Posen

von larissa boehning

Zwei Pakete Spielkarten neben meinem Kingsize-Bett, zu je 10 Yuan, eine Packung Kondome, die „Making Bee“ heißt, zu 25 Yuan.

In der Nacht, nachdem das Wahlergebnis wirklich feststeht, keine Zweifel mehr, bin ich um halb zwei Uhr erst müde genug, ins Bett zu gehen. Nicht eine Ahnung, soviel ist es nicht, mehr auch Gewohnheit: Ich hebe die drei Kopfkissen hoch, auf jeder Seite des Bettes. Beim letzten Kopfkissen läuft eine Kakerlake heraus, übers Bett, auf den Boden. Ich soll ins Nebenzimmer gehen, da schlafen, das mache ich, unruhige Nacht. Am Morgen versichern mir die Frauen vom Roomservice via ihrer hervorragenden Übersetzungs-Apps, das Zimmer gut geputzt zu haben. Ich schiebe das Bett zur Seite und sehe die Kakerlaken-Eier, ich bin Expertin auf diesem Gebiet. Nach weiteren Telefonaten mit der Hotelrezeption, über den Umweg des Übersetzers, entschließe ich mich kurzerhand, einfach selbst aufzuräumen. Ich nehme das Bett auseinander. Komplett. Wer läuft aus dem Unterteil-Kasten? Meine Freundin. Ich erschlage sie mit einer Mischung aus Genuss und Ekel. Irgendwie in Gedanken bei Trump. Ich weiß auch nicht, zeitliche Koinzidenz.

Stolz verkünde ich beim Abendessen: Selbst ist die Frau, Problem gelöst. Gehe wieder spät ins Bett. Komme aus dem Bad, wo eine kleine, aber wirklich nur eine kleine am Duschabfluss saß, die sofort erschlagen war –, da klettert eine große, ein wirklich große, schwarze Kakerlake am Vorhang hinunter. Ich schreie sie an. Erst auf Englisch, dann erst Deutsch. Werfe einen Schuh nach ihr. Sie fliegt mir entgegen, eine Kurve, bis aufs Bett. Ich schreie, schlage, erwische sie nicht, schlage wieder, Matsch. Etwas verzögert setzt ein Zittern ein. Es fällt mir schwer, so richtig klar zu denken. Rufe den Übersetzer an, obwohl es knapp zwei Uhr nachts ist. Ich soll wieder in den Nebenraum. Als die kleine Chinesin der Nachtschicht, die auf ihrem rosa Fahrrad angeradelt kommt, mich reinlässt, läuft eine mittelgroße Kakerlake quer durch den Raum. Ich soll in ein ganz anderes Apartment, drüben, auf der anderen Seite der tropischen Poollandschaft. Ich marschiere durch die Nacht. Meine Tochter ruft an. Ich betrete mit ihr am Ohr den nächsten Raum. Sieht doch alles prima aus, sagt mir die Chinesin mit Gesten und ihrem fröhlichen Lachen. Ich bin kurz davor, ihr zuzustimmen, da sehe ich eine Große an der Wand oberhalb des Bettes und eine andere kommt gerade unterm Vorhang hervor. Es hat mit mir zu tun! Egal, wo ich bin, sie sind da! Ich locke sie an! Die Chinesin erschlägt die an der Wand mit der Fernsteuerung des Fernsehers. Die andere zertritt sie zielsicher mit ihren neongrünen Turnschuhen. Und macht ein Gesicht zwischen Zuversicht, Hoffnung und Einverständnis, dass ich hier wohl doch auch nicht schlafen werden kann.

Auf dem Rückweg in der dunklen Allee stolpere ich fast über eine sehr große Schnecke.  Ihr Haus: wie eine Megawaffel für sechs, sieben Kugeln Eis. Ihr Körper dick und mächtig, eine Fleischwurst. Gemächlich quert sie, fast majestätisch, die Straße.

Als ich der Studentin erzähle, am nächsten Tag, dass mir eine entgegengeflogen kam, sagt sie in lachendem Ernst: Oh, chinese cockroaches are really strong!

Der künstliche Ginko-Baum, der auf der Höhe der Diaolou-Häuser in Kaiping ist, als wir ganz oben auf der verwitterten Dachterrasse stehen, und der mich an die künstlichen Palmen neben dem neuen BND-Gebäude erinnert, die ja auch keine Palmen sind, sondern was anderes. Aber wozu dieser hohe Ginko-Baum fähig ist, kann ich leider nicht herausfinden, Pech nur, dass wir uns jetzt alle direkt vor ihm fotografiert haben, der Aussicht wegen.

In dem Museums-Dorf in dem wir sind, laufe ich in eins der schönen, verwitterten zweistöckigen Häuser hinein, weil ich denke, dass es zu besichtigen ist; da sitzt eine alte Frau an einem Tisch und schaut mich an, als wäre ich gerade in ihr Schlafzimmer reingerannt, um es einzunehmen. Ich gehe rückwärts wieder raus, mich entschuldigend, beschämt, verwirrt auch, weil ich dachte, dass wir in einem Museumsdorf sind.

Die Chinesen, die um die 1920er Jahre in alle Welt aufgebrochen sind, und dort in der Fremde Geld gemacht haben, die haben das Geld und die Baupläne für ihre Häuser in die Heimat zurückgeschickt. Hierher, in diese Gegend. Und dann wurden diese Burghäuser, wie sie übersetzt heißen, gebaut, hochgesichert gegen Diebe, mit spanischen Fensterläden, deutscher Eisen-Schmiedekunst, dazu italienischer Freskenmalerei, französischen Möbeln, portugiesischem Geschirr, und oben spanische Terrassen oder Giebeldächer oder Zwiebeltürme, ein paar chinesische Drachen – ein wildes Mischmasch, eine wahrhaft eklektizistische Architektur, schön, seltsam, ein bisschen wie die Kulisse für einen Fantasy-Film.

Die Chinesen schmatzen. Es ist selbstverständlich. Alle machen es. Ob jung, ob alt. Aber wenn der westeuropäische Kollege bei jedem Essen wieder schmatzt, laut, schnalzend, dann ist es für mich schwer auszuhalten. Ich empfinde es als dreiste Nachlässigkeit. Als der mir oktroyierte Charakterzug eines Unerzogenen. Mir wird schlecht davon. Und ich stutze selbst über dieses zweierlei Maß, das ich hier anlege.

Die chinesischen Mittelschichts-Kleinkinder in Ralph-Lauren-Hemden – drei, vier Jahre –, die auf die Terrasse kommen und mir beim Vorbeischwimmen zuschauen, als sei ich ein seltener Fisch; und dann, als ich fast aus ihrem Blickfeld geschwommen bin, im Endlospool-Kreis, rufen sie mir Bye-bye nach, und winken begeistert, alle beide.

Das Pärchen sitzt abseits im großen Essenssaal. Links und rechts neben den beiden, auf den Stühlen, ihre weiß-braunen Pudel. Der Mann trägt eine Hip-Hopper-Kappe, Oversize-Hemd und Goldketten, wie ein Rapper aus den 90er Jahren. Die Frau ist sehr schlank, stark geschminkt, hohe Boots, und sie raucht dünne, feminine Zigaretten, ohne zu rauchen. Gemeinsam füttern sie mit ihren Stäbchen die Pudel. Zwischendurch füttert sie dann noch einmal ihn, den Rapper, mit einem Stück Fleisch zwischen den Stäbchen.
Ich sehe sie später wieder, sie schlendern übers Gelände, die Hunde tollen um sie herum. Sie wirken, als steckten sie fest in diesen Posen, die aber auch keinen richtigen Sinn mehr für sie selbst zu ergeben scheinen. Die Pose abzulegen – geht auch nicht mehr. Sie sind darin gefangen. Wie eine wandelnde Entfremdung, ein lebendiges Zitat, eine Kopie von einem Original, das es nie gegeben hat. Sie sind junge Chinesen.