abschied von den illusionen

Fachgeschäft

Ihr Fachgeschäft für Traurige, lese ich auf dem Eisenrolladen, der die Fenster des alten Juwelier-Ladens schützt.

Bruch

Am Morgen sitzt ein Mann neben mir in der S-Bahn, der in einem Magazin liest, das ich erst für den FOCUS halte, als ich aus Langeweile hinein luge. Dann lese ich unten in der Zeile: ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin. Der Mann hat eine unscheinbare Mecki-Frisur, eine randlose Brille mit Edelstahl-Bügel, trägt schwarze Daunenjacke, Anzughose, Gummisohlenschuhe. Ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. ‚Importierte Kriminalität‘ und ‚Angriff auf unsere Polizei‘ sind zwei Artikel überschrieben. Weil ich es nur ahne, schaue ich es später nach. Es ist eine rechtsextreme Zeitschrift, die er aufmerksam Seite für Seite gelesen hat.

Am Nachmittag sitze ich in der Kantine der Deutschen Oper und sehe einen Mann, den eine ähnliche Unscheinbarkeit umgibt, wie der Mann in der S-Bahn, eine ähnliche Beherrschtheit auch, und so etwas wie Präzision. Aber dieser Mann spricht erst Spanisch, dann Deutsch, dann Englisch, er lacht und diskutiert mit anderen; und ich bin für einen Augenblick unendlich froh, unter diesen Menschen hier zu sein, weit weg von dem Mann in der S-Bahn; – und habe dann für die nächsten Minuten Schwierigkeiten, die Verschiedenheit der Welten zusammen zu bringen, in eine Realität; und bleibe darin hängen, wie brüchig alles erscheint, wie fragil meine Künstlerwelt, wie bedrängt vielleicht längst, weil ich mich zu sicher fühle in der Internationalität, dem gemeinsamen Lachen, dem geteilten neugierig-offenen Blick.

Frühling

„Die Vögel zwitschern ja schon wieder“, sagt eine Frau hinter mir in der Schlange bei der Post, „und die wissen ja Bescheid.“

Schwerelosigkeit

Sehe heute den Mann wieder, der öfter in der S-Bahn sitzt. Er wirkt ausgemergelt, trägt dünne Ballonseiden-Jogginganzüge und macht an jeder Station die Türen auf, berührt mit der Spitze seines rechten Schuhs den Bahnsteig, springt dann dorthin und springt wieder zurück in den Waggon. In Westkreuz steigt er ganz aus, aber achtet dabei darauf, auf ganz bestimmte Stellen des Bahnsteigbodens zu treten. Auf der gegenüberliegenden Seite positioniert er die Füße wie ein Sprinter an einer Linie, die nur er sieht, und geht in die Knie. Die Füße fest auf dem Boden, als hielten diese Berührungen ihn fest, als gäbe es dort so etwas wie eine besondere Gravitationskraft gegen die Schwerelosigkeit des Driftens.

Revolution II

Ich muss immer wieder an die PROKRASTINATION BIS ZUR REVOLUTION denken, irgendwie mit der Frage: Wird sie aus der Ablenkung kommen? Wird sie wegen der Ablenkung ohne uns stattfinden? Wird sie überhaupt kommen, wenn wir alle abgelenkt sind? Bemerken wir sie gar nicht und sie ist schon längst da?

Revolution

Auf dem Bahnsteig. Zugiger Wind.
PROKRASTINATION BIS ZUR REVOLUTION, lese ich in dunkelgrünen Buchstaben auf der naturfarbenen Stofftasche, die der junge, schmale Mann neben mir über der Schulter trägt –, während er den Kragen seiner Jacke hochschlägt und sein Kinn dahinter verbirgt.

Chai-Rätsel

„Chai“, sagt die Frau vor mir an der Einstein-Café-Theke, „was ist das? Tee?“
„Nein“, sagt die Kellnerin.
„Kaffee?“
„Nein.“
„Was ist es?“
„Kein Tee, kein Kaffee. Es ist – ein Pulver ist es.“
„Ein Pulver. Tee?“
„Nein. Es ist mit Milch.“
„Wie Kaffee.“
„Nein. Mit Milch. Vertragen Sie das?“
„Kaffee mit Milch?“
„Nein. Milch. Haben Sie keine Laktoseintoleranz?“
„Chai, hab ich noch nie probiert.“
„Dann nehmen Sie’s. Nur mit Milch, wie gesagt.“

Skipper gesucht

Die zwei Thirtysomethings, beide mit Bart und Hornbrillen, einer in hipper Jogginghose, einer im geometrischen Rauten-Shirt, sitzen am Nebentisch im Thai-Imbiss. Beide haben einen nervösen Tremor in den Beinen, unablässig, es macht mich gleich mit nervös. Sie reden nuschelig, tief, wie versoffen, abgehackt in Kurzsätzen miteinander, langes Schweigen dazwischen, es erinnert mich an Matthew McConaugheys Art zu sprechen in True Detective, nur sind die beiden nicht durchlässig, cool und mutig, sondern passiv-aggressiv, arrogant und verunsichert.
„Ey, Alter“, nuschelt der Jüngere im Rauten-Shirt zum Anderen (Jogginghose), der die ganze Zeit, auch während des Essens, schnell über das Display seines Telefons wischt, „warum willste ’n Boot mieten, wenn du gar nich segeln kannst.“
„Der Skipper ist mit drin“, sagt der Andere patzig, als sei er bei einer Schwäche erwischt worden, und schnippt weiter die Fotos durch.

Show

Peter Pomerantsev, Nichts ist wahr und alles ist möglich: „Und im Mittelpunkt der großen Show steht der Präsident höchstpersönlich, erschaffen durch die Kraft des Fernsehens aus einem Niemand, einem grauen Schleier, so dass er mit der Geschwindigkeit eines Performancekünstlers zwischen seinen Rollen als Soldat, Liebhaber, halb nackter Jäger, Geschäftsmann, Spion, Zar und Supermann hin und her springen kann. (…) Es geht darum, sowjetische Kontrolle und westliches Entertainment miteinander zu verbinden.“ Damit das Fernsehen nie mehr langweilig werde, lese ich und denke: Diese Show beherrscht jetzt auch noch Trump perfekt.

Geisterfahrer

Ein in Plastik einlaminierter orangefarbener DinA-4-Zettel hängt am Baum:
STOPPT GEISTERFAHRER UND GESETZLOSE AUF FUSSWEGEN!
Das Fahrradsymbol im Durchfahrt-Verboten-Schild, das darunter ist, dringt erst nach ein paar Sekunden zu mir durch – zu beschäftigt war ich mit der Frage, ob ich auch ein Geisterfahrer oder Gesetzloser bin, wo ich hier grad auf dem Fußweg gehe.

Stehengelassen

Warum kommt mir heute Morgen, als ich die Brotboxen für die Kinder fülle, Melania Trump in den Sinn? Ich denke an sie, an ihr tablettenstarres, eingefrorenes Gesicht, und wie lange es wohl braucht, das immer herzustellen, diese perfekte Oberfläche; und wie ihr Mann sie nach der Inauguration stehen gelassen hat, und die Obamas sie aus ihrer Einsamkeit erretteten, das Bild, auf dem sie Frau Trump flankierend hinausbegeiten, als gehe es ihr schlecht und sie strauchele gleich. Ich habe Mitleid mit ihr, und schüttele den Kopf, und schwanke zwischen: wie traurig das ist und wie krass die Wahrheit, die sich darin zeigt. Ein Staunen, immer wieder, zu was für unglaublichen Deals Menschen bereit sind, wenn es um Zugehörigkeit geht, ums Geliebtwerden, um Sicherheit.

 

Faust an der Bibliothek

An der Rückwand der Bibliothek, gegenüber von meinem Bürofenster, hat der Sprayer sein Tag zwei Mal übereinander gesprüht, in Beige-Gold-Schwarz. Als wäre er mit der ersten Fassung nicht zufrieden gewesen. Beim Übersprühen ist er aber nur noch zum Ausmalen der ersten beiden dicken Bubble-Buchstaben gekommen. FRUST, lese ich prompt. Nein, TRUST. Und dann entdecke ich, er hat sein Tag noch mal klein darunter gesetzt: FAUST.

Creepy

Donald Trump kroch in meinen Traum, heute Nacht. Er zeigte mit ausgestrecktem Ich-stech-dich-Finger auf eine Gruppe von Menschen, so, wie er auf der Pressekonferenz auf den CNN-Reporter gezeigt hat, ihn beschimpfte und ihm eine Antwort verweigerte. Trump machte es, dass wir – im Traum – irgendwie versteinerten. Die hellgeschminkten Augen, das tote Haar, das verkniffene Gesicht, die geschürzten Lippen. Er konnte uns alle bewegungsunfähig machen, mit seinem Finger. Währenddessen er irgendwie unangreifbar war – als Opfer von Nazi-Germany –; dann wachte ich auf. Welcome to reality.

Präsidententod

Sehe ein Foto, auf dem sich ein Lkw mit dem Sarg des früheren iranischen Präsidenten Akbar Haschemi Rafsandschani auf dem Dach seinen Weg zu dessen Grabstätte in Teheran bahnt – durch Tausende von Menschen hindurch, eng umringt. Es ist keine Frau auf dem Foto in der Menschenmenge zu sehen. Ich schaue noch einmal hin, suche alles ab. Nicht eine einzige Frau in der Menge auf dem Bild, unter den vielen, vielen Trauernden; und bleibe mit der Frage zurück, was der genaue Grund dafür ist.

Phantasiepflanze

Finde durch Zufall ein Blatt Papier, auf das mein Sohn den schwarzen Knochen mit Knöpfen – das Smarthub seiner neuen Playstation – gezeichnet hat, und aus dem Gerät heraus wachsen Phantasiepflanzen mit Blüten und Blättern, wellenförmige Stängel, Blumengesichter, eingerollte Farnkringel, über das ganze Papier erstreckt sich diese weitverzweigte phantastische Pflanze.

Winter II

Himmel, wie mir das Licht fehlt! Das helle, milde, klare Licht über der Küste, so klar wie das Meer, wenn es über die weißen Kreidesteine ausläuft und sie überraschend groß und sichtbar macht. Vielleicht auch, weil der Uferstreifen im Sommer voller Seetang und Algen ist, und die Steine darunter verborgen sind.

Glückskekse

Wie der Mann in dem abgetragenen Parka und den durchgescheuerten Wollhandschuhen vor dem Resteverkauf-Supermarktregal steht und die Tüte mit den Glückskeksen dreht, und anschaut, vorne prüft, hinten, minutenlang – als wäge er ab: Soll ich die kaufen, kann ich sie mir leisten, und bringen sie endlich mal das, was sie versprechen?

Winter

Der Himmel ist schwarz kurz vor dem Gewitter. Nein. Er ist von der Farbe des schwarzen Mercedes, der an der Straßenecke parkt, und der bis unter die Fenster mit einem Firnis aus grau-beige-schwarzem Matsch überzogen ist, seine eigentliche Farbe schimmert vom Hintergrund aus durch.

Fahndungsfotos

Auf dem Tresen des Kontrolleurs, der am Security-Check unsere Pässe und Bordkarten prüft, liegen zwei DinA4-Schwarzweiß-Ausdrucke, ein Männergesicht in zwei Varianten, die Fahndungsfotos, von denen ich in dem Moment noch nicht wusste, dass sie gerade veröffentlicht worden sind.

Trauer

Die Trauer legt sich ganz langsam über mich. In der S-Bahn ist es sehr ruhig, keiner redet, viele schauen aus dem Fenster. Die gemeinsame nachdenkliche Bedrücktheit ist spürbar.

Ding an sich

Lese, dass es im Englischen die Redewendung Ding an sich gibt. Etwas ist ein Ding an sich. Tolles Ding, denke ich, und bin auch gleich ein wenig stolz, wie lustigerweise immer, wenn ich davon höre, dass sich andere Sprachen etwas aus dem Deutschen entlehnen. Ding an sich, denke ich dann: hat was von der Schwere eines Planeten, eines Körpers im All, und zugleich ist es leicht wie ein Gedanke, mit sich selbst identisch, es ruht in sich und hat doch diese Unschärferelation.

Schräg

Lese im Vorbeigehen auf einem Werbe-Plakat den Slogan: Danke, 2016. Du warst schräg!

Existentialistinnen

Sah am Wochenende in Mitte unabhängig voneinander drei junge Frauen, jede der drei trug im eiligen Gehen (im schnellen Ausschreiten muss man fast sagen) ihre bald runtergerauchte Zigarette in der angewinkelten Hand vor dem Bauch, mit hochgezogener Schulter, nahezu Brusthöhe, wie ein Zeichen, wie französische Existentialisten Mitte des letzten Jahrhunderts; dazu ihre weiten, knöchellangen Egg-Shape-Mäntel und ihre hübschen, glatten, aber in der Pose irgendwie verfangen wirkenden Gesichter.

Kühlkiste

Der vielleicht dreißigjährige Mann auf dem U-Bahn-Sitz mir gegenüber hat lange Dreadlocks, eine randlose Brille, er liest in einem Heft, das HINTERGRUND heißt. Er wirkt ein bisschen wie ein Autonomer, vielleicht aber auch wie ein Programmierer – oder ein Musiker? Er hat eine große, grüne Kühlkiste vor sich stehen, auf der irritierenderweise mehrere Swastikas sind, ein paar Op-Art-Aufkleber, Pixelbilder, BROS steht als Edding-Tag quer auf der Kiste. Ich kann den Mann nicht mehr entschlüsseln, denke ich, unmöglich, zu sagen, für welche Richtung er steht. So geheimnisvoll, wie die grüne, beklebte Kühlkiste ist er, in der ich mir auch alles vorstellen kann: Drogen, Laufwerke, Waffen, vielleicht auch einfach nur Schallplatten.

Augen

Die Quasselstrippe in der Sauna erzählt ihrer Freundin von ihrem Traum: kurz vorm Aufwachen sei sie an einem Wal vorbeigeschwommen und habe ihm in sein Auge geschaut, krass, oder?, echt, und dann habe sie geweint vor Glück, im Traum: „weil, ich hab ihm ja direkt in sein Auge geschaut, weißt du, direkt hinein.“ Ich fahr zurück und der Mond hängt tief am Himmel, leicht schräg, wie ein großes, weißes Auge unter einer Wolke, – und der Anblick stimmt mich milde, irgendwie, gegenüber der Quasselstrippe.

Hamilton

Seltsam ist der Zufall, dass mir Kat, die Amerikanerin in unserer Gruppe in China, in der Wahlnacht von „Hamilton“, dem Broadway-Musical, erzählte, und wie ich die Geschichte nicht ganz verstand, nur verstand, dass es für sie etwas Mythisches war, wie ein heiliger Ort, eine göttliche Kraft, die sie noch an ihr Land glauben ließ – und jetzt ist Hamilton in den Schlagzeilen hier, und ich gehe das erste Mal online und schaue mir Ausschnitte an, und bin sofort ergriffen von der Kraft, die da drin steckt: Ein  Mann erzählt seine eigene Geschichte von Migration, Ehrgeiz und dem Wunsch, dazu zu gehören, akzeptiert zu werden, anzukommen, im Kleid von Hamiltons Geschichte. Seine individuelle Erfahrung verbindet er mit einem universellen Thema. Ich wundere mich keine Sekunde mehr über den Erfolg und die Bedeutung. Das sollte ich Kat noch mal schreiben.

New Era Express Bus

Eine Sache meine ich in China verstanden zu haben: welche Macht Unberechenbarkeit hat. Trump hat diese Ära jetzt eingeläutet, die Macht der Unberechenbarkeit, für die westliche Welt. Während wir noch auf berechenbare Aussagen hoffen, ist er längst ganz bei sich: was er in einem Augenblick ist, ist er im nächsten nicht mehr und so weiter. Zynisch daran ist, dass diejenigen, die ihn gewählt haben, gerade auf Berechenbarkeit hofften. Das ist die einzige Sollbruchstelle – wenn er sie mit seiner Unberechenbarkeit enttäuschen sollte. Aber dann kann er immer all die dafür verantwortlich machen, die er als Berater um sich hat. Er wird sie einzeln opfern können, wie Lämmer. Sie sind Schuld, er wird über sie hinübersteigen und durch die Tapetentür einer neuen Ansicht, Entscheidung, Sichtweise treten – immer in die Unberechenbarkeit hinein. Das ist wahre Macht.

Die Chinesen, die dieses Spiel aus welchen Gründen auch immer, so viel besser beherrschen als wir. Und Putin, der als Geheimdienstmann genau gleich um die Kraft der Unberechenbarkeit, des Unvorhersehbaren weiß.

Im Alkoven vor meiner Tür ist ein Dach aus Plexiglas. Ein halbes Dutzend Wespen und ein weißer Schmetterling haben sich darunter verfangen und fliegen unerbitterlich gegen das Glas, prallen ab, versuchen es wieder. Sie machen zusammen ein Getöse, das ich im ersten Moment für das Brummen eines Motors halte. In Gedanken gerade bei der Unberechenbarkeit Trumps, kommen mir die Wespen plötzlich so vor wie die anderen, die unaufhörlich gegen diese gläserne Decke fliegen, ohne zu verstehen, dass es eine ist.

Die Männer unten auf der anderen Terrasse reden aggressives, lautes Stakkato durcheinander, bis einer lacht, und ich begreife, dass es ein normales Gespräch zu sein scheint. Aber ihre Stimmen sind schrill, abgehakt, voller Aggressivität, so hört es sich für mich an. Einer holt von tief aus dem Hals Spucke hoch. Sie rauchen. Sie reden und reden, Lachen dazwischen, als hätten sie sich sehr dreckige Witze erzählt, alles unter Strom und durcheinander, niemand ist da unten entspannt.

Mir fällt wieder ein, was Alison uns übersetzt hatte, das, was die Taxifahrerin ihr erzählt hatte. Die Chinesin schüttete ihr, der Fremden – Alison ist Halb-Chinesin und spricht ganz gut Kantonesisch – einfach ihr Herz aus. Erzählte, während sie fuhr, dass die Männer in der Gegend fürchterlich seien. Alles müssten die Frauen machen. Die Männer seien faul, aggressiv, verlogen, sie werde von ihrem Mann regelmäßig geschlagen, könne sich aber nicht trennen, da ihm die Taxilizenz gehöre. Wenigstens ihre Tochter studiere jetzt woanders. Dass sie nicht noch einen Mann hier aus der Gegend heiratet! Durchhalten, habe die Taxifahrerin zu ihr gesagt, sie halte einfach nur noch durch.

Der Tourismus-Minister der Region, der uns eingeladen hat, sagt, dass sie von Kanada und den USA gelernt haben, was Nationalparks angeht. Von diesem Jahr an wird es einen Schwerpunkt geben, um Nationalparks entstehen zu lassen. Auch das kulturelle Erbe, wie die Diaolous, soll besser erhalten werden. Er sagt es nicht, aber es ist deutlich spürbar: die Rückversicherung in ihre eigene Geschichte hinein, die frühe und andauernde Vernetzung Chinas mit der Welt aufzeigen und zeigen, dass man dem Westen in nichts nachsteht.

Die aufgeforsteten Eukalyptus-Bäume überziehen die Hügel wie in Reihe gesetzte grüne Puschel-Hüte, Hügel für Hügel, sehr viel Eukalyptus, das schnell nachwachsende Holz.

Es gibt keine Stadtplanung, keine Stadtgestaltung, deshalb ist alles nebeneinander: Felder, Blechhütten und zehnspurige Autobahnen. Industriegaragen und Wohntürme. Schrottplätze mit Stapeln aus Flachbildschirmen und Parkanlagen. Backsteinhäuser und Wolkenkratzer. Zuckerbäcker-Apartmenthäuser und rostige Hafenanlagen. Und über alles zieht sich noch ein Riesenstelzen-Gebilde hinweg – eine in den Himmel gebaute Autobahntrasse.

Aus dem Seiteneingang der Mall of the World, da, wo die internationalen Essensstände sind, schwärmen um die Mittagszeit gelb-schwarz gekleidete E-Bike-Fahrer auf ihren gelb-schwarzen E-Bikes heraus, wie ein Schwarm Bienen, und liefern das bestellte Essen aus.

In dem Schreibworkshop, den ich gebe, in dem es um das eigene Thema im Schreiben geht, zeichnen sich fast durchweg zwei Gedankenfelder ab, die die Studenten beschäftigen: Zugehörigkeit, Verbundenheit, Familie und wie oft sie es mit Alleinsein, Unverbundenheit, tiefer Einsamkeit zu tun haben, und weiterhin: Der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Vorstellung und Realität, und die damit verbundenen Enttäuschungen.

Auf dem kleinen Hinterhof inmitten ein paar Blocks von Backsteinhäusern haben Frauen ihre Webstühle an den Pfeilern von Sonnendächern angebracht. Die Fäden gespannt. Um sie herum liegen Plastiktüten mit den Garnen. Sie reden lautstark, weben, lachen; etwas abseits steht ein Tisch an dem vier Männer sitzen und Karten spielen.

Plötzlich, auf dem Bildschirm in der U-Bahn von Guangzhou, ist ein deutsches Fußballspiel zu sehen, Bayern München, vielleicht, und Dortmund, die Spieler, Trikots, alles sehr klein, ich erkenne keinen, bis auf Thomas Müller dann, der ins Bild kommt.

Die Straßenecke ist ein Recycling-Hof – ich verstehe es erst beim dritten Mal, als ich vorbeilaufe. Pappe wird zu meterhohen Türmen zusammengepresst, eine Waschmaschine auseinandergenommen, und gerade sind alte Alufensterrahmen-Schienen von einem Transportfahrer geliefert worden und werden auf offener Straße mit großen Hammern plattgeklopft.

Aus dem Massage-Salon, durch die große Fensterscheibe, lachen mich drei junge Chinesinnen an, die gerade selbst eine Fußmassage bekommen, und obwohl ein Platz frei ist und ich kurz zögere, gehe ich doch nicht rein, zu offen, zu viel Glas, zu helles Licht.

Wie ich mir zutraue, in den kleinen Lädchen hinter dem Einkaufszentrum zu verhandeln, mit den Frauen, die nur Chinesisch sprechen und mich mit ausdruckslosen Pokergesichtern taxieren – und plötzlich meine ich, ihren Trick raus zu haben. Während man um den Preis verhandelt, lächelt man nicht, ist einfach nicht mehr nett und schon gar nicht schüchtern. Man muss in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen, und immer dazu das vollkommen desinteressierte Pokerface machen.

The only reason anyone would ever hate you is because they want to be just like you – dieser Satz vor einem Bild von einer Wespe auf einem Löwenzahn, in Gold gerahmt, hängt über meinem Klo. Sollte die Wespe eigentlich eine Biene sein? Warum hängt das in einem Hotel-Bad? Ein Rätsel, nicht zu lösen.

Die große Brandschutz-Veranstaltung auf dem Platz zwischen Oper und Bücherrei. Ein halbes Dutzend Soldaten präsentiert eine schwarze Drohne, die so groß ist wie ein VW-Golf. Sie wird von einer Traube Männer bestaunt. Auf einer Riesenleinwand läuft ein Video – was zu tun ist, wenn es im Kino brennt. Es schlendern zahlreiche Soldaten über den Platz, die Sitzplätze vor der Leinwand sind unbesetzt. Ich wollte eigentlich zur Oper, aber die ist abgesperrt.

Die pop-bunten Klebestreifen, auf denen das Tier in lebend und darunter als Gericht, zu dem es verkocht wurde, abgebildet sind, sind genau auf Augenhöhe angebracht, so dass niemand nach draußen schauen kann, in die geschmackvoll angelegte Teichlandschaft hinter dem Fenster.

Die Putzfrau, die am Morgen nach der Kakerlaken-Geschichte im Zimmer war, und die mich Tage später durch ihre Translation-App (sie malt die Schriftzeichen auf ihr Smartphone, oberhalb erscheint die englische Übersetzung) fragt: Was everything clean or did they disturb you again? Durch Fan lerne ich, dass ihr Lächeln, das mich am Kakerlaken-Morgen doch irritiert hat, weil ich dachte, sie lache mich aus – dass ihr Lächeln zu der Entschuldigung dazu gehörte. Hier wird gelacht und gelächelt, gerade wenn man sich für etwas schämt, wenn einem etwas unangenehm ist, wenn man sich entschuldigen möchte. Sie wird mir doppelt sympathisch. Dennoch sage ich nur nachdrücklich Danke und schaue ihr in die Augen.

Pauls zurückhaltende, schüchtern-zarte Art, wie er leise zugibt: Ja, ich hatte auch eine in meinem Zimmer. Und dann sagt: But I pretended not to see her.

Ich bin mir absolut sicher, dass den weißlichen Fischen in dem Aquarium in der Lobby ihr Stickkissen-Muster auf den Körper gemalt worden ist: zwei Blumenblüten, ein Zweig, zwei Blätter. Wie im Kreuzstich-Muster auf ihren Schuppen. Paul klärt mich auf – das ist alles Natur. Auch die anderen, die ein Muster aus großen rosafarbenen Pixeln auf ihren Seiten haben.

Die Studentin holt sich am Ende des Essens mit den Stäbchen den Kopf des Fisches vom Servierteller. Ich frage entgeistert, was sie damit vorhabe. Der Kopf sei das teuerste vom Fisch gewesen, alles an ihm sei gut. Sie sagt, sie habe früher schon immer Fischaugen gegessen und esse sie noch jetzt gern. Man bekomme gute Augen davon. Sie pult mit einem Stäbchen das Auge des Fisches heraus und isst es. Ich zwinge mich hinzusehen, aber als die Gallertmasse von ihren Stäbchen tropft muss ich wegsehen.

Die drückende weiße Luft am Morgen, wie eine giftige Wolke in der wir stehen.

Jeder habe seine Interessen, erklärt die Insiderin. Wenn du nicht genau weißt, was du willst, und mit wem du wie kooperierst, das heißt, wenn du unsicher bist oder mal so schaust, was der andere dir anbietet – dann gehst du unter in China. Dann wirst du immer instrumentalisiert, ausgenutzt, vor einen fremden Karren gespannt, in deinen Absichten verbogen. Dann entgleitet dir alles. Eins musst du können, in China, sagt sie noch, und ich merke es mir: Das, was du haben willst, mit beharrlicher Härte einfordern. Sonst bekommst du es mit Sicherheit nicht.

Ich sitze im vielsprachigen Superlärm im Keller des Flughafens, San Francisco, Perth, Mumbai, Teheran, Amsterdam, jede Hautfarbe, die es auf der Welt zu geben scheint, scheint hier vertreten. Ich freue mich auf die Ruhe, die wir in Deutschland haben. Auf die gute Luft. Und etwas ist mir bang davor, vor der Kleinheit im Denken, der Weltabgewandtheit bei gleichzeitiger Hybris, die man gerade in Berlin so gerne pflegt. Mir wird bang, vor mir selbst, im Wissen, wie schnell es geht, diese globale Perspektive zu verlieren, auch die stoische Gelassenheit, die Coolness mit der alle anderen Nationen hier das Warten im stickigen, megalauten Kellergewölbe ertragen. Ich nehme mir vor, mich an den Wahnsinn der Welt, wie sie ist, zu erinnern, und mich nicht zu schnell wieder im Kleinklein aufzureiben, im Kreisen um Befindlichkeiten, um Kontrolle und Ordnung.

Noch nie ist es mir so aufgefallen, wozu die Telefone, die alle Menschen mit sich herumtragen, dienen: um in Kontakt zu bleiben, um verbunden zu sein, um einander zu sagen: ich muss jetzt gehen, aber ich komme wieder, wartet auf mich. Um, wenn man das nicht hat, sich Filme von Menschen anzuschauen, die aufeinander warten, die sich in den Arm nehmen und küssen, über ein Wiedersehen freuen. Selbst, wenn so viele stumm darauf starren, eigentlich steht diese wahnsinnige Erfindung nur dafür: unsere Sehnsucht, dass wir endlich alle miteinander verbunden sind, dass wir uns unserer Zugehörigkeit versichern können, miteinander reden, verbunden sind, uns verstehen.

NEW ERA EXPRESS BUS steht auf dem Kleinbus, der mit uns auf der Autobahn ständig auf einer Höhe ist. Mal ist er etwas vorn, mal wir, der Stau ist zäh. Ich lese es zwei Mal, und dann denke ich, es ist wie ein schöner Titel für das alles hier.

Posen

Zwei Pakete Spielkarten neben meinem Kingsize-Bett, zu je 10 Yuan, eine Packung Kondome, die „Making Bee“ heißt, zu 25 Yuan.

In der Nacht, nachdem das Wahlergebnis wirklich feststeht, keine Zweifel mehr, bin ich um halb zwei Uhr erst müde genug, ins Bett zu gehen. Nicht eine Ahnung, soviel ist es nicht, mehr auch Gewohnheit: Ich hebe die drei Kopfkissen hoch, auf jeder Seite des Bettes. Beim letzten Kopfkissen läuft eine Kakerlake heraus, übers Bett, auf den Boden. Ich soll ins Nebenzimmer gehen, da schlafen, das mache ich, unruhige Nacht. Am Morgen versichern mir die Frauen vom Roomservice via ihrer hervorragenden Übersetzungs-Apps, das Zimmer gut geputzt zu haben. Ich schiebe das Bett zur Seite und sehe die Kakerlaken-Eier, ich bin Expertin auf diesem Gebiet. Nach weiteren Telefonaten mit der Hotelrezeption, über den Umweg des Übersetzers, entschließe ich mich kurzerhand, einfach selbst aufzuräumen. Ich nehme das Bett auseinander. Komplett. Wer läuft aus dem Unterteil-Kasten? Meine Freundin. Ich erschlage sie mit einer Mischung aus Genuss und Ekel. Irgendwie in Gedanken bei Trump. Ich weiß auch nicht, zeitliche Koinzidenz.

Stolz verkünde ich beim Abendessen: Selbst ist die Frau, Problem gelöst. Gehe wieder spät ins Bett. Komme aus dem Bad, wo eine kleine, aber wirklich nur eine kleine am Duschabfluss saß, die sofort erschlagen war –, da klettert eine große, ein wirklich große, schwarze Kakerlake am Vorhang hinunter. Ich schreie sie an. Erst auf Englisch, dann erst Deutsch. Werfe einen Schuh nach ihr. Sie fliegt mir entgegen, eine Kurve, bis aufs Bett. Ich schreie, schlage, erwische sie nicht, schlage wieder, Matsch. Etwas verzögert setzt ein Zittern ein. Es fällt mir schwer, so richtig klar zu denken. Rufe den Übersetzer an, obwohl es knapp zwei Uhr nachts ist. Ich soll wieder in den Nebenraum. Als die kleine Chinesin der Nachtschicht, die auf ihrem rosa Fahrrad angeradelt kommt, mich reinlässt, läuft eine mittelgroße Kakerlake quer durch den Raum. Ich soll in ein ganz anderes Apartment, drüben, auf der anderen Seite der tropischen Poollandschaft. Ich marschiere durch die Nacht. Meine Tochter ruft an. Ich betrete mit ihr am Ohr den nächsten Raum. Sieht doch alles prima aus, sagt mir die Chinesin mit Gesten und ihrem fröhlichen Lachen. Ich bin kurz davor, ihr zuzustimmen, da sehe ich eine Große an der Wand oberhalb des Bettes und eine andere kommt gerade unterm Vorhang hervor. Es hat mit mir zu tun! Egal, wo ich bin, sie sind da! Ich locke sie an! Die Chinesin erschlägt die an der Wand mit der Fernsteuerung des Fernsehers. Die andere zertritt sie zielsicher mit ihren neongrünen Turnschuhen. Und macht ein Gesicht zwischen Zuversicht, Hoffnung und Einverständnis, dass ich hier wohl doch auch nicht schlafen werden kann.

Auf dem Rückweg in der dunklen Allee stolpere ich fast über eine sehr große Schnecke.  Ihr Haus: wie eine Megawaffel für sechs, sieben Kugeln Eis. Ihr Körper dick und mächtig, eine Fleischwurst. Gemächlich quert sie, fast majestätisch, die Straße.

Als ich der Studentin erzähle, am nächsten Tag, dass mir eine entgegengeflogen kam, sagt sie in lachendem Ernst: Oh, chinese cockroaches are really strong!

Der künstliche Ginko-Baum, der auf der Höhe der Diaolou-Häuser in Kaiping ist, als wir ganz oben auf der verwitterten Dachterrasse stehen, und der mich an die künstlichen Palmen neben dem neuen BND-Gebäude erinnert, die ja auch keine Palmen sind, sondern was anderes. Aber wozu dieser hohe Ginko-Baum fähig ist, kann ich leider nicht herausfinden, Pech nur, dass wir uns jetzt alle direkt vor ihm fotografiert haben, der Aussicht wegen.

In dem Museums-Dorf in dem wir sind, laufe ich in eins der schönen, verwitterten zweistöckigen Häuser hinein, weil ich denke, dass es zu besichtigen ist; da sitzt eine alte Frau an einem Tisch und schaut mich an, als wäre ich gerade in ihr Schlafzimmer reingerannt, um es einzunehmen. Ich gehe rückwärts wieder raus, mich entschuldigend, beschämt, verwirrt auch, weil ich dachte, dass wir in einem Museumsdorf sind.

Die Chinesen, die um die 1920er Jahre in alle Welt aufgebrochen sind, und dort in der Fremde Geld gemacht haben, die haben das Geld und die Baupläne für ihre Häuser in die Heimat zurückgeschickt. Hierher, in diese Gegend. Und dann wurden diese Burghäuser, wie sie übersetzt heißen, gebaut, hochgesichert gegen Diebe, mit spanischen Fensterläden, deutscher Eisen-Schmiedekunst, dazu italienischer Freskenmalerei, französischen Möbeln, portugiesischem Geschirr, und oben spanische Terrassen oder Giebeldächer oder Zwiebeltürme, ein paar chinesische Drachen – ein wildes Mischmasch, eine wahrhaft eklektizistische Architektur, schön, seltsam, ein bisschen wie die Kulisse für einen Fantasy-Film.

Die Chinesen schmatzen. Es ist selbstverständlich. Alle machen es. Ob jung, ob alt. Aber wenn der westeuropäische Kollege bei jedem Essen wieder schmatzt, laut, schnalzend, dann ist es für mich schwer auszuhalten. Ich empfinde es als dreiste Nachlässigkeit. Als der mir oktroyierte Charakterzug eines Unerzogenen. Mir wird schlecht davon. Und ich stutze selbst über dieses zweierlei Maß, das ich hier anlege.

Die chinesischen Mittelschichts-Kleinkinder in Ralph-Lauren-Hemden – drei, vier Jahre –, die auf die Terrasse kommen und mir beim Vorbeischwimmen zuschauen, als sei ich ein seltener Fisch; und dann, als ich fast aus ihrem Blickfeld geschwommen bin, im Endlospool-Kreis, rufen sie mir Bye-bye nach, und winken begeistert, alle beide.

Das Pärchen sitzt abseits im großen Essenssaal. Links und rechts neben den beiden, auf den Stühlen, ihre weiß-braunen Pudel. Der Mann trägt eine Hip-Hopper-Kappe, Oversize-Hemd und Goldketten, wie ein Rapper aus den 90er Jahren. Die Frau ist sehr schlank, stark geschminkt, hohe Boots, und sie raucht dünne, feminine Zigaretten, ohne zu rauchen. Gemeinsam füttern sie mit ihren Stäbchen die Pudel. Zwischendurch füttert sie dann noch einmal ihn, den Rapper, mit einem Stück Fleisch zwischen den Stäbchen.
Ich sehe sie später wieder, sie schlendern übers Gelände, die Hunde tollen um sie herum. Sie wirken, als steckten sie fest in diesen Posen, die aber auch keinen richtigen Sinn mehr für sie selbst zu ergeben scheinen. Die Pose abzulegen – geht auch nicht mehr. Sie sind darin gefangen. Wie eine wandelnde Entfremdung, ein lebendiges Zitat, eine Kopie von einem Original, das es nie gegeben hat. Sie sind junge Chinesen.

Träume

Die Professorin erzählt von einem chinesischen Autor, der sich selbst zensiert hat in seinen Büchern. Mitten in der Erzählung steht dann: Hier habe ich selbst 280 Wörter rausgenommen. Und weiter geht es in der Geschichte.

Oder die Erzählung: Dass ein auf Englisch schreibender Autor zurück ins Chinesische übersetzt wird und dabei bekommt die Geschichte ein anderes Ende, als sie hatte.

Wie der junge hochgewachsene Mann mit eisern-stoischem Blick, leicht gebeugtem Rücken, durch den langen Autotunnel läuft, auf dem schmalen Notfallfußweg, es sieht nicht so aus, als hätte er sich verlaufen, eher, als beweise er sich hiermit selber etwas.

Zwischen den nahstehenden, alten, schwarz angelaufenen Hochhäusern gehen Stromkabel hin und her. An den Stromkabeln hängen Bügel, darauf T-Shirts, Hemden, Hosen, BH, Unterhosen. Kurz frage ich mich, wie das geht, die Wäsche dort dran zu hängen, wie sie wieder runter holen? Und dann berührt es mich viel mehr: dass das Private so öffentlich ist, ständig, überall.

Eine Studentin erzählt mir, wenn eine Berühmtheit mit Drogen erwischt wird, sagt man über ihn: Oh, sieh doch nur, wie jung er ist! Wenn eine beliebte Schauspielerin einen schlechten Film macht: Oh, sieh doch nur, wie hart sie gearbeitet hat. Wenn es eine Trennung gibt unter Stars: Sieh doch nur, sie sind doch noch Kinder.
Es ginge immer darum, erklärt mir Liling, Berühmtheiten von aller Verantwortung für ihr Handeln frei zu sprechen, egal, was sie gemacht haben.

Eine Riesenshow am Abend in der ehrwürdigen Halle der Universität – zu unseren Ehren –, und zur Verleihung eines Poesie-Preises. Ein perfekter Chor, der Halleluja singt, eine lupenreine Flötistin, eine großartige chinesische Gitarristin plus afrikanischem Trommler, Lichtshow, roter Teppich, wir auf mit weißem Satin bezogenen Sesseln. Neunzig Minuten lang ist es fett und lustig und schräg schon auch, aber dann kippt es: eine lange Gesprächsrunde nicht über die Poesie des britischen Kollegen, der den Preis bekommt, sondern über die Gedichte des Erfinders des Preises. Dann ein chinesischer Elvis Costello, der ein Lied über eines eben dieser Gedichte singt (nach einer zehnminütigen Einführung). Das Publikum schläft, der britische Kollege schläft, aber die Show geht noch eine Stunde lang weiter.

Ich gehe missmutig nach Hause. Wir sind gekapert worden, waren Staffage in einer Show für einen Mann, dessen Poesie von den Professoren, mit denen wir zu tun haben, als mittelmäßig bis schlecht eingestuft wird. Wir dienten ihm als Bestätigung, Rechtfertigung, um sich selbst zu ehren.
Er hatte mir zu Beginn des Events sein Buch in die Hand gedrückt, auf dessen Rückseite ein großes Porträt von ihm war, und ich hatte es freudig entgegen genommen. Ich habe es verloren, stelle ich fest, als ich im Hotelzimmer ankomme und trauere nicht eine Sekunde darum.

Wie mich der heilige Ernst in der Stimme einer vorlesenden Kollegin abstößt, ich kann mir nicht helfen, wie sie versucht, das Banale durch den salbungsvollen Ton ihrer Stimme aufzuladen –, es lässt mich milde aggressiv werden, ein irritierendes Gefühl. Herz, Herz, Herz, betont sie immer wieder, überall das Herz, das schlägt und leidet und singt (und dann singt sie wirklich), und ich will nur noch aufstehen und gehen.

Auf einem Buchrücken in dem großen, gut sortierten Bookstore lese ich den englischen Titel neben dem chinesischen: The Dark Side Of Democracy – The Ethnic Cleansing.

Wie Fan sich am nächsten Tag für die Show entschuldigt, sagt, sie schäme sich noch jetzt dafür. Nennt es: we got hijacked, wir wurden entführt. Und dann sagt sie, es sei ein Beispiel dafür, wie kompliziert ihre Kultur sei, wie schwer zu durchschauen: Wenn man eine Woche in China sei, könne man einen Roman schreiben, wenn man einen Monat in China sei, könne man einen Artikel schreiben, und wenn man ein Jahr in China sei, könne man gar nichts mehr schreiben.

Die achtzigjährige Chinesin steht am Pult und liest aus ihrem neuesten Erzählband vor. Sie hat mit sechzig erst lesen und schreiben gelernt, mit vierundsiebzig ihr erstes Buch veröffentlicht und seither jedes Jahr eines, allesamt Bestseller in China. Sie hatte nie Träume gehabt, sagt sie, erst seit sie schreibt, träumt sie. Und jetzt träumt sie davon, mit neunzig noch mal Malerin zu werden.

Geschichten von Gewalt, gebrochenen Zehen, die Füße so verbunden, dass sie nicht mehr wachsen konnten, Mädchen mussten kleine Füße haben, sonst bekamen sie keinen Mann. Eine Frau erhängt sich, weil sie große Füße hatte und auf ein Küken getreten ist, im Haus ihrer Schwiegereltern, die sie eh schon missmutig aufgenommen haben. In klarer, emotionsloser Sprache erzählt sie von Geistern, die blaue Flecken auf den Körpern von Frauen hinterlassen – Geister, die es wirklich gibt, sagt sie später –, von ihrem Bruder, der die Mutter darum bat, der kleinen Schwester das Füßebinden zu ersparen, die Brüche, die Schmerzen beim Gehen auf Hacke und gebrochenem Zeh. Sie strahlt, als sie am nächsten Tag neben mir am Tisch sitzt, eine hoheitliche Würde aus, in ihrem edlen Pailettenkleid, und lässt übersetzen, dass sie sich minderwertig fühle zwischen uns, weil sie nicht studiert habe, aber nicht unwohl, und das sei das Wesentliche – sie lächelt wie eine Queen.

Ihre Tochter steht neben ihrer Mutter, ist größer als sie, aber sehr schüchtern, sie hat eine Narbe quer über die Oberlippe, und sie wird vorgestellt als Tochter von der berühmten Autorin – mit dem Nachsatz: die auch schreibt, aber eben nicht so berühmt wie ihre Mutter ist. Was die Tochter mit einem schrägen, durch die Narbe verzogenen Lächeln quittiert.

Fan nennt ihre eigenen Geschichten Reflexions on Bitterness and Sweetness, und sie erzählt von den behinderten Kindern in ihrer Klasse und wie grausam sie von ihnen behandelt wurden, welchen harten Stolz sie darüber entwickelten, sich selbst durch grausame Härte retteten. Von einem Jungen, der plötzlich in ihre Klasse kam, dessen Mutter sich das Leben genommen hatte, und über die der Lehrer des Jungen sagte: Ist schon recht gewesen, dass man deiner Mutter Ameisen ins Ohr gesetzt hat, sie hat nicht hören wollen. Ist schon recht, dass sie verprügelt wurde, sie wollte einfach nicht verstehen. Ist also recht, dass sie tot sei – und wie Fan diesen Jungen Jahre später wiedertrifft und sieht, dass er verrückt geworden ist. Er läuft durch die U-Bahn und ruft, er sei Maos leiblicher Sohn.

Dann kommen Mädchen auf die Bühne, die das durchgehend englischsprachige Theaterstück, das sie aufführen, selbst geschrieben haben. Sie trippeln und tanzen, sie spielen und singen – selbstbewusst, stolz, gefördert, geliebt, privilegiert. Zum Schluss hält die Mutter eines der Kinder eine Ansprache, erklärt, dass sie hier nur zum Abspielen der Powerpoint-Präsentation im Hintergrund dagewesen sei, alles andere hätten die Kinder selbst gemacht –, und dann holt sie die Kinder auf die Bühne, auf Englisch, und es wirkt plötzlich so, als würden sie kein Wort von dem, was die Mutter gerade gesagt hat, verstehen, kein Wort davon, was außerhalb ihres erlernten Textes ist.

Flying With Dreams steht aber oben auf der Powerpoint-Präsentation und am Ende tanzen sie glücklich, ausgelassen zu einem Song, der im Text die Zeilen hat: I try everything, even when I fail, I try everything….

Die Selbstgewissheit der Männer, die auf der Hauptstraße des Campus‘ auf mich zukommen – achtzig, neunzig Männer in blauen Businesshemden, mit den typischen Messe-Plastikschildern um den Hals. Babyboomer, denke ich in dem Moment. Sie sehen nach leitenden Positionen aus, nach großen deutschen Autos, danach, dass ihnen so leicht niemand widerspricht, dass sie sich nehmen, was sie haben wollen. Sie sehen nach Deutungshoheit aus – aber vielleicht täusche ich mich auch, wegen der glatten Verschlossenheit ihrer Gesichter. Da ist auch ein feines Abschätzen mir gegenüber, der blonden Westlerin, auch etwas ängstliche Feindlichkeit, und eine Fremdheit, die bleibt.

Zu Beginn des Umbaus der Wirtschaft hieß es: Hauptsache es wächst, egal, wenn was an der Seite abfällt. Jetzt, seit Beginn der Anti-Korruptions-Kampagne, darf nichts mehr an der Seite abfallen – und wir bekommen, zum Beispiel, einen Platz in einem berühmten Restaurant, in dem wir sonst nie einen Platz bekommen hätten.

Über den seltenen Fischen, Molchen, Muränen, Riesenhummern, Schildkröten, Schlangen und anderen auch bedrohten Tierarten, die draußen in den Bassins schwimmen und liegen, hängen rot-gelbe Zacken-Schilder, darauf die Preise, der Discount, heute billiger –, und plötzlich wirken alle Bassins, die Tiere, das Gluckern, die aufgelegten Kescher wie Relikte aus einer anderen Zeit, als noch sorglos konsumiert wurde, ohne auf den Preis zu schauen.

Haifisch-Flossen-Suppe lese ich in der Karte. Sie wird im Winter serviert, in dieser Region, weil sie wärmt. Woanders ist es eine kühlende Suppe für den Sommer. Aber als ich Fan frage, kein Wort über die angeblich stärkende Wirkung der Haifisch-Flosse, die Kraft für alles mögliche im Leben verleihen soll.

Finde das kleine North-Gate, eine Tür in der den Campus umfassenden Mauer, und lande direkt in einer Garküchen-Lädchen-Gasse, eine Katze auf Raubkopien-DVDs, eine Kakerlake auf dem Treppenabsatz, bunte Plastikschüsseln, geschälte Früchte in Bechern, eine Frau schiebt ihr Moped vor mir, deutschsprachige Studenten, die über das Essen reden, das sie grad gekauft haben: umgerechnet knapp 90 Cent pro Portion.

Im dem Block für Block umfassenden Stoff-Großmarkt werde ich wie eine Einkäuferin aus dem Westen wahrgenommen, egal, welchen offenen Laden ich betrete, die Verkäuferinnen schießen auf mich zu, halten mir Pappkarten mit Stoffproben entgegen, unter denen sie kryptische Zahlenkombinationen notieren, zu denen ich beflissen nickte und mich bedanke, schon wie eine Einkäuferin, die plant, im großen Stile einzukaufen, dann ziehe ich routiniert und irgendwie belustigt weiter, milde beschämt kurz darauf, wie ich die höchstens ein oder zwei Meter, die ich kaufen will, auf dem Großmarkt aushandeln soll.

Wir steigen geschockt, wie im Trance aus dem Bus, über Fans Smartphone, über ihren in Hong Kong lebenden Sohn, tröpfelt CNN zu uns durch, ich schaffe es einmal auf die Seite der Süddeutschen zu kommen, die alle für vertrauenswürdig halten. Die beiden amerikanischen Autoren sind in einem wahrnehmbaren Schockzustand, etwas, das sich auf uns überträgt, während wir durch einen historischen Park geführt werden, und uns der Leiter der Tourismusbehörde von Kaiping etwas über die chinesischen Emigranten der 1920er Jahre erzählt, die Geld in Europa und den USA machten, es nach Hause schickten und für den Wohlstand dieser Region sorgten.

Es fühlt sich an wie, auf einer Seite der Welt zu stehen – voraus, in der Zukunft, ganz konkret ja auch, rein zeitlich –, während unsere Welt, wie wir sie kennen, zurücksinkt in eine Vergangenheit, die überwunden geglaubt war, die uns doch nicht mehr einholen konnte. Doch, sie kann. So eine Schieflage.
Und das ist hier, von hier aus gesehen, doppelt bedeutend. Denn: je verwirrter wir werden, je größer unsere Identitätskrisen, umso stärker stehen die Chinesen da. Es ist spürbar, in diesem Moment, als wir dort alle am Bus stehen – verwirrt, ungläubig, traurig, erschlagen, der mächtigste Mann der Welt eine Witzfigur, ein egomanischer Populist, eine gestörte Persönlichkeit, ein Meister der Manipulation. Und in exakt diesem Moment lässt uns der chinesische Tourismus-Chef mit einer jovialen Selbstgewissheit, hoheitlich und unendlich großzügig, in das ihm unterstellte Hotel bringen, wir fahren mit dem Reisebus direkt in die offene Lobby, als kämen wir in ein Exil der Sicherheit und des Vergessens.

Das Hotel: wieder eine Raumstation aus der Zukunft, die im zeitlichen Hier, aber im räumlichen Nirgendwo gelandet ist. Eine Pool- und Palmenlandschaft von der Größe einer Kleinstadt, Carrara-Marmor, Kronleuchter und jeder hat seinen eigenen Spa-Bereich mit Hot-Spring-Poolwasser.

Ich nehme die Rotwein-Flasche, die es zum Abendessen gab, noch mit aufs Zimmer, unter den gar nicht achselzuckenden Blicken der chinesischen Kellnerinnen. Draußen rauschen die Palmen, es klingt, als würde es regnen. Ich räume das riesige Luxus-Zimmer auf. Versuche, ins Internet zu kommen. Alles fühlt sich ganz nah und gewaltig an. Ende aller Träume. Der Anfang einer Realität.

 

Bahnhof

Der gutaussehende Chinese spricht mich kurz vor unserer Abreise in der Lobby des Gästehauses an, hält mir seine Videokamera entgegen, aber so, dass ich denke, er will einfach mit mir reden, stellt mir dann in schneller Folge Fragen, ich bin überrumpelt aber antworte höflich, dann fragt er mich nach meinem Namen, ich soll ihn buchstabieren, mir ist unwohl, aber ich bleibe ein höflicher Mensch, der Chinese verschwindet, so schnell wie er gekommen ist. Ich steh da und fühle mich ausgenommen. Der niederländische Autor sagt, ebenso überrumpelt wie ich: Jetzt bist du auf einem Propagandavideo. Ich spreche Fan an, sie findet es heraus, wer und wofür, ein Lokalsender für die Konferenz, die oben im Gästehaus stattfindet zu ökologischem Tourismus. Sie sagt, so seien die Journalisten hier, sie nehmen sich einfach das, was sie haben wollen, schneiden es dann zurecht, wie sie es haben wollen, sind unhöflich und zugleich höflich, kommen aber gar nicht auf die Idee, sich vorstellen zu müssen. Ich habe eine Lektion darin gelernt, wie man durch Freundlichkeit überrumpeln kann (und das bekommt, was man haben will), es sei sehr chinesisch.

Fahrt mit dem Bus über Land: Ein alter Mann hat einen Büschel Stroh hinten auf seinen Fahrradgepäckträger geklemmt. Das grüne, schöne Tal ist kreuz und quer durchzogen mit Hochspannungsleitungen. Bauruinen überall, halb fertig gebaute Häuser, Ruinen, in denen aber Menschen – meist im untersten Stockwerk – wohnen. Eine Frau holt mit einem Eimer Wasser aus einem Brunnen. Ein Mann sitzt in seinem Garagenverschlag und verkauft Berge roter Ziegelsteine. Der offene Laden, direkt an der Straße, in dem im Zahnarztsessel ein Patient liegt, ihm wird im Mund gebohrt.

Ein Haufen alter Mopedreifen, gesammelt an einer Feuerstelle, wo schon andere Reifen rußig verbrannt worden sind. Und wieder Bauruinen, halbfertige Häuser, Wohngaragen, alte Schuppen, offene Autowerkstätten und dazwischen kleine Felder, auf denen Menschen sich über ihr Gemüse beugen, die Erde mit Holzhacken hacken. Eine Frau sitzt mit ihrem Baby auf dem Arm im Schatten eines Baumes. Ein alter Mann, klein und krumm, schleppt an beiden Seiten des Tragebalkens über seinem Rücken Wassereimer. Steinkreise, hoch und breit wie Brunnen, mit den weißen Flatterbändern darüber, die Totenstätten, gleich neben den Feldern. Supermärkte – die Waren direkt in den Pappkartons an den Rand der Straße gestellt, mit dem Moped ranfahren, anhalten, bezahlen, aufladen. Gemauerte Wassertröge unter den Brücken, wo der Fluss hineinläuft, dort hocken Frauen und schlagen die nasse Wäsche auf den Stein.

Wir fahren über eine breite Sandpiste. Eine achtspurige Straße, noch im Bau. Hier sind die grünen Berge angenagt, aufgerissen, gerodet, grau-blank, erodiert. Das Grün an der Straße ist wie von Asche verstaubt. Irgendwann muss hier eigentlich der Bahnhof kommen, aber weit und breit nur die Sandpiste und die angenagten Berge.

Alles wird noch staubiger, je näher wir einer Sandstein-Fabrik kommen, zu der die Steinbrocken gebracht werden auf den roten LKW, die vor uns über die Sandpiste rasen und Staub in die Luft wirbeln wie ein Sturm in der Sahara.

Wir sind wirklich wie in der Mitte von Nirgendwo.  Und da plötzlich: der Riesen-Bahnhof, futuristisch, ein gelandetes Weltraumding aus der Zukunft. Hohe Trassen, vier, fünf Stück nebeneinander. Aber wirklich: wie vom Himmel herab in das Land gesetzt. Ein großes Plakat am Parkplatz: LOST IN THE WORLD OF WONDERLAND.

Die Erziehungsvideos im Hightech-Schnellzug, auf denen erklärt wird:

  1. im Bordbistro dürfen nur Kinder aus den mitgebrachten Flaschen trinken, Erwachsene müssen sich Getränke kaufen, sie trinken und vor allem den Deckel gewissenhaft zudrehen.
  2. Der Sanatory Bag im Vordersitz soll für Müll und Übelkeit benutzt werden.
  3. Auf der Toilette soll man das Spülen nicht vergessen.
  4. Keine Babys auf den Ausklapptisch vor einem legen.
  5. Nicht die Schuhe ausziehen.
  6. Nicht auf den Boden spucken.
  7. Den Wasserhahn zudrehen.
  8. Die Nüsse, die man sich gekauft hat, nicht direkt aus der Packung essen, sondern nur ein paar herausnehmen, auf den Tisch legen und einzeln essen.

Dann ein Film, der anfängt wie ein perfekt ausgeleuchteter Hollywood-Film, schwarzer, edler Vorspann: Grandmother and Train heißt der Film, und die Geschichte, die er erzählt, muss ich hier nicht wiedergeben. Die Bilder aber bleiben grandios ausgeleuchtet, traurige Frauengesichter, dunkle Hinterhöfe, warme Küchen-Schreine und dazwischen der Hightech-Zug, wie er durch eine perfekt nachgegrünte Landschaft saust – und natürlich Oma und Enkelin endlich wieder zusammenbringt.