Bahnhof

von larissa boehning

Der gutaussehende Chinese spricht mich kurz vor unserer Abreise in der Lobby des Gästehauses an, hält mir seine Videokamera entgegen, aber so, dass ich denke, er will einfach mit mir reden, stellt mir dann in schneller Folge Fragen, ich bin überrumpelt aber antworte höflich, dann fragt er mich nach meinem Namen, ich soll ihn buchstabieren, mir ist unwohl, aber ich bleibe ein höflicher Mensch, der Chinese verschwindet, so schnell wie er gekommen ist. Ich steh da und fühle mich ausgenommen. Der niederländische Autor sagt, ebenso überrumpelt wie ich: Jetzt bist du auf einem Propagandavideo. Ich spreche Fan an, sie findet es heraus, wer und wofür, ein Lokalsender für die Konferenz, die oben im Gästehaus stattfindet zu ökologischem Tourismus. Sie sagt, so seien die Journalisten hier, sie nehmen sich einfach das, was sie haben wollen, schneiden es dann zurecht, wie sie es haben wollen, sind unhöflich und zugleich höflich, kommen aber gar nicht auf die Idee, sich vorstellen zu müssen. Ich habe eine Lektion darin gelernt, wie man durch Freundlichkeit überrumpeln kann (und das bekommt, was man haben will), es sei sehr chinesisch.

Fahrt mit dem Bus über Land: Ein alter Mann hat einen Büschel Stroh hinten auf seinen Fahrradgepäckträger geklemmt. Das grüne, schöne Tal ist kreuz und quer durchzogen mit Hochspannungsleitungen. Bauruinen überall, halb fertig gebaute Häuser, Ruinen, in denen aber Menschen – meist im untersten Stockwerk – wohnen. Eine Frau holt mit einem Eimer Wasser aus einem Brunnen. Ein Mann sitzt in seinem Garagenverschlag und verkauft Berge roter Ziegelsteine. Der offene Laden, direkt an der Straße, in dem im Zahnarztsessel ein Patient liegt, ihm wird im Mund gebohrt.

Ein Haufen alter Mopedreifen, gesammelt an einer Feuerstelle, wo schon andere Reifen rußig verbrannt worden sind. Und wieder Bauruinen, halbfertige Häuser, Wohngaragen, alte Schuppen, offene Autowerkstätten und dazwischen kleine Felder, auf denen Menschen sich über ihr Gemüse beugen, die Erde mit Holzhacken hacken. Eine Frau sitzt mit ihrem Baby auf dem Arm im Schatten eines Baumes. Ein alter Mann, klein und krumm, schleppt an beiden Seiten des Tragebalkens über seinem Rücken Wassereimer. Steinkreise, hoch und breit wie Brunnen, mit den weißen Flatterbändern darüber, die Totenstätten, gleich neben den Feldern. Supermärkte – die Waren direkt in den Pappkartons an den Rand der Straße gestellt, mit dem Moped ranfahren, anhalten, bezahlen, aufladen. Gemauerte Wassertröge unter den Brücken, wo der Fluss hineinläuft, dort hocken Frauen und schlagen die nasse Wäsche auf den Stein.

Wir fahren über eine breite Sandpiste. Eine achtspurige Straße, noch im Bau. Hier sind die grünen Berge angenagt, aufgerissen, gerodet, grau-blank, erodiert. Das Grün an der Straße ist wie von Asche verstaubt. Irgendwann muss hier eigentlich der Bahnhof kommen, aber weit und breit nur die Sandpiste und die angenagten Berge.

Alles wird noch staubiger, je näher wir einer Sandstein-Fabrik kommen, zu der die Steinbrocken gebracht werden auf den roten LKW, die vor uns über die Sandpiste rasen und Staub in die Luft wirbeln wie ein Sturm in der Sahara.

Wir sind wirklich wie in der Mitte von Nirgendwo.  Und da plötzlich: der Riesen-Bahnhof, futuristisch, ein gelandetes Weltraumding aus der Zukunft. Hohe Trassen, vier, fünf Stück nebeneinander. Aber wirklich: wie vom Himmel herab in das Land gesetzt. Ein großes Plakat am Parkplatz: LOST IN THE WORLD OF WONDERLAND.

Die Erziehungsvideos im Hightech-Schnellzug, auf denen erklärt wird:

  1. im Bordbistro dürfen nur Kinder aus den mitgebrachten Flaschen trinken, Erwachsene müssen sich Getränke kaufen, sie trinken und vor allem den Deckel gewissenhaft zudrehen.
  2. Der Sanatory Bag im Vordersitz soll für Müll und Übelkeit benutzt werden.
  3. Auf der Toilette soll man das Spülen nicht vergessen.
  4. Keine Babys auf den Ausklapptisch vor einem legen.
  5. Nicht die Schuhe ausziehen.
  6. Nicht auf den Boden spucken.
  7. Den Wasserhahn zudrehen.
  8. Die Nüsse, die man sich gekauft hat, nicht direkt aus der Packung essen, sondern nur ein paar herausnehmen, auf den Tisch legen und einzeln essen.

Dann ein Film, der anfängt wie ein perfekt ausgeleuchteter Hollywood-Film, schwarzer, edler Vorspann: Grandmother and Train heißt der Film, und die Geschichte, die er erzählt, muss ich hier nicht wiedergeben. Die Bilder aber bleiben grandios ausgeleuchtet, traurige Frauengesichter, dunkle Hinterhöfe, warme Küchen-Schreine und dazwischen der Hightech-Zug, wie er durch eine perfekt nachgegrünte Landschaft saust – und natürlich Oma und Enkelin endlich wieder zusammenbringt.