abschied von den illusionen

Falltür

Das iPhone ragt begehrenswert und wie zum Greifen nah aus der weißen Fläche des Plakats. Es ist leicht aus der Zentralperspektive verschoben, als wäre es eine liegende Tür, die einen Spalt weit geöffnet ist, oder auch eine Falltür, in der man für alle Zeit verschwinden kann.

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Vertrauen (mal wieder)

Wie wütend mich der Abbruch der Sondierungs-Verhandlungen macht. Wie wütend ich werde, als ich über die ‚fehlende Vertrauensbasis‘ lese. Vertrauen schafft man nur selbst, es ist eine schwierige Aufgabe, jeder Mensch, der integer ist, will vertrauensvoll mit anderen Menschen umgehen. Als Volksvertreter jedoch gibt es die Verpflichtung, das Vertrauen, das man von den Bürgern lediglich übertragen bekommen hat, nicht zu verletzen. Wenn genau das passiert, dann offenbart das einen reinen, nahezu zynischen Egoismus (und eine Entfremdung von seinen Wählern, seinem Amt, seiner Verantwortung). Und dieser Egoismus wird bei allen, denen es sowieso schon schwer fiel, noch mal Vertrauen für Volksvertreter aufzubringen, das Gefühl von Enttäuschung noch vergrößern. Das ist verantwortungslos.

Superhelden

Nur vom Plakat her scheint es so zu sein, dass in dem neuen Blockbuster ‚Justice League‘ gleich ein ganzes Team der größten Superhelden, die wir kennen, antreten muss, um gemeinsam die Menschheit zu retten. Was im Umkehrschluss auch als Hinweis darauf zu lesen ist, für wie verloren viele Menschen die Menschheit schon empfinden.

Selbstvertrauen

„Ihre Amazon.de Bestellung von Selbstvertrauen“, steht zu lesen in dem seitlich in meinen Bildschirm reinfahrenden Mail-Popup-Fenster. Ich hatte nur den Aufsatz von Ralph Waldo Emerson geordert, toll, denke ich in dem Augenblick, wenn das genau so möglich wäre.

Wer im Glashaus sitzt

Lese, wie Trump wieder von einer „kranken und gestörten Person“ spricht, die alleinig für den Anschlag verantwortlich ist, und muss an das Buch namhafter amerikanischer Psychiater denken, die es als ihre gesellschaftliche Pflicht ansahen, ihre Fernanalyse von Trumps Charakter zu veröffentlichen, um damit auch ein Amtsenthebungsverfahren anzustreben. Sie attestierten ihm – jetzt simplifizierend ausgedrückt – einen vielfach kranken und hochgradig gestörten Charakter.

 

Wald

Ich laufe durch den vom Sturm immer noch verwüsteten Wald und beschäftige mich mit der Frage, wohin ich mich retten würde, fiele jetzt noch ein halb abgebrochener Ast o.ä. zu Boden. Wäre ich unter dem aufgestellten Wurzelwerk des umgestürzten Baumes sicher, wo alte Mauersteine zum Vorschein gekommen sind, als stünde der Wald auf einem Trümmerhaufen? Oder lieber in der Nähe des Zaunes zur S-Bahn Schutz suchen? Oder einfach rennen, was das Zeug hält, während über mir das Holz kracht? Ich bin so okkupiert von dem Nachdenken an mögliche Katastrophen, dass ich für lange Augenblicke nicht mehr wahrnehme, wie ockergelb-mild der Wald leuchtet, wie bildschön sich der Weg durch ihn hindurch schlängelt, und wie gut die Luft nach Erde und Laub riecht.

Frivoler Mut

Es spricht mir so aus der Seele, daher zitiere ich hier einfach mal den Habermas: „Wenn ich ihn recht verstehe, bringt Macron ein Interesse zur Geltung, das bisher in unserem Parteiensystem zwischen dem alltäglichen Neoliberalismus der ‚Mitte‘, dem selbstzufriedenen Antikapitalismus der Linksnationalisten sowie der abgestandenen identitären Ideologie der Rechtspopulisten nicht ausbuchstabiert und daher nicht repräsentiert ist. (…) Man reibt sich die Augen: Da ist jemand, der am Status quo noch etwas ändern will? Da hat jemand den frivolen Mut, sich gegen das fatalistische Bewusstsein von Fellachen aufzulehnen, die sich den vermeintlich zwingenden systemischen Imperativen einer in abgehobenen internationalen Organisationen verkörperten Weltwirtschaftsordnung gedankenlos beugen?“

Rettung der Menschlichkeit

Sibylle Berg liegt falsch, wenn sie darauf hofft, dass so etwas wie das Unsichtbare Komitee uns retten wird, denke ich, als ich ihren Text lese. Dem dominanten, aggressiven Auftreten der neuen Rechten kann doch nicht mehr mit einer absenderlosen Undercover-Guerilla begegnet werden. Es geht unbedingt um Sichtbarkeit, um die deutliche, laute Formulierung von Werten, Überzeugungen, Haltungen. Dazu muss man seinen Kopf hinhalten. Womit sie richtig liegt, in allem Pathos, ist: „Die Zeit des Redens ist vorbei. Es geht um die Rettung der Menschlichkeit.“

Konjunktivabsichten

Der Mann, der ein erfahrener Schattenverhandler sein soll, spricht von Konjunktivabsichten, die man sich erst einmal erklärt. Ich habe das Wort noch nie vorher gehört und es zirkuliert eher verschlüsselt, ähnlich wie Schattenverhandler, durch mein Gehirn. Dann erinnert es mich an das Wort Mindestharmonisierung, das mal auf einer Veranstaltung von einer Europapolitikerin ausgesprochen wurde, und das ich damals so trostlos wie befremdlich fand, weil so wenig Selbstbewusstsein darin anklingt, eher nur Vorsicht und Verzagtheit, und das doch nicht das ist, was wir allgemeinhin brauchen.

Leuchten

Plötzlich fallen die Strahlen der untergehenden Sonne schräg in den schattigen Wald und tauchen die Stämme, Äste und Blätter, das Gestrüpp, die umgefallenen, zerbrochenen Bäume, alles auf einmal, in ein ockergelbes, warmes Licht; und es weitet sich aus zu einem glühenden, starken Leuchten, dass ich stehen bleibe, inne halte und staune.

Werber

Die Bundeswehr bittet mich darum, ihren You-tube-Kanal ‚Bundeswehr exclusive‘ zu abonnieren. Ich bin irritiert darüber, weil ich es mit dem Zustand von ‚embedded-sein‘ nicht zusammenbringe, und auch nicht zu unterscheiden weiß, ob der Kanal von der Realität erzählt oder fiktional ist. Dann fällt mir eine Soldaten-Rekrutierungs-Anzeige ein, die ich letztens in der U-Bahn gesehen habe, über die jemand mit schwarzem Edding geschrieben hatte: „Keine Werber fürs Sterba“, und ich bin mit den Gedanken ganz woanders.

Seltsam

„Ich finde es immer seltsam“, sagt meine Tochter, „darüber nachzudenken, wenn du einen anderen Mann geheiratet hättest, du dann andere Kinder bekommen hättest und mit denen würdest du jetzt auch am Tisch sitzen und ihr würdet reden und du würdest sagen, dass du froh bist, bei ihnen zu sein. Und ich wäre ja gar nicht da.“

Platz

Der alte Herr im cognacfarbenen Wollmantel, der seine Schiebermütze auf dem Schoß liegen hat, klopft, als ich den freien U-Bahn-Sitzplatz neben ihm in den Blick nehme, mit der flachen Hand auf das Plastik, wie beim Mein-rechter-Platz-ist-leer-Spiel. Und ich setze mich, weil ich die Geste, die ihm so entwischt zu sein scheint, irgendwie rührend finde, hin.

Zeitreise

Im alten Blade Runner von 1982 ruft ein Replikant: „Ich habe am 10. April 2017 Geburtstag, sag mir, wie lange ich noch leben werde!“ Ich sitze auf dem Sessel in eben der Zukunft, die sie sich damals erdachten, und schaue durch den Film zurück in die Vergangenheit. Es hat ein bisschen was von: sich an seine Zukunft zu erinnern, wie Autor Philip K. Dick es nannte.

Kaputt

„Wenn du immer an die ganzen Fehler denkst, dann gehst du doch kaputt“, sagt der Junge, der vor mir über die Straße eilt, zu seinem Kumpel. Wie der Kumpel reagiert, kriege ich nicht mehr mit, da beide abbiegen, an einem hängengebliebenden Wahlplakat vorbei; und ich denke kurz, dass das auch die saloppe Beschreibung einer grundlegenden Überzeugung von Frau Merkel sein könnte, um die Kraft aufzubringen, vier weitere Jahre zu regieren.

Ängste

Schreibe über die Lähmung, in der meine Figur ist, in Angst um ihr Leben, – diese vollkommene, alles umfassende Bewegungslosigkeit, Starre. Und denke plötzlich, dass es das Gefühl trifft, was in der U-Bahn, auf der Straße hier grad spürbar ist: die angstvolle Starre vor dem, was kommen mag (am Sonntag oder in weiterer Zukunft), was sich Bahn bricht.
In der Geschichte begreift die Figur langsam, dass in Wirklichkeit doch nicht das passiert, was ihre Ängste ihr vorausgemalt haben – und sie immer noch am Leben ist, und etwas verändern kann. Und es erinnert mich wieder daran, wie tief und fest ich selbst mal davon überzeugt war, dass ich die Realität so wahrnehme wie sie wirklich ist, und nicht, dass alles, was ich wahrnehme, fühle, erlebe, in einem sehr profunden Sinne das Werk meiner Ängste ist, die mir sagen, dass ich nichts verändern kann, dass ich nur starr bewegungslos der Dinge zu harren haben, die da kommen mögen.

Amsel

Beobachte heute Morgen die Amsel, die mit geducktem Kopf schnell über den Rasen trippelt. Ihr Gefieder ist so tiefschwarz, es scheint wie etwas zu sein, das Licht und Farbe vollständig absorbiert. Schon als Kind haben mich die Amseln von allen Vögeln im Garten am meisten fasziniert. Für einen Augenblick bin ich dem Kind, das ich damals war, das die Amsel im Blick hatte, wieder sehr nahe.

Facebook

Wie ein Ziehen durch mich durchgeht, während ich einen Film über Facebook schaue und die Kamera langsam an Mark Zuckerbergs noch jüngeres Gesicht auf dem Foto heranzoomt: Und ich diffus von der Erinnerung, dass er Facebook nur aus dem nachvollziehbaren Bedürfnis gegründet hat, um mit anderen Menschen verbunden zu sein, zu dem Gedanken springe, dass er daraus aber jetzt etwas geformt hat, das vor allem eins ist: ein Markt. Und ich plötzlich das Gefühl nicht loswerde, da redet engelsgleich ein als Schaf verkleideter Wolf von Gemeinwohl, Gemeinschaft und Community –, während im Hintergrund die Geißlein gezählt werden, die einen unendlichen Markthunger stillen sollen.

 

Weltraumauge

Sehe durch Zufall genau in der Minute in den Livestream, als die NASA-Wissenschaftler den Kontakt zu ihrer Sonde verlieren. Und obwohl es so geplant war, sie den Sturz auf den Saturn selbst veranlasst haben, ist ihnen ihre Bestürzung und Trauer über den Abschied von der Sonde, die 20 Jahre lang ihr Auge im Weltraum war, an den Gesichtern abzulesen.

Ihre Präsenz

Wie Angela Merkel von dem Großplakat herunterschaut auf die, die an ihr vorbeifahren. Das Kinn leicht erhoben, der Blick milde und siegesgewiss. Wie eine Übermutter, die sich sicher ist, dass ihre Kinder keinen Unfug im Hof machen werden. Sie scheint schier durch ihre Präsenz für sich auszuschließen, dass es zu wütenden Handlungen, Frustwahlen, Denkzetteln etc. kommen mag.

 

 

 

Krass, hingehen

Hingehen ist wie Fenster aufmachen, nur krasser (steht auf einem Plakat für ein Violinen-Konzert). Hinschauen ist wie wegschauen, nur krasser (spricht es von einem RBB-Plakat herunter). Und ich sinniere nach diesen doppelten Aufforderungen zu krassen Handlungen, was für mich eigentlich eine krasse Handlung wäre.

 

 

My Twitter feed: A dystopian reality show

„Every time I sit down to write (…), I’m distracted by the endless churn of my Twitter feed. I am certainly procrastinating, but I also feel an almost physical jolt of anxiety every time I click away from the latest in America!: a dystopian reality show.“
(Jess Grose, Lenny editor in chief)

Insel der Seligen

An der RTL-Image-Kampagne bleibt mein Blick hängen. ‚Gutes Herz‘ verspricht das eine Plakat (für Bauer sucht Frau), wenig später ‚Gute News‘ für die Nachrichtensendung. Ich stolpere über das ‚Gute‘, wie es Hintergedanke der Kampagne sein mag: Hier, wenn du RTL schaust, bekommst du es mit guten Herzen zu tun. Mit aufrechten Gefühlen, mit wahren Nachrichten, mit schönen Meldungen, kurz, mit allem, was gut, ehrlich und richtig ist. Auf dieser Insel der Seligen.

Angegriffenheit

Als ich flüchtig und durch Zufall über die Sache mit dem Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule lese, komme ich über einen Gedanken nicht hinaus: Warum sich Menschen zur Zeit so schnell so elementar angegriffen fühlen. Dann lese ich das Gedicht und frage mich das noch mehr. Es scheint, egal was, zum Angriff zu taugen. Die ausbrechende Wut, das Angegriffensein, scheint gleich weit über das eigentliche Ereignis hinauszuschießen. Wie der Moment in der S-Bahn, letztens, als ein Mann zwischen zu vielen Fahrradfahrern seinen Platz bedroht sah und das Fahrrad einer Frau zur Seite riss, womit sich das Ganze in eine wilde, trostlose Keilerei im halben Abteil auswuchs –; und wonach die Umsitzenden mehrheitlich ratlos dreinschauten, von den Erschütterungen noch aufgeraut, aber auch angewidert wirkten, einfach davon, dass der Mann den Platzmangel am Anfang so existenziell auf sich bezogen hatte, sich davon so elementar allein bedroht sah, obwohl es einfach für alle eng gewesen war, und man sonst ja auch die Fähigkeit mitbrachte, höflich umeinander herum, friedlich zu koexistieren.

Migration

Was stört mich an dem Plakat des Künstlerinnen-Kollektivs, das bei mir im Bürohaus hängt? Auf dem Plakat steht: Migration = Bereicherung. Ich brauche lange, bis sich mir mein Unbehagen erschließt. Alle Geflüchteten, die ich bis jetzt kennengelernt habe, empfinden ihre Migration nicht als Bereicherung ihres Lebens, sondern als eine Verarmung – den Verlust des Eigenen, der Heimat, der Muttersprache, der Familie. Sie seien nicht mehr dort, und auch nicht hier. Beim Thema Migration von Bereicherung zu sprechen –, das kann man nur aus einer sicheren Position heraus: aus der Perspektive eines Menschen, der nie in seinem Leben flüchten musste.

Motherboard

Ein junger Mann geht an mir vorbei, er geht neben einer Frau, die ihm sehr ähnlich sieht, ich bin mir sicher, dass es seine Mutter ist. Im Gehen sagt er: „Das liegt daran, dass dein Motherboard gar nicht existent ist.“ „Wat sagste?“, fragt die Mutter zurück.

Hund und Gedicht

Eine Mops-Dogge läuft mir in der Unterführung entgegen – ich kenne mich mit Hunderassen nicht aus –, es ist nur genau so ein Hund wie in Jim Jarmuschs ‚Paterson‘, den ich erst vor Tagen gesehen habe. Das platte, mürrische, schrotig-tumbe Gesicht, die hängenden Lefzen, der breitbeinige, schaukelnde Gang. Der Hund ist ohne Leine, und ich bin erstaunt, als eine junge Frau ihm folgt.
Im Film frisst dieser Hund das Notizbuch von Paterson auf. Zerlegt die Seiten, auf denen seine Gedichte stehen, zu Schnipseln. Es hatte mir physisch weh getan, das zu sehen. Wegen der Gedichte, der Folgen für die Beziehung (der Hund gehört seiner Freundin), wegen Patersons Zögerlichkeit, seiner Angst, die Gedichte zu zeigen, weshalb er sie nicht kopiert hatte, und sie nach dem Auffressen durch den Hund alle verloren waren.

Regionalexpress

Der schwäbisch sprechende Vater redet ununterbrochen mit seinen circa eineinhalbjährigen Zwillingen in ihrem ausladenden Doppel-Kinderwagen. Er interpretiert jedes Geräusch, das sie von sich geben. „Da“, sagt eins der Kinder und zeigt auf einen vorbeifahrenden Zug. „Ja, das ischt ein Zug. Ja, wo fährt der Zug denn hin?“, schwäbelt der Vater, „fährt der nach Pjöngjang? Oder nach Sydney? Oder fährt der nach New York?“ Ich versuche, aus seiner Betonung herauszuhören, ob er das witzig meinte, glaube es aber nicht. Es klingt eher wie ein Freud’scher Versprecher aus dem Bedürfnis heraus, als Vollzeitvater nicht den Anschluss an die Welt zu verlieren. Schließlich ist der Zug ein Regionalexpress gewesen.

Dasein

Die ruhige, tiefe, ehrliche Überzeugung, mit der der Kammerjäger auf meine Frage, was ich mache, wenn die Mäuse wieder überhand nehmen, sagt, „Dann komme ich wieder. Dafür bin ich doch da“; – und wie ich denke, dass ich längere Zeit nicht mehr ein so klares Statement auf die Sinnfrage, wozu wir da sind, gehört habe.

Geschickt

Sehr geschickt hat, wie ich finde, die CDU die schwarzen, roten und goldenen Streifen der Fahne auf ihren Wahlplakaten grafisch zu einer Art Stola aufgelöst – so dass es so wirkt, als wäre die Deutschlandfahne ein wärmendes, alle Beteiligten umfangendes und verbindendes Tuch. Weiterhin, und das ist vielleicht noch geschickter, wird die CDU als Partei identisch gemacht mit der Fahne, also mit Deutschland. Denkt man das zu Ende – CDU=Deutschland – dann gibt das dem ja von der Kanzlerin erfundenen Begriff ‚alternativlos‘ noch mal eine interessante Nuance.

Konto

„Entspannt vom Bett aus dein Konto checken“, wirbt die Sparkasse. Ich gehe vorbei und denke: Gibt es Menschen, die entspannt ihren Kontostand checken?

Willkommen zurück in Berlin

„Hamse des nich kleinah?“, pflaumt mich die Verkäuferin am Bahnhof an, als ich das Brötchen für 2,80 mit einem Zwanzig-Euro-Schein bezahlen will. Gleich zurechtgestutzt schaue ich eilig nach und verneine – noch von der Freundlichkeit in Frankreich beeinflusst – höflich. Voll Abscheu sammelt sie aus der vollen Kasse ohne Probleme das Wechselgeld zusammen – und bewegt sich danach keinen Zentimeter mehr. Ich muss mich über den Tresen auf sie zustrecken, um ihr Brötchentüte und Wechselgeld aus der Hand zu nehmen.

Alles anders

Fahre mit dem Fahrrad durch das Wäldchen zum Einkaufen, kurz nach dem Regen, die kühle Luft an den nackten Armen. Und ich muss plötzlich daran denken, wie ich früher nach der Schule mit dem Fahrrad zum Leichtathletiktraining gefahren bin, durch die grünen Baumschulfelder, den Tunnel hoch, zum Sportplatz, die Luft oft regenfeucht im norddeutschen Sommer. Es ist das gleiche Gefühl an den Armen, damals wie jetzt, nur ist sonst alles anders.

Abschiedsschmerz

Die Traurigkeit, die mich befällt, beim Schreiben der letzten Sätze, wie ein Abschiedsschmerz. Weit hinten hallt es in meinem Kopf: Hab ich alles erzählt, was ich erzählen wollte? Es erscheint mir fast wie zu fragen: Hab ich bisher gelebt, wie ich leben wollte?
Es bleibt nur ein diffuses Gefühl. Und darüber legen sich gleich die altbekannte, allgemeine Unsicherheit und der rüttelnde Zweifel und ich verliere das Vertrauen. Was ja genau mein Thema ist, wovon die Geschichte erzählt. Und ich spüre plötzlich, dass der allgemeine Abschiedsschmerz auch mit dem Schmerz der Scham zu tun hat, grundsätzlich falsch zu sein, alles falsch gemacht zu haben, das Vertrauen anderer nicht zu verdienen, es verspielt zu haben, es nie wieder zurückgewinnen zu können – all das, worum es in der Geschichte, von der ich mich grad verabschiede, geht.

Die undefinierbar grau-braunen Augen der Beatrix von Storch

Die AfD-Politikerin entert den Raum durch die Hintertür, ihre sechs Bodyguards schwärmen aus wie paramilitärisch geschulte Insekten und umstellen den Tisch, an dem sie sich niederlässt. Sie schaut nicht von ihrem Smartphone auf. Die Bodyguards tragen  Gesichter wie Masken, Technikstöpsel in den Ohren und Mini-Mikrophone an den Hemdkrägen. Es ist eine öffentliche Diskussionsrunde: Kandidaten auf dem heißen Stuhl. Nach zwei Runden kommt Frau von Storch an den Tisch, an dem auch ich sitze. Einige stehen auf, weil sie nicht in ihrer Nähe sein, ihr auch keine Fragen stellen wollen. Ich sitze relativ nah am Heißen-Kandidaten-Stuhl. Sie hat große Augen, schaut mir, als ich sie nach ihrem Frauenbild frage, direkt in die Augen – jedoch mit einem Blick, der nicht bis in meine Augen zu reichen scheint. Erst denke ich: wässrig. Aber das ist es nicht. Es hat auch mit der undefinierbaren Augenfarbe zu tun. Sie hat einen abgeklärten, vor ihrem Gesicht kreisenden, ganz an den Rändern von Einsamkeit umflorten Blick. Sie trägt eine Goldkette, an der ein Kreuz hängt und, ich glaube, ein Sternzeichenemblem. Sobald sie anfängt zu reden, wandelt sie sich. Sie strahlt eine arrogant-trotzige Angriffslust aus. Sie gerät in eine beißende Freude, anders als die anderen Politiker im Saal zu sein, eigentlich anders als alle hier zu sein. Die physisch spürbare Unversöhnlichkeit und Ablehnung stachelt sie an. Und während sie mir antwortet, ist mir, als fiele langsam eine schwere Tür zu, die einen fensterlosen Raum luftdicht verschließt. Was sie sagt, ist in sich selbst stimmig, kohärent, aber am Ende ist der Raum abgedichtet, keine Luft zum Atmen mehr.
Während sie aufsteht und den Tisch verlässt, hebt sie ihr Kinn in einer sich selbst bestärkenden Weise: Ich habe gesiegt. Dann eilt sie an den nächsten Tisch, den ihre Bodyguards schon umstellt haben.

Gender-Sternchen

Bekomme eine Einladung vom Landesfrauenrat. Liebe Frauen*, so beginnt der Brief. Warum ein Sternchen hinter Frauen? Unsere Frauen*stimmen sind so vielfältig…, was soll nun dieser Stern zwischen Frauen und ihren Stimmen? Es kommt noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer Gender-Sternchen im Text. Ich merke, wie mich jedes Sternchen ein bisschen ungehaltener macht, wie ich Lust bekomme, eine Mail zu schreiben: Liebe Damen vom Landes*frauen*rat, was ist Ihr Problem mit dem schönen Wort Frauen…?

Sachverständiger

Der Mann mir gegenüber sieht aus wie Wotan Wilke Möhring. Er trägt ein weißes, kurzärmliges Hemd auf dessen Brusttasche: Sachverständigen-Büro Berlin steht. Er ist leicht gebräunt, muskulös und schaut sich selbstbewusst um. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Ich frage mich kurz, ob es vielleicht der Schauspieler ist, der für eine Rolle als Sachverständiger übt und dafür mit der S-Bahn durch Berlin fährt, verwerfe den Gedanken aber schnell. Auch, weil ich dem Wort Sachverständiger nachhänge. Das plötzlich, bei genauer Betrachtung, vieles auf einmal ist: rational, anmaßend, lächerlich, deutsch, verlässlich und doch auch tief von etwas distanziert.

Gepäck

„Ich packe meinen Koffer“, sagt der Lehrer zu den Kindern seiner Grundschulklasse, die um ihn herum in den Sitzreihen der S-Bahn sitzen, „und nehme mit: ein Tablet, einen Fidget Spinner und mich.“

Komplettes Vergessen

Ich beobachte die circa fünfzigjährige Lidl-Kassiererin, die eine türkise Papierblume in ihr schütteres Haar gesteckt hat, türkise Strass-Ohrringe und einen türkisen Lidschatten trägt, und bei aller drohenden Lächerlichkeit einen würdevollen Mut ausstrahlt, einen unbedingten Willen zur Gestaltung. Als ich im Büro die nun drei Getränke-Bons in meiner Tasche finde, die ich endlich hatte abgeben wollen, wundere ich mich: und spüre so klar wie selten den Zusammenhang zwischen meinem ewig währenden Hobby des Beobachtens und dem kompletten Vergessen dieser Sache, die mir noch fünf Minuten zuvor gegenwärtig gewesen war.

Unterschied

Ich bin am Morgen im Begriff, zu meiner verträumten, trödelnden Tochter zu sagen: Dass du immer so langsam bist. Aber beim: Dass du schon merke ich, dass ich nicht sagen will, dass sie langsam ist, sondern dass sie alles so langsam macht. Ich sage: „Dass du immer so langsam machst“, und nehme mit Erstaunen den kleinen aber entscheidenden Unterschied wahr, von nur einem Wort. Sie ist nicht das, was ich ihr zuschreibe. Sie verhält sich nur so. Und der Grund, warum mich das stresst, liegt allein bei mir.

Wenn ich Busfahrerin wäre

Sinniere darüber, wie ich das handhaben würde, wenn ich Busfahrerin wäre, und ich sehe im Rückspiegel einen Menschen, der rennt und rennt, um noch den Bus zu erreichen –, und ob ich was taugen würde als Busfahrerin, weil ich eher immer stehen bleiben und warten würde, jeder, der sich so anstrengt, hat doch sein Ziel verdient; oder ob ich die vorsätzlich unbeeindruckte Miene der meisten Berliner Busfahrer aufzusetzen imstande wäre, die Türen mit Schmackes schlösse und losführe, in diesem kleinen Alltagsspiel aus Macht und Ohnmacht, deswegen aber nicht ständig zu spät an die Haltestellen käme, womit ich mir viel Unmut anderer Fahrgäste ersparen würde, sicher.

Nicht verstecken

Ich lese die Worte von Chelsea Manning, die sie in einem langen Portrait in der New York Times sagt: „Let’s protect sensitive sources. Let’s protect troop movements. Let’s protect nuclear information. Let’s not hide missteps. Let’s not hide misguided policies. Let’s not hide history. Let’s not hide who we are and what we are doing.“ Und kann nur noch feststellen, wie ich sie bewundere für diese Klarheit und Ehrlichkeit, für den Mut, den sie bewiesen hat, für ihren Willen, der Mensch zu werden, der sie ist, und das zu machen, was ihre Überzeugung ist; für diese Wahrhaftigkeit.

Paradise

Ein dicker, kleiner Mann steht im hellen Sonnenlicht an der Ampel, er trägt ein ausgeblichenes T-Shirt, es spannt über seinem Bauch: eine sexy Blondine, die breitbeinig im Sand am Saum einer Welle kniet, ihr knapper Bikini ist aus den Stars und Stripes der amerikanischen Flagge. Oben auf dem T-Shirt steht in großen Lettern: PARADISE.

Ich muss an den Ex-FBI-Chef James Comey denken, an seine Aussage vor dem Ausschuss gestern, als es bei aller Gefasstheit und Konzentration plötzlich aus ihm herausbricht: wie er „this great and messy country“ lieben würde, weshalb es unumgänglich sei, dass er das mache, was er mache, um den Leuchtturm auf dem Hügel zu erhalten, wie er es nannte.

Donner

Ich höre das Donnergrollen über den Dächern, es lässt die dünnen Fensterscheiben vibrieren. Und ich kann mir einen Moment lang wirklich vorstellen, wie Menschen zu einer Zeit, als es noch keine Erklärungen für allerlei gab, denken mussten: Das ist der wütende, fürchterliche Zorn eines unberechenbaren Gottes.

Schmerzen

„Schluss mit dem Schmerz!“, titelt der Focus. Einmal aufmerksam, stoße ich gleich auf einen Artikel, in dem Herr Schmelz von der Deutschen Schmerzgesellschaft zitiert wird. Ich stutze, weil ich den Namen des Vorsitzenden wirklich erst mit R statt mit L gelesen habe. Und ich stutze auch, weil ich merke, dass ich das Wort Schmerz viel umfassender nehme, als der Vorsitzende (oder der Focus) es tun. Selbst die Deutsche Schmerzgesellschaft habe ich zuerst für eine Gemeinschaft von Schmerzempfindenden gehalten. Und – Rätsel der sprunghaften Lektüren –: kurz darauf stoße ich auf einen Satz von C.G. Jung, in dem er sagt, dass die Grundlage aller psychischen Erkrankungen die Vermeidung von Schmerzen sei.

Moment

Ich schaue in das Innere des sandgelben, alten Mercedes‘ – ein Strich-Achter?, nein, dieses Coupé mit dem speziellen Namen, auf den ich nicht komme – und mir schlägt im gleichen Moment ein dumpfes Gefühl gegen die Brust. Ich gehe weiter, etwas im Taumel. Es war, als hätte ich einen Augenblick lang zurück in meine eigene Vergangenheit geschaut. Die dort war, in diesem Wagen, als Beifahrerin, während ich hier auf dem Bürgersteig stehe. Dazwischen liegen unerklärlich viele Jahre. Kurz zusammengeschrumpft auf diesen Moment.

Dulden

Eine Berlinerin mit starkem Wa-icke-ditte-Akzent liest ihrer Sitznachbarin etwas Erbauliches vor, das sie in einem ihrer Chats gefunden hat; die Rundmail einer Freundin, eine weitergeleitete Kolumne, so was in der Art. „Keene Zeit mehr für Menschen, die allet schlecht machen. Keene Zeit mehr für solche, die immer nur vertuschen wollten oder manipulieren. Keene Zeit mehr für Lügner und solche Arschlöcher….“
Während sie noch weiter vom Display ihres Telefons abliest, sagt die andere: „Ist doch richtig, wa? Stimmt doch. Man duldet so viel Scheiß, stimmt doch, wa?“

Und ich muss an ein Gespräch mit einer Hamburgerin denken, letztens, über den Berliner Flughafen und den Zustand der Schulen, in dem die Frage aufkam, woher das rührt, dass die Menschen in Berlin so viel dulden. Dulden und aushalten und hinnehmen.

Verdichtung

Die Grünen nehmen eine Verdichtung vor, lese ich. Sie verdichten ihr Wahlprogram auf zehn übersichtliche Punkte. Punkt acht: Liebende heiraten lassen – daran bleibt meine Aufmerksamkeit hängen. Ich glaube, ich habe das Wort Liebende noch nie auf einem Wahlplakat gelesen.

Goldketten

Eine schick angezogene junge Mutter und ihr circa Zweijähriger, in dessen paar Haare eine Fußballer-Iro-Frisur einrasiert wurde, tragen beide identisch dickgliedrige Goldketten um ihre Hälse. An ihrer Kette hängt ein grüner Stein. An seiner ein weißer Plastikschnuller.

Gute Laune

Wenn es die Taktik der Russen in ihrem Informationskrieg ist, durch Reflexive Control ihre Ziele zu erreichen – was definiert wird als Methode, den Feind durch präparierte Informationen so zu beeinflussen, dass er am Ende eine Entscheidung trifft, die für ihn selbst äußerst unvorteilhaft ist – wenn das die Taktik ist, dann offenbart sich dieser Tage – meine Meinung –, wie sie just die Ziellinie kreuzt. Das Land, das Russlands größter Feind ist, hat sich entschieden, einen Präsidenten zu wählen, der sein Land zerlegt. Kein Wunder, dass Putin gute Laune hat.