abschied von den illusionen

Tagebuch eines Romans

4.10.20

Das Licht ist rosa mit einem Stich von Gelb. Es färbt die Luft. Die Sonne ist noch nicht über den Berg. Es ist so still, dass ich das Meer rauschen höre. Und ganz entfernt Tauben. Ich habe immer übers Außen erzählt, alles um mich herum beschrieben. Das Schreiben diente mir dazu, von mir selbst abzusehen. Jetzt geht es darum, bei mir innen anzufangen. Bei mir, bei uns. Der Text ist nur dazu da, das mit Worten zu fassen.

Wörter sind an sich etwas Tückisches, ich wollte fast sagen, was Grausames. Sie stehen zwischen mir und der Welt. Ich hab nur sie, und dabei sorgen sie dafür, dass ich nicht hinter sie komme. Wie ein Widerstand stehen sie parat und im Weg. Ich muss die Sprache ignorieren, um ein Buch zu schreiben.

Als hätte ich mein Wissen erst finden müssen, so fühlt es sich an. Habe mich, um mir selbst anfangen können zu glauben, vor Auswahlkomitees gestellt, die mein Wissen von Außen beurteilen. Aber das heißt immer noch nicht, dass ich mir traue. Ich höre das Lob, die anerkennenden Worte, aber da ist es wieder: Es sind nur Worte. Sie stehen zwischen der Welt und mir. Ich glaube, ich misstraue gerade nichts so sehr wie Wörtern, Worte, Sprache.

Vielleicht spüre ich mich zum ersten Mal in meinem Leben. Spüre, wer ich bin, was ich kann und was ich machen will. Es ist die Kraft der Entscheidung, und damit zu ihr, zu meiner Protagonistin zu gehen, sie zu sein, und das ganz andere Ende des Liedes zu spüren. Und damit endlich, ein Mal wirklich, diese ganze Geschichte zu erzählen.

Die Sicherheit eines Grundstücks: Dass ich von diesem Flecken Erde nicht vertrieben werden kann. Das Problem der Moderne: Zur Miete zu wohnen.

Vielleicht bin ich Schriftstellerin gewesen, habe Schrift auf eine Seite gestellt. Als Autorin geht es darum, eine Welt zu schaffen, die für andere da ist, in die sie eintauchen, in der sie Zeit verbringen können. Dem Vorhandenen, der Welt, wie wir sie wahrnehmen, eine dazu zu fügen.

Öffne zum ersten Mal einen frischen Pinienzapfen, mit der Axt (geht schwer), weil ich wissen will, wie die Pinienkerne darin aussehen. Langsam lösen sich die Augen, oder was das sind, voneinander. Dann kann ich das faserige Ding auseinander brechen. Es sind gar keine Kerne drin.

Die Baumstämme, die wir beim Bau der Hütte an die Kanten der Terrassen gelegt haben, damit die Kinder nicht beim Krabbeln runterfallen, sind bis auf einen schmalen Kern verschwunden. Der Kern: wie ein Rückgrat, wie ich mir die Wirbelsäule eines Wales vorstelle, mit abzweigenden Knochen zu den Flossen. Es sieht so aus, als wenn das der ursprüngliche Stamm wäre, der über die Jahre dick und rund geworden ist, und jetzt eben wieder abgemagert auf seinen offensichtlich haltbarsten Kern.

Das ganze Licht eines Tages mitbekommen zu haben: Wie lange die Sonne brauchte, über die Berge zu kommen, durch den Dunst, dann wanderte sie über den Kamm und dabei einmal um die Hütte, fiel durch die Kronen der Bäume und kam bis zur Terrasse, verließ sie wieder und zog sich zurück bis auf die gegenüberliegende Seite des Tals. Dort leuchtet sie noch. Warm und gelb, hell, wo auf meiner Seite schon kühler Schatten ist.

Ein Vogel fängt an zu meckern, unmittelbar neben dem Haus, als ich den Ofen anwerfe. Der Rauch aus dem Schornstein ist zu riechen, und mir kommt der Gedanke, dass der Vogel seine Artgenossen vor einem Waldbrand warnen will, durch sein Geschrei. Für diese Theorie spricht, dass er nachdem der Ofen eine halbe, dreiviertel Stunde läuft, nicht mehr zu hören ist. Aber wer weiß das schon, und ich versuche ja nur, uns Menschen zu verstehen, nicht die Vögel.

Die Motten fliegen von außen gegen die Fensterscheibe, als ich drinnen mit meiner Kopflampe stehe und leuchte. Sie erinnern mich aus irgendwelchen Gründen an Clowns in silberfarbenen, bodenlangen Mänteln, wie sie gegen die Scheibe springen und kurz stehen bleiben. Einmal blitzt ein stecknadelkopfgroßer Kopf auf, die haarfeinen Fühler, und schon ist die Motte wieder in der Dunkelheit verschwunden.

5.10.20

Wie bewusst mir ist, dass ich mich in der Einsamkeit, in der ich bin, nicht verletzten sollte. Jeder Handgriff, jeder Schritt etwas bewusster: Ich passe auf mich auf. Daraus ließe sich schließen, dass Einsamkeit eine erhöhte Wachsamkeit provoziert, und ich im Umkehrschluss zur Ruhe komme, mich sicherer fühle, wenn ich unter Menschen bin.

In der Nacht habe ich die Katze gehört, die schon nach dieser kurzen Zeit zur Hütte gekommen ist. Ich glaube, weil es so still ist – keine Autos, keine Flugzeuge, die sonst in großer Regelmäßigkeit über diese Seite der Insel fliegen –, lässt sich das kleinste Geräusch einordnen. Erst war sie am Mülleimer neben der Küchentür, die Plastiktüte raschelte. Dann ist sie über die Marmorplatte der offenen Küche spaziert. Später der Sprung auf die Dielen der Terrasse, eine zarte Vibration, die sich bis ins Haus fortsetzt.

Die Wildziegen wandern ganz auf der äußersten Kante der ausgewaschenen Steilküste entlang. Dann bleiben sie auf einem Felsvorsprung stehen und der Bock belastet mit den beiden vorderen Hufen die dünne, brüchige Kante aus Stein, um was Überhängendes zu fressen. Wie eine Galionsfigur, so ragt er übers Meer. Wie ein etwas anderer Odysseus, der alles gesehen hat, keine Angst kennt, nur Hunger.

6.10.20

Ich bemerke, wie schädlich das ‚Den-ganzen-Tag-Schreiben‘ ist, was ich immer praktiziert habe. Der Text wird dominant, die Buchstaben schieben sich zwischen die Geschichte und mich. Aber wie notwendig es ist, den ganzen Tag dranzubleiben, immer weiter drüber nachdenken zu können, egal, ob ich einschlafe, aufwache, die Hütte fege, abwasche, Stühle vom Schatten in die Sonne räume, spazieren gehe oder die Esel auf dem Nachbargrundstück suche, um ihnen Möhren zu geben.

Sprache ist das Tückischste der Welt, und ich bin ihr aufgesessen. Im Grunde ist der Text mein Feind.

7.10.20

Ich bin so okkupiert davon (immer gelernt), wie mein Wesen nach draußen ist, dass ich meistens gar nicht spüre, was ich fühle. Oder wenn, dann ist es mit Scham belegt, mit Vergessen, Nebel. Etwas zu fühlen heißt zu scheitern. Gefühle zu haben ist schlecht. Da öffnet sich eine Büchse der Pandora. Alles nie wieder einzufangen. Das willst du nicht wirklich (eine Stimme, die ich kenne), damit machst du wirklich niemandem eine Freude.

Und nun, wo es nur um Gefühle geht, ging, die letzten Tage, breitete sich diese gleißende Stille in mir aus, wie eine Salzwüste. Ein Ort, der zu kalt ist, um ihn zu betreten. Weiß, endlos, ohne Leben. Kann es sein, dass ich keine Gefühle habe? Dann wäre ich ja kein Mensch, beruhige ich mich.

Mein Zensor ist die Sprache. Roh, da, wo die Wut, die Kernschmelze, die Angst liegt, die in meiner Protagonistin steckt, da legt er sich drüber und breitet sein Leichentuch aus.

Bücher sind der Ort, an dem es nur um Gefühle geht. Geschichten sind der Ort, und sie habe ich immer gesucht. Weil ich eine Gefühlsreise machen will, eine Erfahrungsreise, die nur aus einem Weg hinein und hindurch durch diese Welt besteht. Dafür liebe ich Bücher. Der Plot ist mir meistens scheißegal. Er dient der Sache. Diese Gefühle zu erleben, dafür lese ich. Nicht schöne Sprache. Wenn es die auch noch gibt, gut, dann macht die ganze Sache noch mehr Spaß. Deshalb komme ich immer wieder zu Cormack McCarthys The Road zurück. Da geht beides in größter Klarheit, in poetischster Schönheit zusammen.

In schön geschriebenen Texten beweise ich mir immer wieder, was ich hübsches kann. Großartig, wie ich meinem Zensor diene.

Werfe die Bananenschale schlecht, sie landet im Gestrüpp an der Straße. Gehe hin, pflücke sie heraus (so sichtbar kann sie nicht bleiben) und werfe wieder. Sie zerfällt. Ein Stück prallt am Stein ab, die andere liegt auf dem Busch. Ich stelle mir vor, ich bin jemand, der eine Leiche zu entsorgen hat, und die zerfällt in Teile, die ich dann aufheben und erneut über den Abhang werfen muss. Ein Arm bleibt am Stein hängen und ich muss nach ihm greifen, ihn anfassen in seiner Labbrigkeit und weiter werfen.

Stolpere fast über die Schlange, die mitten auf dem Weg liegt. Sie hat die Farbe des Gerölls. Ich bleibe stehen, sie schlängelt sich weiter, und es wirkt, als sagte sie mir mit ihren eleganten s-förmigen Bewegungen: Du kriegst mich nicht. Du wirst mich nie kriegen.

Nacht, 8.10.20

Es ist so dunkel, als ich aufwache, so dunkel, ich sehe meine Hand vor den Augen nicht. Und gleichzeitig so still – kein Vogel, kein Wind, kein Nichts –, dass ich das Rauschen meines Blutes in den Ohren hören kann.

Und dann schlägt irgendwann die Kirchenglocke im Dorf vier Mal zur vollen Stunde und dann lauter noch vier Mal. Es ist vier Uhr nachts, und ich frage mich, was für ein wahnsinniger Mechanismus unserer Wahrnehmung das ist, es vorher nicht gehört zu haben, es kaum noch zu hören, genauso wie es den Menschen im Dorf ergehen muss, die viel näher dran sind als ich hier draußen, jede Viertelstunde ein Schlag, und das jeden Tag, jede Nacht, immer schon, durch alle Zeit. Würden sie es noch hören – würde sie es nachts aufwecken –, es wäre doch längst abgeschafft.

Die Kellnerin aus dem Dorf (die die Krise sehr hart treffen muss) begrüßt mich unten auf der Straße strahlend mit dem hier üblichen: Geht‘s gut? Va bien? Ich frage sie zurück, wie es ihr ginge? Das Wetter, sagt sie gut gelaunt, ist das nicht ein wunderbarer Tag?

Die hackedichten Jungs, die am Strand kifften und tranken, jagen mit ihren Mopeds den Berg hoch. Ich stelle mich extra an die Seite, aber der erste hält auf mich zu, als wäre ich eben der Fixpunkt, eine Leitplanke oder so, an der er sich orientieren kann. Es ist keine böse Absicht, sehe ich ihm an. Er will mich nicht erschrecken und schon gar nicht über den Haufen fahren. Er sitzt einfach auf seiner Maschine wie ein kleiner Junge auf einem zu schnellen Pferd, der nicht wirklich das Lenken gelernt hat, und im Zweifelsfalle auf den Richtungssinn seines Tieres angewiesen ist.

Die Fühler der grünen, handbreiten Heuschrecke, die auch Ähnlichkeit mit einer Gottesanbeterin hat, und die an der Fensterscheibe gelandet ist, bewegen sich unaufhörlich. Von nichts, keinem Klopfen am Glas oder dass ich sie versuche zu fotografieren, lässt sie sich irritieren. Nur die Fühler sind in Bewegung: feine Radioantennen. Und plötzlich fängt das Insekt an, sich in einem wiegenden Vor und Zurück zu bewegen, die Beinchen knicken ein wie beim Tanzen, Schunkeln, Boogie-Woogie, es sieht völlig bizarr aus. Als hörte es eine eigene Musik, über seine Weltraumantennen, und tanzt seinen eigenen Tanz dazu.

9.10.20

Die Pilze sprießen aus dem Boden. Hier: einer auf der Terrasse, jeden Tag schaut sein weißer Kopf etwas mehr aus der rötlichen Erde heraus. Es ist mir ein Rätsel, wie der Pilz, obwohl er doch aus so zerbrechlichem Schwamm ist, unbeschadet durch den steinigen Boden kommt. Ich kenne mich nicht aus mit Pilzen, aber der sieht ungenießbar aus. Was ist der Zweck von giftigen Pilzen? Wozu sind sie eigentlich da? Könnte man genauso fragen, was ist der Zweck von Corona?

In Palma spielt ein Mann Gitarre am Wasserbecken unterhalb der Kathedrale und singt spanische Chansons. Die Menschen sitzen weit auseinander, keine Touristen. Ich hatte vor einiger Zeit einen Vortrag über Resonanz gehalten, und hier ist sie über alle Theorie hinaus zu beobachten. Eine alte Frau dreht sich zu ihrem Mann im Rollstuhl um und fragt ihn, Matteo, welches Lied willst du hören? Die Sonne und der Schatten? Sie diskutiert mit dem Musiker kurz, dann schlägt er das Bein übers Knie, um seine Gitarre darauf abzustellen. Er fängt Sonne und Schatten an, Passanten, auch junge, bleiben stehen. Es ist wie ein geteiltes Gefühl, diese Melodie, eine Erinnerung daran, dass wir als Menschen aus gutem Grund die Musik, den Gesang, die Literatur erfunden haben, und diese Sehnsucht unter unseren Masken und in aller Distanz immer teilen.

10.10.20

Jede Nacht neuen Stunden Tiefschlaf. Heute die erste Nacht, in der ich träume, und die Bilder erinnere. Ich habe eine App erfunden, die ganz intuitiv funktioniert, ich sehe die Benutzeroberfläche vor mir. Ich wähle Menüpunkte aus, mehr wie in einem Spiel, aber ich weiß, es geht hierbei um eine ernste Angelegenheit. Förderungen. Geld. Steuerersparnis. So was in der Art. Ich bin stolz auf das, was ich da geschaffen habe. Meine Kollegen bauen ein Riesenkarnevalszug daneben, zur Einweihung der App. Betretbare Luftballons, Trampolins wie im Jumphouse, ein hohes Baugerüst, in dem sich etwas Geheimnisvolles verbirgt. Ich wünschte, ich könnte den Zusammenhang zwischen der App und dem Riesending verstehen. Aber er erschließt sich mir nicht.

Ich muss immer an Lady Diana denken, wenn ich draußen am Waschbecken abwasche. Abwaschen ist mein Requiem für sie. Warum? Weil ich mal in irgendeiner Zeitschrift hilfreiche Tipps von Lady Di zum Abwaschen gelesen habe: Immer die Gläser zuerst, alles, was sehr verschmutzt ist, draußen einweichen, und das Besteck zum Schluss. Ich halte an diesem Glauben fest, dass sie diese Tipps formuliert hat, und zwar aus ganz eigener Erfahrung.

11.10.20

Kliffhänger
Regentropfen fallen in absoluter Regelmäßigkeit aus dem Spalt in der Dachrinne. Ein hoher, schneller Takt. Dann einmal ein Stolpern, als hätte die Regenrinne sich verschluckt. Und plötzlich bricht das Tropfen ab, dafür setzt der Regen ein, und ich warte darauf, ob es weiter tropft oder ein Rinnsal aus dem Spalt läuft.

Wer erteilt mir die Erlaubnis? Niemand. Nur ich selbst. Diese Stimme in mir, für die ich erst so alt werden musste, um sie lauter zu hören, als die anderen, mächtigen Stimmen: Du darfst alles aussprechen. Du weißt Bescheid. Du brauchst keine Angst davor haben, vom Leben und vom Tod und von der Grausamkeit zwischen uns Menschen zu erzählen. So, wie du es fühlst und wie du endlich davon lesen willst.

12.10.20

Die kleine Stechpalme reckt zwei Hände mit ihren vielen Fingern in die Luft, als würde sie zum Himmel flehen. Und dann muss ich plötzlich an Manuel Neuer und seine Fußballhandschuh-Hände denken, wie die sich manchmal um einen in der Luft gefangenen Ball schließen, und schon sieht die Palme nicht mehr betend-verzweifelt aus, sondern sehr, sehr souverän.

Die Spinne klettert an ihrem eigenen Faden zurück bis zum Baum. Das Seil ist zu einem kleinen Knäul verwirbelt, als sie unter dem Blatt ankommt. Dass ich von solchen Sachen keine Ahnung habe: Kann sie aus dem Knäul jetzt ein neues Hochseil stricken? Wie war es ihr möglich, ohne festes Ende an der unteren Seite ihres Balancefadens, so zielstrebig durch die Luft zu klettern (und beim Wind nicht weggeweht zu werden)?

Aufrichtig zu sein, ist meine Verpflichtung an mich selbst. Auf das in mir aufzupassen, das mich in den Nebel führt, das gar nicht mag, dass ich an diese Stellen gehe. Es sind diese zwei Kräfte in mir. Und es sind genau die zwei Kräfte, die in meiner Hauptfigur gegeneinander kämpfen.

13.10.20

Meine Wertschätzung für die wilde Katze, wie zielstrebig sie nachts (ich habe es schon gehört) die Thunfischdose aus dem Mülleimer geklaubt hat. Es ist morgens, als ich nachschaue, gar nicht viel verstreut, nur die Tüte geöffnet und die Dose herausgeholt, die sauber ausgeleckt einen halben Meter daneben steht.

Ich merke, wie mich das beschäftigt, diese vollendete Show, als bei der Wahlkampfveranstaltung die Anhänger Trumps: We love you, we love you rufen. Eigentlich eine zu gute Show, um wahr zu sein; kurz denke ich: Vielleicht werden sie für ihr Rufen und Stampfen wie früher die Klageweiber bezahlt? Aber eher ist es echt, denn dafür lieben sie ihren Präsidenten ja, dass er Shows kreiert, die too good too be true sein können. Nur, als er plötzlich zurückruft: Ihr werdet mich bald noch viel mehr lieben!, könnte ich mir vorstellen, dass der narzisstische Kreislauf kurz eine Störung erfährt. Dass einer seiner Verehrer spürt, wie Trump einen Satz lang sein Drehbuch verliert, denn eigentlich hätte er doch: I love you, I love you, too zurückrufen müssen. Aber andererseits bedient er diese Sehnsucht seiner Fans auch wieder durch die Beteuerung unendlicher Küsse, die er ihnen geben kann (und wird), weil er ja jetzt immun sei. Aber könnte nicht auch hier der eingefleischte Co-Narzisst im Script hängen bleiben, mit dem Gefühl, oh, great, er würde mich küssen, aber dann bekäme ich ja vielleicht Corona? Hoffnung ist der Motor dieser Gedankenspiele. Hoffnung, dass die Menschen aus ihrer Verblendung aufwachen und die immer einseitigen narzisstischen Kräfte am Werk sehen.

14.10.20

Kann nie besser als gerade verstehen, dass wir Menschen das Feuer gefunden haben, das Licht, Elektrizität, Städte, das Handy. Die Dunkelheit hier in den Bergen, im Wald ist umfassend, und anstrengend. Nicht in der Hütte, nur außen ist sie übermächtig, macht mir meine Kleinheit bewusst. Wie müssen sich Menschen vor diesen ganzen Erfindungen gefühlt haben? Kein Wunder, dass sie Götter am Wirken sahen, und sie zu ihrer Unterstützung anriefen.

19.10.20

Hatte diesen Traum: Ich gehe auf Dieter Bohlen zu, der allein am Ende einer Einkaufsstraße steht und sich etwas nervös umsieht, warum ihn niemand bemerkt. Ich sehe ihn und weiß gleichzeitig, dass ich knapp an ihm vorbeigehen werde, weil das mein Weg ist. Kurz darauf bin ich (in einer ähnlichen Einkaufsstraße) eine Drogenfahnderin, die ihre Klienten ganz gut kennt, und dann eine Vertrauensperson, die für jemand anderen eine mit wirklich wichtigen, wertvollen Sachen gefüllte Tasche übergeben soll. Aber Dieter Bohlen steht weiter an seinem Platz und schaut sich, in zunehmender Verlorenheit, nach allen anderen um.
Als ich aufwache, und die Bilder noch ganz präsent sind, ist meine bewusste Assoziation: Es geht um Unterhaltung. Bohlen, als der Inbegriff von Unterhaltung – ich gehe auf ihn zu. Es machte mir im Traum sehr großen Spaß, dies zu tun, ich war gar nicht ängstlich, ich spürte meine Kraft, auch darin, mich nicht an ihm zu orientieren, sondern weiter meinen Weg zu gehen.
In die Richtung, die mir Spaß macht. Das zu schreiben, was mich unterhält. Einfach alles zu erzählen, was ich erzählen will, im – formal – Unterhaltungsroman. Die Fahnderin sein, die ihre Leute kennt. In mich vertrauen, dass ich mir die Tasche schon bringen werde. Mich selbst unterhalten, während ich das Buch schreibe.

20.10.20

Schwanken: Der Druck, die Angst, die ich spüre. Die rasende Unsicherheit. Alle Ideen wie ausradiert. Disconnected. Diese Kräfte sind brutale antagonistische Kräfte. Ich drohe ihnen immer wieder zu erliegen. Sie sind aus dem Nichts da, völlig präsent. Aber dann regt sich neuerdings dieser Widerstand in mir, wie eine Truppe Revoluzzer: Du wirst dir deine Lebenskraft nicht rauben und zerstören lassen. Du lässt dir das ja wohl nicht von diesen Zerstörern diktieren, was du denkst und fühlst (doch, leider immer wieder doch). Aber du siehst sie, du spürst, du bemerkst, was ihre Taktik ist, und deshalb hast du sie in der Hand: münze sie um. Sie sind Teil der Geschichte. Sie sind die brutalen Kräfte am Werk. Sie sind, warum es wirklich um Leben und Tod geht. Die Entscheidung, Hinzusehen, Aufzubrechen oder im Gefängnis zu verrotten, in einem dunklen Loch festzustecken, sich schuldig zu fühlen für etwas, das man nicht getan hat, und nie mehr das Tageslicht zu entdecken.

21.10.20

Hole insgesamt 100 Liter Wasser von der Quelle. Treffe dort französische Wanderer, die ihre Aluminiumflaschen füllen. Ihre Neugier steht ihnen ins Gesicht geschrieben, aber sie trauen sich nicht zu fragen. Wir radebrechen auf Spanisch über die gute Wasserqualität. Als sie weitergehen, bin ich mir sicher, dass sie überlegen, wofür eine Frau, offensichtlich keine Einheimische, so viel Wasser holt. Hat sie ganz viele Tiere? (Danach sieht sie nicht aus). Ist sie eine sparsame Deutsche, die damit ihre Begonien gießt? (Schon eher und ihr deutscher Akzent). Ich glaube nicht, dass sie ahnen, dass ich damit dusche, koche, abwasche, und dass 100 Liter erstaunlich lange reichen werden, wahrscheinlich bis zum Ende meiner Zeit hier.

22.10.20

Eine Fledermaus fliegt durch die schon helle Morgendämmerung. Es wirkt wie: zu spät nach Hause gekommen und nun etwas hektisch. Sie muss ihr dunkles Plätzchen finden, in dem sie den Tag verbringt (wo?). Das frage ich mich die nächsten Minuten. Bis ich irgendwie stolz bemerke: die Dose mit dem Katzenfutter ist schon wieder verschwunden.

Geschlossene Rollenläden. Geschäft dauerhaft aufgegeben. Ein paar durchschnittliche Hausfrauen sitzen an einer Ecke auf wackeligen Klappstühlen herum, am Fuß einer schmalen, feuchten Gasse. Bis ich kapiere, worauf sie hier warten, dauert es einen Moment. Eine Frau mit einer wattierten weißen Handtasche kommt aus dem Haus und stellt sich wieder etwas abseits zu ihnen in die Schlange. Mittagspause, Straßenstrich in Palma. Hier, in diesen Seitengassen, in die ich mich auf der Suche nach einem Copyshop verlaufe (der auch aufgeben musste), ist die wirtschaftliche Depression spürbar. Auf den Hauptstraßen lassen sich Spanier eines nicht nehmen, weiterhin in Cafés zu sitzen, gut zu essen und zu trinken. Da ist es nur angenehm, dass nicht mehr so viele Touristen die Plätze verstopfen. Aber das Gefühl, das mich in den Seitenstraßen plötzlich befällt, ist mehr die Ahnung der Brutalität des Niedergangs, der – wenn das noch lange andauert – kommen wird.

23.10.20

Gott, wie ich mir wünschte, diese Stille aus Flügelschlägen der Tauben in den Bäumen, fernem Geklapper der Schafsglocken und dem Rauschen des Windes ganz oben in den Kronen der Pinien immer zu haben. Möge die Zeit stehen bleiben! Jetzt! Bliebe sie stehen, denke ich dann, wäre ich tot. Da ist es ganz still. Aber es wäre einfach schön, doch, das kann ich sagen nach der Zeit hier in der Stille, wenn es mehr Stille mitten im Leben gäbe, wenn sie da sein könnte, während man lebendig ist. Einfach da, um mich herum, und ganz lebendig.

Heute bin ich den ersten Tag meiner Verlängerung hier. Der noch mal angehängten, geschenkten Zeit. Und heute fühlt sich das Ding geknackt an. Irgendwie geknackt. Als wäre was passiert. Als könnte es sich mir nicht mehr entziehen. Als hätte ich die Oberhand. Ich weiß nicht, ob ich diesem fragilen Wesen gleich wieder das Genick breche, das weiß ich nicht. Ich kann nur meinem Gefühl folgen, das sich als Aufregung zeigt, eine Art Rauschen in meinem Inneren, als wäre in meinem Körper kein Blut, sondern Wasser mit Kohlensäure.

27.10.20

Meine letzten Tage hier brechen an. Spürte noch nie so deutlich die zwei Seelen in meiner Brust. Die, die nie mehr hier weggehen möchte, die einfach für immer hier bleiben möchte, als Eremit im Wald leben, im Rhythmus des Tageslichts, in dieser Luft, im Licht, eine Runde ums Dorf ist das Weiteste, wie sich die Eremitin vom Haus entfernt. An manchen Nachmittagen in der Sonne am Meer sitzen und das Salzwasser auf den Lippen schmecken.
Und dann die andere, die so eine Sehnsucht nach Nähe hat, nach den Menschen, zu denen sie gehört (nach meinem Mann und meinen Kindern). Die bei ihnen sein möchte, sie spüren, mit ihnen reden, lachen, zusammensein möchte. Diese Seite in mir hat interessanterweise gar nicht wirklich ein Bedürfnis nach der Wohnung, Wärme, einer Dusche und Lichtschaltern, wie ich zwischendurch mal gedacht hatte. Sondern es geht nur um meine Familie, die Menschen, zu denen ich gehöre.

Einsamkeit kann anziehend und wohltuend sein, sie hat meine Stimme in mir lauter werden lassen. Und genauso ist sie fordernd, anstrengend, erschöpfend und trägt etwas in sich, das mich unsicher werden lässt, weil ich mich ständig nur auf mein Urteil verlassen muss. Weil ich kein Korrektiv habe, keine andere Sichtweise, als meine eigene. Darin lauert eine Gefahr, eine Gefahr von innen sozusagen, die in diesem Maße von außen im Wald, in der Natur, in aller Abgeschiedenheit dieser Hütte gar nicht gegeben ist.

30.10.20

Sitze ganz still auf der Terrasse, so, dass sie Schafe, die den Hügel runterkommen mich nicht bemerken. Auf einmal sind sie da und kommen ganz nah ran. Ihre Glocken läuten, bimmeln, wie ein lautes Glasperlenspiel. Ich sitze einen Augenblick mitten in diesem Sound und in der Herde Schafe. So muss sich ein Schäfer fühlen, dem die Tiere vertrauen. Ein Schaf, das, was am nächsten kommt, schaut mich an. Drei, vier Sekunden, starr ohne ein Blinzeln, dann entscheidet es sich wohl, dass ich keine Gefahr darstelle und geht weiter grasend am Rand der Terrasse entlang. Die Lämmer sind viel neugieriger als die älteren Tiere. Sie stehen auf der Steinkante der Terrassenmauern und schauen über den Hang wie forsche Kapitäne. Von weiter her fängt ein Schaf zu blöken an. Laut, fordernd, es meckert richtig. Die ganze Herde – bis auf die Lämmer – fangen auch an zu blöken. Sie kommunizieren miteinander, über den Hang hinweg. Ein Schaf dazwischen hat eine ganz tiefe Stimme, grummelt mehr. Eines blökt wie ein schlechtgelaunter Berliner. Das Leittier, das gerufen hat, holt alle wieder zusammen. Sie laufen zurück auf die andere Terrasse. Nur bleiben wieder die Lämmer zurück, die ihre Expedition über den Hang nicht aufgeben wollen, eindeutig nicht. Richtig widerwillig zuckeln sie irgendwann los, nicht ohne noch mal über die Steinmauer gesprungen zu sein, just for fun.

31.10.20

Mir ist richtig schwer ums Herz, als ich alles einräume, draußen aufräume, meine Sachen zum Auto trage, das Haus schließe, ein letztes Mal an der Terrasse stehe und den Ort anschaue. Es war eine verändernde Erfahrung. Es hat mich verändert. Wie ich hier ankam und wie ich jetzt abreise. Was in wenigen Wochen, knapp vier, passieren kann. Ich bin nicht sicher, in der kreativen Arbeit wird man das wohl nie sein. Aber ich habe ein Gefühl von Tiefe, dass ich da etwas durchdrungen habe, was ich vorher noch nie geschafft habe. Dass da etwas mit Gehalt ist, eine Materie, die Substanz hat, obwohl es nicht literarischer Text ist, sondern ‚nur‘ ein Handlungsablauf. Aber gerade das macht die Tiefe aus, die ich nie im literarischen Text erzeugen konnte. Er blieb darüber schwebend, ein Oberflächen-Gerüst, das mich schon nach kurzer Zeit an seine Fragilität erinnerte, und wie einsturzgefährdet es ist. Während ich immer diese luftigen Gerüste geschaffen habe, war das jetzt die Arbeit an einem Fundament. Und darauf kann jetzt ein Haus entstehen. Es ist gar nicht mehr so schwer.

Swedish goodbye

Die Sängerin singt etwas von swedish goodbye. Gleich frage ich mich, was das sein könnte, die schwedische Art, auf Wiedersehen zu sagen? Swedish goodbye – man verabschiedet sich auf Distanz, über eine Entfernung hinweg, aber voller Freude, Lachen, Solidarität? Oder ganz anders, swedish goodbye, man kommt gar nicht mehr zueinander, alle Türen verschlossen, Auseinandergehen, ohne sich noch mal zu verabschieden? Während ich noch grübele, wiederholt sich der Refrain und ich realisiere, es ging um ein sweetish goodbye…

Jetzt pflastern sie schon unseren Weg

Auf dem staubig-dreckigen Asphalt des Gehwegs liegt eine Atemschutzmaske, das klinische Modell. Ein Gummiband ist gerissen und die Maske ist plattgetreten. Spuren von Schuhsohlen gehen über den weiß-türkisen Stoff. Es sieht trostlos aus, das sonst so hochgeschätzte Gut. Ein älterer Mann, der mir entgegen kommt und meinen Blick wohl sieht, ruft in dem typischen Berliner Tonfall zwischen Haste-nicht-gesehen und Wir-ham-schon-ganz-andere-Sachen-überlebt: „Sieh mal an, jetzt pflastern sie schon unseren Weg!“

Der Fund (nach dem Beben des Meeres)

Die Zeitmesser des Meeres,
die Artischocken,
die Sparbüchsen mit ihren flackernden Feuern,
die Beutel des Meeres
zum Bersten voll,
die Leuchten des Wassers,
die Schuhe, die Stiefel
des Ozeans,
die Zephalopoden, die Holothurien,
die trotzigen Krebse,
gewisse Fische, die schwimmen und sehnsüchtig seufzen,
die Seeigel, die hervorkommen
aus den Kastanien der Tiefen,
die blauen Schirme des Ozeans,
die zerrissenen Botschaften,
die Walzer auf den Wogen,
all dies schenkt mir das Beben des Meeres.

Pablo Neruda: Der Fund. Aus: Maremoto, Beben des Meeres, DA Verlag 1991

Haarschnitt

„Wir hängen herum wie ein herausgewachsener Haarschnitt“, singt die Sängerin (natürlich auf Englisch) im Autoradio, und ich singe sofort irgendwie aufgeheitert mit, weil es so passt zur Beschreibung der Zeit.

Auf Sicht fahren

Das Gewitter brach über unserem Schiff herein wie aus dem Nichts. Die Segel flatterten, der Motor sprang nicht mehr an. Wir dümpelten schon in der Mündungsenge in Sichtweite des Hafens, als es – meiner Erinnerung nach – erst ganz windstill wurde, kein Vogel mehr zu hören war, bis dann der Sturm losbrach. Der Himmel hing grau-schwarz bis aufs Wasser und Regen in einem Sechzig-Grad-Winkel, wie Nadelstiche.
Eine große Motoryacht schleppte uns eine halbe, eine Stunde später in den Hafen. Möglicherweise vergingen auch nur zehn Minuten. Es war eine dieser weißen Yachten, die ich vom Steg aus immer bewundert hatte. Jetzt fuhr dieser Kapitän aus seiner erhöhten Position sicher auch auf Sicht, denn die Wolken waren bei ihm oben genauso dicht wie bei uns unten.

Wenn ich „auf Sicht fahren“ höre, wie gerade so oft, dann kommt mir dieser Moment wieder in den Sinn.

Goldstaub

„Vergessen Sie Ihren Goldstaub nicht!“, sagt die Rossmann-Verkäuferin zu mir, als ich alles Eingekaufte in die Tasche packe, nur die Toilettenpapier-Packung am Rand des Kassenbandes stehen lasse. So trage ich das Paket am Plastikgriff wirklich etwas ehrfurchtsvoll vom Laden weg: ein kostbares Fundstück, das ich nach längerer Suche durch reines Glück noch mal in die Finger bekommen habe.

Freundlichkeit

Die zarte Freundlichkeit, mit der die Frau mit der tiefen Raucherstimme – nachdem sie ihre Medikamente entgegen genommen hat – der Apothekerin: „Und bleiben Sie gesund!“ wünscht. Deren Gesicht hinter der auf dem Verkaufstresen installierten Plexiglasscheibe friert kurz ein; ich weiß nicht, ob in dem Erstaunen über diesen empathischen Wunsch einer fremden Kundin oder in der ständigen ängstlichen Erinnerung, dass es auch sie trotz der Scheibe immer wieder treffen kann. Ich glaube aber eher ersteres: denn mit so viel zugewandter Fürsorge bedachte man sich in Berlin vor der Krise eigentlich nie.

Die zitternde Frau

Siri Hustvedts Memoir kommt mir in den Sinn, ‚Die zitternde Frau‘. Darin beschreibt sie, wie sie nach dem Tod ihres Vaters, während öffentlicher Auftritte, bei Vorträgen am Pult stehend, dieses Zittern befällt. Wie könnte es bei ihr anders sein: Mit allergrößter Präzision, ohne Pardon, analysiert sie sich, ihr Leben, ihre Ehe, so erinnere ich, aber lässt auch keinen Besuch bei Ärzten aus. Als niemand eine Antwort findet auf das Rätsel ihrer Zitteranfälle, kommt sie zu dem Schluss, dass es eine körperliche Reaktion auf den Verlust ihres Vaters ist. Das Buch ist groß, weil sie ihr inneres Wachstum beschreibt, das am Ende vom Zittern angestoßen worden ist: In dem Moment, als sie ihre öffentlich sichtbare Schwäche akzeptiert, verschwindet es von allein.

Nutella

Während ich auf der einen Seite der Terrasse stehe und ein Brot mit Nutella esse, fühle ich mich der Maus gegenüber, die gerade vor knapp einer Stunde auf der anderen Seite der Terrasse in der ebenfalls mit Nutella bestückten Mausefalle ihr Leben gelassen hat, wie eine extrem kaltherzige Kriegsherrin. Ich genieße das, was sie umgebracht hat. Im Grunde hatte sie durch die Nutella-Taktik in der Supercat-Mausefalle von Anfang an keine Chance.
Mit schlechtem Gewissen verlasse ich zum Fertigessen des Brotes beschämt und kleinlaut die Terrasse.

Kunst oder kann das weg?

Die schwarz-grauen Abriebstreifen von den Lenkern der Spinning-Fahrräder an der weißen Wand des Fitness-Raumes erinnern mich plötzlich an Zeichnungen von Cy Twombly. Je länger ich diese zufälligen Streifen während des Radfahrens betrachte – lang und kurz, hingeworfen, abreißend, dann wieder mächtig und durchgehend –, desto komponierter und bedeutungsvoller wirken sie. Eben wie ein Kunstwerk, nicht wie der Zufall, der sie kreiert hat. Und dann wird mir klar, dass sich das der Maler, der vor kurzem den Raum gestrichen hat, womöglich auch gedacht haben mag: denn er hat die Wand mit dem Lenkerabrieb-Twombly komplett ausgespart.

Ausflug

Andere Menschen machen heute, an diesem freien, sonnigen Frühsommertag, einen Ausflug mit dem Rad und den Kindern (das sehe ich in der S-Bahn); ich fahre ins Büro um zu schreiben. An so einem Tag fällt mir auf, zu was für einer seltsamen Spezies ich gehöre: solche Menschen, die es lieben, in Gedanken zu reisen, in einer Geschichte zu leben, mit Figuren unterwegs zu sein, als wären sie reale Menschen, mit denen man an einem sonnigen Frühsommertag einen Ausflug zusammen macht.

 

 

Hassliebe

Auf das Plakat einer Pharma-Firma, auf dem eine juckende, großflächige Psoriasis am Ellenbogen einer Frau zu sehen ist, hat jemand einen Pfeil gezeichnet, der auf die Schuppenflechte zeigt, und BERLIN danebengeschrieben. Ja, eine Krätze, diese Stadt. Und dann höre ich wenig später das Lied der hippen Oststaaten-Indie-Band Vampire Weekend ‚Jerusalem, New York, Berlin‘, und spüre meinen Stolz, als sie die Stadt besingen, in der ich lebe, in dieser Reihe von Städten, die ihnen offensichtlich jede für sich sehr viel zu bedeuten scheint.

 

Aliens

„Alle Kinder kommen jetzt zurück in das Raumschiff Lesart“, gellt es metallisch aus einem Megafon, „alle Kinder kommen jetzt zurück in das Raumschiff Lesart!“ Die Kindergartenkinder laufen herbei, gehen durch die Hintertür der Bibliothek, wo der Mann mit dem Megafon steht, und seinen Satz noch ein paar Mal wiederholt. Ein Junge mit großen Sternen auf der Mütze bleibt bei dem Mann stehen und sagt im Brustton der Überzeugung: „Ich habe vier Aliens gesehen.“ „Wirklich?“, fragt der Mann mit Anerkennung in der Stimme, „das ist schon mal sehr gut.“

Ausflug

Erst sagt der Wetter-Fachmann im Radio: Der Nebel wird sich im Laufe des Tages lichten. Dann (selbst erstaunt über die poetische Dimension seiner Worte, glaube ich), dass die Wetterverhältnisse sich ändern werden. Ich merke, wie ich dem Nebel nachhänge, der sich lichten wird (lichten, was für ein schönes Wort), und den kurzen Ausflug des Meteorologen ins Poetische genossen habe.

Engelszungen

Die Mutter redet auf ihr Kind mit Engelszungen ein. „Setz dich bitte auf deinen Popo. Papa sitzt auch mit seinem Popo auf dem Stuhl. Ich sitze auch mit meinem Popo auf dem Stuhl.“ Die Umsitzenden im Café sind längst unangenehm berührt von dem Verhalten des Kindes, das unbeeindruckt weiter am Tisch herumklettert und jetzt auch schreit; die Mutter spürt das genau. Aber sie bleibt bei den Engelszungen, ihrer Engelsgeduld, nur plus einer deutlichen Abneigung gehen ihr eigenes Kind, die ihr im Gesicht steht. Ich muss an das Erziehungsratgeber-Kapitel des Buches denken, das ich gerade lese: Lass nicht zu, dass deine Kinder etwas tun, das sie dir unsympathisch macht.

Kampfgebiet

„Das ist euer Start ins Wochenende“, brüllt der kleine, drahtige Fitnesstrainer, von dem es heißt, er sei früher mal Bundeswehr-Ausbilder gewesen –, und ich komme, während ich seinem Fitness-Programm folge, nicht um den Eindruck herum, als meinte er damit: Und das ist ein Start ins Kampfgebiet.

Das Universum ist doch gnädig!

Stehe in der kühlen, feuchten Herbstluft und drehe mich plötzlich um (mit dem Satz im Kopf, den ich eben gehört habe: Das Universum ist doch gnädig!); da bricht die Sonne durch die Wolken, und ich spüre ihre Wärme auf meinem Gesicht, und ihre Kraft, die sie noch hat.

Hallo, Berlin

„Hallo, Berlin“, steht auf dem Werbe-Plakat einer Immobilienfirma mit dem wohlklingenden Namen Bonanova (oder so ähnlich), „hier ist deine Chance auf Wohneigentum!“ Ich gehe weiter, mit einer Art kognitiver Störung im Kopf: Hallo, Berlin? Sucht die Stadt Wohneigentum? Besonders: Eigentum? Warum deine Chance? Klingt dieser Satz nicht sehr zynisch in der Mieterstadt Berlin?

Gefühle

Sehe erneut die Rede von Angela Merkel an, in der sie ihren schrittweisen Rückzug von ihren Ämtern erklärt, und stelle fest, wie ich in ihrem Gesicht nach dem Ausdruck eines Gefühls suche. Ein Bedauern über die Abschiede, ein emphatisches Eintreten für die Veränderung, Leidenschaft für das, was nach ihr kommen muss. Nur der hohe Takt, in dem sie auf- und niederschaut, ins Publikum, aufs Manuskript, könnte ein Ausdruck ihrer Nervosität sein. Wie ein Mensch ohne Innenleben, so kommt es mir vor, geht sie Punkt eins bis drei durch und dankt dann für die Aufmerksamkeit. Es lässt mich mit einem Gefühl von Ratlosigkeit zurück.

Sicherheit

Der junge, kräftige Mann in der neongrünen Sicherheitsjacke mit zwei Reflektor-Streifen legt seinen Arm um die junge Frau, die neben ihm sitzt. Sie kuschelt sich in die Umarmung, er küsst ihr Haar. Über den reflektierenden Streifen steht in schwarzen Lettern SECURITY. Für Augenblicke bekommt das Wort die Mehrfachbedeutung, die es haben kann.

Hi

Die Amerikanerin begrüßt mich mit einem fröhlichen, lauten „Hi“, obwohl wir uns nicht kennen, und ich reagiere mit einem ebensolchen „Hi“ zurück –, und fühle mich ein paar Sekunden im Nachklang wirklich so, als wäre die Unbekannte eine gute, alte Freundin, die ich seit Jahren mal wiedergesehen habe.

Dinosaurier

Der Mann mit dem grauen Haarkranz, komplett in schwarzen Engelbert-Strauss-Arbeitsklamotten, mit drei bunten Kulis in der Brusttasche, wirkt in dem kirchenhohen, irgendwie heiligen Saal des Apple Stores wie ein Dinosaurier. Er kommt aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Der junge Verkäufer mit dem französischen Existentialisten-Bart umschwärmt ihn nichtsdestotrotz, aber mit dem zweifelnden Blick, dass es nur so sein kann, dass der Dinosaurier sich verlaufen hat.

Lebensweisheiten

Lese beim Vorbeigehen im Bahnhof die Schlagzeile an einem Board:

Lebensweisheiten von Promis, die dir nichts nützen –

heute: Lukas Podolski: „Manchmal gewinnt der Bessere.“

Bauernregel

In der vergilbten Ausgabe von „Der alte Mann und das Meer“, die ich durch Zufall aus dem Regal ziehe, steht auf dem Deckblatt in einer Schrift, die ich mit den 1950er Jahren verbinde, eine Widmung. Wie zum Geburtstag; und ich kann nicht entscheiden, ob sie aufmunternd klingt oder doch auch fatalistisch: Im Mai fängt jeder einen Fisch.

Embrace your reality

Auf dem weiten Sweatshirt des sehr fülligen, jungen Mannes steht EMBRACE YOUR REALITY. Der Schriftzug überspannt ein Mal seinen Bauch. Ein wirklich toller Spruch auf einem Shirt, denke ich zuerst, – eigentlich universell einsetzbar zur Zeit –, und dann: dass dieser junge Mann einen erfrischenden Sinn für Humor hat.

Festival

Ich stehe auf dem Bahnsteig Olympiastadion und schaue in den Abendhimmel Richtung Stadion. Von links schwingt melodiöser, britischer Gitarren-Pop herüber, in der Mitte ein am Limit kreischender Metal-Frontmann, rechts über den Baumkronen, hinter denen das Stadion sein muss, in dem das Lollapalouza-Festival gerade stattfindet, schlägt ein Techno-Herz seinen Puls. Alles zusammen klingt wie ein ineinander laufendes gewolltes gegenseitiges Übertönen; ein bisschen wie ein Zeichen für unsere Zeit, denke ich plötzlich.

Ratlosigkeit im Garten

Verstehe zum ersten Mal, dass mein Garten einer nicht funktionierenden Geschichte gleicht. Ich habe hier und dort was gepflanzt, hier und dort hat sich etwas selbsttätig ausgesät. Alles ist mehr durch Glück als durch Kenntnis zum Blühen gebracht. Der Garten sieht ganz hübsch aus, auf den ersten Blick, aber als ich jetzt länger hinschaue, offenbart sich mir plötzlich das Fehlen einer Struktur und inneren Spannung, eines logischen Aufbaus sowieso, es gibt viele einzelne Themen, und damit keine echte Tiefe, keine Kohärenz, nur Zufall als Rhythmus. Er kommt mir auf einmal vor wie ein vielleicht ganz schön geschriebener Text, der sich flüssig liest. Aber schaue ich wirklich hin, erzählt er mir nur noch schmerzhaft von der Ratlosigkeit der Urheberin.

Haltestellen

Die Idee sei eine Haltestelle des Gedankens, lese ich heute bei Henri-Louis Bergson. Und: Das Auge sieht nur, was der Geist bereit ist, zu begreifen. Dann wäre das Auge die Haltestelle des Geistes, vielleicht eher im Sinne, wie man manchmal dort steht und auf den Bus wartet.

Alles ganz anders

Die Fledermäuse sausten gestern Nacht durch die Luft, knapp über meinem Kopf, als ich noch still auf der Terrasse saß. Ich musste an den Aufsatz dieses amerikanischen Philosophen denken, auf dessen Namen ich bis jetzt nicht komme: Wie es sein muss, als Fledermaus in der Welt zu sein. Ich versuche mir vorzustellen, als was die Fledermäuse, die weiter unermüdlich über mir durch die Dämmerung flitzen, mich wahrnehmen, mit ihrem Sinn für Ultraschall. Bin ich ein schwarzer oder weißer Fleck? Schauen sie vielleicht durch mich durch? Bin ich noch eine Kontur in einem Flimmern? Oder ist alles ganz anders?

Berliner Bevölkerung

„Das ist Berlin. Alles voller Idioten!“, bellt die Frau laut an der Bushaltestelle. Ich versuche herauszuhören, ob sie damit auf eine Begegnung mit jemandem anspielt, die nur kurz zurückliegen kann; oder uns alle, die hier warten, meint. Sie wiederholt ihr Urteil noch ein paar Mal, streng und wütend. Aber seltsamerweise zieht auch eine unsichere Verzweiflung in ihre Stimme ein, so, als würde sie, bei jeder Wiederholung mehr, sich selbst mit einschließen.

Springen

Wie die fordernde Fitness-Trainerin beim Jumping zu mir ans Trampolin kommt und ruft, „Du kannst das“. Wie tief dankbar ich bin, dass sie das zu mir sagt. Auch, weil sie nicht, du schaffst das, sagt. Und wie sich gleich darauf der misstrauische Zweifel einschleicht: Das ist ihr Trainersprech und du bist drauf reingefallen. Und wie plötzlich kurz darauf eine verrückte Kraft durch mich durchgeht: Ja. Ich kann das.

Schlechte Gedanken

Es knallt laut hinter mir im Tunnel. Ich stoße vor Schreck einen kleinen Schrei aus und drehe mich um. Eine ältere Frau schlendert auf mich zu. „Das war nur ein Luftballon“, sagt sie heiter im Vorbeigehen, „der Rest sind unsere schlechten Gedanken.“

Buchenhecke

Die drahtige, schmale, mindestens wie Mitte achtzig wirkende Dame streicht mit der linken Hand schelmisch im Vorbeigehen über die Blätter der halbhohen Buchenhecke. Sie scheint meinen Blick zu bemerken und lächelt mich an. Wir sind wie Komplizinnen. Ich glaube, ich habe das zuletzt als Kind gemacht. Und es so gemocht, wie sie es zu mögen scheint.

Milchaufschäumer

Ich schaue ins Spülbecken, bin tief in Gedanken versunken. Ich suche den Deckel des Milchaufschäumers-Topfes. Ich schaue genau hin, die benutzten Gläser, die Schüssel, dazwischen Messer und Gabeln, ein Teller steht am Rand. Ich schaue wirklich hin. Ich sehe den Milchaufschäumerdeckel mit der Kugel am oberen Ende des Stiels nicht. Ich fange an, ihn überall in der Küche zu suchen. Ich fluche, merke, wie ich den Gedanken, den ich gerade verfolgte, verliere. Ich komme wieder zur Spüle und da steht dieser Deckel direkt vor mir. Hat dort die ganze Zeit gestanden.

Abitur

„Mein Kind hat heut‘ Abitur bekommen!“, höre ich den älteren Mann in die Gruppe der Iron-Maiden-Fans rufen. Einige um ihn herum jubeln kurz auf. Der auch verunsicherte Stolz, mit dem der Mann das in die Menschenmenge gerufen hat, hinterlässt in mir das Gefühl, dass dieses Kind das erste Familienmitglied ist, das ein Abitur erlangt hat.

Weltlage

Die mittelgroße Fliege jagt zackig direkt vor meinem Gesicht hin und her. Ich schlage nach ihr, verfehle sie, sie fliegt auf meine Augen zu, dann auf meinen Mund. Ich will sie wegwischen, mit mehr Verve, sie ist gleich wieder da, fliegt hin und her. Ich wedele kraftvoll mit einer Hand durch die Luft, treffe mich selbst im Gesicht. Sie ist kurz verschwunden und taucht dann wieder in einem flinken Zick-Zack-Kurs direkt vor meinen Augen auf. Und plötzlich denke ich: Die ist wie Trump. Wie die Weltlage mit Trump.

Vergraben

Die kalte Luft sticht. Ich verstecke mein Gesicht so weit es geht hinterm Schal, vergrabe die Hände mit den Handschuhen tief in den Manteltaschen –, und denke an den literarischen Satz: Er vergrub seine Hände tief in den Taschen –, der mich irgendwie an Mark Twain denken lässt, an Huckleberry Finn, keine Ahnung wieso, aber ich sehe ihn vor mir, wie er da steht mit Unschuldsmiene und die Hände tief in den Hosentaschen vergräbt.

Busfahrer

Ich renne auf den Bus zu, der schon von der Haltestelle abgefahren ist und flehe den Busfahrer gestisch im Rennen an. Er macht mir ein Zeichen, dass er anhalten wird, extra für mich, und als ich reinspringe rufe ich übertriebenerweise: „Sie haben mein Leben gerettet!“ „Das ist doch mein Job“, sagt er und fährt los.

Schlüsselgewalt

Dem Durch-und-durch-Hipster mit standesgemäßem Bart und Brille hängt ein großer Schlüsselbund an der Gürtelschlaufe seiner hippen Hose, vorn. Er klimpert und klappert beim Gehen. Es sieht so aus wie bei einem der Berliner Hausmeister, die durch das Zurschautragen der Menge ihrer Schlüssel gern ihre Schlüsselgewalt demonstrieren, nur passt das irgendwie gar nicht zum Hipster, und lässt mich irritiert zurück.

Plastiktüte

Die dünne Plastiktüte zieht Kreise in der Luft, in der Ecke des Schulhofs, aufgewirbelt von einer Böe – und dann schraubt sie sich immer höher und höher, sie tanzt. Sie ist rund wie ein Ballon. Sie schwebt und fällt dann wie über eine Klippe bis fast auf den Boden, wirbelt hoch, schraubt sich erneut in die Luft. Ich muss an die Szene in ‚American Beauty‘ denken, als der Junge dem Nachbarsmädchen seinen Film von einer eben solchen Plastiktüte zeigt, um ihr klarzumachen, dass in den unscheinbarsten Dingen eine eigene Schönheit wohnt.

Langeweile

Nie wieder Langeweile!, ruft mir das Plakat zu, damit ich einen Endlosstrom von Zeitschriften abonniere.
Nie wieder Langeweile, denke ich, = unendliche Bedürfnisbefriedigung = keine Frustration lernen und tolerieren = keine Ideen haben, um Frustration zu beheben = gar keine neuen Ideen haben = immer noch mehr Langeweile = immer noch mehr Zeitschriftenabos erwerben = immer noch mehr gegen die Langeweile anlesen/-blättern = wieder keine Frustrationstoleranz lernen = wieder auf keine neuen Ideen mehr kommen = u.s.w.

Selbsttäuschung

„Die anschwellende Aggression gegen den Vorsitzenden“, schreibt Nico Fried in der Süddeutschen über die SPD, „ist deshalb immer auch der Versuch, die Erkenntnis einer neuerlichen Selbsttäuschung zu bemänteln.“ Selbsttäuschung, das ist es, worum es geht, denke ich in dem Moment.
Und seltsamerweise fällt mir der Junge vom Schrotti ein, damals, der aus den Sozialhäusern kam, und plötzlich auftauchte und uns, die wir immer auf der verwilderten Freifläche spielten, mit einer ausladenden Schaufelrad-Geste aufforderte: „Alle mir nach!“ Am Anfang folgten wir ihm noch. Ich sowieso. Irgendwann, nach dem zehnten, zwanzigsten ‚Alle mir nach!‘ folgte ihm, wenn ich mich richtig erinnere, niemand mehr. Wir ignorierten ihn. Er wurde wütend, beschimpfte uns. Irgendwann verschwand er so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Es wurde gemunkelt, er habe sich mit anderen Kindern aus den Sozialhäusern geprügelt. Mir tat er, meine ich zu erinnern, immer auch mal leid. Seine große Geste – das Schaufelrad, der Ausspruch – hatte mich beeindruckt. Aber am Ende war nichts dahinter gewesen, seine Versprechungen leer. Er hatte uns, aber vor allem sich selbst, über seine Führungskraft getäuscht.

Waschstraße

KopfschmerzSPEZIAL, RückenSPEZIAL und Curaplan Herz Plus – damit wirbt die Krankenkasse für sich, dass ich zu ihr wechseln soll. Ich kann nicht sagen, warum mich diese Kunstbegriffe so irritieren, hat es damit zu tun, dass sie wie aus einer Autowerkstatt klingen, wo ich wählen kann, was repariert werden muss, oder mich an die Programme in der Waschstraße erinnern, je nachdem wie umfangreich das Schickmachen des Wagens sein soll?

Korrekturen

Ich träumte: Mir fällt ein Büschel Haare aus, sie liegen in meinen Händen. Meine Mutter hat einige von mir bemalte Blätter, die eine Geschichte erzählen, auf dem Kassenband eines Supermarktes ausgebreitet. Ich will sie einsammeln, muss aber noch ein Wasser kaufen, weil ich so durstig bin. Ich komme zu spät in die Schule, in der ich unterrichte. Jemand musste in der Eingangshalle auf mich warten, er wartet nicht mehr (und wird nie wieder warten). Ich musste mich an der Kasse vordrängeln, weil ich noch mal zurückgelaufen bin, um eine Flasche Wasser zu holen, als ich die Flasche aufs Band stelle, steht dort eine Cola. Ich spüre im Aufwachen, wie ich aus der Cola wieder Wasser machen will, wie ich eigentlich den ganzen Traum verändern, mich und mein Verhalten korrigieren will.

Kollateralnutzen

Höre zum ersten Mal das Wort Kollateralnutzen – und horche auf und finde mich wieder in einem Strudel von Anwendungsmöglichkeiten, die unsere Gegenwart zu bieten scheint: Kollateralnutzen ziehen aus der Verwirrung, in der viele sich empfinden, aus jeder Form von Mutlosigkeit, aus all der Unentschlossenheit, der Haltungslosigkeit, aus fehlender Führungsstärke, aus der Erosion des Vertrauens.

Sehnsucht

Wie die Frau mit den schwarz-weißen, künstlichen Krallenfingernägeln und den aufgespritzten, perfekt umrandeten Lippen ihren Hund an Brust und Bauch krauelt, liebkost, streichelt –, verrät plötzlich ihre ganze Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Fürsorge und liebevoller Zuwendung, die sie sich für sich selbst wünschen würde.

Autorität

Die junge Frau und der junge Mann in schicker Alltagskleidung strecken die Prospekte der Zeugen Jehova selbstbewusst und zugleich beherrscht-ergeben direkt in den Fluss der Feierabendpassanten. Dazu tragen sie Gesichter, als würden ihnen gerade Botschaften von irgendeiner höheren Autorität übermittelt werden, die es ihnen möglich machen, so still zu stehen.

Die verwirrende Intensität von Serien

Wie ich nach knapp 40 hintereinander geschauten Folgen von ‚Halt and catch fire‘ erschrecke, als eine Figur plötzlich stirbt, und vor dem Fernseher sitze und um sie weine, als wäre sie jemand, den ich gut kannte.

Bücher

„Bücher“, ruft meine Tochter triumphierend und erleichtert vom Sofa, nachdem sie den für sie nervenaufreibenden ‚Percy Jackson‘ fertig gelesen hat, „gehen immer gut aus!“