abschied von den illusionen

Engelszungen

Die Mutter redet auf ihr Kind mit Engelszungen ein. „Setz dich bitte auf deinen Popo. Papa sitzt auch mit seinem Popo auf dem Stuhl. Ich sitze auch mit meinem Popo auf dem Stuhl.“ Die Umsitzenden im Café sind längst unangenehm berührt von dem Verhalten des Kindes, das unbeeindruckt weiter am Tisch herumklettert und jetzt auch schreit; die Mutter spürt das genau. Aber sie bleibt bei den Engelszungen, ihrer Engelsgeduld, nur plus einer deutlichen Abneigung gehen ihr eigenes Kind, die ihr im Gesicht steht. Ich muss an das Erziehungsratgeber-Kapitel des Buches denken, das ich gerade lese: Lass nicht zu, dass deine Kinder etwas tun, das sie dir unsympathisch macht.

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Kampfgebiet

„Das ist euer Start ins Wochenende“, brüllt der kleine, drahtige Fitnesstrainer, von dem es heißt, er sei früher mal Bundeswehr-Ausbilder gewesen –, und ich komme, während ich seinem Fitness-Programm folge, nicht um den Eindruck herum, als meinte er damit: Und das ist ein Start ins Kampfgebiet.

Das Universum ist doch gnädig!

Stehe in der kühlen, feuchten Herbstluft und drehe mich plötzlich um (mit dem Satz im Kopf, den ich eben gehört habe: Das Universum ist doch gnädig!); da bricht die Sonne durch die Wolken, und ich spüre ihre Wärme auf meinem Gesicht, und ihre Kraft, die sie noch hat.

Hallo, Berlin

„Hallo, Berlin“, steht auf dem Werbe-Plakat einer Immobilienfirma mit dem wohlklingenden Namen Bonanova (oder so ähnlich), „hier ist deine Chance auf Wohneigentum!“ Ich gehe weiter, mit einer Art kognitiver Störung im Kopf: Hallo, Berlin? Sucht die Stadt Wohneigentum? Besonders: Eigentum? Warum deine Chance? Klingt dieser Satz nicht sehr zynisch in der Mieterstadt Berlin?

Gefühle

Sehe erneut die Rede von Angela Merkel an, in der sie ihren schrittweisen Rückzug von ihren Ämtern erklärt, und stelle fest, wie ich in ihrem Gesicht nach dem Ausdruck eines Gefühls suche. Ein Bedauern über die Abschiede, ein emphatisches Eintreten für die Veränderung, Leidenschaft für das, was nach ihr kommen muss. Nur der hohe Takt, in dem sie auf- und niederschaut, ins Publikum, aufs Manuskript, könnte ein Ausdruck ihrer Nervosität sein. Wie ein Mensch ohne Innenleben, so kommt es mir vor, geht sie Punkt eins bis drei durch und dankt dann für die Aufmerksamkeit. Es lässt mich mit einem Gefühl von Ratlosigkeit zurück.

Sicherheit

Der junge, kräftige Mann in der neongrünen Sicherheitsjacke mit zwei Reflektor-Streifen legt seinen Arm um die junge Frau, die neben ihm sitzt. Sie kuschelt sich in die Umarmung, er küsst ihr Haar. Über den reflektierenden Streifen steht in schwarzen Lettern SECURITY. Für Augenblicke bekommt das Wort die Mehrfachbedeutung, die es haben kann.

Hi

Die Amerikanerin begrüßt mich mit einem fröhlichen, lauten „Hi“, obwohl wir uns nicht kennen, und ich reagiere mit einem ebensolchen „Hi“ zurück –, und fühle mich ein paar Sekunden im Nachklang wirklich so, als wäre die Unbekannte eine gute, alte Freundin, die ich seit Jahren mal wiedergesehen habe.

Dinosaurier

Der Mann mit dem grauen Haarkranz, komplett in schwarzen Engelbert-Strauss-Arbeitsklamotten, mit drei bunten Kulis in der Brusttasche, wirkt in dem kirchenhohen, irgendwie heiligen Saal des Apple Stores wie ein Dinosaurier. Er kommt aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Der junge Verkäufer mit dem französischen Existentialisten-Bart umschwärmt ihn nichtsdestotrotz, aber mit dem zweifelnden Blick, dass es nur so sein kann, dass der Dinosaurier sich verlaufen hat.

Lebensweisheiten

Lese beim Vorbeigehen im Bahnhof die Schlagzeile an einem Board:

Lebensweisheiten von Promis, die dir nichts nützen –

heute: Lukas Podolski: „Manchmal gewinnt der Bessere.“

Bauernregel

In der vergilbten Ausgabe von „Der alte Mann und das Meer“, die ich durch Zufall aus dem Regal ziehe, steht auf dem Deckblatt in einer Schrift, die ich mit den 1950er Jahren verbinde, eine Widmung. Wie zum Geburtstag; und ich kann nicht entscheiden, ob sie aufmunternd klingt oder doch auch fatalistisch: Im Mai fängt jeder einen Fisch.

Embrace your reality

Auf dem weiten Sweatshirt des sehr fülligen, jungen Mannes steht EMBRACE YOUR REALITY. Der Schriftzug überspannt ein Mal seinen Bauch. Ein wirklich toller Spruch auf einem Shirt, denke ich zuerst, – eigentlich universell einsetzbar zur Zeit –, und dann: dass dieser junge Mann einen erfrischenden Sinn für Humor hat.

Festival

Ich stehe auf dem Bahnsteig Olympiastadion und schaue in den Abendhimmel Richtung Stadion. Von links schwingt melodiöser, britischer Gitarren-Pop herüber, in der Mitte ein am Limit kreischender Metal-Frontmann, rechts über den Baumkronen, hinter denen das Stadion sein muss, in dem das Lollapalouza-Festival gerade stattfindet, schlägt ein Techno-Herz seinen Puls. Alles zusammen klingt wie ein ineinander laufendes gewolltes gegenseitiges Übertönen; ein bisschen wie ein Zeichen für unsere Zeit, denke ich plötzlich.

Ratlosigkeit im Garten

Verstehe zum ersten Mal, dass mein Garten einer nicht funktionierenden Geschichte gleicht. Ich habe hier und dort was gepflanzt, hier und dort hat sich etwas selbsttätig ausgesät. Alles ist mehr durch Glück als durch Kenntnis zum Blühen gebracht. Der Garten sieht ganz hübsch aus, auf den ersten Blick, aber als ich jetzt länger hinschaue, offenbart sich mir plötzlich das Fehlen einer Struktur und inneren Spannung, eines logischen Aufbaus sowieso, es gibt viele einzelne Themen, und damit keine echte Tiefe, keine Kohärenz, nur Zufall als Rhythmus. Er kommt mir auf einmal vor wie ein vielleicht ganz schön geschriebener Text, der sich flüssig liest. Aber schaue ich wirklich hin, erzählt er mir nur noch schmerzhaft von der Ratlosigkeit der Urheberin.

Haltestellen

Die Idee sei eine Haltestelle des Gedankens, lese ich heute bei Henri-Louis Bergson. Und: Das Auge sieht nur, was der Geist bereit ist, zu begreifen. Dann wäre das Auge die Haltestelle des Geistes, vielleicht eher im Sinne, wie man manchmal dort steht und auf den Bus wartet.

Alles ganz anders

Die Fledermäuse sausten gestern Nacht durch die Luft, knapp über meinem Kopf, als ich noch still auf der Terrasse saß. Ich musste an den Aufsatz dieses amerikanischen Philosophen denken, auf dessen Namen ich bis jetzt nicht komme: Wie es sein muss, als Fledermaus in der Welt zu sein. Ich versuche mir vorzustellen, als was die Fledermäuse, die weiter unermüdlich über mir durch die Dämmerung flitzen, mich wahrnehmen, mit ihrem Sinn für Ultraschall. Bin ich ein schwarzer oder weißer Fleck? Schauen sie vielleicht durch mich durch? Bin ich noch eine Kontur in einem Flimmern? Oder ist alles ganz anders?

Berliner Bevölkerung

„Das ist Berlin. Alles voller Idioten!“, bellt die Frau laut an der Bushaltestelle. Ich versuche herauszuhören, ob sie damit auf eine Begegnung mit jemandem anspielt, die nur kurz zurückliegen kann; oder uns alle, die hier warten, meint. Sie wiederholt ihr Urteil noch ein paar Mal, streng und wütend. Aber seltsamerweise zieht auch eine unsichere Verzweiflung in ihre Stimme ein, so, als würde sie, bei jeder Wiederholung mehr, sich selbst mit einschließen.

Springen

Wie die fordernde Fitness-Trainerin beim Jumping zu mir ans Trampolin kommt und ruft, „Du kannst das“. Wie tief dankbar ich bin, dass sie das zu mir sagt. Auch, weil sie nicht, du schaffst das, sagt. Und wie sich gleich darauf der misstrauische Zweifel einschleicht: Das ist ihr Trainersprech und du bist drauf reingefallen. Und wie plötzlich kurz darauf eine verrückte Kraft durch mich durchgeht: Ja. Ich kann das.

Schlechte Gedanken

Es knallt laut hinter mir im Tunnel. Ich stoße vor Schreck einen kleinen Schrei aus und drehe mich um. Eine ältere Frau schlendert auf mich zu. „Das war nur ein Luftballon“, sagt sie heiter im Vorbeigehen, „der Rest sind unsere schlechten Gedanken.“

Buchenhecke

Die drahtige, schmale, mindestens wie Mitte achtzig wirkende Dame streicht mit der linken Hand schelmisch im Vorbeigehen über die Blätter der halbhohen Buchenhecke. Sie scheint meinen Blick zu bemerken und lächelt mich an. Wir sind wie Komplizinnen. Ich glaube, ich habe das zuletzt als Kind gemacht. Und es so gemocht, wie sie es zu mögen scheint.

Milchaufschäumer

Ich schaue ins Spülbecken, bin tief in Gedanken versunken. Ich suche den Deckel des Milchaufschäumers-Topfes. Ich schaue genau hin, die benutzten Gläser, die Schüssel, dazwischen Messer und Gabeln, ein Teller steht am Rand. Ich schaue wirklich hin. Ich sehe den Milchaufschäumerdeckel mit der Kugel am oberen Ende des Stiels nicht. Ich fange an, ihn überall in der Küche zu suchen. Ich fluche, merke, wie ich den Gedanken, den ich gerade verfolgte, verliere. Ich komme wieder zur Spüle und da steht dieser Deckel direkt vor mir. Hat dort die ganze Zeit gestanden.

Abitur

„Mein Kind hat heut‘ Abitur bekommen!“, höre ich den älteren Mann in die Gruppe der Iron-Maiden-Fans rufen. Einige um ihn herum jubeln kurz auf. Der auch verunsicherte Stolz, mit dem der Mann das in die Menschenmenge gerufen hat, hinterlässt in mir das Gefühl, dass dieses Kind das erste Familienmitglied ist, das ein Abitur erlangt hat.

Weltlage

Die mittelgroße Fliege jagt zackig direkt vor meinem Gesicht hin und her. Ich schlage nach ihr, verfehle sie, sie fliegt auf meine Augen zu, dann auf meinen Mund. Ich will sie wegwischen, mit mehr Verve, sie ist gleich wieder da, fliegt hin und her. Ich wedele kraftvoll mit einer Hand durch die Luft, treffe mich selbst im Gesicht. Sie ist kurz verschwunden und taucht dann wieder in einem flinken Zick-Zack-Kurs direkt vor meinen Augen auf. Und plötzlich denke ich: Die ist wie Trump. Wie die Weltlage mit Trump.

Vergraben

Die kalte Luft sticht. Ich verstecke mein Gesicht so weit es geht hinterm Schal, vergrabe die Hände mit den Handschuhen tief in den Manteltaschen –, und denke an den literarischen Satz: Er vergrub seine Hände tief in den Taschen –, der mich irgendwie an Mark Twain denken lässt, an Huckleberry Finn, keine Ahnung wieso, aber ich sehe ihn vor mir, wie er da steht mit Unschuldsmiene und die Hände tief in den Hosentaschen vergräbt.

Busfahrer

Ich renne auf den Bus zu, der schon von der Haltestelle abgefahren ist und flehe den Busfahrer gestisch im Rennen an. Er macht mir ein Zeichen, dass er anhalten wird, extra für mich, und als ich reinspringe rufe ich übertriebenerweise: „Sie haben mein Leben gerettet!“ „Das ist doch mein Job“, sagt er und fährt los.

Schlüsselgewalt

Dem Durch-und-durch-Hipster mit standesgemäßem Bart und Brille hängt ein großer Schlüsselbund an der Gürtelschlaufe seiner hippen Hose, vorn. Er klimpert und klappert beim Gehen. Es sieht so aus wie bei einem der Berliner Hausmeister, die durch das Zurschautragen der Menge ihrer Schlüssel gern ihre Schlüsselgewalt demonstrieren, nur passt das irgendwie gar nicht zum Hipster, und lässt mich irritiert zurück.

Plastiktüte

Die dünne Plastiktüte zieht Kreise in der Luft, in der Ecke des Schulhofs, aufgewirbelt von einer Böe – und dann schraubt sie sich immer höher und höher, sie tanzt. Sie ist rund wie ein Ballon. Sie schwebt und fällt dann wie über eine Klippe bis fast auf den Boden, wirbelt hoch, schraubt sich erneut in die Luft. Ich muss an die Szene in ‚American Beauty‘ denken, als der Junge dem Nachbarsmädchen seinen Film von einer eben solchen Plastiktüte zeigt, um ihr klarzumachen, dass in den unscheinbarsten Dingen eine eigene Schönheit wohnt.

Langeweile

Nie wieder Langeweile!, ruft mir das Plakat zu, damit ich einen Endlosstrom von Zeitschriften abonniere.
Nie wieder Langeweile, denke ich, = unendliche Bedürfnisbefriedigung = keine Frustration lernen und tolerieren = keine Ideen haben, um Frustration zu beheben = gar keine neuen Ideen haben = immer noch mehr Langeweile = immer noch mehr Zeitschriftenabos erwerben = immer noch mehr gegen die Langeweile anlesen/-blättern = wieder keine Frustrationstoleranz lernen = wieder auf keine neuen Ideen mehr kommen = u.s.w.

Selbsttäuschung

„Die anschwellende Aggression gegen den Vorsitzenden“, schreibt Nico Fried in der Süddeutschen über die SPD, „ist deshalb immer auch der Versuch, die Erkenntnis einer neuerlichen Selbsttäuschung zu bemänteln.“ Selbsttäuschung, das ist es, worum es geht, denke ich in dem Moment.
Und seltsamerweise fällt mir der Junge vom Schrotti ein, damals, der aus den Sozialhäusern kam, und plötzlich auftauchte und uns, die wir immer auf der verwilderten Freifläche spielten, mit einer ausladenden Schaufelrad-Geste aufforderte: „Alle mir nach!“ Am Anfang folgten wir ihm noch. Ich sowieso. Irgendwann, nach dem zehnten, zwanzigsten ‚Alle mir nach!‘ folgte ihm, wenn ich mich richtig erinnere, niemand mehr. Wir ignorierten ihn. Er wurde wütend, beschimpfte uns. Irgendwann verschwand er so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Es wurde gemunkelt, er habe sich mit anderen Kindern aus den Sozialhäusern geprügelt. Mir tat er, meine ich zu erinnern, immer auch mal leid. Seine große Geste – das Schaufelrad, der Ausspruch – hatte mich beeindruckt. Aber am Ende war nichts dahinter gewesen, seine Versprechungen leer. Er hatte uns, aber vor allem sich selbst, über seine Führungskraft getäuscht.

Waschstraße

KopfschmerzSPEZIAL, RückenSPEZIAL und Curaplan Herz Plus – damit wirbt die Krankenkasse für sich, dass ich zu ihr wechseln soll. Ich kann nicht sagen, warum mich diese Kunstbegriffe so irritieren, hat es damit zu tun, dass sie wie aus einer Autowerkstatt klingen, wo ich wählen kann, was repariert werden muss, oder mich an die Programme in der Waschstraße erinnern, je nachdem wie umfangreich das Schickmachen des Wagens sein soll?

Korrekturen

Ich träumte: Mir fällt ein Büschel Haare aus, sie liegen in meinen Händen. Meine Mutter hat einige von mir bemalte Blätter, die eine Geschichte erzählen, auf dem Kassenband eines Supermarktes ausgebreitet. Ich will sie einsammeln, muss aber noch ein Wasser kaufen, weil ich so durstig bin. Ich komme zu spät in die Schule, in der ich unterrichte. Jemand musste in der Eingangshalle auf mich warten, er wartet nicht mehr (und wird nie wieder warten). Ich musste mich an der Kasse vordrängeln, weil ich noch mal zurückgelaufen bin, um eine Flasche Wasser zu holen, als ich die Flasche aufs Band stelle, steht dort eine Cola. Ich spüre im Aufwachen, wie ich aus der Cola wieder Wasser machen will, wie ich eigentlich den ganzen Traum verändern, mich und mein Verhalten korrigieren will.

Kollateralnutzen

Höre zum ersten Mal das Wort Kollateralnutzen – und horche auf und finde mich wieder in einem Strudel von Anwendungsmöglichkeiten, die unsere Gegenwart zu bieten scheint: Kollateralnutzen ziehen aus der Verwirrung, in der viele sich empfinden, aus jeder Form von Mutlosigkeit, aus all der Unentschlossenheit, der Haltungslosigkeit, aus fehlender Führungsstärke, aus der Erosion des Vertrauens.

Sehnsucht

Wie die Frau mit den schwarz-weißen, künstlichen Krallenfingernägeln und den aufgespritzten, perfekt umrandeten Lippen ihren Hund an Brust und Bauch krauelt, liebkost, streichelt –, verrät plötzlich ihre ganze Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Fürsorge und liebevoller Zuwendung, die sie sich für sich selbst wünschen würde.

Autorität

Die junge Frau und der junge Mann in schicker Alltagskleidung strecken die Prospekte der Zeugen Jehova selbstbewusst und zugleich beherrscht-ergeben direkt in den Fluss der Feierabendpassanten. Dazu tragen sie Gesichter, als würden ihnen gerade Botschaften von irgendeiner höheren Autorität übermittelt werden, die es ihnen möglich machen, so still zu stehen.

Die verwirrende Intensität von Serien

Wie ich nach knapp 40 hintereinander geschauten Folgen von ‚Halt and catch fire‘ erschrecke, als eine Figur plötzlich stirbt, und vor dem Fernseher sitze und um sie weine, als wäre sie jemand, den ich gut kannte.

Bücher

„Bücher“, ruft meine Tochter triumphierend und erleichtert vom Sofa, nachdem sie den für sie nervenaufreibenden ‚Percy Jackson‘ fertig gelesen hat, „gehen immer gut aus!“

Fenster

Die Fenster in den Alliierten-Häusern sind sehr klein und quadratisch, es fällt mir zum ersten Mal auf. In den schicken Neubauten gegenüber sind sie bodentief und es ist leicht, jedem Bewohner im Erdgeschoss in sein Wohnzimmer zu schauen. Die Schießscharten sind dem Panorama gewichen – ich denke plötzlich, es ist auch als Zeichen zu lesen, wie sehr sich die britischen Soldaten hier noch angreifbar, wie im Krieg, fühlten, und wie sicher wir uns heute sind, dass Vorbeigehende nur schauen und uns nicht angreifen werden.

Funkeln

Die Strass-Steine im schwarzen Mohair der Mütze auf dem Kopf der Frau funkeln im Licht des U-Bahn-Ganges wirklich – wirklich! – wie die Sterne am Nachthimmel über der Küste Mallorcas.

Höher schalten

Die unendlich beflissene Unterwürfigkeit, mit der der kordhosentragende Mittfünfziger dem neben ihm stehenden Mann einen offenbar innerbehördlichen Sachverhalt erklärt, erregt meine Aufmerksamkeit. Ich höre eine Weile zu, dann fängt mich erst der klebrige Opportunismus, dann das willfährige, atemlose Zustimmungsgeheische darin so tief in meinen Eingeweiden abzuschrecken, dass ich nicht mehr hinhören kann, was der Mittfünfziger eigentlich genau sagt, sondern ich nur noch auf sein Gebaren horche und die Wirkung sehe, die es auf den Anderen hat: Er ist sich seiner Machtfülle voll und ganz bewusst, wird kurz despotisch, als er den Kordhosenträger desinteressiert abkanzelt, – was diesen gleich noch einen Gang an Unterwürfigkeit höher schalten lässt.

Artificial Intelligence

Lese, dass in dem Bücherregal von Chinas Präsident Xi Jinping zum Jahresbeginn 2017 offenbar zwei Bücher standen, die er für inspirierend hielt, um die Losung zu formulieren, wie China zu der dominanten Artificial Intelligence-Nation der Welt werden wird: The Master Algorithm von Pedro Domingos und Brett Kings Augmented: Life in the Smart Lane. Der amerikanische Autor, auf dessen Seite ich das lese, schlägt nun selbstbewusst zwei weitere Bücher für Xis Regal in 2018 vor: Life 3.0: Being Human in the Age of Artificial Intelligence and What Algorithms Want: Imagination in the Age of Computing. Ohne von einem dieser Bücher vorher gehört zu haben, staune ich über die Veränderung in den Titeln. Während letztes Jahr noch der Algorithmus und die Smart Lane das Primat zu bilden schienen, geht es bei den Titeln 2018 wieder um den Menschen, und dass er als Urheber aller AI doch noch nicht abgeschafft werden kann, mehr noch, sogar mit seinem Menschsein, seiner Kreativität und Vorstellungskraft gebraucht wird.

Problemchen

Das Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, steht neben seiner Mutter auf dem Bürgersteig, es hält seine Sitzerhöhung an den Bauch gepresst fest. Es scheint auf seine Abholung zu warten, die sich verspätet, die Mutter tippt schon nervös auf dem Telefon. Das Mädchen schaut, wie die Mutter, die Straße hinunter und sagt in einem vollkommen erwachsen klingenden Tonfall: „Jetzt haben wir aber ein Problemchen!“

Bohnen

Die abgekochten Hüllen der türkischen, weißen Bohnen schwimmen wie Quallen im Topfwasser, kurz unter der Oberfläche. Ich fische sie heraus und lege sie auf die Küchenarbeitsfläche. Als ich die herzförmigen Häute berühre und drücke, fühlen sich an wie leer – leere Herzen.

Fehler

Spüre, wie das Schimpfen mit meiner Tochter über das durch ihr Rumhampeln aus dem Schrank gewischte und nun zerschellte Glas über das Glas hinausgeht, noch während ich schimpfe, und spüre, wie ich es sofort aufhören, mich zusammenreißen will – muss –, weil ich nichts mehr so satt habe wie diese Kreisläufe aus Fehlern und übertriebenen Schuldzuweisungen, aus Missgeschicken, die durch Überverurteilung zur Beschämung führen; und alles endet in Distanz und im Schweigen.

Durchhaltevermögen

Nehme mir fest vor, bis zur Kuppe des Hügels da vorn zu joggen und spüre dann bei jedem Schritt, wie ich bereit bin, aufzugeben, natürlich weit vor Erreichen des Punktes, den ich mir vorgenommen habe. Und plötzlich denke ich: Das Durchhaltevermögen, das andere Menschen vielleicht beim Sport einüben, übe ich beim Schreiben. Dort geht es immer wieder darum, Kuppen zu erklimmen von selbstgestellten Hügeln oder Bergen, im Wissen, dass das nicht die letzte Kuppe war; und mich verlässt nie die Kraft, weiterzumachen, weiterzugehen, weiterzuforschen. Neugierde und der Wille, dass das wahr wird, was lang nur Idee ist, ersetzen mir hier das sonst disziplinarisch verordnete Durchhaltevermögen.

 

Das scheinbar Unmögliche

Um dem Nihilismus zu entgehen, lese ich bei Alan Badiou, müssen wir das scheinbar Unmögliche tun, nämlich Wahrheiten bejahen: In der liebenden Begegnung, in der Erneuerung der Wissenschaft, im künstlerischen Schöpfungsakt und in der emanzipatorischen Politik, – gegen die Wohlstandsethik, deren einziger Inhalt der Tod der positiven, absolut gesetzten Wahrheit ist.

Martin Luther

Die Netto-Kassiererin mit der strubbeligen Frisur und den schwarzen Rändern unter den Fingernägeln sagt, halb zu ihrem hinter ihr sitzenden Kollegen gedreht: „Dann haben wir Martin Luther eingeholt.“ Ich denke erstaunt lediglich an Martin Luther und frage mich, worin sie beide ihn eingeholt haben, als mir bewusst wird, dass sie offenbar einen Netto-Laden auf der Martin-Luther-Straße meinen muss, den sie mit irgendwas – Umsätzen, Verkäufen etc. – eingeholt haben müssen.

Kommunisti

Die russischen Jungs albern herum. Einer nennt einen anderen Kommunisti. Sie lachen laut auf. Ey, du Kommunisti. Es klingt, so wie es der Junge betont, etwas wie ein Schimpfwort, aber auch wie ein Witz. Sie sagen es sich gegenseitig auf den Kopf zu, die ganze Treppe runter: Kommunisti, und biegen sich vor Lachen, Schadenfreude, Schabernack.

I bims

Lese an der Wand in einer endlosen Reihe itsme itsme itsme. Muss an i bims denken, was wohl neues Jugendjargonwort des Jahres geworden ist, und dessen Entstehung ich mir so erkläre: Wegen Weglassung des Apostrophs zwischen bin und es wurde vom Rechtschreibprogramm bims vorgeschlagen, wie Bimsstein vielleicht. Sprich, es ist die deutsche Version von itsme. Aber vielleicht liege ich da auch vollständig falsch. Ich könnte es mal recherchieren.

Schöne Begegnungen

Hanns-Josef Ortheil schreibt in seiner Berlinreise – Tagebuchnotizen, die er als Zwölfjähriger gemacht hat, als er 1964 mit seinem Vater nach Berlin reiste –, über etwas, das er von seiner Mutter gelernt habe: „Schöne Begegnungen“. Als ich meinem Zwölfjährigen davon erzähle, fragt er mich, was „Schöne Begegnungen“ genau seien. Ich glaube, ich kann ihm den Zauber nicht ganz erklären, nehme mir aber vor, es ihm zu vermitteln, wie Ortheils Mutter es ihrem Sohn vermittelt hatte: Was für eine Schönheit in Momenten des zufälligen Zusammentreffens mit Menschen liegen kann, die einem vorher fremd waren, und nur dadurch, dass man miteinander redet, Gedanken, Haltungen, Sichtweisen austauscht, fühlt man sich dem Anderen beim Auseinandergehen verbunden, in einer Weise, die den Moment überdauert.

Walnuss

Vielleicht ein absurdes Dada-Gedicht, eine Geheimbotschaft, ein verschlüsselter Code, so steht in lila Eddingschrift an der weißen Kachelwand:
Der Rabe und die vier Schreibtische.
Diese Walnuss ist wichtig.

Antwort

Der Vorteil eines Hundes, denke ich – als ich an dem professoral wirkenden Mann vorbeigehe, der aufmunternd-zärtlich mit seinem kleinen Hund spricht, der sich aus irgendwelchen Gründen nicht vom Fleck bewegen will –, der Vorteil eines Hundes ist, dass man in der Öffentlichkeit Grund hat, vor sich hinzureden; und dass man nie auf Antwort warten muss.