abschied von den illusionen

Kategorie: 2020

Swedish goodbye

Die Sängerin singt etwas von swedish goodbye. Gleich frage ich mich, was das sein könnte, die schwedische Art, auf Wiedersehen zu sagen? Swedish goodbye – man verabschiedet sich auf Distanz, über eine Entfernung hinweg, aber voller Freude, Lachen, Solidarität? Oder ganz anders, swedish goodbye, man kommt gar nicht mehr zueinander, alle Türen verschlossen, Auseinandergehen, ohne sich noch mal zu verabschieden? Während ich noch grübele, wiederholt sich der Refrain und ich realisiere, es ging um ein sweetish goodbye…

Jetzt pflastern sie schon unseren Weg

Auf dem staubig-dreckigen Asphalt des Gehwegs liegt eine Atemschutzmaske, das klinische Modell. Ein Gummiband ist gerissen und die Maske ist plattgetreten. Spuren von Schuhsohlen gehen über den weiß-türkisen Stoff. Es sieht trostlos aus, das sonst so hochgeschätzte Gut. Ein älterer Mann, der mir entgegen kommt und meinen Blick wohl sieht, ruft in dem typischen Berliner Tonfall zwischen Haste-nicht-gesehen und Wir-ham-schon-ganz-andere-Sachen-überlebt: „Sieh mal an, jetzt pflastern sie schon unseren Weg!“

Der Fund (nach dem Beben des Meeres)

Die Zeitmesser des Meeres,
die Artischocken,
die Sparbüchsen mit ihren flackernden Feuern,
die Beutel des Meeres
zum Bersten voll,
die Leuchten des Wassers,
die Schuhe, die Stiefel
des Ozeans,
die Zephalopoden, die Holothurien,
die trotzigen Krebse,
gewisse Fische, die schwimmen und sehnsüchtig seufzen,
die Seeigel, die hervorkommen
aus den Kastanien der Tiefen,
die blauen Schirme des Ozeans,
die zerrissenen Botschaften,
die Walzer auf den Wogen,
all dies schenkt mir das Beben des Meeres.

Pablo Neruda: Der Fund. Aus: Maremoto, Beben des Meeres, DA Verlag 1991

Haarschnitt

„Wir hängen herum wie ein herausgewachsener Haarschnitt“, singt die Sängerin (natürlich auf Englisch) im Autoradio, und ich singe sofort irgendwie aufgeheitert mit, weil es so passt zur Beschreibung der Zeit.

Auf Sicht fahren

Das Gewitter brach über unserem Schiff herein wie aus dem Nichts. Die Segel flatterten, der Motor sprang nicht mehr an. Wir dümpelten schon in der Mündungsenge in Sichtweite des Hafens, als es – meiner Erinnerung nach – erst ganz windstill wurde, kein Vogel mehr zu hören war, bis dann der Sturm losbrach. Der Himmel hing grau-schwarz bis aufs Wasser und Regen in einem Sechzig-Grad-Winkel, wie Nadelstiche.
Eine große Motoryacht schleppte uns eine halbe, eine Stunde später in den Hafen. Möglicherweise vergingen auch nur zehn Minuten. Es war eine dieser weißen Yachten, die ich vom Steg aus immer bewundert hatte. Jetzt fuhr dieser Kapitän aus seiner erhöhten Position sicher auch auf Sicht, denn die Wolken waren bei ihm oben genauso dicht wie bei uns unten.

Wenn ich „auf Sicht fahren“ höre, wie gerade so oft, dann kommt mir dieser Moment wieder in den Sinn.

Goldstaub

„Vergessen Sie Ihren Goldstaub nicht!“, sagt die Rossmann-Verkäuferin zu mir, als ich alles Eingekaufte in die Tasche packe, nur die Toilettenpapier-Packung am Rand des Kassenbandes stehen lasse. So trage ich das Paket am Plastikgriff wirklich etwas ehrfurchtsvoll vom Laden weg: ein kostbares Fundstück, das ich nach längerer Suche durch reines Glück noch mal in die Finger bekommen habe.

Freundlichkeit

Die zarte Freundlichkeit, mit der die Frau mit der tiefen Raucherstimme – nachdem sie ihre Medikamente entgegen genommen hat – der Apothekerin: „Und bleiben Sie gesund!“ wünscht. Deren Gesicht hinter der auf dem Verkaufstresen installierten Plexiglasscheibe friert kurz ein; ich weiß nicht, ob in dem Erstaunen über diesen empathischen Wunsch einer fremden Kundin oder in der ständigen ängstlichen Erinnerung, dass es auch sie trotz der Scheibe immer wieder treffen kann. Ich glaube aber eher ersteres: denn mit so viel zugewandter Fürsorge bedachte man sich in Berlin vor der Krise eigentlich nie.