abschied von den illusionen

Artificial Intelligence

Lese, dass in dem Bücherregal von Chinas Präsident Xi Jinping zum Jahresbeginn 2017 offenbar zwei Bücher standen, die er für inspirierend hielt, um die Losung zu formulieren, wie China zu der dominanten Artificial Intelligence-Nation der Welt werden wird: The Master Algorithm von Pedro Domingos und Brett Kings Augmented: Life in the Smart Lane. Der amerikanische Autor, auf dessen Seite ich das lese, schlägt nun selbstbewusst zwei weitere Bücher für Xis Regal in 2018 vor: Life 3.0: Being Human in the Age of Artificial Intelligence and What Algorithms Want: Imagination in the Age of Computing. Ohne von einem dieser Bücher vorher gehört zu haben, staune ich über die Veränderung in den Titeln. Während letztes Jahr noch der Algorithmus und die Smart Lane das Primat zu bilden schienen, geht es bei den Titeln 2018 wieder um den Menschen, und dass er als Urheber aller AI doch noch nicht abgeschafft werden kann, mehr noch, sogar mit seinem Menschsein, seiner Kreativität und Vorstellungskraft gebraucht wird.

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Problemchen

Das Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, steht neben seiner Mutter auf dem Bürgersteig, es hält seine Sitzerhöhung an den Bauch gepresst fest. Es scheint auf seine Abholung zu warten, die sich verspätet, die Mutter tippt schon nervös auf dem Telefon. Das Mädchen schaut, wie die Mutter, die Straße hinunter und sagt in einem vollkommen erwachsen klingenden Tonfall: „Jetzt haben wir aber ein Problemchen!“

Bohnen

Die abgekochten Hüllen der türkischen, weißen Bohnen schwimmen wie Quallen im Topfwasser, kurz unter der Oberfläche. Ich fische sie heraus und lege sie auf die Küchenarbeitsfläche. Als ich die herzförmigen Häute berühre und drücke, fühlen sich an wie leer – leere Herzen.

Fehler

Spüre, wie das Schimpfen mit meiner Tochter über das durch ihr Rumhampeln aus dem Schrank gewischte und nun zerschellte Glas über das Glas hinausgeht, noch während ich schimpfe, und spüre, wie ich es sofort aufhören, mich zusammenreißen will – muss –, weil ich nichts mehr so satt habe wie diese Kreisläufe aus Fehlern und übertriebenen Schuldzuweisungen, aus Missgeschicken, die durch Überverurteilung zur Beschämung führen; und alles endet in Distanz und im Schweigen.

Durchhaltevermögen

Nehme mir fest vor, bis zur Kuppe des Hügels da vorn zu joggen und spüre dann bei jedem Schritt, wie ich bereit bin, aufzugeben, natürlich weit vor Erreichen des Punktes, den ich mir vorgenommen habe. Und plötzlich denke ich: Das Durchhaltevermögen, das andere Menschen vielleicht beim Sport einüben, übe ich beim Schreiben. Dort geht es immer wieder darum, Kuppen zu erklimmen von selbstgestellten Hügeln oder Bergen, im Wissen, dass das nicht die letzte Kuppe war; und mich verlässt nie die Kraft, weiterzumachen, weiterzugehen, weiterzuforschen. Neugierde und der Wille, dass das wahr wird, was lang nur Idee ist, ersetzen mir hier das sonst disziplinarisch verordnete Durchhaltevermögen.

 

Das scheinbar Unmögliche

Um dem Nihilismus zu entgehen, lese ich bei Alan Badiou, müssen wir das scheinbar Unmögliche tun, nämlich Wahrheiten bejahen: In der liebenden Begegnung, in der Erneuerung der Wissenschaft, im künstlerischen Schöpfungsakt und in der emanzipatorischen Politik, – gegen die Wohlstandsethik, deren einziger Inhalt der Tod der positiven, absolut gesetzten Wahrheit ist.

Martin Luther

Die Netto-Kassiererin mit der strubbeligen Frisur und den schwarzen Rändern unter den Fingernägeln sagt, halb zu ihrem hinter ihr sitzenden Kollegen gedreht: „Dann haben wir Martin Luther eingeholt.“ Ich denke erstaunt lediglich an Martin Luther und frage mich, worin sie beide ihn eingeholt haben, als mir bewusst wird, dass sie offenbar einen Netto-Laden auf der Martin-Luther-Straße meinen muss, den sie mit irgendwas – Umsätzen, Verkäufen etc. – eingeholt haben müssen.

Kommunisti

Die russischen Jungs albern herum. Einer nennt einen anderen Kommunisti. Sie lachen laut auf. Ey, du Kommunisti. Es klingt, so wie es der Junge betont, etwas wie ein Schimpfwort, aber auch wie ein Witz. Sie sagen es sich gegenseitig auf den Kopf zu, die ganze Treppe runter: Kommunisti, und biegen sich vor Lachen, Schadenfreude, Schabernack.

I bims

Lese an der Wand in einer endlosen Reihe itsme itsme itsme. Muss an i bims denken, was wohl neues Jugendjargonwort des Jahres geworden ist, und dessen Entstehung ich mir so erkläre: Wegen Weglassung des Apostrophs zwischen bin und es wurde vom Rechtschreibprogramm bims vorgeschlagen, wie Bimsstein vielleicht. Sprich, es ist die deutsche Version von itsme. Aber vielleicht liege ich da auch vollständig falsch. Ich könnte es mal recherchieren.

Schöne Begegnungen

Hanns-Josef Ortheil schreibt in seiner Berlinreise – Tagebuchnotizen, die er als Zwölfjähriger gemacht hat, als er 1964 mit seinem Vater nach Berlin reiste –, über etwas, das er von seiner Mutter gelernt habe: „Schöne Begegnungen“. Als ich meinem Zwölfjährigen davon erzähle, fragt er mich, was „Schöne Begegnungen“ genau seien. Ich glaube, ich kann ihm den Zauber nicht ganz erklären, nehme mir aber vor, es ihm zu vermitteln, wie Ortheils Mutter es ihrem Sohn vermittelt hatte: Was für eine Schönheit in Momenten des zufälligen Zusammentreffens mit Menschen liegen kann, die einem vorher fremd waren, und nur dadurch, dass man miteinander redet, Gedanken, Haltungen, Sichtweisen austauscht, fühlt man sich dem Anderen beim Auseinandergehen verbunden, in einer Weise, die den Moment überdauert.

Walnuss

Vielleicht ein absurdes Dada-Gedicht, eine Geheimbotschaft, ein verschlüsselter Code, so steht in lila Eddingschrift an der weißen Kachelwand:
Der Rabe und die vier Schreibtische.
Diese Walnuss ist wichtig.

Antwort

Der Vorteil eines Hundes, denke ich – als ich an dem professoral wirkenden Mann vorbeigehe, der aufmunternd-zärtlich mit seinem kleinen Hund spricht, der sich aus irgendwelchen Gründen nicht vom Fleck bewegen will –, der Vorteil eines Hundes ist, dass man in der Öffentlichkeit Grund hat, vor sich hinzureden; und dass man nie auf Antwort warten muss.

Falltür

Das iPhone ragt begehrenswert und wie zum Greifen nah aus der weißen Fläche des Plakats. Es ist leicht aus der Zentralperspektive verschoben, als wäre es eine liegende Tür, die einen Spalt weit geöffnet ist, oder auch eine Falltür, in der man für alle Zeit verschwinden kann.

Vertrauen (mal wieder)

Wie wütend mich der Abbruch der Sondierungs-Verhandlungen macht. Wie wütend ich werde, als ich über die ‚fehlende Vertrauensbasis‘ lese. Vertrauen schafft man nur selbst, es ist eine schwierige Aufgabe, jeder Mensch, der integer ist, will vertrauensvoll mit anderen Menschen umgehen. Als Volksvertreter jedoch gibt es die Verpflichtung, das Vertrauen, das man von den Bürgern lediglich übertragen bekommen hat, nicht zu verletzen. Wenn genau das passiert, dann offenbart das einen reinen, nahezu zynischen Egoismus (und eine Entfremdung von seinen Wählern, seinem Amt, seiner Verantwortung). Und dieser Egoismus wird bei allen, denen es sowieso schon schwer fiel, noch mal Vertrauen für Volksvertreter aufzubringen, das Gefühl von Enttäuschung noch vergrößern. Das ist verantwortungslos.

Superhelden

Nur vom Plakat her scheint es so zu sein, dass in dem neuen Blockbuster ‚Justice League‘ gleich ein ganzes Team der größten Superhelden, die wir kennen, antreten muss, um gemeinsam die Menschheit zu retten. Was im Umkehrschluss auch als Hinweis darauf zu lesen ist, für wie verloren viele Menschen die Menschheit schon empfinden.

Selbstvertrauen

„Ihre Amazon.de Bestellung von Selbstvertrauen“, steht zu lesen in dem seitlich in meinen Bildschirm reinfahrenden Mail-Popup-Fenster. Ich hatte nur den Aufsatz von Ralph Waldo Emerson geordert, toll, denke ich in dem Augenblick, wenn das genau so möglich wäre.

Wer im Glashaus sitzt

Lese, wie Trump wieder von einer „kranken und gestörten Person“ spricht, die alleinig für den Anschlag verantwortlich ist, und muss an das Buch namhafter amerikanischer Psychiater denken, die es als ihre gesellschaftliche Pflicht ansahen, ihre Fernanalyse von Trumps Charakter zu veröffentlichen, um damit auch ein Amtsenthebungsverfahren anzustreben. Sie attestierten ihm – jetzt simplifizierend ausgedrückt – einen vielfach kranken und hochgradig gestörten Charakter.

 

Wald

Ich laufe durch den vom Sturm immer noch verwüsteten Wald und beschäftige mich mit der Frage, wohin ich mich retten würde, fiele jetzt noch ein halb abgebrochener Ast o.ä. zu Boden. Wäre ich unter dem aufgestellten Wurzelwerk des umgestürzten Baumes sicher, wo alte Mauersteine zum Vorschein gekommen sind, als stünde der Wald auf einem Trümmerhaufen? Oder lieber in der Nähe des Zaunes zur S-Bahn Schutz suchen? Oder einfach rennen, was das Zeug hält, während über mir das Holz kracht? Ich bin so okkupiert von dem Nachdenken an mögliche Katastrophen, dass ich für lange Augenblicke nicht mehr wahrnehme, wie ockergelb-mild der Wald leuchtet, wie bildschön sich der Weg durch ihn hindurch schlängelt, und wie gut die Luft nach Erde und Laub riecht.

Frivoler Mut

Es spricht mir so aus der Seele, daher zitiere ich hier einfach mal den Habermas: „Wenn ich ihn recht verstehe, bringt Macron ein Interesse zur Geltung, das bisher in unserem Parteiensystem zwischen dem alltäglichen Neoliberalismus der ‚Mitte‘, dem selbstzufriedenen Antikapitalismus der Linksnationalisten sowie der abgestandenen identitären Ideologie der Rechtspopulisten nicht ausbuchstabiert und daher nicht repräsentiert ist. (…) Man reibt sich die Augen: Da ist jemand, der am Status quo noch etwas ändern will? Da hat jemand den frivolen Mut, sich gegen das fatalistische Bewusstsein von Fellachen aufzulehnen, die sich den vermeintlich zwingenden systemischen Imperativen einer in abgehobenen internationalen Organisationen verkörperten Weltwirtschaftsordnung gedankenlos beugen?“

Rettung der Menschlichkeit

Sibylle Berg liegt falsch, wenn sie darauf hofft, dass so etwas wie das Unsichtbare Komitee uns retten wird, denke ich, als ich ihren Text lese. Dem dominanten, aggressiven Auftreten der neuen Rechten kann doch nicht mehr mit einer absenderlosen Undercover-Guerilla begegnet werden. Es geht unbedingt um Sichtbarkeit, um die deutliche, laute Formulierung von Werten, Überzeugungen, Haltungen. Dazu muss man seinen Kopf hinhalten. Womit sie richtig liegt, in allem Pathos, ist: „Die Zeit des Redens ist vorbei. Es geht um die Rettung der Menschlichkeit.“

Konjunktivabsichten

Der Mann, der ein erfahrener Schattenverhandler sein soll, spricht von Konjunktivabsichten, die man sich erst einmal erklärt. Ich habe das Wort noch nie vorher gehört und es zirkuliert eher verschlüsselt, ähnlich wie Schattenverhandler, durch mein Gehirn. Dann erinnert es mich an das Wort Mindestharmonisierung, das mal auf einer Veranstaltung von einer Europapolitikerin ausgesprochen wurde, und das ich damals so trostlos wie befremdlich fand, weil so wenig Selbstbewusstsein darin anklingt, eher nur Vorsicht und Verzagtheit, und das doch nicht das ist, was wir allgemeinhin brauchen.

Leuchten

Plötzlich fallen die Strahlen der untergehenden Sonne schräg in den schattigen Wald und tauchen die Stämme, Äste und Blätter, das Gestrüpp, die umgefallenen, zerbrochenen Bäume, alles auf einmal, in ein ockergelbes, warmes Licht; und es weitet sich aus zu einem glühenden, starken Leuchten, dass ich stehen bleibe, inne halte und staune.

Werber

Die Bundeswehr bittet mich darum, ihren You-tube-Kanal ‚Bundeswehr exclusive‘ zu abonnieren. Ich bin irritiert darüber, weil ich es mit dem Zustand von ‚embedded-sein‘ nicht zusammenbringe, und auch nicht zu unterscheiden weiß, ob der Kanal von der Realität erzählt oder fiktional ist. Dann fällt mir eine Soldaten-Rekrutierungs-Anzeige ein, die ich letztens in der U-Bahn gesehen habe, über die jemand mit schwarzem Edding geschrieben hatte: „Keine Werber fürs Sterba“, und ich bin mit den Gedanken ganz woanders.

Seltsam

„Ich finde es immer seltsam“, sagt meine Tochter, „darüber nachzudenken, wenn du einen anderen Mann geheiratet hättest, du dann andere Kinder bekommen hättest und mit denen würdest du jetzt auch am Tisch sitzen und ihr würdet reden und du würdest sagen, dass du froh bist, bei ihnen zu sein. Und ich wäre ja gar nicht da.“

Platz

Der alte Herr im cognacfarbenen Wollmantel, der seine Schiebermütze auf dem Schoß liegen hat, klopft, als ich den freien U-Bahn-Sitzplatz neben ihm in den Blick nehme, mit der flachen Hand auf das Plastik, wie beim Mein-rechter-Platz-ist-leer-Spiel. Und ich setze mich, weil ich die Geste, die ihm so entwischt zu sein scheint, irgendwie rührend finde, hin.

Zeitreise

Im alten Blade Runner von 1982 ruft ein Replikant: „Ich habe am 10. April 2017 Geburtstag, sag mir, wie lange ich noch leben werde!“ Ich sitze auf dem Sessel in eben der Zukunft, die sie sich damals erdachten, und schaue durch den Film zurück in die Vergangenheit. Es hat ein bisschen was von: sich an seine Zukunft zu erinnern, wie Autor Philip K. Dick es nannte.

Kaputt

„Wenn du immer an die ganzen Fehler denkst, dann gehst du doch kaputt“, sagt der Junge, der vor mir über die Straße eilt, zu seinem Kumpel. Wie der Kumpel reagiert, kriege ich nicht mehr mit, da beide abbiegen, an einem hängengebliebenden Wahlplakat vorbei; und ich denke kurz, dass das auch die saloppe Beschreibung einer grundlegenden Überzeugung von Frau Merkel sein könnte, um die Kraft aufzubringen, vier weitere Jahre zu regieren.

Ängste

Schreibe über die Lähmung, in der meine Figur ist, in Angst um ihr Leben, – diese vollkommene, alles umfassende Bewegungslosigkeit, Starre. Und denke plötzlich, dass es das Gefühl trifft, was in der U-Bahn, auf der Straße hier grad spürbar ist: die angstvolle Starre vor dem, was kommen mag (am Sonntag oder in weiterer Zukunft), was sich Bahn bricht.
In der Geschichte begreift die Figur langsam, dass in Wirklichkeit doch nicht das passiert, was ihre Ängste ihr vorausgemalt haben – und sie immer noch am Leben ist, und etwas verändern kann. Und es erinnert mich wieder daran, wie tief und fest ich selbst mal davon überzeugt war, dass ich die Realität so wahrnehme wie sie wirklich ist, und nicht, dass alles, was ich wahrnehme, fühle, erlebe, in einem sehr profunden Sinne das Werk meiner Ängste ist, die mir sagen, dass ich nichts verändern kann, dass ich nur starr bewegungslos der Dinge zu harren haben, die da kommen mögen.

Amsel

Beobachte heute Morgen die Amsel, die mit geducktem Kopf schnell über den Rasen trippelt. Ihr Gefieder ist so tiefschwarz, es scheint wie etwas zu sein, das Licht und Farbe vollständig absorbiert. Schon als Kind haben mich die Amseln von allen Vögeln im Garten am meisten fasziniert. Für einen Augenblick bin ich dem Kind, das ich damals war, das die Amsel im Blick hatte, wieder sehr nahe.

Facebook

Wie ein Ziehen durch mich durchgeht, während ich einen Film über Facebook schaue und die Kamera langsam an Mark Zuckerbergs noch jüngeres Gesicht auf dem Foto heranzoomt: Und ich diffus von der Erinnerung, dass er Facebook nur aus dem nachvollziehbaren Bedürfnis gegründet hat, um mit anderen Menschen verbunden zu sein, zu dem Gedanken springe, dass er daraus aber jetzt etwas geformt hat, das vor allem eins ist: ein Markt. Und ich plötzlich das Gefühl nicht loswerde, da redet engelsgleich ein als Schaf verkleideter Wolf von Gemeinwohl, Gemeinschaft und Community –, während im Hintergrund die Geißlein gezählt werden, die einen unendlichen Markthunger stillen sollen.

 

Weltraumauge

Sehe durch Zufall genau in der Minute in den Livestream, als die NASA-Wissenschaftler den Kontakt zu ihrer Sonde verlieren. Und obwohl es so geplant war, sie den Sturz auf den Saturn selbst veranlasst haben, ist ihnen ihre Bestürzung und Trauer über den Abschied von der Sonde, die 20 Jahre lang ihr Auge im Weltraum war, an den Gesichtern abzulesen.

Ihre Präsenz

Wie Angela Merkel von dem Großplakat herunterschaut auf die, die an ihr vorbeifahren. Das Kinn leicht erhoben, der Blick milde und siegesgewiss. Wie eine Übermutter, die sich sicher ist, dass ihre Kinder keinen Unfug im Hof machen werden. Sie scheint schier durch ihre Präsenz für sich auszuschließen, dass es zu wütenden Handlungen, Frustwahlen, Denkzetteln etc. kommen mag.

 

 

 

Krass, hingehen

Hingehen ist wie Fenster aufmachen, nur krasser (steht auf einem Plakat für ein Violinen-Konzert). Hinschauen ist wie wegschauen, nur krasser (spricht es von einem RBB-Plakat herunter). Und ich sinniere nach diesen doppelten Aufforderungen zu krassen Handlungen, was für mich eigentlich eine krasse Handlung wäre.

 

 

My Twitter feed: A dystopian reality show

„Every time I sit down to write (…), I’m distracted by the endless churn of my Twitter feed. I am certainly procrastinating, but I also feel an almost physical jolt of anxiety every time I click away from the latest in America!: a dystopian reality show.“
(Jess Grose, Lenny editor in chief)

Insel der Seligen

An der RTL-Image-Kampagne bleibt mein Blick hängen. ‚Gutes Herz‘ verspricht das eine Plakat (für Bauer sucht Frau), wenig später ‚Gute News‘ für die Nachrichtensendung. Ich stolpere über das ‚Gute‘, wie es Hintergedanke der Kampagne sein mag: Hier, wenn du RTL schaust, bekommst du es mit guten Herzen zu tun. Mit aufrechten Gefühlen, mit wahren Nachrichten, mit schönen Meldungen, kurz, mit allem, was gut, ehrlich und richtig ist. Auf dieser Insel der Seligen.

Angegriffenheit

Als ich flüchtig und durch Zufall über die Sache mit dem Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule lese, komme ich über einen Gedanken nicht hinaus: Warum sich Menschen zur Zeit so schnell so elementar angegriffen fühlen. Dann lese ich das Gedicht und frage mich das noch mehr. Es scheint, egal was, zum Angriff zu taugen. Die ausbrechende Wut, das Angegriffensein, scheint gleich weit über das eigentliche Ereignis hinauszuschießen. Wie der Moment in der S-Bahn, letztens, als ein Mann zwischen zu vielen Fahrradfahrern seinen Platz bedroht sah und das Fahrrad einer Frau zur Seite riss, womit sich das Ganze in eine wilde, trostlose Keilerei im halben Abteil auswuchs –; und wonach die Umsitzenden mehrheitlich ratlos dreinschauten, von den Erschütterungen noch aufgeraut, aber auch angewidert wirkten, einfach davon, dass der Mann den Platzmangel am Anfang so existenziell auf sich bezogen hatte, sich davon so elementar allein bedroht sah, obwohl es einfach für alle eng gewesen war, und man sonst ja auch die Fähigkeit mitbrachte, höflich umeinander herum, friedlich zu koexistieren.

Migration

Was stört mich an dem Plakat des Künstlerinnen-Kollektivs, das bei mir im Bürohaus hängt? Auf dem Plakat steht: Migration = Bereicherung. Ich brauche lange, bis sich mir mein Unbehagen erschließt. Alle Geflüchteten, die ich bis jetzt kennengelernt habe, empfinden ihre Migration nicht als Bereicherung ihres Lebens, sondern als eine Verarmung – den Verlust des Eigenen, der Heimat, der Muttersprache, der Familie. Sie seien nicht mehr dort, und auch nicht hier. Beim Thema Migration von Bereicherung zu sprechen –, das kann man nur aus einer sicheren Position heraus: aus der Perspektive eines Menschen, der nie in seinem Leben flüchten musste.

Motherboard

Ein junger Mann geht an mir vorbei, er geht neben einer Frau, die ihm sehr ähnlich sieht, ich bin mir sicher, dass es seine Mutter ist. Im Gehen sagt er: „Das liegt daran, dass dein Motherboard gar nicht existent ist.“ „Wat sagste?“, fragt die Mutter zurück.

Hund und Gedicht

Eine Mops-Dogge läuft mir in der Unterführung entgegen – ich kenne mich mit Hunderassen nicht aus –, es ist nur genau so ein Hund wie in Jim Jarmuschs ‚Paterson‘, den ich erst vor Tagen gesehen habe. Das platte, mürrische, schrotig-tumbe Gesicht, die hängenden Lefzen, der breitbeinige, schaukelnde Gang. Der Hund ist ohne Leine, und ich bin erstaunt, als eine junge Frau ihm folgt.
Im Film frisst dieser Hund das Notizbuch von Paterson auf. Zerlegt die Seiten, auf denen seine Gedichte stehen, zu Schnipseln. Es hatte mir physisch weh getan, das zu sehen. Wegen der Gedichte, der Folgen für die Beziehung (der Hund gehört seiner Freundin), wegen Patersons Zögerlichkeit, seiner Angst, die Gedichte zu zeigen, weshalb er sie nicht kopiert hatte, und sie nach dem Auffressen durch den Hund alle verloren waren.

Regionalexpress

Der schwäbisch sprechende Vater redet ununterbrochen mit seinen circa eineinhalbjährigen Zwillingen in ihrem ausladenden Doppel-Kinderwagen. Er interpretiert jedes Geräusch, das sie von sich geben. „Da“, sagt eins der Kinder und zeigt auf einen vorbeifahrenden Zug. „Ja, das ischt ein Zug. Ja, wo fährt der Zug denn hin?“, schwäbelt der Vater, „fährt der nach Pjöngjang? Oder nach Sydney? Oder fährt der nach New York?“ Ich versuche, aus seiner Betonung herauszuhören, ob er das witzig meinte, glaube es aber nicht. Es klingt eher wie ein Freud’scher Versprecher aus dem Bedürfnis heraus, als Vollzeitvater nicht den Anschluss an die Welt zu verlieren. Schließlich ist der Zug ein Regionalexpress gewesen.

Dasein

Die ruhige, tiefe, ehrliche Überzeugung, mit der der Kammerjäger auf meine Frage, was ich mache, wenn die Mäuse wieder überhand nehmen, sagt, „Dann komme ich wieder. Dafür bin ich doch da“; – und wie ich denke, dass ich längere Zeit nicht mehr ein so klares Statement auf die Sinnfrage, wozu wir da sind, gehört habe.

Geschickt

Sehr geschickt hat, wie ich finde, die CDU die schwarzen, roten und goldenen Streifen der Fahne auf ihren Wahlplakaten grafisch zu einer Art Stola aufgelöst – so dass es so wirkt, als wäre die Deutschlandfahne ein wärmendes, alle Beteiligten umfangendes und verbindendes Tuch. Weiterhin, und das ist vielleicht noch geschickter, wird die CDU als Partei identisch gemacht mit der Fahne, also mit Deutschland. Denkt man das zu Ende – CDU=Deutschland – dann gibt das dem ja von der Kanzlerin erfundenen Begriff ‚alternativlos‘ noch mal eine interessante Nuance.

Konto

„Entspannt vom Bett aus dein Konto checken“, wirbt die Sparkasse. Ich gehe vorbei und denke: Gibt es Menschen, die entspannt ihren Kontostand checken?

Willkommen zurück in Berlin

„Hamse des nich kleinah?“, pflaumt mich die Verkäuferin am Bahnhof an, als ich das Brötchen für 2,80 mit einem Zwanzig-Euro-Schein bezahlen will. Gleich zurechtgestutzt schaue ich eilig nach und verneine – noch von der Freundlichkeit in Frankreich beeinflusst – höflich. Voll Abscheu sammelt sie aus der vollen Kasse ohne Probleme das Wechselgeld zusammen – und bewegt sich danach keinen Zentimeter mehr. Ich muss mich über den Tresen auf sie zustrecken, um ihr Brötchentüte und Wechselgeld aus der Hand zu nehmen.

Alles anders

Fahre mit dem Fahrrad durch das Wäldchen zum Einkaufen, kurz nach dem Regen, die kühle Luft an den nackten Armen. Und ich muss plötzlich daran denken, wie ich früher nach der Schule mit dem Fahrrad zum Leichtathletiktraining gefahren bin, durch die grünen Baumschulfelder, den Tunnel hoch, zum Sportplatz, die Luft oft regenfeucht im norddeutschen Sommer. Es ist das gleiche Gefühl an den Armen, damals wie jetzt, nur ist sonst alles anders.

Abschiedsschmerz

Die Traurigkeit, die mich befällt, beim Schreiben der letzten Sätze, wie ein Abschiedsschmerz. Weit hinten hallt es in meinem Kopf: Hab ich alles erzählt, was ich erzählen wollte? Es erscheint mir fast wie zu fragen: Hab ich bisher gelebt, wie ich leben wollte?
Es bleibt nur ein diffuses Gefühl. Und darüber legen sich gleich die altbekannte, allgemeine Unsicherheit und der rüttelnde Zweifel und ich verliere das Vertrauen. Was ja genau mein Thema ist, wovon die Geschichte erzählt. Und ich spüre plötzlich, dass der allgemeine Abschiedsschmerz auch mit dem Schmerz der Scham zu tun hat, grundsätzlich falsch zu sein, alles falsch gemacht zu haben, das Vertrauen anderer nicht zu verdienen, es verspielt zu haben, es nie wieder zurückgewinnen zu können – all das, worum es in der Geschichte, von der ich mich grad verabschiede, geht.

Die undefinierbar grau-braunen Augen der Beatrix von Storch

Die AfD-Politikerin entert den Raum durch die Hintertür, ihre sechs Bodyguards schwärmen aus wie paramilitärisch geschulte Insekten und umstellen den Tisch, an dem sie sich niederlässt. Sie schaut nicht von ihrem Smartphone auf. Die Bodyguards tragen  Gesichter wie Masken, Technikstöpsel in den Ohren und Mini-Mikrophone an den Hemdkrägen. Es ist eine öffentliche Diskussionsrunde: Kandidaten auf dem heißen Stuhl. Nach zwei Runden kommt Frau von Storch an den Tisch, an dem auch ich sitze. Einige stehen auf, weil sie nicht in ihrer Nähe sein, ihr auch keine Fragen stellen wollen. Ich sitze relativ nah am Heißen-Kandidaten-Stuhl. Sie hat große Augen, schaut mir, als ich sie nach ihrem Frauenbild frage, direkt in die Augen – jedoch mit einem Blick, der nicht bis in meine Augen zu reichen scheint. Erst denke ich: wässrig. Aber das ist es nicht. Es hat auch mit der undefinierbaren Augenfarbe zu tun. Sie hat einen abgeklärten, vor ihrem Gesicht kreisenden, ganz an den Rändern von Einsamkeit umflorten Blick. Sie trägt eine Goldkette, an der ein Kreuz hängt und, ich glaube, ein Sternzeichenemblem. Sobald sie anfängt zu reden, wandelt sie sich. Sie strahlt eine arrogant-trotzige Angriffslust aus. Sie gerät in eine beißende Freude, anders als die anderen Politiker im Saal zu sein, eigentlich anders als alle hier zu sein. Die physisch spürbare Unversöhnlichkeit und Ablehnung stachelt sie an. Und während sie mir antwortet, ist mir, als fiele langsam eine schwere Tür zu, die einen fensterlosen Raum luftdicht verschließt. Was sie sagt, ist in sich selbst stimmig, kohärent, aber am Ende ist der Raum abgedichtet, keine Luft zum Atmen mehr.
Während sie aufsteht und den Tisch verlässt, hebt sie ihr Kinn in einer sich selbst bestärkenden Weise: Ich habe gesiegt. Dann eilt sie an den nächsten Tisch, den ihre Bodyguards schon umstellt haben.

Gender-Sternchen

Bekomme eine Einladung vom Landesfrauenrat. Liebe Frauen*, so beginnt der Brief. Warum ein Sternchen hinter Frauen? Unsere Frauen*stimmen sind so vielfältig…, was soll nun dieser Stern zwischen Frauen und ihren Stimmen? Es kommt noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer Gender-Sternchen im Text. Ich merke, wie mich jedes Sternchen ein bisschen ungehaltener macht, wie ich Lust bekomme, eine Mail zu schreiben: Liebe Damen vom Landes*frauen*rat, was ist Ihr Problem mit dem schönen Wort Frauen…?

Sachverständiger

Der Mann mir gegenüber sieht aus wie Wotan Wilke Möhring. Er trägt ein weißes, kurzärmliges Hemd auf dessen Brusttasche: Sachverständigen-Büro Berlin steht. Er ist leicht gebräunt, muskulös und schaut sich selbstbewusst um. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Ich frage mich kurz, ob es vielleicht der Schauspieler ist, der für eine Rolle als Sachverständiger übt und dafür mit der S-Bahn durch Berlin fährt, verwerfe den Gedanken aber schnell. Auch, weil ich dem Wort Sachverständiger nachhänge. Das plötzlich, bei genauer Betrachtung, vieles auf einmal ist: rational, anmaßend, lächerlich, deutsch, verlässlich und doch auch tief von etwas distanziert.

Gepäck

„Ich packe meinen Koffer“, sagt der Lehrer zu den Kindern seiner Grundschulklasse, die um ihn herum in den Sitzreihen der S-Bahn sitzen, „und nehme mit: ein Tablet, einen Fidget Spinner und mich.“