Bruch

von larissa boehning

Am Morgen sitzt ein Mann neben mir in der S-Bahn, der in einem Magazin liest, das ich erst für den FOCUS halte, als ich aus Langeweile hinein luge. Dann lese ich unten in der Zeile: ZUERST! Deutsches Nachrichtenmagazin. Der Mann hat eine unscheinbare Mecki-Frisur, eine randlose Brille mit Edelstahl-Bügel, trägt schwarze Daunenjacke, Anzughose, Gummisohlenschuhe. Ein Angestellter auf dem Weg ins Büro. ‚Importierte Kriminalität‘ und ‚Angriff auf unsere Polizei‘ sind zwei Artikel überschrieben. Weil ich es nur ahne, schaue ich es später nach. Es ist eine rechtsextreme Zeitschrift, die er aufmerksam Seite für Seite gelesen hat.

Am Nachmittag sitze ich in der Kantine der Deutschen Oper und sehe einen Mann, den eine ähnliche Unscheinbarkeit umgibt, wie der Mann in der S-Bahn, eine ähnliche Beherrschtheit auch, und so etwas wie Präzision. Aber dieser Mann spricht erst Spanisch, dann Deutsch, dann Englisch, er lacht und diskutiert mit anderen; und ich bin für einen Augenblick unendlich froh, unter diesen Menschen hier zu sein, weit weg von dem Mann in der S-Bahn; – und habe dann für die nächsten Minuten Schwierigkeiten, die Verschiedenheit der Welten zusammen zu bringen, in eine Realität; und bleibe darin hängen, wie brüchig alles erscheint, wie fragil meine Künstlerwelt, wie bedrängt vielleicht längst, weil ich mich zu sicher fühle in der Internationalität, dem gemeinsamen Lachen, dem geteilten neugierig-offenen Blick.