Gesang

von larissa boehning

Die Sängerin kommt aus der hinteren Tür der Kapelle. Sie fängt an die Arie zu singen, erst zart und noch zurückhaltend, dann voll und mit einer Kraft, die gegen den Tod zu prallen scheint. Eine Wucht, die so groß ist, dass sie – so denke ich in dem Augenblick – den Verstorbenen, der unweit vor ihr in einem schlichten Kiefernholzsarg liegt, wieder zum Leben erwecken muss.
Es ist, als habe der Mensch nur dafür den Gesang erfunden; dass er auf die Stille prallt, der Unbegreiflichkeit des Todes entgegensteht, uns aufbricht, zu uns durchdringt, uns berührt; dass wir spüren, was es heißt, lebendig zu sein.