Angegriffenheit

von larissa boehning

Als ich flüchtig und durch Zufall über die Sache mit dem Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule lese, komme ich über einen Gedanken nicht hinaus: Warum sich Menschen zur Zeit so schnell so elementar angegriffen fühlen. Dann lese ich das Gedicht und frage mich das noch mehr. Es scheint, egal was, zum Angriff zu taugen. Die ausbrechende Wut, das Angegriffensein, scheint gleich weit über das eigentliche Ereignis hinauszuschießen. Wie der Moment in der S-Bahn, letztens, als ein Mann zwischen zu vielen Fahrradfahrern seinen Platz bedroht sah und das Fahrrad einer Frau zur Seite riss, womit sich das Ganze in eine wilde, trostlose Keilerei im halben Abteil auswuchs –; und wonach die Umsitzenden mehrheitlich ratlos dreinschauten, von den Erschütterungen noch aufgeraut, aber auch angewidert wirkten, einfach davon, dass der Mann den Platzmangel am Anfang so existenziell auf sich bezogen hatte, sich davon so elementar allein bedroht sah, obwohl es einfach für alle eng gewesen war, und man sonst ja auch die Fähigkeit mitbrachte, höflich umeinander herum, friedlich zu koexistieren.