefläche und die Boote rutschen direkt ins Wasser, treiben weit in den Fluss. An einer Leine holt sie ein Mann wieder ein, die Fahrer springen mit ihren Bambusstäben auf das erste Floss und dirigieren die restlichen gekonnt an die ganze große Riesenstegfläche aus Booten heran.

Ich gehe an einem großen Feld vorbei, auf dem Erdbeerpflanzen in perfekten Reihen stehen und bewässert werden. Und muss an die chinesischen Erdbeeren denken, die mein Sohn mal gegessen hat, in der Schule, beim Catering, die wohl eingefroren waren und aufgetaut wurden und von denen er sich einen heftigen Virus geholt hatte.

Zwei schwarz-weiße Schmetterlinge torkeln im Balztanz an mir vorbei. Schlagen die Flügel in einem immer gleichen Takt, ohne sich zu berühren. Vor einem großen Blatt werden sie langsamer, der eine setzt sich aufs Blatt und hält still. Der andere flattert neben dem Blatt, so schnell, dass es aussieht, als stehe er mit ausgebreiteten Flügeln still in der Luft. Ich sehe das Bild auf seinen Flügeln. Es sieht aus wie das Anonymous-Gesicht, wie die Maske, mit einem breiten, schwarz-weiß gezackten, schaurigen Grinsen.

Man soll nicht im Fluss schwimmen, sagt das Warnschild. Die Grund: It’s pretty deep.

Lockrufe

Eng an eng die opulent ausgestatteten Bars auf der West-Street, Downtown Yangshuo. Eine DJ-in in einem weißen Spitzentüll-Kleid starrt verzweifelt Richtung Eingang, bewegt ihren trainierten Bauch im Technorhythmus. Aber sie lockt niemanden an.

Dazwischen Essenstände, Klamottenläden und Frauen, die in der Mitte der Promenade stehen und genau das Kleid verkaufen, das sie selbst tragen. Sie sind quasi ihre eigene Schaufensterpuppe in ihrem eigenen Laden zugleich.

Hinter einem Perlenstand sitzt ein vielleicht fünfjähriger Junge und liest konzentriert eine Zeitung. Er faltet sie auf, schlägt die Seite um, liest weiter.

Drei Mädchen, in Seidenkleidern, mit kleinen Hüten, Fächern, Strass-High-Heels fotografieren sich gegenseitig vor den geländerlangen Essensschautafeln am Eingang eines Restaurants.

An einem der Stände, der Perlen und Steine in einem großen Trog vermischt hat, fädelt ein Mann ein Armband auf, das eher so aussieht, als würde er es selbst tragen können, als dass es ein Geschenk für eine Frau ist.

Ich frage, ob das Shangri-La, das auf einer der Umgebungskarten eingezeichnet ist, das Shangri-La sei, ohne genau den Mythos zu erinnern, nur dass es doch was Paradiesisches sein muss. Nein, das sei sicher einfach irgendein Shangri-La, um Touristen anzulocken, wird mir gesagt; und ich bin seltsam enttäuscht.

Das neonblaue LED-Leuchtdioden-Flackern in der Schmetterlingsform auf dem Haarreif der Frau, die erschöpft auf einer Bank an der Straßenseite sitzt; und wie es wirkt wie der verrückt gewordene Lockruf einer durchgeknallten Spezies, die anders nicht mehr auf sich aufmerksam zu machen weiß.

 

1. Tag Yangshou / Provinz Guilin

Der Peking-Spirit, sagt die Werbung auf einem wandfüllenden Plakat am Wegesrand: „Patriotismus, Innovation, Zusammenhalt, Virtuosität“.

Wie in der Sonne glitzerndes Aluminium, so hell leuchten die LED-Schnüre an den Veranden der offenen Garküchen entlang der Straße, in der dunstigen Luft des Spätnachmittags.

Eine junge Frau hat ein Baby in einem grasgrünen Beutel auf dem Rücken, an der Kapuze des Beutels sind weiß-grüne Hasenohren. Sie fährt auf der Fahrradspur Moped, ohne Helm, dreißig, vierzig Stundenkilometer schnell, einfach mit dem Baby im grasgrünen Hasenbeutel auf dem Rücken.

Ich wache um vier Uhr nachts auf – noch unsere Zeit im Körper – und gehe in die Lobby des Gästehauses, in der Hoffnung, dort besseres Internet zu haben. Auf einem Bildschirm hinter der offenen Rezeption setzt sich aus neun Einstellungen ein großes Bild der Überwachungskameras zusammen. Wie ein Schatten bin ich durch diese Bilder gehuscht. Gegen einen inneren Widerstand bleibe ich in der Lobby sitzen, zügele aber vollständig mein Grollen über den nicht funktionierenden Zugang, weil ich nicht will, dass er aufgezeichnet wird.

Die Berge, wie Zuckerhüte, wie Pralinen. Überzogen von einem dunkelgrünen Flaum aus Pflanzen. Sie bauen sich vor uns auf, in der Dämmerung. Ich schaue an ihnen hoch, es ist wie vor einem steinalten, sehr hohen Urwesen zu stehen, das immer schon da war und immer da sein wird –, wenn die Häuser am Fluss zu seinen Füßen, die Steinplattenwege, die roten Laternen an den Wellblechdächern, die offenen Garküchen, die surrenden Kühlschränke, die kleinen Hühnerverschläge, die LED-Beleuchtung in den Büschen längst verschwunden sind.

Eine Gruppe Chinesen drängelt sich vor. Eilig, in den Gang. Fertig zum Aussteigen. Es ist wie eine innere Natur, sich durchzudrängeln. Es geht nicht anders. Im Drängeln hilft der Mann, der dabei in schneller Folge eine Sprachnachricht nach der nächsten in sein vor den Mund gehaltenes iPhone spricht, noch einer älteren Frau, ihr Gepäckstück aus der Ablage zu ziehen. Es ist nicht ein ‚Ich zuerst‘, das Drängeln. Es ist ein ‚Wir zuerst‘, denke ich später.

Um sechs Uhr fünfzehn krähen von weit her die ersten Hähne, und Stimmen sind zu hören, auch sehr fern, wie von Menschen, die sich etwas über den Fluss zurufen. Aber vielleicht ist es auch ein Radio.

Der drahtige Chinese in dem gelben T-Shirt, der auf der Terrasse der Mountain Lodge steht und raucht, spricht die zwei Amerikaner in einem sehr amerikanisch gefärbten Englisch an. Er fragt sie, ob sie das erste Mal hier seien und was sie arbeiten würden. Er will eindeutig reden, die Amerikaner reagieren distanziert. Working in business, sagt der ältere der beiden und dreht sich zum Gehen. Great, ruft der Chinese, ehrlich begeistert. Später sehe ich, dass auf seinem T-Shirt steht: speak english. Und auf der Rückseite: better english, better life.

Es fliegt ein Schmetterling um mich herum, der handtellergroß ist, schillernd blau-schwarz und puschelig am Körper. Er arbeitet sich mit seinen Flügelschlägen richtig durch die Luft, so schwergewichtig und gravitätisch wirkt er.

Ich habe nur 50 Yuan, statt der 53, die ich zahlen müsste, und die Frau an der Rezeption des Restaurants erlässt mir die 3 Yuan mit einer selbstbewussten, fein ironischen Schärfe. Wir schauen uns, eher zufällig, direkt in die Augen und ich sehe ihren Stolz darüber, in dieser Position zu sein. Meine Verlegenheitsgesten, mein entschuldigendes Gestammel wirken in ihrer Ironie doppelt unsicher.

Lächeln

Die filigrane Chinesin im Transferbereich des Flughafen Pekings steht am Fuße der Rolltreppe und hält ein Schild in der Hand: Transfer. Noch während ich auf sie zugehe, um die Rolltreppe hoch zu fahren, denke ich, das ist kein Mensch, sondern eine Aufstellfigur, so unbewegt steht sie da, lächelnd.

 

Rettungswagen

Der ganz in weiß und hellbeige gekleidete Jugendliche mit einer weißen Strickschirmmütze –  vielleicht Syrer oder Afghane –, steht, mit seinem grünen Penny-Board neben sich, direkt vor den krisselig verglasten Falttüren der Feuerwehr-Station, er legt seinen Kopf an die Scheiben, als versuche er, die dahinter geparkten Rettungswagen, die neonorange durch die Scheibe schimmern, in den Blick zu kriegen. Er wirkt nicht, als wollte er gerettet werden. Sondern viel mehr, als wollte er in diesen Wagen sitzen, um Leben zu retten.

Du und ich

In der Fußgängerzone kommt meiner Tochter und mir ein großgewachsener Junge entgegen, auf seinem dunkelblauen T-Shirt steht: WENN ICH DU WÄRE, WÄR ICH LIEBER ICH. Ich muss laut lachen, wiederhole den Spruch dabei. Meine Neunjährige geht einfach weiter an meiner Hand, scheint sich über mein Lachen etwas zu wundern. Nach einer Weile sagt sie: „Aber wenn ich du wäre, dann wüsste ich doch gar nicht, wie ich bin. Also, dann kann ich doch nicht wollen, wieder ich zu werden.“

Parallel lesen

Die Irritation, die sich in mir ausbreitet, weil ich neben dem auf der U-Bahn-Bank sitzenden jungen Mann – der seinen Rucksack eng auf seinem Schoß hält und konzentriert Koran-Texte auf seinem Handy liest – das Buch von einer vor allem im Nahen Osten eingesetzten CIA-Agentin aufschlage, das ich gerade nicht weniger begierig lese als er liest, und das dadurch auffällt, dass es auf jeder Seite langkettige Schwärzungen hat.

Lange Leitung

Sonntagnachmittag: Ich gehe in den Keller und stehe einem hageren Mann gegenüber, nicht größer als ich, und frage ihn, was er hier mache, worauf er mir devot-lächelnd abwinkt, mich nicht zu verstehen, ich frage ihn wieder und denke immer noch, dass er ein Subunternehmer einer Handwerksfirma ist, womöglich, oder ein Gehilfe unseres Treppenhausreinigungsdienstes, wenn auch seltsam, am Sonntagnachmittag in der Tiefe des Kellers; als er sich eine weitere Tasche neben der Tür greift, zu der türkisen Thermotasche, die er in der Hand hält, und ich mich langsam – vor allem über seine vielen fehlenden Zähne – wundere, die er mir mit fast unterwürfiger Freundlichkeit zeigt, bis ich ihn noch einmal frage, was er hier mache, und er zu mir sagt: My friend Alex, und ich es dann erst begreife, was der Mann gesucht hat, warum er hier in unserem Keller ist, also dass er kein freundliches hageres Kerlchen ist; und dann presche ich schon nach oben und schreie um Hilfe, und er an mir vorbei nach draußen.

Neues

Despo, hörte ich mal eine Frau sagen, der Typ wäre voll despo. Ich brauchte einen Moment zum Entschlüsseln. Aggro, sagen die Kinder, der und der sei gerade aggro. Bruto hab ich auch schon mal gehört: Der Film ist zu bruto.
Eben sagt ein junger Mann zu einer jungen Frau hinter mir: Ich bin da so was von rumgehirscht. Und sie scheint genau zu wissen, was er damit meint.

 

Gute Tochter

Die junge Frau steht verloren zwischen ihren männlichen, grauhaarigen Kurz-vor-der-Rente-Kollegen, alle angereist zur Innotrans-Messe. Sie lächelt unschlüssig-höflich über die Altherrenwitze, die laut erzählt werden, sie gibt sich so, als wäre es ihr nicht unangenehm. Sie ist angespannt, bemüht, beflissen, das richtige Bild abzugeben, die freundliche Zugewandtheit ihrer Kollegen nicht zu verspielen; so steht sie da, und ich erkenne mich in ihr wieder. Gern würde ich ihr, mit dem Abstand von über 20 Jahren etwas sagen, merke ich. Was genau? Hör nicht auf die? Glaube nicht, dass du lächeln musst? Du musst nicht die gute Tochter spielen – das ist es, was ich ihr sagen wollen würde, in diesem Moment.

 

Meinungsfreiheit

Unterhalten sich zwei ältere Junkies morgens auf den Sitzbänken in der U-Bahn:
„Meinungsfreiheit will der“, sagt der eine anerkennend.
„Wat will der?“
„Meinungsfreiheit.“
„Och noch“, beschwert sich der andere.

Machtdemonstration

Die ausgewachsenen Kronen der neu gepflanzten Kiefern vor dem BND-Gebäude in Mitte erzeugen etwas Diffuses in der Luft, dass es wirkt, als sei das strenge Bauwerk dahinter irgendwie unecht, einfach nur hinholografiert. Auch die verwilderte Wiese zwischen dem Wäldchen verstärkt den Eindruck der Harmlosigkeit, des Unbedarften. Erst, als ich den gesamten Block, auf dem das Gebäude errichtet ist, abschreite – es erstreckt sich über zwei U-Bahn-Stationen – wird mir seine Größe bewusst. Vier Mal, fünf Mal das Innenministerium? Vielleicht noch mehr.

Butter

Ich hab zu wenig Butter in den Teig für die Streusel gemacht und muss, als ich die staubige, nicht richtig schmackhafte Kruste probiere, an das Mädchen denken, das im Urlaub plötzlich über unsere Tochter an uns andockte, das nicht zu seiner Pflegefamilie und seinen sieben oder acht Stiefgeschwistern zurück wollte, sondern einfach bei uns blieb, mit uns aß, an den Strand ging, den ganzen Tag verbrachte; und das am Abend, als es Nudeln gab, sein Messer in die weiche Butter tauchte, sie dick auf ihr Baguettestück strich und tief befriedigt ausrief, „Hm, lecker, Butter“. Und ich erinnere mich, wie ich ihr voll und ganz zustimmte, diesem selbstbewussten, redseligen, eigenwilligen und doch fragil wirkenden Mädchen, das einfach so in unserer Nähe blieb, bis es dunkel wurde, bis ich glaubte, es nach Hause schicken zu müssen, obwohl es eindeutig bleiben wollte, immer noch länger bleiben wollte.

Alter

Auf der Mieterinnen-Übersicht im Fahrstuhl meines Bürohauses lese ich einen Neuzugang in der 3. Etage: Dachverband Lesben und Alter.
Ich lese Alter. Wie der Titel, also der sehr hamburgerische Ausruf: Alter. Typ. Dude. In diesem Sinne. Lesben und Alter? Verstehe ich nicht. Lese es noch einmal. Dann begreife ich es erst.