abschied von den illusionen

Gender-Sternchen

Bekomme eine Einladung vom Landesfrauenrat. Liebe Frauen*, so beginnt der Brief. Warum ein Sternchen hinter Frauen? Unsere Frauen*stimmen sind so vielfältig…, was soll nun dieser Stern zwischen Frauen und ihren Stimmen? Es kommt noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer Gender-Sternchen im Text. Ich merke, wie mich jedes Sternchen ein bisschen ungehaltener macht, wie ich Lust bekomme, eine Mail zu schreiben: Liebe Damen vom Landes*frauen*rat, was ist Ihr Problem mit dem schönen Wort Frauen…?

Sachverständiger

Der Mann mir gegenüber sieht aus wie Wotan Wilke Möhring. Er trägt ein weißes, kurzärmliges Hemd auf dessen Brusttasche: Sachverständigen-Büro Berlin steht. Er ist leicht gebräunt, muskulös und schaut sich selbstbewusst um. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Ich frage mich kurz, ob es vielleicht der Schauspieler ist, der für eine Rolle als Sachverständiger übt und dafür mit der S-Bahn durch Berlin fährt, verwerfe den Gedanken aber schnell. Auch, weil ich dem Wort Sachverständiger nachhänge. Das plötzlich, bei genauer Betrachtung, vieles auf einmal ist: rational, anmaßend, lächerlich, deutsch, verlässlich und doch auch tief von etwas distanziert.

Gepäck

„Ich packe meinen Koffer“, sagt der Lehrer zu den Kindern seiner Grundschulklasse, die um ihn herum in den Sitzreihen der S-Bahn sitzen, „und nehme mit: ein Tablet, einen Fidget Spinner und mich.“

Komplettes Vergessen

Ich beobachte die circa fünfzigjährige Lidl-Kassiererin, die eine türkise Papierblume in ihr schütteres Haar gesteckt hat, türkise Strass-Ohrringe und einen türkisen Lidschatten trägt, und bei aller drohenden Lächerlichkeit einen würdevollen Mut ausstrahlt, einen unbedingten Willen zur Gestaltung. Als ich im Büro die nun drei Getränke-Bons in meiner Tasche finde, die ich endlich hatte abgeben wollen, wundere ich mich: und spüre so klar wie selten den Zusammenhang zwischen meinem ewig währenden Hobby des Beobachtens und dem kompletten Vergessen dieser Sache, die mir noch fünf Minuten zuvor gegenwärtig gewesen war.

Unterschied

Ich bin am Morgen im Begriff, zu meiner verträumten, trödelnden Tochter zu sagen: Dass du immer so langsam bist. Aber beim: Dass du schon merke ich, dass ich nicht sagen will, dass sie langsam ist, sondern dass sie alles so langsam macht. Ich sage: „Dass du immer so langsam machst“, und nehme mit Erstaunen den kleinen aber entscheidenden Unterschied wahr, von nur einem Wort. Sie ist nicht das, was ich ihr zuschreibe. Sie verhält sich nur so. Und der Grund, warum mich das stresst, liegt allein bei mir.

Wenn ich Busfahrerin wäre

Sinniere darüber, wie ich das handhaben würde, wenn ich Busfahrerin wäre, und ich sehe im Rückspiegel einen Menschen, der rennt und rennt, um noch den Bus zu erreichen –, und ob ich was taugen würde als Busfahrerin, weil ich eher immer stehen bleiben und warten würde, jeder, der sich so anstrengt, hat doch sein Ziel verdient; oder ob ich die vorsätzlich unbeeindruckte Miene der meisten Berliner Busfahrer aufzusetzen imstande wäre, die Türen mit Schmackes schlösse und losführe, in diesem kleinen Alltagsspiel aus Macht und Ohnmacht, deswegen aber nicht ständig zu spät an die Haltestellen käme, womit ich mir viel Unmut anderer Fahrgäste ersparen würde, sicher.

Nicht verstecken

Ich lese die Worte von Chelsea Manning, die sie in einem langen Portrait in der New York Times sagt: „Let’s protect sensitive sources. Let’s protect troop movements. Let’s protect nuclear information. Let’s not hide missteps. Let’s not hide misguided policies. Let’s not hide history. Let’s not hide who we are and what we are doing.“ Und kann nur noch feststellen, wie ich sie bewundere für diese Klarheit und Ehrlichkeit, für den Mut, den sie bewiesen hat, für ihren Willen, der Mensch zu werden, der sie ist, und das zu machen, was ihre Überzeugung ist; für diese Wahrhaftigkeit.

Paradise

Ein dicker, kleiner Mann steht im hellen Sonnenlicht an der Ampel, er trägt ein ausgeblichenes T-Shirt, es spannt über seinem Bauch: eine sexy Blondine, die breitbeinig im Sand am Saum einer Welle kniet, ihr knapper Bikini ist aus den Stars und Stripes der amerikanischen Flagge. Oben auf dem T-Shirt steht in großen Lettern: PARADISE.

Ich muss an den Ex-FBI-Chef James Comey denken, an seine Aussage vor dem Ausschuss gestern, als es bei aller Gefasstheit und Konzentration plötzlich aus ihm herausbricht: wie er „this great and messy country“ lieben würde, weshalb es unumgänglich sei, dass er das mache, was er mache, um den Leuchtturm auf dem Hügel zu erhalten, wie er es nannte.

Donner

Ich höre das Donnergrollen über den Dächern, es lässt die dünnen Fensterscheiben vibrieren. Und ich kann mir einen Moment lang wirklich vorstellen, wie Menschen zu einer Zeit, als es noch keine Erklärungen für allerlei gab, denken mussten: Das ist der wütende, fürchterliche Zorn eines unberechenbaren Gottes.

Schmerzen

„Schluss mit dem Schmerz!“, titelt der Focus. Einmal aufmerksam, stoße ich gleich auf einen Artikel, in dem Herr Schmelz von der Deutschen Schmerzgesellschaft zitiert wird. Ich stutze, weil ich den Namen des Vorsitzenden wirklich erst mit R statt mit L gelesen habe. Und ich stutze auch, weil ich merke, dass ich das Wort Schmerz viel umfassender nehme, als der Vorsitzende (oder der Focus) es tun. Selbst die Deutsche Schmerzgesellschaft habe ich zuerst für eine Gemeinschaft von Schmerzempfindenden gehalten. Und – Rätsel der sprunghaften Lektüren –: kurz darauf stoße ich auf einen Satz von C.G. Jung, in dem er sagt, dass die Grundlage aller psychischen Erkrankungen die Vermeidung von Schmerzen sei.

Moment

Ich schaue in das Innere des sandgelben, alten Mercedes‘ – ein Strich-Achter?, nein, dieses Coupé mit dem speziellen Namen, auf den ich nicht komme – und mir schlägt im gleichen Moment ein dumpfes Gefühl gegen die Brust. Ich gehe weiter, etwas im Taumel. Es war, als hätte ich einen Augenblick lang zurück in meine eigene Vergangenheit geschaut. Die dort war, in diesem Wagen, als Beifahrerin, während ich hier auf dem Bürgersteig stehe. Dazwischen liegen unerklärlich viele Jahre. Kurz zusammengeschrumpft auf diesen Moment.

Dulden

Eine Berlinerin mit starkem Wa-icke-ditte-Akzent liest ihrer Sitznachbarin etwas Erbauliches vor, das sie in einem ihrer Chats gefunden hat; die Rundmail einer Freundin, eine weitergeleitete Kolumne, so was in der Art. „Keene Zeit mehr für Menschen, die allet schlecht machen. Keene Zeit mehr für solche, die immer nur vertuschen wollten oder manipulieren. Keene Zeit mehr für Lügner und solche Arschlöcher….“
Während sie noch weiter vom Display ihres Telefons abliest, sagt die andere: „Ist doch richtig, wa? Stimmt doch. Man duldet so viel Scheiß, stimmt doch, wa?“

Und ich muss an ein Gespräch mit einer Hamburgerin denken, letztens, über den Berliner Flughafen und den Zustand der Schulen, in dem die Frage aufkam, woher das rührt, dass die Menschen in Berlin so viel dulden. Dulden und aushalten und hinnehmen.

Verdichtung

Die Grünen nehmen eine Verdichtung vor, lese ich. Sie verdichten ihr Wahlprogram auf zehn übersichtliche Punkte. Punkt acht: Liebende heiraten lassen – daran bleibt meine Aufmerksamkeit hängen. Ich glaube, ich habe das Wort Liebende noch nie auf einem Wahlplakat gelesen.

Goldketten

Eine schick angezogene junge Mutter und ihr circa Zweijähriger, in dessen paar Haare eine Fußballer-Iro-Frisur einrasiert wurde, tragen beide identisch dickgliedrige Goldketten um ihre Hälse. An ihrer Kette hängt ein grüner Stein. An seiner ein weißer Plastikschnuller.

Gute Laune

Wenn es die Taktik der Russen in ihrem Informationskrieg ist, durch Reflexive Control ihre Ziele zu erreichen – was definiert wird als Methode, den Feind durch präparierte Informationen so zu beeinflussen, dass er am Ende eine Entscheidung trifft, die für ihn selbst äußerst unvorteilhaft ist – wenn das die Taktik ist, dann offenbart sich dieser Tage – meine Meinung –, wie sie just die Ziellinie kreuzt. Das Land, das Russlands größter Feind ist, hat sich entschieden, einen Präsidenten zu wählen, der sein Land zerlegt. Kein Wunder, dass Putin gute Laune hat.

Blindenhund

Sehe den gescheckten Blindenhund, der nahezu hoheitlich auf dem Bahnsteig steht, umsichtig, wachsam, als wäre ihm die Verantwortung für sein Herrchen mit jeder Faser seines Körpers bewusst – und denke seltsamerweise an eine Passage bei Robert Harris, wo er Stalin zitiert:  „Dankbarkeit ist eine Hundekrankheit“. Mich springt wieder die menschenverachtende Grausamkeit dieser Aussage an, nur durch den Kontrast zu dem vertrauensvollen Miteinander, das Mensch und Tier hier teilen.

Konsterniert

Wie konsterniert die drei Show-Boys neben dem jungen Portugiesen stehen, als er seinen ESC-Sieg nutzt, um sein Anliegen, was Musik wieder sein sollte, vorzubringen. Ihr Fantastic! hängt wie Blechgold in der Luft. Sie werden neben ihm zu Clones, die man dabei erwischt hat, als echte Menschen durchgehen zu wollen. Und sie geraten in eine Irrlichterei, eine trotzige Arroganz, grinsen in Schablonen weiter, dass sie mir fast ein wenig leid tun, auf so großer Bühne entlarvt worden zu sein.

Bäume in der Leere

‘It is all planting trees in the void‘, lese ich. Ich muss void nachschlagen. Es geht nur darum, Bäume in der Leere zu pflanzen. Ich starre auf die Worte auf dem Bildschirm und bin wie gebannt. Knapper und bildhafter habe ich das noch nie gelesen, das, was mir diffuser Wunsch und Antrieb ist.

 

Täuschung

Dass meine Hoffnung nur ein Mangel an Informationen sein soll, mag ich nicht glauben. Mein ganzes System sträubt sich, ich spüre die große Kraft dagegen. Denn die Desillusion reicht so tief. Wenn ich ein alter Brunnen wäre: bis nach unten auf den Grund. Im ganzen Schacht sitzt die Ahnung der Täuschung, und das Aufwachen fühlt sich an wie ein dumpfer, heißer Schmerz, den ich vermeiden will.

Gesang

Die Sängerin kommt aus der hinteren Tür der Kapelle. Sie fängt an die Arie zu singen, erst zart und noch zurückhaltend, dann voll und mit einer Kraft, die gegen den Tod zu prallen scheint. Eine Wucht, die so groß ist, dass sie – so denke ich in dem Augenblick – den Verstorbenen, der unweit vor ihr in einem schlichten Kiefernholzsarg liegt, wieder zum Leben erwecken muss.
Es ist, als habe der Mensch nur dafür den Gesang erfunden; dass er auf die Stille prallt, der Unbegreiflichkeit des Todes entgegensteht, uns aufbricht, zu uns durchdringt, uns berührt; dass wir spüren, was es heißt, lebendig zu sein.

Hände

Mein elfjähriger Sohn greift nach meiner Hand auf dem Weg zum Bus. Wir gehen nebeneinander und halten uns an den Händen, und es trifft mich: ein tiefes Glück und allergrößte Traurigkeit zugleich, weil er das nicht mehr oft machen wird, weil es eine Geste aus Gewohnheit war, weil seine Hand noch klein ist und er dennoch den kräftigen Griff eines Jungen auf dem Weg in die Pubertät hat; weil einfach eine Zeit zu Ende geht.

Toiletten

In der Schule der Kinder war ein ganztägiger Workshop von der German Toilet Organization. Ich kann’s kaum glauben, aber meine Tochter erzählt begeistert, fast euphorisch, was sie fünf Stunden lang gemacht haben (Begehungen, Vorschläge für den korrekten Gebrauch, Klorollenkunst), und wie nett die Kursleiterin war und was sie durch sie alles über Toiletten gelernt hat –, dass ich am Ende beeindruckt bin, nicht nur, dass es so eine Organisation überhaupt gibt, sondern wie sich jemand noch dem abwegigsten Thema vorbehaltlos nähert und daraus eine unterhaltsame Geschichte strickt.

Lösungen

Lese, wie Thea Dorn in einem Interview sagt, die Arbeit von Schriftstellern sei getan, wenn es ihnen gelänge, Ängste präzise aufs Papier zu bringen. Politiker hätten dagegen einen schwierigeren Job: sie müssten Lösungen vorschlagen.

In mir protestiert etwas. Gute Literatur enthält eine Lösung für die Figur. Zu der sie  kommt, weil sie mit ihren Ängsten konfrontiert wurde, wodurch sie am Ende der Geschichte wachsen konnte. Es ist ein Problem, wenn wir beim Aufzeichnen der Ängste stehen bleiben. Der phantastische Raum der Literatur reduziert sich so selbst. Wozu sollte ich das lesen, was ich im wahren Leben genauso habe? Mir fällt Elisabeth George ein, die sagte: Da zwei Sachen im Leben sicher seien – der Tod und das Zahlen von Steuern – haben wir Autoren die Aufgabe, spannende Geschichten zu erfinden, die uns von dieser Realität ablenken, ihr aber auch etwas hinzufügen: nämlich die Möglichkeit von Wachstum, Perspektivveränderung, zweiten Chancen, eines neuen Beginns.

 

Erlebnisprämien

Auf dem Nutella-Glas steht: Punkte sammeln für Top-Erlebnisprämien. Während ich die Nutella aufs Brot streiche, frage ich mich: Punkte für Prämien – okay. Aber Top-Erlebnisprämien? Ein Erlebnis als Prämie? Prämienerlebnisse? Punkte für Erlebnisse? Und was ist ein Top-Erlebnis? Ich pack die Brote in die Papiertüte und komme zu keinem Schluss.

Aufrichtigkeit

Heute habe ich so klar wie lange nicht mehr gespürt, wonach mir der Sinn steht, worum es mir geht in meinem Leben. In einer von Täuschungen, Manipulationen, Heuchelei und Falschinformationen übervollen Zeit suche ich nach Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, einem anständigen, unverstellten Miteinander; und frage mich (und bin mir sicher), dass es vielen Menschen genauso geht, dass wir das Gleiche suchen, diese Sehnsucht, dieses grundlegende Bedürfnis, miteinander teilen.

Ausmalen

„Ausmalen ist das neue Yoga“, verspricht eine Werbung für ein Buch mit vorgezeichneten, ganzseitigen Blüten-und-Blätterbildern. Die einzige Ruhe, habe ich letztens sinngemäß irgendwo gelesen, fänden wir zerstreuten, vom ständigen Rumor fast verrückt gemachten Menschen nur noch, wenn wir uns wieder der phänomenologischen Betrachtung, der Beobachtung des Kleinen, des Details, hingeben. Blütenbilder, um zur Besinnung zu kommen? Nein, ich möchte doch lieber die Welt betrachten, meine Mitmenschen, all das Wilde und Unfassbare unserer Natur.

Vertrauen

Und dann spüre ich, wie die ganze Zeit das unterm Schreiben liegt: Wenn wir unser Vertrauen verlieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Wenn wir uns nicht mehr vertrauen, vertrauen wir nichts und niemandem mehr. Wir sind in einem elementaren Zustand von Feindschaft, Zerstörung und Angst, jeder in und mit sich selbst, mit allen anderen. Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen. Der Wille, ein Mensch zu sein.

Feindschaft

Feindschaft, lese ich in dem Freitextbeitrag von Norbert Niemann, sei die letzte verbliebene Freiheit unserer Zeit. Karl Kraus habe das schon 1914 festgestellt: „Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit der Feindschaft gelassen.“
Nach dieser Logik sind wir nur noch frei (mindestens) in der sportlichen Konkurrenz, mehr jedoch frei in der Demütigung, in der Macht über Ohnmächtige, in der Grausamkeit gegen alle, die von irgendetwas weniger haben als man selbst. Freiheit im Gegeneinander, Freiheit im Krieg.
Etwas in mir sträubt sich gegen den Gedanken. Ich kann nicht sagen, ob ich die Brutalität und die gegenwärtigen Bezüge darin nicht wahrhaben möchte, oder ob an der Logik etwas nicht stimmt.

Wut

Die Türen der U-Bahn gehen auf, die ältere Frau prescht aus der Tür und schreit dabei: „Jetzt lassen Sie mich erst mal durch!“ Jedoch stand ihr keiner im Weg. Ich muss an den Moment denken im Supermarkt, als ich gedankenverloren meinen Wagen hinter mir stehen lassen hab, beschäftigt mit dem Einpacken von Brötchen, und es plötzlich schepperte und mein Wagen einige Meter den Gang hinunterrollte. Eine mittelalte Frau hatte ihren Wagen voller Wut in ihn gerammt und rief auf meine Frage: „Was is denn nu passiert?“ zurück: „Wenn Sie den Weg blockieren!“

Ohne Worte

Eine Gruppe älterer Teenager: sie treten und kickfighten sich gegenseitig, mitten in der Einkaufsstraße. Sie brüllen herum und beanspruchen viel Platz für sich. Die Passanten weichen aus. Im Vorbeigehen trifft mein Blick den Security-Mann vor dem Brillenladen. Während ich noch denke, was er wohl unternehmen wird, sagt er zu mir: „Ohne Worte.“ Ich stimme ihm spontan zu, und bin dann irritiert über mich selbst. Weil, was ich eigentlich machen muss, ist ja zu den Teenagern hinzugehen und mit ihnen zu reden.

Frauen

Trage die spitzen Pfennigabsatz-Pumps, die ich mir gekauft habe – die ersten seit den 1980er Jahren?
Bleibe mit dem Absatz in einer Ritze der Bürgersteigplatten stecken, so, dass ich aus dem Schuh herausstolpere; ich muss zwei Schritte zurücklaufen, um wieder in den Pumps zu schlüpfen. Ein Mann lacht mir mit wenigen Zähnen im Mund entgegen: „Sie haben Ihren Schuh verloren.“
Kurz zuvor hatte ich festgestellt, dass eines nicht geht mit Pfennigabsätzen: schnell zu laufen. Was ich chronisch tue. Ja, da hängt mein Schuh fest.
Als ich mit konzentriertem Blick auf die Asphaltritzen weitergehe, muss ich plötzlich an 80er-Jahre-Filme denken, die in New York spielten, wo Businessfrauen zu ihren Breitschulterkostümen Turnschuhe anzogen, während sie ins Büro hechteten, um die Sneaker im Aufzug gegen Highheels mit Pfennigabsatz auszutauschen. Womit sie dann, so erinnere ich es, nur noch auf dicken Teppichen um Schreibtische herumtippelten.

Männer

Im TIGI Hairstyle-Prospekt CUT, STYLE & GROOM GUIDE für Männer gibt es vier Typen: The Hunter, The Gentleman, The Wanderer, The Artisan.
Der Jäger hat einen dichten, schwarzen Rauschebart, das Haar zurückgegelt und die Arme lässig verschränkt. Selbstredend sieht er megagut aus.
Der Gentleman trägt einen breiten Schnauzer à la Frank Zappa, die Seiten am Kopf ausrasiert und das Oberhaar im hippen Undercut-Schnitt – unnahbar elegant.
Der Wanderer hat schulterlanges Haar und einen Jesus-Bart, etwas eingefallene Wangen, und blickt so, wie Jesus auf dem Weg zum Kreuz geblickt haben mag.
Der Künstlertyp hat im Gegensatz zu den anderen sehr schmale Schultern, einen an den Enden aufgezwirbelten Oberlippenbart, trägt Fliege zu Jeanshemd und Weste und seine Unterarm-Tattoos erinnern, wie auch die Bartspitzen, an Salvador Dalí.

Buch

„Android Hacking“ steht auf dem Buch, in das der Mann neben mir einen Finger gelegt hat. Und: „Hacken Sie Ihr Gerät, bevor es andere tun.“ Die Seiten des Buches wirken abgegriffen, oft gelesen, wie ein Nachschlagewerk. Der Mann trägt eine ausgebeulte Jogginghose und Hoodie, er springt in letzter Sekunde an der Station auf und rennt raus. Ein Buch zum Thema Hacking, ein Buch, in dem Wissen weitergegeben wird….

Krieg üben

Als wäre sie im Ausnahmezustand, denke ich. Die junge Frau, deren silberne, stachelige Ananas-Blatt-Applikation auf ihrer Handtasche die Anmutung eines Wurfsterns hat. Sie trägt eine khaki-grüne Bomber-Jacke über dem Camouflage-Jackett. Fingernägel wie Krallen. Ihre Haare: feuerwehralarmrot. Als müsste sie sich wehren, immerzu. Abstand gewinnen gegen die Belagerung. Sie ist im Kampf. Und dann kommt mir wieder die BZ-Schlagzeile in den Sinn, vor einigen Tagen: „Russen bauen den Reichstag nach – zum Krieg üben“, und die junge Frau erscheint mir plötzlich angemessen ausgestattet für unseren andauernden Ausnahmezustand.

Fachgeschäft

Ihr Fachgeschäft für Traurige, lese ich auf dem Eisenrolladen, der die Fenster des alten Juwelier-Ladens schützt.

Bruch

Am Morgen sitzt ein Mann neben mir in der S-Bahn, der in einem Magazin liest, das ich erst für den FOCUS halte, als ich aus Langeweile hinein luge. Dann lese ich unten in der Zeile: ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin. Der Mann hat eine unscheinbare Mecki-Frisur, eine randlose Brille mit Edelstahl-Bügel, trägt schwarze Daunenjacke, Anzughose, Gummisohlenschuhe. Ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. ‚Importierte Kriminalität‘ und ‚Angriff auf unsere Polizei‘ sind zwei Artikel überschrieben. Weil ich es nur ahne, schaue ich es später nach. Es ist eine rechtsextreme Zeitschrift, die er aufmerksam Seite für Seite gelesen hat.

Am Nachmittag sitze ich in der Kantine der Deutschen Oper und sehe einen Mann, den eine ähnliche Unscheinbarkeit umgibt, wie der Mann in der S-Bahn, eine ähnliche Beherrschtheit auch, und so etwas wie Präzision. Aber dieser Mann spricht erst Spanisch, dann Deutsch, dann Englisch, er lacht und diskutiert mit anderen; und ich bin für einen Augenblick unendlich froh, unter diesen Menschen hier zu sein, weit weg von dem Mann in der S-Bahn; – und habe dann für die nächsten Minuten Schwierigkeiten, die Verschiedenheit der Welten zusammen zu bringen, in eine Realität; und bleibe darin hängen, wie brüchig alles erscheint, wie fragil meine Künstlerwelt, wie bedrängt vielleicht längst, weil ich mich zu sicher fühle in der Internationalität, dem gemeinsamen Lachen, dem geteilten neugierig-offenen Blick.

Frühling

„Die Vögel zwitschern ja schon wieder“, sagt eine Frau hinter mir in der Schlange bei der Post, „und die wissen ja Bescheid.“

Schwerelosigkeit

Sehe heute den Mann wieder, der öfter in der S-Bahn sitzt. Er wirkt ausgemergelt, trägt dünne Ballonseiden-Jogginganzüge und macht an jeder Station die Türen auf, berührt mit der Spitze seines rechten Schuhs den Bahnsteig, springt dann dorthin und springt wieder zurück in den Waggon. In Westkreuz steigt er ganz aus, aber achtet dabei darauf, auf ganz bestimmte Stellen des Bahnsteigbodens zu treten. Auf der gegenüberliegenden Seite positioniert er die Füße wie ein Sprinter an einer Linie, die nur er sieht, und geht in die Knie. Die Füße fest auf dem Boden, als hielten diese Berührungen ihn fest, als gäbe es dort so etwas wie eine besondere Gravitationskraft gegen die Schwerelosigkeit des Driftens.

Revolution II

Ich muss immer wieder an die PROKRASTINATION BIS ZUR REVOLUTION denken, irgendwie mit der Frage: Wird sie aus der Ablenkung kommen? Wird sie wegen der Ablenkung ohne uns stattfinden? Wird sie überhaupt kommen, wenn wir alle abgelenkt sind? Bemerken wir sie gar nicht und sie ist schon längst da?

Revolution

Auf dem Bahnsteig. Zugiger Wind.
PROKRASTINATION BIS ZUR REVOLUTION, lese ich in dunkelgrünen Buchstaben auf der naturfarbenen Stofftasche, die der junge, schmale Mann neben mir über der Schulter trägt –, während er den Kragen seiner Jacke hochschlägt und sein Kinn dahinter verbirgt.

Chai-Rätsel

„Chai“, sagt die Frau vor mir an der Einstein-Café-Theke, „was ist das? Tee?“
„Nein“, sagt die Kellnerin.
„Kaffee?“
„Nein.“
„Was ist es?“
„Kein Tee, kein Kaffee. Es ist – ein Pulver ist es.“
„Ein Pulver. Tee?“
„Nein. Es ist mit Milch.“
„Wie Kaffee.“
„Nein. Mit Milch. Vertragen Sie das?“
„Kaffee mit Milch?“
„Nein. Milch. Haben Sie keine Laktoseintoleranz?“
„Chai, hab ich noch nie probiert.“
„Dann nehmen Sie’s. Nur mit Milch, wie gesagt.“

Skipper gesucht

Die zwei Thirtysomethings, beide mit Bart und Hornbrillen, einer in hipper Jogginghose, einer im geometrischen Rauten-Shirt, sitzen am Nebentisch im Thai-Imbiss. Beide haben einen nervösen Tremor in den Beinen, unablässig, es macht mich gleich mit nervös. Sie reden nuschelig, tief, wie versoffen, abgehackt in Kurzsätzen miteinander, langes Schweigen dazwischen, es erinnert mich an Matthew McConaugheys Art zu sprechen in True Detective, nur sind die beiden nicht durchlässig, cool und mutig, sondern passiv-aggressiv, arrogant und verunsichert.
„Ey, Alter“, nuschelt der Jüngere im Rauten-Shirt zum Anderen (Jogginghose), der die ganze Zeit, auch während des Essens, schnell über das Display seines Telefons wischt, „warum willste ’n Boot mieten, wenn du gar nich segeln kannst.“
„Der Skipper ist mit drin“, sagt der Andere patzig, als sei er bei einer Schwäche erwischt worden, und schnippt weiter die Fotos durch.

Show

Peter Pomerantsev, Nichts ist wahr und alles ist möglich: „Und im Mittelpunkt der großen Show steht der Präsident höchstpersönlich, erschaffen durch die Kraft des Fernsehens aus einem Niemand, einem grauen Schleier, so dass er mit der Geschwindigkeit eines Performancekünstlers zwischen seinen Rollen als Soldat, Liebhaber, halb nackter Jäger, Geschäftsmann, Spion, Zar und Supermann hin und her springen kann. (…) Es geht darum, sowjetische Kontrolle und westliches Entertainment miteinander zu verbinden.“ Damit das Fernsehen nie mehr langweilig werde, lese ich und denke: Diese Show beherrscht jetzt auch noch Trump perfekt.

Geisterfahrer

Ein in Plastik einlaminierter orangefarbener DinA-4-Zettel hängt am Baum:
STOPPT GEISTERFAHRER UND GESETZLOSE AUF FUSSWEGEN!
Das Fahrradsymbol im Durchfahrt-Verboten-Schild, das darunter ist, dringt erst nach ein paar Sekunden zu mir durch – zu beschäftigt war ich mit der Frage, ob ich auch ein Geisterfahrer oder Gesetzloser bin, wo ich hier grad auf dem Fußweg gehe.

Stehengelassen

Warum kommt mir heute Morgen, als ich die Brotboxen für die Kinder fülle, Melania Trump in den Sinn? Ich denke an sie, an ihr tablettenstarres, eingefrorenes Gesicht, und wie lange es wohl braucht, das immer herzustellen, diese perfekte Oberfläche; und wie ihr Mann sie nach der Inauguration stehen gelassen hat, und die Obamas sie aus ihrer Einsamkeit erretteten, das Bild, auf dem sie Frau Trump flankierend hinausbegeiten, als gehe es ihr schlecht und sie strauchele gleich. Ich habe Mitleid mit ihr, und schüttele den Kopf, und schwanke zwischen: wie traurig das ist und wie krass die Wahrheit, die sich darin zeigt. Ein Staunen, immer wieder, zu was für unglaublichen Deals Menschen bereit sind, wenn es um Zugehörigkeit geht, ums Geliebtwerden, um Sicherheit.

 

Faust an der Bibliothek

An der Rückwand der Bibliothek, gegenüber von meinem Bürofenster, hat der Sprayer sein Tag zwei Mal übereinander gesprüht, in Beige-Gold-Schwarz. Als wäre er mit der ersten Fassung nicht zufrieden gewesen. Beim Übersprühen ist er aber nur noch zum Ausmalen der ersten beiden dicken Bubble-Buchstaben gekommen. FRUST, lese ich prompt. Nein, TRUST. Und dann entdecke ich, er hat sein Tag noch mal klein darunter gesetzt: FAUST.

Creepy

Donald Trump kroch in meinen Traum, heute Nacht. Er zeigte mit ausgestrecktem Ich-stech-dich-Finger auf eine Gruppe von Menschen, so, wie er auf der Pressekonferenz auf den CNN-Reporter gezeigt hat, ihn beschimpfte und ihm eine Antwort verweigerte. Trump machte es, dass wir – im Traum – irgendwie versteinerten. Die hellgeschminkten Augen, das tote Haar, das verkniffene Gesicht, die geschürzten Lippen. Er konnte uns alle bewegungsunfähig machen, mit seinem Finger. Währenddessen er irgendwie unangreifbar war – als Opfer von Nazi-Germany –; dann wachte ich auf. Welcome to reality.

Präsidententod

Sehe ein Foto, auf dem sich ein Lkw mit dem Sarg des früheren iranischen Präsidenten Akbar Haschemi Rafsandschani auf dem Dach seinen Weg zu dessen Grabstätte in Teheran bahnt – durch Tausende von Menschen hindurch, eng umringt. Es ist keine Frau auf dem Foto in der Menschenmenge zu sehen. Ich schaue noch einmal hin, suche alles ab. Nicht eine einzige Frau in der Menge auf dem Bild, unter den vielen, vielen Trauernden; und bleibe mit der Frage zurück, was der genaue Grund dafür ist.

Phantasiepflanze

Finde durch Zufall ein Blatt Papier, auf das mein Sohn den schwarzen Knochen mit Knöpfen – das Smarthub seiner neuen Playstation – gezeichnet hat, und aus dem Gerät heraus wachsen Phantasiepflanzen mit Blüten und Blättern, wellenförmige Stängel, Blumengesichter, eingerollte Farnkringel, über das ganze Papier erstreckt sich diese weitverzweigte phantastische Pflanze.

Winter II

Himmel, wie mir das Licht fehlt! Das helle, milde, klare Licht über der Küste, so klar wie das Meer, wenn es über die weißen Kreidesteine ausläuft und sie überraschend groß und sichtbar macht. Vielleicht auch, weil der Uferstreifen im Sommer voller Seetang und Algen ist, und die Steine darunter verborgen sind.