abschied von den illusionen

Ängste

Schreibe über die Lähmung, in der meine Figur ist, in Angst um ihr Leben, – diese vollkommene, alles umfassende Bewegungslosigkeit, Starre. Und denke plötzlich, dass es das Gefühl trifft, was in der U-Bahn, auf der Straße hier grad spürbar ist: die angstvolle Starre vor dem, was kommen mag (am Sonntag oder in weiterer Zukunft), was sich Bahn bricht.
In der Geschichte begreift die Figur langsam, dass in Wirklichkeit doch nicht das passiert, was ihre Ängste ihr vorausgemalt haben – und sie immer noch am Leben ist, und etwas verändern kann. Und es erinnert mich wieder daran, wie tief und fest ich selbst mal davon überzeugt war, dass ich die Realität so wahrnehme wie sie wirklich ist, und nicht, dass alles, was ich wahrnehme, fühle, erlebe, in einem sehr profunden Sinne das Werk meiner Ängste ist, die mir sagen, dass ich nichts verändern kann, dass ich nur starr bewegungslos der Dinge zu harren haben, die da kommen mögen.

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Amsel

Beobachte heute Morgen die Amsel, die mit geducktem Kopf schnell über den Rasen trippelt. Ihr Gefieder ist so tiefschwarz, es scheint wie etwas zu sein, das Licht und Farbe vollständig absorbiert. Schon als Kind haben mich die Amseln von allen Vögeln im Garten am meisten fasziniert. Für einen Augenblick bin ich dem Kind, das ich damals war, das die Amsel im Blick hatte, wieder sehr nahe.

Facebook

Wie ein Ziehen durch mich durchgeht, während ich einen Film über Facebook schaue und die Kamera langsam an Mark Zuckerbergs noch jüngeres Gesicht auf dem Foto heranzoomt: Und ich diffus von der Erinnerung, dass er Facebook nur aus dem nachvollziehbaren Bedürfnis gegründet hat, um mit anderen Menschen verbunden zu sein, zu dem Gedanken springe, dass er daraus aber jetzt etwas geformt hat, das vor allem eins ist: ein Markt. Und ich plötzlich das Gefühl nicht loswerde, da redet engelsgleich ein als Schaf verkleideter Wolf von Gemeinwohl, Gemeinschaft und Community –, während im Hintergrund die Geißlein gezählt werden, die einen unendlichen Markthunger stillen sollen.

 

Weltraumauge

Sehe durch Zufall genau in der Minute in den Livestream, als die NASA-Wissenschaftler den Kontakt zu ihrer Sonde verlieren. Und obwohl es so geplant war, sie den Sturz auf den Saturn selbst veranlasst haben, ist ihnen ihre Bestürzung und Trauer über den Abschied von der Sonde, die 20 Jahre lang ihr Auge im Weltraum war, an den Gesichtern abzulesen.

Ihre Präsenz

Wie Angela Merkel von dem Großplakat herunterschaut auf die, die an ihr vorbeifahren. Das Kinn leicht erhoben, der Blick milde und siegesgewiss. Wie eine Übermutter, die sich sicher ist, dass ihre Kinder keinen Unfug im Hof machen werden. Sie scheint schier durch ihre Präsenz für sich auszuschließen, dass es zu wütenden Handlungen, Frustwahlen, Denkzetteln etc. kommen mag.

 

 

 

Krass, hingehen

Hingehen ist wie Fenster aufmachen, nur krasser (steht auf einem Plakat für ein Violinen-Konzert). Hinschauen ist wie wegschauen, nur krasser (spricht es von einem RBB-Plakat herunter). Und ich sinniere nach diesen doppelten Aufforderungen zu krassen Handlungen, was für mich eigentlich eine krasse Handlung wäre.

 

 

My Twitter feed: A dystopian reality show

„Every time I sit down to write (…), I’m distracted by the endless churn of my Twitter feed. I am certainly procrastinating, but I also feel an almost physical jolt of anxiety every time I click away from the latest in America!: a dystopian reality show.“
(Jess Grose, Lenny editor in chief)

Insel der Seligen

An der RTL-Image-Kampagne bleibt mein Blick hängen. ‚Gutes Herz‘ verspricht das eine Plakat (für Bauer sucht Frau), wenig später ‚Gute News‘ für die Nachrichtensendung. Ich stolpere über das ‚Gute‘, wie es Hintergedanke der Kampagne sein mag: Hier, wenn du RTL schaust, bekommst du es mit guten Herzen zu tun. Mit aufrechten Gefühlen, mit wahren Nachrichten, mit schönen Meldungen, kurz, mit allem, was gut, ehrlich und richtig ist. Auf dieser Insel der Seligen.

Angegriffenheit

Als ich flüchtig und durch Zufall über die Sache mit dem Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule lese, komme ich über einen Gedanken nicht hinaus: Warum sich Menschen zur Zeit so schnell so elementar angegriffen fühlen. Dann lese ich das Gedicht und frage mich das noch mehr. Es scheint, egal was, zum Angriff zu taugen. Die ausbrechende Wut, das Angegriffensein, scheint gleich weit über das eigentliche Ereignis hinauszuschießen. Wie der Moment in der S-Bahn, letztens, als ein Mann zwischen zu vielen Fahrradfahrern seinen Platz bedroht sah und das Fahrrad einer Frau zur Seite riss, womit sich das Ganze in eine wilde, trostlose Keilerei im halben Abteil auswuchs –; und wonach die Umsitzenden mehrheitlich ratlos dreinschauten, von den Erschütterungen noch aufgeraut, aber auch angewidert wirkten, einfach davon, dass der Mann den Platzmangel am Anfang so existenziell auf sich bezogen hatte, sich davon so elementar allein bedroht sah, obwohl es einfach für alle eng gewesen war, und man sonst ja auch die Fähigkeit mitbrachte, höflich umeinander herum, friedlich zu koexistieren.

Migration

Was stört mich an dem Plakat des Künstlerinnen-Kollektivs, das bei mir im Bürohaus hängt? Auf dem Plakat steht: Migration = Bereicherung. Ich brauche lange, bis sich mir mein Unbehagen erschließt. Alle Geflüchteten, die ich bis jetzt kennengelernt habe, empfinden ihre Migration nicht als Bereicherung ihres Lebens, sondern als eine Verarmung – den Verlust des Eigenen, der Heimat, der Muttersprache, der Familie. Sie seien nicht mehr dort, und auch nicht hier. Beim Thema Migration von Bereicherung zu sprechen –, das kann man nur aus einer sicheren Position heraus: aus der Perspektive eines Menschen, der nie in seinem Leben flüchten musste.

Motherboard

Ein junger Mann geht an mir vorbei, er geht neben einer Frau, die ihm sehr ähnlich sieht, ich bin mir sicher, dass es seine Mutter ist. Im Gehen sagt er: „Das liegt daran, dass dein Motherboard gar nicht existent ist.“ „Wat sagste?“, fragt die Mutter zurück.

Hund und Gedicht

Eine Mops-Dogge läuft mir in der Unterführung entgegen – ich kenne mich mit Hunderassen nicht aus –, es ist nur genau so ein Hund wie in Jim Jarmuschs ‚Paterson‘, den ich erst vor Tagen gesehen habe. Das platte, mürrische, schrotig-tumbe Gesicht, die hängenden Lefzen, der breitbeinige, schaukelnde Gang. Der Hund ist ohne Leine, und ich bin erstaunt, als eine junge Frau ihm folgt.
Im Film frisst dieser Hund das Notizbuch von Paterson auf. Zerlegt die Seiten, auf denen seine Gedichte stehen, zu Schnipseln. Es hatte mir physisch weh getan, das zu sehen. Wegen der Gedichte, der Folgen für die Beziehung (der Hund gehört seiner Freundin), wegen Patersons Zögerlichkeit, seiner Angst, die Gedichte zu zeigen, weshalb er sie nicht kopiert hatte, und sie nach dem Auffressen durch den Hund alle verloren waren.

Regionalexpress

Der schwäbisch sprechende Vater redet ununterbrochen mit seinen circa eineinhalbjährigen Zwillingen in ihrem ausladenden Doppel-Kinderwagen. Er interpretiert jedes Geräusch, das sie von sich geben. „Da“, sagt eins der Kinder und zeigt auf einen vorbeifahrenden Zug. „Ja, das ischt ein Zug. Ja, wo fährt der Zug denn hin?“, schwäbelt der Vater, „fährt der nach Pjöngjang? Oder nach Sydney? Oder fährt der nach New York?“ Ich versuche, aus seiner Betonung herauszuhören, ob er das witzig meinte, glaube es aber nicht. Es klingt eher wie ein Freud’scher Versprecher aus dem Bedürfnis heraus, als Vollzeitvater nicht den Anschluss an die Welt zu verlieren. Schließlich ist der Zug ein Regionalexpress gewesen.

Dasein

Die ruhige, tiefe, ehrliche Überzeugung, mit der der Kammerjäger auf meine Frage, was ich mache, wenn die Mäuse wieder überhand nehmen, sagt, „Dann komme ich wieder. Dafür bin ich doch da“; – und wie ich denke, dass ich längere Zeit nicht mehr ein so klares Statement auf die Sinnfrage, wozu wir da sind, gehört habe.

Geschickt

Sehr geschickt hat, wie ich finde, die CDU die schwarzen, roten und goldenen Streifen der Fahne auf ihren Wahlplakaten grafisch zu einer Art Stola aufgelöst – so dass es so wirkt, als wäre die Deutschlandfahne ein wärmendes, alle Beteiligten umfangendes und verbindendes Tuch. Weiterhin, und das ist vielleicht noch geschickter, wird die CDU als Partei identisch gemacht mit der Fahne, also mit Deutschland. Denkt man das zu Ende – CDU=Deutschland – dann gibt das dem ja von der Kanzlerin erfundenen Begriff ‚alternativlos‘ noch mal eine interessante Nuance.

Konto

„Entspannt vom Bett aus dein Konto checken“, wirbt die Sparkasse. Ich gehe vorbei und denke: Gibt es Menschen, die entspannt ihren Kontostand checken?

Willkommen zurück in Berlin

„Hamse des nich kleinah?“, pflaumt mich die Verkäuferin am Bahnhof an, als ich das Brötchen für 2,80 mit einem Zwanzig-Euro-Schein bezahlen will. Gleich zurechtgestutzt schaue ich eilig nach und verneine – noch von der Freundlichkeit in Frankreich beeinflusst – höflich. Voll Abscheu sammelt sie aus der vollen Kasse ohne Probleme das Wechselgeld zusammen – und bewegt sich danach keinen Zentimeter mehr. Ich muss mich über den Tresen auf sie zustrecken, um ihr Brötchentüte und Wechselgeld aus der Hand zu nehmen.

Alles anders

Fahre mit dem Fahrrad durch das Wäldchen zum Einkaufen, kurz nach dem Regen, die kühle Luft an den nackten Armen. Und ich muss plötzlich daran denken, wie ich früher nach der Schule mit dem Fahrrad zum Leichtathletiktraining gefahren bin, durch die grünen Baumschulfelder, den Tunnel hoch, zum Sportplatz, die Luft oft regenfeucht im norddeutschen Sommer. Es ist das gleiche Gefühl an den Armen, damals wie jetzt, nur ist sonst alles anders.

Abschiedsschmerz

Die Traurigkeit, die mich befällt, beim Schreiben der letzten Sätze, wie ein Abschiedsschmerz. Weit hinten hallt es in meinem Kopf: Hab ich alles erzählt, was ich erzählen wollte? Es erscheint mir fast wie zu fragen: Hab ich bisher gelebt, wie ich leben wollte?
Es bleibt nur ein diffuses Gefühl. Und darüber legen sich gleich die altbekannte, allgemeine Unsicherheit und der rüttelnde Zweifel und ich verliere das Vertrauen. Was ja genau mein Thema ist, wovon die Geschichte erzählt. Und ich spüre plötzlich, dass der allgemeine Abschiedsschmerz auch mit dem Schmerz der Scham zu tun hat, grundsätzlich falsch zu sein, alles falsch gemacht zu haben, das Vertrauen anderer nicht zu verdienen, es verspielt zu haben, es nie wieder zurückgewinnen zu können – all das, worum es in der Geschichte, von der ich mich grad verabschiede, geht.

Die undefinierbar grau-braunen Augen der Beatrix von Storch

Die AfD-Politikerin entert den Raum durch die Hintertür, ihre sechs Bodyguards schwärmen aus wie paramilitärisch geschulte Insekten und umstellen den Tisch, an dem sie sich niederlässt. Sie schaut nicht von ihrem Smartphone auf. Die Bodyguards tragen  Gesichter wie Masken, Technikstöpsel in den Ohren und Mini-Mikrophone an den Hemdkrägen. Es ist eine öffentliche Diskussionsrunde: Kandidaten auf dem heißen Stuhl. Nach zwei Runden kommt Frau von Storch an den Tisch, an dem auch ich sitze. Einige stehen auf, weil sie nicht in ihrer Nähe sein, ihr auch keine Fragen stellen wollen. Ich sitze relativ nah am Heißen-Kandidaten-Stuhl. Sie hat große Augen, schaut mir, als ich sie nach ihrem Frauenbild frage, direkt in die Augen – jedoch mit einem Blick, der nicht bis in meine Augen zu reichen scheint. Erst denke ich: wässrig. Aber das ist es nicht. Es hat auch mit der undefinierbaren Augenfarbe zu tun. Sie hat einen abgeklärten, vor ihrem Gesicht kreisenden, ganz an den Rändern von Einsamkeit umflorten Blick. Sie trägt eine Goldkette, an der ein Kreuz hängt und, ich glaube, ein Sternzeichenemblem. Sobald sie anfängt zu reden, wandelt sie sich. Sie strahlt eine arrogant-trotzige Angriffslust aus. Sie gerät in eine beißende Freude, anders als die anderen Politiker im Saal zu sein, eigentlich anders als alle hier zu sein. Die physisch spürbare Unversöhnlichkeit und Ablehnung stachelt sie an. Und während sie mir antwortet, ist mir, als fiele langsam eine schwere Tür zu, die einen fensterlosen Raum luftdicht verschließt. Was sie sagt, ist in sich selbst stimmig, kohärent, aber am Ende ist der Raum abgedichtet, keine Luft zum Atmen mehr.
Während sie aufsteht und den Tisch verlässt, hebt sie ihr Kinn in einer sich selbst bestärkenden Weise: Ich habe gesiegt. Dann eilt sie an den nächsten Tisch, den ihre Bodyguards schon umstellt haben.

Gender-Sternchen

Bekomme eine Einladung vom Landesfrauenrat. Liebe Frauen*, so beginnt der Brief. Warum ein Sternchen hinter Frauen? Unsere Frauen*stimmen sind so vielfältig…, was soll nun dieser Stern zwischen Frauen und ihren Stimmen? Es kommt noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer Gender-Sternchen im Text. Ich merke, wie mich jedes Sternchen ein bisschen ungehaltener macht, wie ich Lust bekomme, eine Mail zu schreiben: Liebe Damen vom Landes*frauen*rat, was ist Ihr Problem mit dem schönen Wort Frauen…?

Sachverständiger

Der Mann mir gegenüber sieht aus wie Wotan Wilke Möhring. Er trägt ein weißes, kurzärmliges Hemd auf dessen Brusttasche: Sachverständigen-Büro Berlin steht. Er ist leicht gebräunt, muskulös und schaut sich selbstbewusst um. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Ich frage mich kurz, ob es vielleicht der Schauspieler ist, der für eine Rolle als Sachverständiger übt und dafür mit der S-Bahn durch Berlin fährt, verwerfe den Gedanken aber schnell. Auch, weil ich dem Wort Sachverständiger nachhänge. Das plötzlich, bei genauer Betrachtung, vieles auf einmal ist: rational, anmaßend, lächerlich, deutsch, verlässlich und doch auch tief von etwas distanziert.

Gepäck

„Ich packe meinen Koffer“, sagt der Lehrer zu den Kindern seiner Grundschulklasse, die um ihn herum in den Sitzreihen der S-Bahn sitzen, „und nehme mit: ein Tablet, einen Fidget Spinner und mich.“

Komplettes Vergessen

Ich beobachte die circa fünfzigjährige Lidl-Kassiererin, die eine türkise Papierblume in ihr schütteres Haar gesteckt hat, türkise Strass-Ohrringe und einen türkisen Lidschatten trägt, und bei aller drohenden Lächerlichkeit einen würdevollen Mut ausstrahlt, einen unbedingten Willen zur Gestaltung. Als ich im Büro die nun drei Getränke-Bons in meiner Tasche finde, die ich endlich hatte abgeben wollen, wundere ich mich: und spüre so klar wie selten den Zusammenhang zwischen meinem ewig währenden Hobby des Beobachtens und dem kompletten Vergessen dieser Sache, die mir noch fünf Minuten zuvor gegenwärtig gewesen war.

Unterschied

Ich bin am Morgen im Begriff, zu meiner verträumten, trödelnden Tochter zu sagen: Dass du immer so langsam bist. Aber beim: Dass du schon merke ich, dass ich nicht sagen will, dass sie langsam ist, sondern dass sie alles so langsam macht. Ich sage: „Dass du immer so langsam machst“, und nehme mit Erstaunen den kleinen aber entscheidenden Unterschied wahr, von nur einem Wort. Sie ist nicht das, was ich ihr zuschreibe. Sie verhält sich nur so. Und der Grund, warum mich das stresst, liegt allein bei mir.

Wenn ich Busfahrerin wäre

Sinniere darüber, wie ich das handhaben würde, wenn ich Busfahrerin wäre, und ich sehe im Rückspiegel einen Menschen, der rennt und rennt, um noch den Bus zu erreichen –, und ob ich was taugen würde als Busfahrerin, weil ich eher immer stehen bleiben und warten würde, jeder, der sich so anstrengt, hat doch sein Ziel verdient; oder ob ich die vorsätzlich unbeeindruckte Miene der meisten Berliner Busfahrer aufzusetzen imstande wäre, die Türen mit Schmackes schlösse und losführe, in diesem kleinen Alltagsspiel aus Macht und Ohnmacht, deswegen aber nicht ständig zu spät an die Haltestellen käme, womit ich mir viel Unmut anderer Fahrgäste ersparen würde, sicher.

Nicht verstecken

Ich lese die Worte von Chelsea Manning, die sie in einem langen Portrait in der New York Times sagt: „Let’s protect sensitive sources. Let’s protect troop movements. Let’s protect nuclear information. Let’s not hide missteps. Let’s not hide misguided policies. Let’s not hide history. Let’s not hide who we are and what we are doing.“ Und kann nur noch feststellen, wie ich sie bewundere für diese Klarheit und Ehrlichkeit, für den Mut, den sie bewiesen hat, für ihren Willen, der Mensch zu werden, der sie ist, und das zu machen, was ihre Überzeugung ist; für diese Wahrhaftigkeit.

Paradise

Ein dicker, kleiner Mann steht im hellen Sonnenlicht an der Ampel, er trägt ein ausgeblichenes T-Shirt, es spannt über seinem Bauch: eine sexy Blondine, die breitbeinig im Sand am Saum einer Welle kniet, ihr knapper Bikini ist aus den Stars und Stripes der amerikanischen Flagge. Oben auf dem T-Shirt steht in großen Lettern: PARADISE.

Ich muss an den Ex-FBI-Chef James Comey denken, an seine Aussage vor dem Ausschuss gestern, als es bei aller Gefasstheit und Konzentration plötzlich aus ihm herausbricht: wie er „this great and messy country“ lieben würde, weshalb es unumgänglich sei, dass er das mache, was er mache, um den Leuchtturm auf dem Hügel zu erhalten, wie er es nannte.

Donner

Ich höre das Donnergrollen über den Dächern, es lässt die dünnen Fensterscheiben vibrieren. Und ich kann mir einen Moment lang wirklich vorstellen, wie Menschen zu einer Zeit, als es noch keine Erklärungen für allerlei gab, denken mussten: Das ist der wütende, fürchterliche Zorn eines unberechenbaren Gottes.

Schmerzen

„Schluss mit dem Schmerz!“, titelt der Focus. Einmal aufmerksam, stoße ich gleich auf einen Artikel, in dem Herr Schmelz von der Deutschen Schmerzgesellschaft zitiert wird. Ich stutze, weil ich den Namen des Vorsitzenden wirklich erst mit R statt mit L gelesen habe. Und ich stutze auch, weil ich merke, dass ich das Wort Schmerz viel umfassender nehme, als der Vorsitzende (oder der Focus) es tun. Selbst die Deutsche Schmerzgesellschaft habe ich zuerst für eine Gemeinschaft von Schmerzempfindenden gehalten. Und – Rätsel der sprunghaften Lektüren –: kurz darauf stoße ich auf einen Satz von C.G. Jung, in dem er sagt, dass die Grundlage aller psychischen Erkrankungen die Vermeidung von Schmerzen sei.

Moment

Ich schaue in das Innere des sandgelben, alten Mercedes‘ – ein Strich-Achter?, nein, dieses Coupé mit dem speziellen Namen, auf den ich nicht komme – und mir schlägt im gleichen Moment ein dumpfes Gefühl gegen die Brust. Ich gehe weiter, etwas im Taumel. Es war, als hätte ich einen Augenblick lang zurück in meine eigene Vergangenheit geschaut. Die dort war, in diesem Wagen, als Beifahrerin, während ich hier auf dem Bürgersteig stehe. Dazwischen liegen unerklärlich viele Jahre. Kurz zusammengeschrumpft auf diesen Moment.

Dulden

Eine Berlinerin mit starkem Wa-icke-ditte-Akzent liest ihrer Sitznachbarin etwas Erbauliches vor, das sie in einem ihrer Chats gefunden hat; die Rundmail einer Freundin, eine weitergeleitete Kolumne, so was in der Art. „Keene Zeit mehr für Menschen, die allet schlecht machen. Keene Zeit mehr für solche, die immer nur vertuschen wollten oder manipulieren. Keene Zeit mehr für Lügner und solche Arschlöcher….“
Während sie noch weiter vom Display ihres Telefons abliest, sagt die andere: „Ist doch richtig, wa? Stimmt doch. Man duldet so viel Scheiß, stimmt doch, wa?“

Und ich muss an ein Gespräch mit einer Hamburgerin denken, letztens, über den Berliner Flughafen und den Zustand der Schulen, in dem die Frage aufkam, woher das rührt, dass die Menschen in Berlin so viel dulden. Dulden und aushalten und hinnehmen.

Verdichtung

Die Grünen nehmen eine Verdichtung vor, lese ich. Sie verdichten ihr Wahlprogram auf zehn übersichtliche Punkte. Punkt acht: Liebende heiraten lassen – daran bleibt meine Aufmerksamkeit hängen. Ich glaube, ich habe das Wort Liebende noch nie auf einem Wahlplakat gelesen.

Goldketten

Eine schick angezogene junge Mutter und ihr circa Zweijähriger, in dessen paar Haare eine Fußballer-Iro-Frisur einrasiert wurde, tragen beide identisch dickgliedrige Goldketten um ihre Hälse. An ihrer Kette hängt ein grüner Stein. An seiner ein weißer Plastikschnuller.

Gute Laune

Wenn es die Taktik der Russen in ihrem Informationskrieg ist, durch Reflexive Control ihre Ziele zu erreichen – was definiert wird als Methode, den Feind durch präparierte Informationen so zu beeinflussen, dass er am Ende eine Entscheidung trifft, die für ihn selbst äußerst unvorteilhaft ist – wenn das die Taktik ist, dann offenbart sich dieser Tage – meine Meinung –, wie sie just die Ziellinie kreuzt. Das Land, das Russlands größter Feind ist, hat sich entschieden, einen Präsidenten zu wählen, der sein Land zerlegt. Kein Wunder, dass Putin gute Laune hat.

Blindenhund

Sehe den gescheckten Blindenhund, der nahezu hoheitlich auf dem Bahnsteig steht, umsichtig, wachsam, als wäre ihm die Verantwortung für sein Herrchen mit jeder Faser seines Körpers bewusst – und denke seltsamerweise an eine Passage bei Robert Harris, wo er Stalin zitiert:  „Dankbarkeit ist eine Hundekrankheit“. Mich springt wieder die menschenverachtende Grausamkeit dieser Aussage an, nur durch den Kontrast zu dem vertrauensvollen Miteinander, das Mensch und Tier hier teilen.

Konsterniert

Wie konsterniert die drei Show-Boys neben dem jungen Portugiesen stehen, als er seinen ESC-Sieg nutzt, um sein Anliegen, was Musik wieder sein sollte, vorzubringen. Ihr Fantastic! hängt wie Blechgold in der Luft. Sie werden neben ihm zu Clones, die man dabei erwischt hat, als echte Menschen durchgehen zu wollen. Und sie geraten in eine Irrlichterei, eine trotzige Arroganz, grinsen in Schablonen weiter, dass sie mir fast ein wenig leid tun, auf so großer Bühne entlarvt worden zu sein.

Bäume in der Leere

‘It is all planting trees in the void‘, lese ich. Ich muss void nachschlagen. Es geht nur darum, Bäume in der Leere zu pflanzen. Ich starre auf die Worte auf dem Bildschirm und bin wie gebannt. Knapper und bildhafter habe ich das noch nie gelesen, das, was mir diffuser Wunsch und Antrieb ist.

 

Täuschung

Dass meine Hoffnung nur ein Mangel an Informationen sein soll, mag ich nicht glauben. Mein ganzes System sträubt sich, ich spüre die große Kraft dagegen. Denn die Desillusion reicht so tief. Wenn ich ein alter Brunnen wäre: bis nach unten auf den Grund. Im ganzen Schacht sitzt die Ahnung der Täuschung, und das Aufwachen fühlt sich an wie ein dumpfer, heißer Schmerz, den ich vermeiden will.

Gesang

Die Sängerin kommt aus der hinteren Tür der Kapelle. Sie fängt an die Arie zu singen, erst zart und noch zurückhaltend, dann voll und mit einer Kraft, die gegen den Tod zu prallen scheint. Eine Wucht, die so groß ist, dass sie – so denke ich in dem Augenblick – den Verstorbenen, der unweit vor ihr in einem schlichten Kiefernholzsarg liegt, wieder zum Leben erwecken muss.
Es ist, als habe der Mensch nur dafür den Gesang erfunden; dass er auf die Stille prallt, der Unbegreiflichkeit des Todes entgegensteht, uns aufbricht, zu uns durchdringt, uns berührt; dass wir spüren, was es heißt, lebendig zu sein.

Hände

Mein elfjähriger Sohn greift nach meiner Hand auf dem Weg zum Bus. Wir gehen nebeneinander und halten uns an den Händen, und es trifft mich: ein tiefes Glück und allergrößte Traurigkeit zugleich, weil er das nicht mehr oft machen wird, weil es eine Geste aus Gewohnheit war, weil seine Hand noch klein ist und er dennoch den kräftigen Griff eines Jungen auf dem Weg in die Pubertät hat; weil einfach eine Zeit zu Ende geht.

Toiletten

In der Schule der Kinder war ein ganztägiger Workshop von der German Toilet Organization. Ich kann’s kaum glauben, aber meine Tochter erzählt begeistert, fast euphorisch, was sie fünf Stunden lang gemacht haben (Begehungen, Vorschläge für den korrekten Gebrauch, Klorollenkunst), und wie nett die Kursleiterin war und was sie durch sie alles über Toiletten gelernt hat –, dass ich am Ende beeindruckt bin, nicht nur, dass es so eine Organisation überhaupt gibt, sondern wie sich jemand noch dem abwegigsten Thema vorbehaltlos nähert und daraus eine unterhaltsame Geschichte strickt.

Lösungen

Lese, wie Thea Dorn in einem Interview sagt, die Arbeit von Schriftstellern sei getan, wenn es ihnen gelänge, Ängste präzise aufs Papier zu bringen. Politiker hätten dagegen einen schwierigeren Job: sie müssten Lösungen vorschlagen.

In mir protestiert etwas. Gute Literatur enthält eine Lösung für die Figur. Zu der sie  kommt, weil sie mit ihren Ängsten konfrontiert wurde, wodurch sie am Ende der Geschichte wachsen konnte. Es ist ein Problem, wenn wir beim Aufzeichnen der Ängste stehen bleiben. Der phantastische Raum der Literatur reduziert sich so selbst. Wozu sollte ich das lesen, was ich im wahren Leben genauso habe? Mir fällt Elisabeth George ein, die sagte: Da zwei Sachen im Leben sicher seien – der Tod und das Zahlen von Steuern – haben wir Autoren die Aufgabe, spannende Geschichten zu erfinden, die uns von dieser Realität ablenken, ihr aber auch etwas hinzufügen: nämlich die Möglichkeit von Wachstum, Perspektivveränderung, zweiten Chancen, eines neuen Beginns.

 

Erlebnisprämien

Auf dem Nutella-Glas steht: Punkte sammeln für Top-Erlebnisprämien. Während ich die Nutella aufs Brot streiche, frage ich mich: Punkte für Prämien – okay. Aber Top-Erlebnisprämien? Ein Erlebnis als Prämie? Prämienerlebnisse? Punkte für Erlebnisse? Und was ist ein Top-Erlebnis? Ich pack die Brote in die Papiertüte und komme zu keinem Schluss.

Aufrichtigkeit

Heute habe ich so klar wie lange nicht mehr gespürt, wonach mir der Sinn steht, worum es mir geht in meinem Leben. In einer von Täuschungen, Manipulationen, Heuchelei und Falschinformationen übervollen Zeit suche ich nach Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, einem anständigen, unverstellten Miteinander; und frage mich (und bin mir sicher), dass es vielen Menschen genauso geht, dass wir das Gleiche suchen, diese Sehnsucht, dieses grundlegende Bedürfnis, miteinander teilen.

Ausmalen

„Ausmalen ist das neue Yoga“, verspricht eine Werbung für ein Buch mit vorgezeichneten, ganzseitigen Blüten-und-Blätterbildern. Die einzige Ruhe, habe ich letztens sinngemäß irgendwo gelesen, fänden wir zerstreuten, vom ständigen Rumor fast verrückt gemachten Menschen nur noch, wenn wir uns wieder der phänomenologischen Betrachtung, der Beobachtung des Kleinen, des Details, hingeben. Blütenbilder, um zur Besinnung zu kommen? Nein, ich möchte doch lieber die Welt betrachten, meine Mitmenschen, all das Wilde und Unfassbare unserer Natur.

Vertrauen

Und dann spüre ich, wie die ganze Zeit das unterm Schreiben liegt: Wenn wir unser Vertrauen verlieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Wenn wir uns nicht mehr vertrauen, vertrauen wir nichts und niemandem mehr. Wir sind in einem elementaren Zustand von Feindschaft, Zerstörung und Angst, jeder in und mit sich selbst, mit allen anderen. Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen. Der Wille, ein Mensch zu sein.

Feindschaft

Feindschaft, lese ich in dem Freitextbeitrag von Norbert Niemann, sei die letzte verbliebene Freiheit unserer Zeit. Karl Kraus habe das schon 1914 festgestellt: „Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit der Feindschaft gelassen.“
Nach dieser Logik sind wir nur noch frei (mindestens) in der sportlichen Konkurrenz, mehr jedoch frei in der Demütigung, in der Macht über Ohnmächtige, in der Grausamkeit gegen alle, die von irgendetwas weniger haben als man selbst. Freiheit im Gegeneinander, Freiheit im Krieg.
Etwas in mir sträubt sich gegen den Gedanken. Ich kann nicht sagen, ob ich die Brutalität und die gegenwärtigen Bezüge darin nicht wahrhaben möchte, oder ob an der Logik etwas nicht stimmt.

Wut

Die Türen der U-Bahn gehen auf, die ältere Frau prescht aus der Tür und schreit dabei: „Jetzt lassen Sie mich erst mal durch!“ Jedoch stand ihr keiner im Weg. Ich muss an den Moment denken im Supermarkt, als ich gedankenverloren meinen Wagen hinter mir stehen lassen hab, beschäftigt mit dem Einpacken von Brötchen, und es plötzlich schepperte und mein Wagen einige Meter den Gang hinunterrollte. Eine mittelalte Frau hatte ihren Wagen voller Wut in ihn gerammt und rief auf meine Frage: „Was is denn nu passiert?“ zurück: „Wenn Sie den Weg blockieren!“

Ohne Worte

Eine Gruppe älterer Teenager: sie treten und kickfighten sich gegenseitig, mitten in der Einkaufsstraße. Sie brüllen herum und beanspruchen viel Platz für sich. Die Passanten weichen aus. Im Vorbeigehen trifft mein Blick den Security-Mann vor dem Brillenladen. Während ich noch denke, was er wohl unternehmen wird, sagt er zu mir: „Ohne Worte.“ Ich stimme ihm spontan zu, und bin dann irritiert über mich selbst. Weil, was ich eigentlich machen muss, ist ja zu den Teenagern hinzugehen und mit ihnen zu reden.