Selbsttäuschung

von larissa boehning

„Die anschwellende Aggression gegen den Vorsitzenden“, schreibt Nico Fried in der Süddeutschen über die SPD, „ist deshalb immer auch der Versuch, die Erkenntnis einer neuerlichen Selbsttäuschung zu bemänteln.“ Selbsttäuschung, das ist es, worum es geht, denke ich in dem Moment.
Und seltsamerweise fällt mir der Junge vom Schrotti ein, damals, der aus den Sozialhäusern kam, und plötzlich auftauchte und uns, die wir immer auf der verwilderten Freifläche spielten, mit einer ausladenden Schaufelrad-Geste aufforderte: „Alle mir nach!“ Am Anfang folgten wir ihm noch. Ich sowieso. Irgendwann, nach dem zehnten, zwanzigsten ‚Alle mir nach!‘ folgte ihm, wenn ich mich richtig erinnere, niemand mehr. Wir ignorierten ihn. Er wurde wütend, beschimpfte uns. Irgendwann verschwand er so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Es wurde gemunkelt, er habe sich mit anderen Kindern aus den Sozialhäusern geprügelt. Mir tat er, meine ich zu erinnern, immer auch mal leid. Seine große Geste – das Schaufelrad, der Ausspruch – hatte mich beeindruckt. Aber am Ende war nichts dahinter gewesen, seine Versprechungen leer. Er hatte uns, aber vor allem sich selbst, über seine Führungskraft getäuscht.

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