abschied von den illusionen

Kühlkiste

Der vielleicht dreißigjährige Mann auf dem U-Bahn-Sitz mir gegenüber hat lange Dreadlocks, eine randlose Brille, er liest in einem Heft, das HINTERGRUND heißt. Er wirkt ein bisschen wie ein Autonomer, vielleicht aber auch wie ein Programmierer – oder ein Musiker? Er hat eine große, grüne Kühlkiste vor sich stehen, auf der irritierenderweise mehrere Swastikas sind, ein paar Op-Art-Aufkleber, Pixelbilder, BROS steht als Edding-Tag quer auf der Kiste. Ich kann den Mann nicht mehr entschlüsseln, denke ich, unmöglich, zu sagen, für welche Richtung er steht. So geheimnisvoll, wie die grüne, beklebte Kühlkiste ist er, in der ich mir auch alles vorstellen kann: Drogen, Laufwerke, Waffen, vielleicht auch einfach nur Schallplatten.

Augen

Die Quasselstrippe in der Sauna erzählt ihrer Freundin von ihrem Traum: kurz vorm Aufwachen sei sie an einem Wal vorbeigeschwommen und habe ihm in sein Auge geschaut, krass, oder?, echt, und dann habe sie geweint vor Glück, im Traum: „weil, ich hab ihm ja direkt in sein Auge geschaut, weißt du, direkt hinein.“ Ich fahr zurück und der Mond hängt tief am Himmel, leicht schräg, wie ein großes, weißes Auge unter einer Wolke, – und der Anblick stimmt mich milde, irgendwie, gegenüber der Quasselstrippe.