Träume

von larissa boehning

Die Professorin erzählt von einem chinesischen Autor, der sich selbst zensiert hat in seinen Büchern. Mitten in der Erzählung steht dann: Hier habe ich selbst 280 Wörter rausgenommen. Und weiter geht es in der Geschichte.

Oder die Erzählung: Dass ein auf Englisch schreibender Autor zurück ins Chinesische übersetzt wird und dabei bekommt die Geschichte ein anderes Ende, als sie hatte.

Wie der junge hochgewachsene Mann mit eisern-stoischem Blick, leicht gebeugtem Rücken, durch den langen Autotunnel läuft, auf dem schmalen Notfallfußweg, es sieht nicht so aus, als hätte er sich verlaufen, eher, als beweise er sich hiermit selber etwas.

Zwischen den nahstehenden, alten, schwarz angelaufenen Hochhäusern gehen Stromkabel hin und her. An den Stromkabeln hängen Bügel, darauf T-Shirts, Hemden, Hosen, BH, Unterhosen. Kurz frage ich mich, wie das geht, die Wäsche dort dran zu hängen, wie sie wieder runter holen? Und dann berührt es mich viel mehr: dass das Private so öffentlich ist, ständig, überall.

Eine Studentin erzählt mir, wenn eine Berühmtheit mit Drogen erwischt wird, sagt man über ihn: Oh, sieh doch nur, wie jung er ist! Wenn eine beliebte Schauspielerin einen schlechten Film macht: Oh, sieh doch nur, wie hart sie gearbeitet hat. Wenn es eine Trennung gibt unter Stars: Sieh doch nur, sie sind doch noch Kinder.
Es ginge immer darum, erklärt mir Liling, Berühmtheiten von aller Verantwortung für ihr Handeln frei zu sprechen, egal, was sie gemacht haben.

Eine Riesenshow am Abend in der ehrwürdigen Halle der Universität – zu unseren Ehren –, und zur Verleihung eines Poesie-Preises. Ein perfekter Chor, der Halleluja singt, eine lupenreine Flötistin, eine großartige chinesische Gitarristin plus afrikanischem Trommler, Lichtshow, roter Teppich, wir auf mit weißem Satin bezogenen Sesseln. Neunzig Minuten lang ist es fett und lustig und schräg schon auch, aber dann kippt es: eine lange Gesprächsrunde nicht über die Poesie des britischen Kollegen, der den Preis bekommt, sondern über die Gedichte des Erfinders des Preises. Dann ein chinesischer Elvis Costello, der ein Lied über eines eben dieser Gedichte singt (nach einer zehnminütigen Einführung). Das Publikum schläft, der britische Kollege schläft, aber die Show geht noch eine Stunde lang weiter.

Ich gehe missmutig nach Hause. Wir sind gekapert worden, waren Staffage in einer Show für einen Mann, dessen Poesie von den Professoren, mit denen wir zu tun haben, als mittelmäßig bis schlecht eingestuft wird. Wir dienten ihm als Bestätigung, Rechtfertigung, um sich selbst zu ehren.
Er hatte mir zu Beginn des Events sein Buch in die Hand gedrückt, auf dessen Rückseite ein großes Porträt von ihm war, und ich hatte es freudig entgegen genommen. Ich habe es verloren, stelle ich fest, als ich im Hotelzimmer ankomme und trauere nicht eine Sekunde darum.

Wie mich der heilige Ernst in der Stimme einer vorlesenden Kollegin abstößt, ich kann mir nicht helfen, wie sie versucht, das Banale durch den salbungsvollen Ton ihrer Stimme aufzuladen –, es lässt mich milde aggressiv werden, ein irritierendes Gefühl. Herz, Herz, Herz, betont sie immer wieder, überall das Herz, das schlägt und leidet und singt (und dann singt sie wirklich), und ich will nur noch aufstehen und gehen.

Auf einem Buchrücken in dem großen, gut sortierten Bookstore lese ich den englischen Titel neben dem chinesischen: The Dark Side Of Democracy – The Ethnic Cleansing.

Wie Fan sich am nächsten Tag für die Show entschuldigt, sagt, sie schäme sich noch jetzt dafür. Nennt es: we got hijacked, wir wurden entführt. Und dann sagt sie, es sei ein Beispiel dafür, wie kompliziert ihre Kultur sei, wie schwer zu durchschauen: Wenn man eine Woche in China sei, könne man einen Roman schreiben, wenn man einen Monat in China sei, könne man einen Artikel schreiben, und wenn man ein Jahr in China sei, könne man gar nichts mehr schreiben.

Die achtzigjährige Chinesin steht am Pult und liest aus ihrem neuesten Erzählband vor. Sie hat mit sechzig erst lesen und schreiben gelernt, mit vierundsiebzig ihr erstes Buch veröffentlicht und seither jedes Jahr eines, allesamt Bestseller in China. Sie hatte nie Träume gehabt, sagt sie, erst seit sie schreibt, träumt sie. Und jetzt träumt sie davon, mit neunzig noch mal Malerin zu werden.

Geschichten von Gewalt, gebrochenen Zehen, die Füße so verbunden, dass sie nicht mehr wachsen konnten, Mädchen mussten kleine Füße haben, sonst bekamen sie keinen Mann. Eine Frau erhängt sich, weil sie große Füße hatte und auf ein Küken getreten ist, im Haus ihrer Schwiegereltern, die sie eh schon missmutig aufgenommen haben. In klarer, emotionsloser Sprache erzählt sie von Geistern, die blaue Flecken auf den Körpern von Frauen hinterlassen – Geister, die es wirklich gibt, sagt sie später –, von ihrem Bruder, der die Mutter darum bat, der kleinen Schwester das Füßebinden zu ersparen, die Brüche, die Schmerzen beim Gehen auf Hacke und gebrochenem Zeh. Sie strahlt, als sie am nächsten Tag neben mir am Tisch sitzt, eine hoheitliche Würde aus, in ihrem edlen Pailettenkleid, und lässt übersetzen, dass sie sich minderwertig fühle zwischen uns, weil sie nicht studiert habe, aber nicht unwohl, und das sei das Wesentliche – sie lächelt wie eine Queen.

Ihre Tochter steht neben ihrer Mutter, ist größer als sie, aber sehr schüchtern, sie hat eine Narbe quer über die Oberlippe, und sie wird vorgestellt als Tochter von der berühmten Autorin – mit dem Nachsatz: die auch schreibt, aber eben nicht so berühmt wie ihre Mutter ist. Was die Tochter mit einem schrägen, durch die Narbe verzogenen Lächeln quittiert.

Fan nennt ihre eigenen Geschichten Reflexions on Bitterness and Sweetness, und sie erzählt von den behinderten Kindern in ihrer Klasse und wie grausam sie von ihnen behandelt wurden, welchen harten Stolz sie darüber entwickelten, sich selbst durch grausame Härte retteten. Von einem Jungen, der plötzlich in ihre Klasse kam, dessen Mutter sich das Leben genommen hatte, und über die der Lehrer des Jungen sagte: Ist schon recht gewesen, dass man deiner Mutter Ameisen ins Ohr gesetzt hat, sie hat nicht hören wollen. Ist schon recht, dass sie verprügelt wurde, sie wollte einfach nicht verstehen. Ist also recht, dass sie tot sei – und wie Fan diesen Jungen Jahre später wiedertrifft und sieht, dass er verrückt geworden ist. Er läuft durch die U-Bahn und ruft, er sei Maos leiblicher Sohn.

Dann kommen Mädchen auf die Bühne, die das durchgehend englischsprachige Theaterstück, das sie aufführen, selbst geschrieben haben. Sie trippeln und tanzen, sie spielen und singen – selbstbewusst, stolz, gefördert, geliebt, privilegiert. Zum Schluss hält die Mutter eines der Kinder eine Ansprache, erklärt, dass sie hier nur zum Abspielen der Powerpoint-Präsentation im Hintergrund dagewesen sei, alles andere hätten die Kinder selbst gemacht –, und dann holt sie die Kinder auf die Bühne, auf Englisch, und es wirkt plötzlich so, als würden sie kein Wort von dem, was die Mutter gerade gesagt hat, verstehen, kein Wort davon, was außerhalb ihres erlernten Textes ist.

Flying With Dreams steht aber oben auf der Powerpoint-Präsentation und am Ende tanzen sie glücklich, ausgelassen zu einem Song, der im Text die Zeilen hat: I try everything, even when I fail, I try everything….

Die Selbstgewissheit der Männer, die auf der Hauptstraße des Campus‘ auf mich zukommen – achtzig, neunzig Männer in blauen Businesshemden, mit den typischen Messe-Plastikschildern um den Hals. Babyboomer, denke ich in dem Moment. Sie sehen nach leitenden Positionen aus, nach großen deutschen Autos, danach, dass ihnen so leicht niemand widerspricht, dass sie sich nehmen, was sie haben wollen. Sie sehen nach Deutungshoheit aus – aber vielleicht täusche ich mich auch, wegen der glatten Verschlossenheit ihrer Gesichter. Da ist auch ein feines Abschätzen mir gegenüber, der blonden Westlerin, auch etwas ängstliche Feindlichkeit, und eine Fremdheit, die bleibt.

Zu Beginn des Umbaus der Wirtschaft hieß es: Hauptsache es wächst, egal, wenn was an der Seite abfällt. Jetzt, seit Beginn der Anti-Korruptions-Kampagne, darf nichts mehr an der Seite abfallen – und wir bekommen, zum Beispiel, einen Platz in einem berühmten Restaurant, in dem wir sonst nie einen Platz bekommen hätten.

Über den seltenen Fischen, Molchen, Muränen, Riesenhummern, Schildkröten, Schlangen und anderen auch bedrohten Tierarten, die draußen in den Bassins schwimmen und liegen, hängen rot-gelbe Zacken-Schilder, darauf die Preise, der Discount, heute billiger –, und plötzlich wirken alle Bassins, die Tiere, das Gluckern, die aufgelegten Kescher wie Relikte aus einer anderen Zeit, als noch sorglos konsumiert wurde, ohne auf den Preis zu schauen.

Haifisch-Flossen-Suppe lese ich in der Karte. Sie wird im Winter serviert, in dieser Region, weil sie wärmt. Woanders ist es eine kühlende Suppe für den Sommer. Aber als ich Fan frage, kein Wort über die angeblich stärkende Wirkung der Haifisch-Flosse, die Kraft für alles mögliche im Leben verleihen soll.

Finde das kleine North-Gate, eine Tür in der den Campus umfassenden Mauer, und lande direkt in einer Garküchen-Lädchen-Gasse, eine Katze auf Raubkopien-DVDs, eine Kakerlake auf dem Treppenabsatz, bunte Plastikschüsseln, geschälte Früchte in Bechern, eine Frau schiebt ihr Moped vor mir, deutschsprachige Studenten, die über das Essen reden, das sie grad gekauft haben: umgerechnet knapp 90 Cent pro Portion.

Im dem Block für Block umfassenden Stoff-Großmarkt werde ich wie eine Einkäuferin aus dem Westen wahrgenommen, egal, welchen offenen Laden ich betrete, die Verkäuferinnen schießen auf mich zu, halten mir Pappkarten mit Stoffproben entgegen, unter denen sie kryptische Zahlenkombinationen notieren, zu denen ich beflissen nickte und mich bedanke, schon wie eine Einkäuferin, die plant, im großen Stile einzukaufen, dann ziehe ich routiniert und irgendwie belustigt weiter, milde beschämt kurz darauf, wie ich die höchstens ein oder zwei Meter, die ich kaufen will, auf dem Großmarkt aushandeln soll.

Wir steigen geschockt, wie im Trance aus dem Bus, über Fans Smartphone, über ihren in Hong Kong lebenden Sohn, tröpfelt CNN zu uns durch, ich schaffe es einmal auf die Seite der Süddeutschen zu kommen, die alle für vertrauenswürdig halten. Die beiden amerikanischen Autoren sind in einem wahrnehmbaren Schockzustand, etwas, das sich auf uns überträgt, während wir durch einen historischen Park geführt werden, und uns der Leiter der Tourismusbehörde von Kaiping etwas über die chinesischen Emigranten der 1920er Jahre erzählt, die Geld in Europa und den USA machten, es nach Hause schickten und für den Wohlstand dieser Region sorgten.

Es fühlt sich an wie, auf einer Seite der Welt zu stehen – voraus, in der Zukunft, ganz konkret ja auch, rein zeitlich –, während unsere Welt, wie wir sie kennen, zurücksinkt in eine Vergangenheit, die überwunden geglaubt war, die uns doch nicht mehr einholen konnte. Doch, sie kann. So eine Schieflage.
Und das ist hier, von hier aus gesehen, doppelt bedeutend. Denn: je verwirrter wir werden, je größer unsere Identitätskrisen, umso stärker stehen die Chinesen da. Es ist spürbar, in diesem Moment, als wir dort alle am Bus stehen – verwirrt, ungläubig, traurig, erschlagen, der mächtigste Mann der Welt eine Witzfigur, ein egomanischer Populist, eine gestörte Persönlichkeit, ein Meister der Manipulation. Und in exakt diesem Moment lässt uns der chinesische Tourismus-Chef mit einer jovialen Selbstgewissheit, hoheitlich und unendlich großzügig, in das ihm unterstellte Hotel bringen, wir fahren mit dem Reisebus direkt in die offene Lobby, als kämen wir in ein Exil der Sicherheit und des Vergessens.

Das Hotel: wieder eine Raumstation aus der Zukunft, die im zeitlichen Hier, aber im räumlichen Nirgendwo gelandet ist. Eine Pool- und Palmenlandschaft von der Größe einer Kleinstadt, Carrara-Marmor, Kronleuchter und jeder hat seinen eigenen Spa-Bereich mit Hot-Spring-Poolwasser.

Ich nehme die Rotwein-Flasche, die es zum Abendessen gab, noch mit aufs Zimmer, unter den gar nicht achselzuckenden Blicken der chinesischen Kellnerinnen. Draußen rauschen die Palmen, es klingt, als würde es regnen. Ich räume das riesige Luxus-Zimmer auf. Versuche, ins Internet zu kommen. Alles fühlt sich ganz nah und gewaltig an. Ende aller Träume. Der Anfang einer Realität.