New Era Express Bus

von larissa boehning

Eine Sache meine ich in China verstanden zu haben: welche Macht Unberechenbarkeit hat. Trump hat diese Ära jetzt eingeläutet, die Macht der Unberechenbarkeit, für die westliche Welt. Während wir noch auf berechenbare Aussagen hoffen, ist er längst ganz bei sich: was er in einem Augenblick ist, ist er im nächsten nicht mehr und so weiter. Zynisch daran ist, dass diejenigen, die ihn gewählt haben, gerade auf Berechenbarkeit hofften. Das ist die einzige Sollbruchstelle – wenn er sie mit seiner Unberechenbarkeit enttäuschen sollte. Aber dann kann er immer all die dafür verantwortlich machen, die er als Berater um sich hat. Er wird sie einzeln opfern können, wie Lämmer. Sie sind Schuld, er wird über sie hinübersteigen und durch die Tapetentür einer neuen Ansicht, Entscheidung, Sichtweise treten – immer in die Unberechenbarkeit hinein. Das ist wahre Macht.

Die Chinesen, die dieses Spiel aus welchen Gründen auch immer, so viel besser beherrschen als wir. Und Putin, der als Geheimdienstmann genau gleich um die Kraft der Unberechenbarkeit, des Unvorhersehbaren weiß.

Im Alkoven vor meiner Tür ist ein Dach aus Plexiglas. Ein halbes Dutzend Wespen und ein weißer Schmetterling haben sich darunter verfangen und fliegen unerbitterlich gegen das Glas, prallen ab, versuchen es wieder. Sie machen zusammen ein Getöse, das ich im ersten Moment für das Brummen eines Motors halte. In Gedanken gerade bei der Unberechenbarkeit Trumps, kommen mir die Wespen plötzlich so vor wie die anderen, die unaufhörlich gegen diese gläserne Decke fliegen, ohne zu verstehen, dass es eine ist.

Die Männer unten auf der anderen Terrasse reden aggressives, lautes Stakkato durcheinander, bis einer lacht, und ich begreife, dass es ein normales Gespräch zu sein scheint. Aber ihre Stimmen sind schrill, abgehakt, voller Aggressivität, so hört es sich für mich an. Einer holt von tief aus dem Hals Spucke hoch. Sie rauchen. Sie reden und reden, Lachen dazwischen, als hätten sie sich sehr dreckige Witze erzählt, alles unter Strom und durcheinander, niemand ist da unten entspannt.

Mir fällt wieder ein, was Alison uns übersetzt hatte, das, was die Taxifahrerin ihr erzählt hatte. Die Chinesin schüttete ihr, der Fremden – Alison ist Halb-Chinesin und spricht ganz gut Kantonesisch – einfach ihr Herz aus. Erzählte, während sie fuhr, dass die Männer in der Gegend fürchterlich seien. Alles müssten die Frauen machen. Die Männer seien faul, aggressiv, verlogen, sie werde von ihrem Mann regelmäßig geschlagen, könne sich aber nicht trennen, da ihm die Taxilizenz gehöre. Wenigstens ihre Tochter studiere jetzt woanders. Dass sie nicht noch einen Mann hier aus der Gegend heiratet! Durchhalten, habe die Taxifahrerin zu ihr gesagt, sie halte einfach nur noch durch.

Der Tourismus-Minister der Region, der uns eingeladen hat, sagt, dass sie von Kanada und den USA gelernt haben, was Nationalparks angeht. Von diesem Jahr an wird es einen Schwerpunkt geben, um Nationalparks entstehen zu lassen. Auch das kulturelle Erbe, wie die Diaolous, soll besser erhalten werden. Er sagt es nicht, aber es ist deutlich spürbar: die Rückversicherung in ihre eigene Geschichte hinein, die frühe und andauernde Vernetzung Chinas mit der Welt aufzeigen und zeigen, dass man dem Westen in nichts nachsteht.

Die aufgeforsteten Eukalyptus-Bäume überziehen die Hügel wie in Reihe gesetzte grüne Puschel-Hüte, Hügel für Hügel, sehr viel Eukalyptus, das schnell nachwachsende Holz.

Es gibt keine Stadtplanung, keine Stadtgestaltung, deshalb ist alles nebeneinander: Felder, Blechhütten und zehnspurige Autobahnen. Industriegaragen und Wohntürme. Schrottplätze mit Stapeln aus Flachbildschirmen und Parkanlagen. Backsteinhäuser und Wolkenkratzer. Zuckerbäcker-Apartmenthäuser und rostige Hafenanlagen. Und über alles zieht sich noch ein Riesenstelzen-Gebilde hinweg – eine in den Himmel gebaute Autobahntrasse.

Aus dem Seiteneingang der Mall of the World, da, wo die internationalen Essensstände sind, schwärmen um die Mittagszeit gelb-schwarz gekleidete E-Bike-Fahrer auf ihren gelb-schwarzen E-Bikes heraus, wie ein Schwarm Bienen, und liefern das bestellte Essen aus.

In dem Schreibworkshop, den ich gebe, in dem es um das eigene Thema im Schreiben geht, zeichnen sich fast durchweg zwei Gedankenfelder ab, die die Studenten beschäftigen: Zugehörigkeit, Verbundenheit, Familie und wie oft sie es mit Alleinsein, Unverbundenheit, tiefer Einsamkeit zu tun haben, und weiterhin: Der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Vorstellung und Realität, und die damit verbundenen Enttäuschungen.

Auf dem kleinen Hinterhof inmitten ein paar Blocks von Backsteinhäusern haben Frauen ihre Webstühle an den Pfeilern von Sonnendächern angebracht. Die Fäden gespannt. Um sie herum liegen Plastiktüten mit den Garnen. Sie reden lautstark, weben, lachen; etwas abseits steht ein Tisch an dem vier Männer sitzen und Karten spielen.

Plötzlich, auf dem Bildschirm in der U-Bahn von Guangzhou, ist ein deutsches Fußballspiel zu sehen, Bayern München, vielleicht, und Dortmund, die Spieler, Trikots, alles sehr klein, ich erkenne keinen, bis auf Thomas Müller dann, der ins Bild kommt.

Die Straßenecke ist ein Recycling-Hof – ich verstehe es erst beim dritten Mal, als ich vorbeilaufe. Pappe wird zu meterhohen Türmen zusammengepresst, eine Waschmaschine auseinandergenommen, und gerade sind alte Alufensterrahmen-Schienen von einem Transportfahrer geliefert worden und werden auf offener Straße mit großen Hammern plattgeklopft.

Aus dem Massage-Salon, durch die große Fensterscheibe, lachen mich drei junge Chinesinnen an, die gerade selbst eine Fußmassage bekommen, und obwohl ein Platz frei ist und ich kurz zögere, gehe ich doch nicht rein, zu offen, zu viel Glas, zu helles Licht.

Wie ich mir zutraue, in den kleinen Lädchen hinter dem Einkaufszentrum zu verhandeln, mit den Frauen, die nur Chinesisch sprechen und mich mit ausdruckslosen Pokergesichtern taxieren – und plötzlich meine ich, ihren Trick raus zu haben. Während man um den Preis verhandelt, lächelt man nicht, ist einfach nicht mehr nett und schon gar nicht schüchtern. Man muss in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen, und immer dazu das vollkommen desinteressierte Pokerface machen.

The only reason anyone would ever hate you is because they want to be just like you – dieser Satz vor einem Bild von einer Wespe auf einem Löwenzahn, in Gold gerahmt, hängt über meinem Klo. Sollte die Wespe eigentlich eine Biene sein? Warum hängt das in einem Hotel-Bad? Ein Rätsel, nicht zu lösen.

Die große Brandschutz-Veranstaltung auf dem Platz zwischen Oper und Bücherrei. Ein halbes Dutzend Soldaten präsentiert eine schwarze Drohne, die so groß ist wie ein VW-Golf. Sie wird von einer Traube Männer bestaunt. Auf einer Riesenleinwand läuft ein Video – was zu tun ist, wenn es im Kino brennt. Es schlendern zahlreiche Soldaten über den Platz, die Sitzplätze vor der Leinwand sind unbesetzt. Ich wollte eigentlich zur Oper, aber die ist abgesperrt.

Die pop-bunten Klebestreifen, auf denen das Tier in lebend und darunter als Gericht, zu dem es verkocht wurde, abgebildet sind, sind genau auf Augenhöhe angebracht, so dass niemand nach draußen schauen kann, in die geschmackvoll angelegte Teichlandschaft hinter dem Fenster.

Die Putzfrau, die am Morgen nach der Kakerlaken-Geschichte im Zimmer war, und die mich Tage später durch ihre Translation-App (sie malt die Schriftzeichen auf ihr Smartphone, oberhalb erscheint die englische Übersetzung) fragt: Was everything clean or did they disturb you again? Durch Fan lerne ich, dass ihr Lächeln, das mich am Kakerlaken-Morgen doch irritiert hat, weil ich dachte, sie lache mich aus – dass ihr Lächeln zu der Entschuldigung dazu gehörte. Hier wird gelacht und gelächelt, gerade wenn man sich für etwas schämt, wenn einem etwas unangenehm ist, wenn man sich entschuldigen möchte. Sie wird mir doppelt sympathisch. Dennoch sage ich nur nachdrücklich Danke und schaue ihr in die Augen.

Pauls zurückhaltende, schüchtern-zarte Art, wie er leise zugibt: Ja, ich hatte auch eine in meinem Zimmer. Und dann sagt: But I pretended not to see her.

Ich bin mir absolut sicher, dass den weißlichen Fischen in dem Aquarium in der Lobby ihr Stickkissen-Muster auf den Körper gemalt worden ist: zwei Blumenblüten, ein Zweig, zwei Blätter. Wie im Kreuzstich-Muster auf ihren Schuppen. Paul klärt mich auf – das ist alles Natur. Auch die anderen, die ein Muster aus großen rosafarbenen Pixeln auf ihren Seiten haben.

Die Studentin holt sich am Ende des Essens mit den Stäbchen den Kopf des Fisches vom Servierteller. Ich frage entgeistert, was sie damit vorhabe. Der Kopf sei das teuerste vom Fisch gewesen, alles an ihm sei gut. Sie sagt, sie habe früher schon immer Fischaugen gegessen und esse sie noch jetzt gern. Man bekomme gute Augen davon. Sie pult mit einem Stäbchen das Auge des Fisches heraus und isst es. Ich zwinge mich hinzusehen, aber als die Gallertmasse von ihren Stäbchen tropft muss ich wegsehen.

Die drückende weiße Luft am Morgen, wie eine giftige Wolke in der wir stehen.

Jeder habe seine Interessen, erklärt die Insiderin. Wenn du nicht genau weißt, was du willst, und mit wem du wie kooperierst, das heißt, wenn du unsicher bist oder mal so schaust, was der andere dir anbietet – dann gehst du unter in China. Dann wirst du immer instrumentalisiert, ausgenutzt, vor einen fremden Karren gespannt, in deinen Absichten verbogen. Dann entgleitet dir alles. Eins musst du können, in China, sagt sie noch, und ich merke es mir: Das, was du haben willst, mit beharrlicher Härte einfordern. Sonst bekommst du es mit Sicherheit nicht.

Ich sitze im vielsprachigen Superlärm im Keller des Flughafens, San Francisco, Perth, Mumbai, Teheran, Amsterdam, jede Hautfarbe, die es auf der Welt zu geben scheint, scheint hier vertreten. Ich freue mich auf die Ruhe, die wir in Deutschland haben. Auf die gute Luft. Und etwas ist mir bang davor, vor der Kleinheit im Denken, der Weltabgewandtheit bei gleichzeitiger Hybris, die man gerade in Berlin so gerne pflegt. Mir wird bang, vor mir selbst, im Wissen, wie schnell es geht, diese globale Perspektive zu verlieren, auch die stoische Gelassenheit, die Coolness mit der alle anderen Nationen hier das Warten im stickigen, megalauten Kellergewölbe ertragen. Ich nehme mir vor, mich an den Wahnsinn der Welt, wie sie ist, zu erinnern, und mich nicht zu schnell wieder im Kleinklein aufzureiben, im Kreisen um Befindlichkeiten, um Kontrolle und Ordnung.

Noch nie ist es mir so aufgefallen, wozu die Telefone, die alle Menschen mit sich herumtragen, dienen: um in Kontakt zu bleiben, um verbunden zu sein, um einander zu sagen: ich muss jetzt gehen, aber ich komme wieder, wartet auf mich. Um, wenn man das nicht hat, sich Filme von Menschen anzuschauen, die aufeinander warten, die sich in den Arm nehmen und küssen, über ein Wiedersehen freuen. Selbst, wenn so viele stumm darauf starren, eigentlich steht diese wahnsinnige Erfindung nur dafür: unsere Sehnsucht, dass wir endlich alle miteinander verbunden sind, dass wir uns unserer Zugehörigkeit versichern können, miteinander reden, verbunden sind, uns verstehen.

NEW ERA EXPRESS BUS steht auf dem Kleinbus, der mit uns auf der Autobahn ständig auf einer Höhe ist. Mal ist er etwas vorn, mal wir, der Stau ist zäh. Ich lese es zwei Mal, und dann denke ich, es ist wie ein schöner Titel für das alles hier.