Schwerelosigkeit

von larissa boehning

Sehe heute den Mann wieder, der öfter in der S-Bahn sitzt. Er wirkt ausgemergelt, trägt dünne Ballonseiden-Jogginganzüge und macht an jeder Station die Türen auf, berührt mit der Spitze seines rechten Schuhs den Bahnsteig, springt dann dorthin und springt wieder zurück in den Waggon. In Westkreuz steigt er ganz aus, aber achtet dabei darauf, auf ganz bestimmte Stellen des Bahnsteigbodens zu treten. Auf der gegenüberliegenden Seite positioniert er die Füße wie ein Sprinter an einer Linie, die nur er sieht, und geht in die Knie. Die Füße fest auf dem Boden, als hielten diese Berührungen ihn fest, als gäbe es dort so etwas wie eine besondere Gravitationskraft gegen die Schwerelosigkeit des Driftens.