Amerikanisches Tagebuch

Eine einwöchige Lesereise in die USA. Ankunft am Flughafen von Newark, Whitney Houston stirbt. Und Abflug am Flughafen Newark, als ihre Beerdigung live übertragen wird.

9.2.2012 – Berlin / New York

Einmal vom Flieger aus sehe ich unten im Wasser weiße Flecken schwimmen. Ich denke als erstes: Müll. Sicherlich die riesige Menge Plastikmüll, die ja irgendwo schwimmen muß. Nach längerem Hinschauen muß ich mir eingestehen: es sind Wellen und ganz kleine Eisbrocken.

Von Newark aus ist nur die Skyline von New York zu sehen, Jersey selbst ist Land, Seen, Schnee, dann kommen die Halbkreise aus Vororthäusern. Die Straßen schneiden ein Linienmuster in die Berge, überall dort, wo der Mensch ist, wirkt das Land rasiert und durchschnitten. Amerika am Flughafen ist erst einmal reine Mobilität: hinten Kräne, davor Laster, noch davor Autos, Autos, Autos, ganz nah: landen und starten Flugzeuge. Der Airbus neben uns wird in die Mangel genommen von einem flachen Transporter zum Gate gezogen. Nichts steht still. International Visitors heißen wir, da schwingt irgendwie mit, daß wir als Nicht-Amerikaner und Besucher noch Zeit zum Stillstehen haben. Aber es geht demokratisch zu in der Schlange, neben mir steht Klaus Maria Brandauer und muß genau wie ich zwei Stunden auf Einlaß warten. Die Coast Guards, eine Abteilung der Homesecurity, nennen ihre Regeln: Wir behandeln dich mit Respekt, du kannst dich über uns bei Vorgesetzten beschweren. Der Coast Guard fragt mich: What’s your job? Ich bin verwirrt, ich darf nur rein, wenn ich einen Job habe? Ich stottere, ich sei Autorin, das macht mich mindestens verdächtig. Ich muß zehn Finger auf ein giftgrün leuchtendes Display legen, werde fotografiert, werde auf Integrität und Richtigkeit geprüft, dann darf ich rein.

Am Rande meiner Wahrnehmung laufen Videos auf Großleinwänden, sie erzählen von einem weltoffenen, toleranten Land, lächelnde Menschen, die mich willkommen heißen. So hab ich es in Erinnerung, als ich vor 9/11 das letzte Mal in den USA war. Die Menschen hießen einen willkommen. Der Staat an seiner Grenze nicht mehr. Die Paranoia, die gesteigerte Angst, wird wie eine manische Abwehr in Sicherheit gekleidet. Alles ist sicher, wir müssen die Integrität unserer Nation sichern, sagt das Video. Wir Deutschen sind auch Sicherheitsfanatiker, aber anderer Art. Die Demütigung war zu groß, als die Attentäter von 9/11 einfach eingereist sind. Sie hatten sich als normale, arbeitende Amerikaner angezogen und es geschafft, die Nation im Innersten zu treffen. Das darf nie wieder passieren. Ein Mann, der mir einmal eine Erdgeschoßwohnung verkaufen wollte, sagte auf meine Frage, ob die Tür denn auch stabil sei: Vor Angst schützt kein Schloß der Welt. So ist es hier. Die Grenzen sind übersicher, zehn Fingerabdrücke, Foto, Job, Grund des Aufenthalts, alles abgefragt, aber die Angst im Inneren scheint größer denn je.

Die Hypermobilität bleibt, in ihren Gegensätzen: die uralte, brachial laute Amtrak, die New Jersey und Penn Station New York verbindet. Zettelchen, wie kleine Lottoscheine, sind die Tickets, die Schaffner knipsen sie noch ab. Gehen aufeinander zu, treffen sich in der Mitte des Wagons, knips, knips, knips. Reden dabei über ihre Mannschaft. Und draußen riesige Billboards für riesige Autos, die man für null Zinsen ganz einfach bekommen kann. Im Hotel erklärt mir die Rezeptionistin den Weg, uptown, downtown und neben uns ist eine Apotheke, sagt sie, 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Seh ich so krank aus?

Die Heizung läuft, das Fenster ist offen, die Aircondition rasselt als habe sie Bronchitis. Beim Aufwachen sehe ich, das Licht im Flur hat die ganze Nacht gebrannt, es schimmert durch den Türspalt. Amerika macht gar keine Anstalten, Energie sparen zu wollen. Man könne die Ölquellen anderer Länder mit Marines besetzen, lese ich, ein amerikanischer Senator soll das gesagt haben. Es ist das Blut, das alles möglich macht. Das Blut für die Mobilität. Energie für den Kreislauf. Junge Mädchen, die wie Uni-Studentinnen aussehen und nachts um zehn aus ihren Uni-Gebäuden kommen, trinken Red Bull. Sie scheinen tags zu studieren, nachts zu arbeiten. So hoch ist die Energie, wenn man sie füttert mit Stoff. Man muß sein Blut schon tunen, mit deutschem Sparflammendenken komm ich hier nicht weit. Energie ist Vitalität. Intelligentes Schrumpfen? Mir kommt der Gedanke hier ganz absurd vor.

Die Stadt rauscht, wie sie schon immer gerauscht hat, tags und nachts. Ich wache um 5:55 Uhr auf und sehe vom 9. Stock des Hotelfensters aus eine lange Reihe von LKW durch die Straße fahren, eine Invasion zur Ausstattung der Stadt mit Waren. Die großen, martialisch wirkenden LKW, Könige des Transports, haben die Straße für sich. Im Profil, hatte ich gesehen, haben ihre Motorhauben Wolfsgesichter.

Ricky Stock vom Goethe-Institut erzählt, daß sie in New Jersey wohnt, immer mit der Fähre nach Manhattan fährt. In einem ehemaligen Muschel-Fischer-Dorf, die Arbeitslosenquote liegt über 20 Prozent. Das Dorf nebenan gehört zu den teuersten Adressen Amerikas. Die Fähre hält im Hafen des verarmten Muschel-Fischer-Dorfes, und die Wall-Street-Leute steigen ein. Die Frauen mit den Frisuren, sagt Ricky, und macht eine ausladende Geste über ihren Kopf hinweg. Ich denke an Super Sad True Love von Gary Shteyngart, dort wird diese Fähre doch bombardiert. Amerika kann in diesen Widersprüchen existieren. Bei uns wären sie nicht aushaltbar. Arbeitslose Clam-Fischer neben Wall-Street-Villenbewohnern. Ich denke, ich will mal diese Fähre nehmen, mir das anschauen. Eine Erzählung schreiben über den Clam-Fischer, der womöglich noch als Fährmeister einen Job gefunden hat, knips, knips, knips, die kleinen Lottozetteltickets abknipst, aber mit der täglichen Demütigung umzugehen hat. Wie macht er das? Was ist Neid in diesem Land? Etwas sehr anderes, als es in Deutschland ist. Neid erwächst aus narzißtischer Wut, lese ich bei Schmidbauer. Der Narziß, der seine Kränkung manisch abwehren muß, wird grün vor Neid. Hier ist sehr wenig Neid spürbar, obwohl die amerikanische Gesellschaft hochgradig narzißtisch ist. Aber die Kanäle zum Abreagieren scheinen andere zu sein. Ist es doch das: Du kannst es schaffen, wenn du dich nur genug anstrengst? Der Glaube daran, die Hoffnung. Ob der Clam-Fischer das noch denken kann, wenn er die Villenneubauten neben seinem Papierhaus sieht? Was hält diese Nation zusammen? Die Abgrenzung, das Gefühl, auserwählt zu sein? Spürbar ist der Stolz der Deutschen, die hier arbeiten: Sie sind ein Teil dieser energetischen Gemeinschaft. Steckt das auch hinter dem Spruch: Wenn du es in Amerika schaffst, dann schaffst du es überall. Der Glaube, daß man dann zu einer Gemeinschaft gehört, die etwas Besonderes ist. Das ist der Klebstoff. So etwas in der Art.

10.2.2012 – New York

Ich wollte zum Liberty-Park, habe aber die falsche U-Bahn genommen und steige zwischen Millenium-Hilton und Ground Zero aus. Stehe auf der Straße, wie viele andere auch, und schaue in den Himmel, der immer noch leer ist, heute strahlend blau. Eine Baustelle wie am Potsdamer Platz, die tief in den Boden reicht, aber natürlich noch viel höher in den Himmel ragen wird. Heißt das neue Gebäude Liberty-Tower? Es ist ein ängstliches Bauwerk, denke ich, glasummantelt, es nimmt die Farbe des Himmels an und wirkt nahezu durchsichtig. Als wäre es nicht da, sollte nicht da sein. Aber die Urheber könnten auch das Gegenteil im Sinn gehabt haben: Wir sind da, aber ihr seht uns nicht. Wir sind euer Himmel. Wir machen unser Business und ihr werdet uns nicht mehr treffen können, weil wir unauffällig geworden sind. Wir sind der Inbegriff von Camouflage, so haben wir uns gegen euch gewappnet.

Es geht nicht anders, ich rutschte automatisch in diese starke amerikanische Kraft zur Katharsis. Memorial 9/11. Sehr viele, sehr nette Menschen leiten mich zum Eingang hin. Dort heißt es, man muß sich online für ein Ticket anmelden, ich frage, ob ich dann nicht rein dürfe. Natürlich, Madam, und der ältere, liebenswürdige Herr gibt mir das Gefühl, daß es so nett ist von mir, das Memorial zu besuchen, natürlich soll ich jetzt, da ich hier bin, auch rein dürfen. Ich bekomme ein Courtesy Ticket, ohne irgendein zutun bin ich unendlich dankbar, daß ich am Erinnern teilhaben darf. Ich werde durch Absperrungen geleitet, an buchstäblich jeder Ecke, alle paar Meter, stehen ein oder zwei Menschen in Corporate Memorial-9/11-Kleidung und bedanken sich dafür, daß sie mich durch die Absperrungen weisen dürfen. Ich bedanke mich auch die ganz Zeit und kann nichts gegen das Gefühl von Erhabenheit tun. Natürlich wird der Eingang von einer doppelten Flughafen-Kontrolle bewacht, viel Polizei, und um die nächste Ecke kommt das Denkmal. Es ist so viel eindrucksvoller als deutsche Denkmäler, es ist anfaßbar, ich lege meine Hände auf die Namen der Toten, sie sind in die Bronzebalustrade geschnitten, es berührt, sie so zu berühren. Dahinter rauscht das Wasser in die Tiefe, ein Abyss, man sieht das Ende des Wasserfalls nicht, ein irritierendes Moment, wo fällt das Wasser hin? In die Mitte der Erde? Es ist ein Malstrom, es ist unser Unterbewußtsein, verbildlicht. Es ist das, was uns in die Tiefen zieht, führt, ohne Grund. Das Memorial ist plötzlich viel mehr als ein Ort, der an 9/11 erinnert. Er kann uns erinnern an das, was uns wirklich steuert und antreibt. An unvorstellbare Kräfte.

Die Architektur erlaubt sich drum herum noch kleine Aus-der-Mitte-Gerücktheiten. Einige Schrägen deuten den Verlust einer Balance an, ein paar postmoderne Brechungen, aber die Gebäude schweben eh wieder über allem, hier unten. For those who perished. Auch sacrificed taucht auf. Sie sind die Helden, sie werden verehrt wie Helden, mit Sicherheit wird ihre Heldentat nicht vergessen. Das sind die Geschichten, die die Amerikaner sich erzählen können. Ein Menschenleben hat hier einen geringen wert, aber wenn dieser kleine Mensch eine große Tat vollbringt, dann steht er wieder für alle Menschen, die prinzipiell wie er hätten sein können.

Am Ground Zero sind in allen Laternenpfählen Überwachungskameras installiert. Die Pfähle haben ein Auge. Wie bei Gary Shteyngart im Roman. Hier ist es Realität. Die einäugigen Pfähle starren uns an, keiner starrt zurück, es ist das Normalste der Welt hier, diese Einaugen.

Als ich am tiefschwarzen, wuchtigen Hilton-Millenium vorbeigehe, zurück zur U-Bahn, sehe ich, wie ein gezähmter Bonsai-Baum sich in der zweistockwerkgroßen Eingangstür dreht. So ein kleiner, wachstumskorrigierter Baum, so eine große Tür.

In der U-Bahn: die müden Nachtarbeiter, Latinos und Schwarze, alle schlafen mit offenem Mund, einige ein Taschenbuch in der Hand, die meisten ein Mobiltelefon. Eine Mexikanerin neben mir zeigt ihrem Sohn ihre Social Security Nummer. Ich habe das Papier noch nie gesehen: eine uralte kleine Aktie mit Kringeln und Wappen. In Plastikfolie eingeschweißt zwar, aber so klein, daß es in keinem Verhältnis zu seiner Bedeutung steht.

Macy’s, das große Kaufhaus, hat den Russen-Stern in ganz kommunistischem Rot als Logo.

Ein Latino hält einen Riesenstrauß Kirschblütenäste fest. Eingewickelt in Packpapier. Ich fahre Richtung Central Park. Der österreichische Autor hatte mir gestern erzählt, daß er im Museum of Natural History war, und dort Kinder angetroffen hat, die je ihre eigene Nanny hatten. Einmal Geschwister, die je ihre eigene Nanny hatten. Latinas. Manhattan funktioniert, weil es dieses Heer an Menschen rekrutieren kann, die den Service sichern. Sie bringen die Kirschblüten von downtown nach uptown. Sie arbeiten nachts und tags und schlafen in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause, Harlem, Bronx, Queens. Überall hört man Spanisch. Eine Parallelwelt für die Amerikaner, vielleicht spalten sie sie deshalb so von sich ab.  Und die Zugezogenen hüten dieses aktienähnliche Stück Papier wie einen Schatz, stolz auf die Nummer, im Glauben, mit ihr Teil einer Gemeinschaft zu sein. Für diese Nummer geben Mütter die Nähe zu ihren Kindern auf, zerfallen Familien. Ich nehme mir vor zu schauen, ob Junot Díaz ein neues Buch geschrieben hat.

In der U-Bahn-Station sitzt in einem Glaskasten ein Mitarbeiter, ich kann von der Seite zu ihm hineinschauen, während ich warte. Er zählt im Abstand von wenigen Minuten immer mal wieder die Scheine, die vor ihm in einer alten Holzlade liegen, dann schaut er in sein zerlesenes Taschenbuch, dann schaut er durchs Glas, keiner kauft ein Ticket bei ihm, die kauft man am Automaten. Er zählt wieder seine Scheine, es ist keiner dazugekommen, er wischt über die Resopalplatte, blättert im Buch. Ich denke: wir Deutschen mit unserer Effizienz, wir hätten so eine Stelle schon längst gestrichen. Die Amerikaner sind im Grunde nicht sehr effizient (es wird ja auch überall geheizt und das Fenster offen gelassen). Keiner rationalisiert diesen alten Mann weg. Natürlich tut es weh, anzuschauen, wie er nichts zu tun hat und die Fahrkarten-Automaten gegenüber bei ihrer Arbeit bewacht. Aber er ist hier in der Station. Er trägt ein Hemd der NY Subway Corporation. Klar, er könnte seine Bude mal ein bißchen aufräumen, aber wie schön ist es, daß es diese unaufgeräumten Orte gibt, so unglaublich weit weg von der Effizienz und Sauberkeit deutscher Bahnhöfe, wo es mancherorts nur noch Maschinen, Maschinenstimmen und Automaten gibt.

11.2.2012 – New York

Als sollte es schwierig sein, den Zuccotti-Park zu erreichen, steige ich wieder in die falsche U-Bahn, nehme einen Express-Zug und rausche am Ziel vorbei. In der richtigen Bahn steige ich freiwillig das erste Mal aus, weil meine Paranoia, einen potentiellen Amokläufer neben mir zu haben, mich übermannt. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so hellwach und todmüde zugleich aussieht. Eiskalte, arrogante Augen, voller Langeweile, Verdruß und Selbstherrlichkeit. Ein weißer Amerikaner mit sehr nordeuropäischem Gesicht. Er ähnelt Breivik, vielleicht hat das meine kleine Paranoia ausgelöst. Ich kenne die mit mir durchgehende Phantasie. Ich steige aus und muß über mich lachen. Aber merke, daß die beängstigende Kälte dieses Menschen mitgenommen ist. Als ich dann Rector Street aussteige, ist ein Feuerwehreinsatz über der Station und es jault in den niedrigen Gängen. Wie ein Echo meiner Paranoia, eine Melodie dazu.

Ich gehe über die Wall Street Richtung Liberty Park. Polizeiautos parken quer, eine Gruppe Japaner steht vor dem Stock Exchange-Gebäude und alle, wirklich ausnahmslos alle, Frauen wie Männer, starren auf ihre Smartphones. Der New York Sports Club, gleich neben der Börse, wirbt mit: Wall Street can once again flex its muscles. Invest in yourself. An einem Samstag ist die Wallstreet Jogginghosen vorbehalten, Turnschuhen, Kappen, Sweatshirts. Manche Männer tragen ihre Hemden überm Arm, joggend, zur nächsten Reinigung. Zwischen zwei geparkten Autos hat jemand Feuerholz gestapelt, dünne Ästchen, ein paar Klötzer, darüber eine blaue Plane. Für einen kurzen Moment verschieben sich die Perspektiven, als ich die Straße vom Liberty Park hoch zum Zuccotti schaue. Als würde sich der Fluchtpunkt verschieben, wie bei Inception fällt die Skyline in sich zusammen. Ich bin irritiert, laufe gegen eine Wand. Dann wird mir klar: der schwarze Turm vom One Liberty Plaza hat eine Ausbuchtung, so ab dem 20. Stockwerk wölbt sich die Fassade nach vorn. Aber hier bricht nichts zusammen, stapelt oder entfaltet sich neu, inceptionmäßig. Hier ist alles beim alten. Der Zuccoti-Park ist marmorn und der blankgeputzteste Ort New Yorks. Hier wurde mit der Zahnbürste gefegt. Die Polizei hat eine Art Jägerhochstand errichtet am unteren Ende des Platzes, NYPD steht in Blau auf Weiß, durch die getönten Scheiben des Ausgucks hat man das Areal im Blick. No Parking, allerorts, nur Einsatzfahrzeuge in Reihe. Über den Platz patrouillieren ein halbes Dutzend Männer in Leuchtwesten und passen auf, daß kein Kaugummipapier fallen gelassen wird. In den Rabatten sind Zierkohlköpfe gepflanzt, kann man die essen oder sind die giftig? Ein Kleinbus mit Supertravel-Logo fährt einmal um den Platz. Überhaupt: hier sind nur Touristen und Polizisten. Ich setze mich in ein Café am Rand des Platzes, neben mit ein Alt-68-Pärchen aus Frankreich, vielleicht sind sie aus einem ähnlichen Grund wie ich hier. Die Frau ergießt eine französisch-rasante Tirade über den Tisch, ihrem Mann ist das sichtlich unangenehm, er schielt auf mein Tagebuch, ich versuche zu verstehen, ob die Frau sich über das schlechte Essen oder über die amerikanische Polizei aufregt. Ich meine zu verstehen, daß es beides ist.

Wer überwacht all diese Bilder, durchsucht das Material, das durch all diese Billionen Augen fällt. In der U-Bahn wieder ein kleiner Glas-Schrein, darin ein Bildschirm mit vier Überwachungskamera-Bildern. Davor liegt ein in Leder gebundenes Buch, vielleicht ein Buch der Vorkommnisse, der Dienste, was auch immer. Im Schrein sitzt niemand.

Susan Bernofsky, die Festival-Kuratorin, umarmt mich spontan, als ich erzähle, daß ich heute morgen am Zuccotti-Park war. Ich erfahre, daß sie von der Stunde Null an bei Occupy engagiert war. Virtuell seien sie immer noch da, aber es gehe um die physische Präsenz. Digital werde keine Revolution gemacht, klar, aber wie mächtig dieser Staat ist, wenn er durch Überwachung, Polizeipräsenz und Mietpolitik die Fäden in der Hand hat, um einer Gruppe einen realen Ort zum Versammeln zu entziehen. Occupy gehe das Geld aus, sagt sie. Aber wir werden wiederkommen, spätestens im Frühling, sagt sie und lächelt in einer Mischung aus Witz und Gelassenheit.

Im Buchladen liegt David Graebers Debt. The first 5.000 Years ganz oben auf. Knallrot mit einem Kassenbon drauf, Kassenbonbuchstaben für Titel und Verlag, unten drunter steht: Thank you for your purchase!! Please come again!! So ein gewichtiges Buch, so ein lustiger Titel.

Facebook scheint zum Gradmesser unserer Einsamkeit zu werden. Je wertvoller das Unternehmen, desto vereinzelter die Menschen. Diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft, die aus all diesen Displays spricht, nein, aus den Gesichtern, die sich den Displays zuwenden. Langsam kriecht das Gefühl vor, wie einsam man in dieser Stadt sein kann. Occupy, das sehe ich an Susans Enthusiasmus, war auch eine physische Gemeinsaft, eine cure against solitude. Während die Simulation von Gemeinschaft als Börsenwert durch die Decke geht, geht Occupy das Geld aus.

12.2.2012 – New York

In jedem Deli, jedem Second-Hand-Laden, sogar im malaysischen Edel-Noodle-Soup-Restaurant läuft Whitney Houston. Zu irgendeiner Zeit war jeder von uns ein Fan, lese ich, ja, Whitney Houston, das war reines, großes Gefühl, mit 12, 13 Jahren. Ihre Stimme drückte auf eine kontrollierte, unendlich reine Art aus, was ich als Teenager nur randvoll verworren fühlte. Hier wird sie heute gefeiert. Es geht nicht um ihr Leben und Leiden, es geht um ihr Werk. Ihr Bild auf allen Zeitungen und ihr Werk ab sofort ein Meilenstein in der amerikanischen Musikgeschichte. Die erste Afro-Amerikanerin an der Spitze der Charts. Die erste Frau. Sie hatte den Look, das Talent und den Stammbaum. Die Times wundert sich in einem Artikel über die Rückkehr der Dinosaurier in die Top Ten, Leonard Cohen mit seiner Best of stehe auf Platz 1. Depressionsmusik, wird das genannt: No one can sing a Leonard Cohen song the way Cohen himself can’t. Später höre ich Kelly Price in einem Interview sagen, daß Whitney Houstons Tod den Preis zeige, den sie alle dafür bezahlten, daß sie als Performer ihre Herzen auf die Bühne legten, öffentlich verletzlich seien. Sie liebe ihre Arbeit, sie könne nicht anders (you have to have the call), aber wir alle würden vergessen, wie hoch der Preis sei. Es ist viel von Preis die Rede heute, welcher Preis wofür bezahlt wird. Preis und Herz. Eigentlich die Kombination, über die ich gerade bei Schmidbauer gelesen habe. Aber heute wird Ms. Houston geliebt, und sie wird von der Grammy-Bühne aus geliebt, sie bekommt womöglich all die Liebe, nach der sie sich gesehnt haben mag, in Reinform. Das ist tragisch, weil sie dafür erst sterben mußte. Sie wird sich skyrocketmäßig verkaufen in den nächsten Tagen, heißt es, das wisse man ja noch von Michael Jackson.

Ich wach am Morgen auf und hab geträumt, daß mein Mann sich vom Acker gemacht hat. Er ist einfach gegangen, und ich hab den Augenblick verpaßt, wann. Ich weiß nur, ich bin ganz allein. Eine der Millionen alleinstehenden Frauen, hier in New York. Ich bin im Traum auf einer Veranstaltung und habe noch nicht umgeschaltet: während alle flirten was das Zeug hält, stehe ich stumm herum und realisiere nur, daß ich es genauso machen müßte. Aber ich kann nicht, ich denke: bis eben lebte ich doch noch in einer Beziehung. Ist das die New Yorker Einsamkeit, die Sonntags nicht mehr durch Arbeit kaschiert werden kann? Man arbeitet sechs Tage die Woche, am Sonntag wird zum Shoppen gegangen. Aber bitte nicht allein. Wenigstens eine Freundin muß man haben. Daß ich so ganz on my own durch die Straßen schlendere – ich werde auf eine Art bemitleidet mit Blicken und ein wenig wie ein Aussätziger behandelt, der seine Krankheit offen zeigt.

We don’t even have a word for bewältigen, sagt Susan lachend.

13.2.2012 – New York / Chicago

Der mexikanische Taxifahrer wartet stoisch das Warnklingeln seines Autos ab, fährt die Strecke zum Flughafen unangeschnallt. Ein letztes bißchen Manhood sei wohl noch erlaubt. Ich lese auf einem Hinweisschild meine Rechte als Fahrgast: eine ruhige, radiofreie Fahrt, ohne Hupen und Raserei, ohne Gerüche aller Art, ich darf mich beschweren oder das Trinkgeld kürzen, wenn ich mit der Art, wie der Fahrer fährt, nicht einverstanden bin. Notfalls unter 1-800-und so weiter. Unter dem Amtslogo der Stadt steht der Name des Bürgermeisters Bloomberg. Als sei er Teil der Marke New York. Auf dem Weg zu La Guardia, ich glaube in Williamsburg, schaue ich zurück auf Manhattan. Neben der Straße erstreckt sich ein Friedhof über den Hügel hinunter zum Wasser, dahinter die Türme. Kleine Häuser und große Häuser, sie ähneln sich. Die Grabsteine vorne sind verwittert, schief und krumm, aber ragen wie Säulen in den Himmel, die Hochhäuser sind natürlich gerade und geputzt, aber die Verwandtschaft bleibt bestehen und kurz schaudert es mich, weil das da drüben auch nur ein Friedhof für Riesenwesen sein könnte.

Am Flughafen stehen drei sehr elegant gekleidete schwarze Frauen vor einem Bildschirm und verfolgen die Nachrichten zu Whitney. Ein weißer Geistlicher in einer lilafarbenen Kutte stellt sich dazu. Vereinigt im Interesse an Informationen.

In Chicago schrumpft Amerika wieder auf seine Kleinheit zusammen. Dabei dehnt es sich gleichzeitig physisch aus: wieder sehr viele, sehr dicke Menschen, der See, der das Ausmaß eines Meeres hat, der Flughafen, der eine deutsche Kleinstadt an Fläche übertrifft. Aber das kleingeistige Middlewest-Amerika wird hier sofort spürbar, nicht das weltoffene New-York-Amerika. Von der Erinnerung an dieses enge Amerika erfaßt, in dem ich als Austauschstudentin gelebt habe, stecke ich verstohlen das Bier in meine Tasche, fühle mich im Supermarkt ertappt. Auch titelt die USA Today, das Blatt der weiten Fläche, gleich moralisch: Whitney ist am Dämon gestorben, an den teuflischen Drogen. In der New York Times gab es wunderbare, hochanalytische Artikel, in denen sie immer Ms. Houston genannt wurde. Seltsamerweise ist die Einsamkeit der Menschen hier noch spürbarer: middle age-Männer in Steak-Restaurants, die ihr Smartphone an das Bierglas lehnen und über ihr medium rare-800-Gramm-Steak hinweg ins Blauweiß starren. Noch im Aufzug vom Boden bis zum 7. Stock, also vielleicht auf 5 Sekunden Fahrt, checkt eine Frau neben mir ihren Facebook-Account. Am Vorabend vom Valentinesday. Der Tag, an dem die Liebe gefeiert wird. Rosarot und in Herzform und mit einzelnen Blumen in kleinen mitgekauften Eimerchen. Der einzig wahre Liebesbeweis sei dieser Ring, wirbt Tiffany’s, ein Brilliant-Ring mit innenliegender Tiffany’s-Gravur, so groß, daß dort kein anderer Name mehr hineingeschrieben werden könnte.

14.2.2012 – Chicago

Happy Valentine’s Day. Keine Whitney Houston mehr, nur noch Elevatormusic. Sehe zum ersten Mal Hunde, die rote Lederschühchen tragen. Die Taxis haben hier eine Blechplakette in die Motorhaube genietet, wie man sie Pferden ans Ohr nietet. Da können die Autos noch so hybrid daherkommen, sie erzählen von ihrem Ursprung. Zeitungen titeln: wenn Europa seine Schuldenkrise in den Griff kriegt, dann könnte der Dow Jones am Ende des Jahres wieder bei 15.000 stehen. Ich denke: what? Wir scheinen die einzigen zu sein, die hier eine Schuldenkrise haben. Occupy entwickelte den Slogan: Wir sind die 99 Prozent, Santorum spricht von radikalen Elementen, wenn er von Occupy spricht. Eigenwillig, wie er aus 99 Prozent einer Gesellschaft radikale Elemente machen möchte. Bei CNN scherzen die Moderatoren. Im Art Institute of Chicago hab ich das erste Mal das Gefühl, Cézanne neu zu sehen: wie die Balance verlorengeht. Wie alles flüchtig wird, ungreifbar. Obwohl alles so physisch ist, aber die Bilder rufen diese Irritation hervor. In einem anderen Raum liegt Charles Rays Baum. Der schwarze Wachmann sagt zu mir: Das ist Charles Ray. Ich frage: Ist das echt? Er sagt: Real wood. Ich staune. Er erklärt es mir. Und dann sagt er, daß er sich wünschen würde, der Raum wäre größer für den Baum, diese Mittelwand müsse weg, das würde er sich wünschen. Ich frage ihn, ob er immer hier beim Baum ist. Er sagt, leider nicht, sie rotierten hier, aber manchmal schaffe er es, zwei Tage nacheinander beim Baum zu sein. Ich sage: You are lucky, er lacht und nickt. Und verrät mir, daß er sich am liebsten irgendwann mal in das ausgehöhlte Innere des Baumes legen würde. Zusammen mit einer Bettdecke würde er sich dort hineinlegen und so gut schlafen wie nirgendwo sonst.

Es gibt viele Menschen, die hier in der Kälte stehen und einem die Tür aufmachen, am Hotel, im Kaufhaus, im Restaurant. Ich werde von meinem Dauerschlechtengewissen erwischt: denen muß ich doch Trinkgeld geben! Sie leben von nichts anderem, als vom Trinkgeld, also her mit den Dollars. Nur ist ein Dollar gar nichts mehr wert, erst ab fünf geht es los. Und dann merke ich, daß ich Freundlichkeit nur widerwillig an ein Honorar knüpfe, weil es das Eingeständnis wäre, daß alle Freundlichkeit nur gegen Bezahlung angeboten wird. Ein Lächeln, ein Dank, ist dann nicht mehr ausreichend. Ohne Honorar ist Freundlichkeit als Antwort ein Zeichen meiner Unsozialität. Kann das sein?

16.2.2012 – Chicag0

Ich hab die Plastikgabeln satt. Ich will keine Plastikgabel mehr zu meinem Mittagessen. Ich will überhaupt kein Plastik mehr, es ekelt mich plötzlich an, von Plastikgeschirr zu essen, mit lapprigen Plastikmessern schneiden zu wollen. Ich habe auch das ständige Ich-muß-eine-Sekunde-irgendwo-warten-und-starre-auf-mein-Display satt. Die ahnungslose Servicedame im Deli überreicht mir das Plastiktablett mit Plastikbesteck, die Suppe im Plastikbecher, und ich schreie auf und will weglaufen, jetzt und hier. Hinter mir in der Schlange stehen nur Menschen, die auf ihre Smartphones starren. Wann ist Oil-Peak, nein, Oil-Aus endlich erreicht? Wann Wireless-Aus? Ich wünsche es mir, ich wünsche es mir so inständig. Ich werde homesick nach deutschem Nachhaltigkeitsgerede, nach Menschen, die sich noch in ihre Gesichter schauen. Ich hatte Gary Shteyngarts Buch Super Sad True Love Story als Zukunftsvision gewesen. Hier sehe ich: Es ist keine Vision, es ist der nächste Dienstag. Ich bin umgeben von Zombies. Den Shopping-Zombies mit Fächern aus Luxustüten, leblosen, displayblauen Gesichtern, bewaffnet mit Plastikgabeln, arroganten Blicken und perfekt manikürten Nägeln, die, wenn sie etwas haben wollen, es sich einfach nehmen und unterkühlt bezahlen, obwohl sie wissen, daß sie kein Geld mehr haben. Aber sie sind zu süchtig, sie können nicht anders. Junkies on money, oil and plastic. Und weil sie die Kreditlinien ihrer Kreditkarten irgendwie umzuschichten wissen, sieht alles noch tadellos aus. Aber Europa hat eine Schuldenkrise! Was für ein Riß wird durch dieses Land gehen im Herbst. Ist das aushaltbar für eine Gesellschaft, in so opponierende Lager zu zerfallen? In Reflektiertheit und Verdummung, in Progressivität und reaktionären Konservatismus, in kreativen Aufbruch und regressiven Stillstand? Der Glauben ist der Klebstoff. Glaube an Gott, Glaube an die Zukunft, an die Gestaltbarkeit von Leben. Der Glaube an die Machbarkeit von Geschichte. An die Verwandelbarkeit durch Performance. Glaube an die Märkte und ihre Freiheit.

Ich lese, Wissenschaftler an der Columbia University haben ein Programm entwickelt, um das Erscheinen von Hurrikanen bis zu acht Monate im voraus zu berechnen. Wissenschaft an der Grenze zur Weissagung, so klingt das. Aber auch der Glaube: nur, weil wir etwas vorhersehen können, haben wir es gebannt.

17.2.2012 – Chicago/Newark/Berlin

Swipe your creditcard – and you get entertained the rest of your stay. Überall Swipes, Schlitze, in die ich meine Kreditkarte schieben kann, dippen kann, das reicht schon, damit bin ich ausgewiesen, hab bezahlt, bin zugehörig. Im Fernsehen Werbung für Schlafmittel – ein Schmetterling fliegt träge aber leuchtend durch schöne Bettlandschaften mit schönen Frauen drin, nach den kurzen Vorteilen des Schlafmittels folgt eine doppelt so lange Erklärung, welche Nebenwirkungen zu beachten wären: Depression, Identitätsstörungen, Sehschwierigkeiten. Eine Viagra-Werbung in ähnlichem Format: Du wirst deine Frau wieder glücklich machen, aber wenn die Erektion länger als vier Stunden anhält, solltest du einen Arzt aufsuchen. Bei Whitney Houston ist unter anderem Xanax gefunden worden, verschreibungspflichtig, aber das Thema ist eröffnet: We are having a serious addiction problem. Forderung einer Abgeordneten aus Kalifornien: Wir sollten uns dazu bekennen, eine unter Drogen stehende Nation zu sein. Unsere Leistung ist nicht ohne einen Preis zu haben. Drogen, die einen wach, schneller, potenter, lustiger machen und in der Nacht schlafen lassen. Der ganz normale Lebensstil, die ganz normalen Zusatzmittel. Der Laden, wo man die unauffällig verpackten Döschen abholt, heißt Drugstore. Warum sind sie verschreibungspflichtig, will ich fast fragen, wenn alle anderen Drogen – Arbeit, Benzin, Plastik, Facebook, Kreditkarten – legal sind. Whitney Houston ist die Frau, die den vielfach verschränkten Abhängigkeiten jetzt ein Gesicht gibt, und den Preis aufzeigt, den sie für ihre Musik, ihr Herz auf der Bühne, bezahlt hat.  Das macht sie zu einer von vielen, zu einem großen Teil einer Great Nation, die auf Drogen ist. Das krönt sie zu einer Art Prinzessin, die den dauerhungrigen Vampiren durch Tod entkommen ist.

Drei Caution-Schilder in Neonorange auf dem Balken der Schranke am Parkhaus. Caution: Der Balken bewegt sich. Caution: Der Balken schließt nach jeder Durchfahrt. Caution: Hier ist eine Stufe. Draußen dann: Caution: Falling Ice – eine breite schwarzgelbe Absperrung. Overregulated America, titelt The Economist. Ashley, meine Schwester während des Austauschjahres, erzählt von den überängstlichen Eltern, die ihr Kind im Kindergarten abgeben, aber dann drei Mal am Tag anrufen, ob auch alles in Ordnung sei. Was passiert mit einer Gesellschaft, die ein natürliches Verständnis für Angemessenheit, Gefahreinschätzung, Vorsicht und Common Sense verliert?

Bei Fox-News wird Obama direkt dafür verantwortlich gemacht, daß der Öl-Preis so hoch ist.

Wieder in Newark am Flughafen. Der Gottesdienst wird live auf CNN übertragen. Eine Schwarze in der Sitzreihe neben mir singt mit, streckt die Faust in die Luft beim Amen. Performance ist Katharsis. In der früheren Kirche von Whitney Houston wird gesungen, gelacht, geweint, erinnert, gelobpreist. Und dann passiert ein kleines amerikanisches Wunder. Reverent Winans sagt: in allem, was du tust, bist du Gott. So wird ihre Stimme, ihre Performance, das, was sie für andere getan hat, zu einer heiligen Handlung. Whitney wird heilig gesprochen. Performer werden verehrt wie Götter. Es ist ein Feuerwerk aus Lachen, Weinen, Gesang, physischer Präsenz, Versuch einer Heilung, einer Überwindung des Bösen, eine Katharsis. Es ist das schwarze Amerika, das sich hier als das lebendige beweist – im Tod. Es besitzt diese Kraft, die es in jedem Gospel-Gottesdienst an jedem Sonntag im ganzen Land sammelt und verkündet. Aber dieses Mal sieht das weiße Amerika zu. Rev. Winans Rede streckt sich weiter hinein in unsere Welt: Der Teufel, das ist die Angst. Ängstlichkeit macht uns schwach, der Teufel steht am Anfang dieser Selbstentfremdung. Gott, als Kraft gesehen, ist ein gesundes Selbstbewußtsein, ein Selbstwertgefühl. Von da aus beginnt Winans eine gesungene, gesprochene, glühende Rede für die Wiederentdeckung des Common Sense. Wir kaufen ein Auto und beschäftigen uns dann, statt mit dem Fahren, nur noch mit dem Owner’s Manual. Wir trauen uns kaum zu, das Fahrzeug allein anzuschalten, wir trauen uns keine einfache Fahrt mehr zu, alles soll uns das Owner’s Manual sagen, oder das Navigationsgerät, oder wer weiß wer. Und dann fordert dieser Performer, der jeden Sonntag seine Gemeinde begeistert, daß wir alle das Owner’s Manual vergessen sollten. Auf unser Gefühl sollten wir hören. Auf unseren Verstand. Ein Menschenfreund, das ist er. Später fällt der Begriff uplifting. Die Zeremonie war uplifting – das ist viel mehr als aufbauend. Winans baut nicht auf, er performt und überzeugt. Wir könnten nicht an zwei Götter glauben, money and god, ruft er aus. Und erntet wieder Standing Ovations. Zu ihrem größten Hit, I will always love you, wird der Sarg aus der Kirche getragen. Das You in diesem Song, denke ich, ist sie. I wish you love, singt sie an einer Stelle. Sie wird zu dem Lied, das am deutlichsten ihre Sehnsucht und ihre Fähigkeiten zum Ausdruck gebracht hat, von ausschließlich weißen Männern aus der Kirche getragen. Homegoing, sagt später die CNN-Reporterin, es sei ein Homegoing im mehrfachen Sinn: eine Frau, die den Großteil ihres Erwachsenenlebens in Hotels und on tour verbracht hat, kehrt in ihre Stadt, in ihre Kirche zurück. Der Tod ist aushaltbar, wenn man ein Zuhause hat. Das Sterben eines Menschen verliert etwas Traurigkeit, wenn er zumindest Heimkehren konnte.

Der Sarg der ungekrönten Prinzessin wird in ein klobiges aber goldenes Auto verladen, davor fährt ein Truck und transportiert das Blumengesteck. Die zwei Wagen rollen durch das schmutzige, heruntergekommene Newarker Neighbourhood.

We can’t believe in two gods, hatte Reverent Winans furios ausgerufen, in Geld und in Gott. Was für ein Ausruf in diesem verarmten Teil Amerikas. Draußen, vor der Tür der Kirche, prallt der Realismus an die Türen. Müll hinter Maschendrahtzäunen. Eilige Umarmungen, verlorene Eitelkeiten von Prominenten, als Einblendung das ratlose Gesicht des Ex-Mannes, der gegangen ist, weil es nicht genug Platz für ihn und seine blinkende Entourage gab. Aber drinnen war es uplifting. Da wurde aus einem Leben und Sterben eine gelungene Geschichte, full circle: die Heldin, die gehen mußte, aber dafür in dem, was sie anderen gegeben hat, ewig weiterlebt.

Der schwarze Shuttle-Fahrer, der Leute durch den Flughafen fährt, die nicht laufen können, ruft beim Fahren aus: Beep, beep, beep, we are getting through, we are getting through.

Ich meine, auf der schwarzen Tragfläche, in vollkommener Dunkelheit überm Ozean, die Reflexion eines Sterns zu sehen. Aber vielleicht ist es auch nur eins der Bordlichter, das sich spiegelt.

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