Zum Augenblicke dürft’ ich sagen…

Die Mischung aus Wehmut und Glück, die ich empfinde, in dem Moment, heute Abend, farewell dinner. Wir stellen alle fest: keiner will gehen. Wie schön es wäre, jetzt hier zu bleiben, nicht Sachen packen und weiter nach Guangzhou.

Fan will, dass wir vom farewell buffet essen. Dazu eingeladen sind Künstler aus der Region, wir werden einander vorgestellt, alles ist erst distanziert und spröde. Dann breiten die vier Männer und eine ältere Frau auf der langen Tafel ihre Kalligraphie-Werkzeuge aus: Pinsel in allen Größen, Schälchen, die mit Wasser gefüllt werden, dickflüssige Tusche, Aquarellfarben, eine Schale mit roter, gummiartiger Ölfarbe für die Stempel. Sie legen die China-Papiere aus und malen sich erst einmal warm. Die ersten Gedichte, die sie gemalt haben, werden weggeworfen – mit kritischem Blick auf das eigene Tun gar nicht erst gestempelt. Aber dann: wie der kompakte Mann in seiner grauen Polyesterjacke, den ich, wenn ich ihn auf der Straße gesehen hätte, für einen von seinem Job gelangweilten Beamten gehalten hätte; wie er schnell, kraftvoll, mit Verve und Konzentration die Schriftzeichen aufs Papier tuscht.
Und langsam geraten wir alle in eine Euphorie. Die Schönheit, Präzision, Kunstfertigkeit. Das harmonische Gleichgewicht der weißen Leerstellen und der schwarzen Striche auf dem feinen Papier. Der Bleigeruch der Tinte. Wie eine Blume, ein Baum, die Landschaft wächst. Dazu die roten Namensstempel. Gedichtzeilen, die hervorgehoben werden, leicht nach hinten gesetzt, das gesamte Gedicht. Bilder aus Zeichen, alles verschlüsselt, jedes für sich wunderschön.
Weiß nicht warum, mir ging schon vom frühen Abend an das „Augenblick, verweile doch“ nicht aus dem Sinn, so viel Melancholie, Himmel noch mal!, als ich der Dämmerung dabei zusah, wie sie den Garten, die Berge, die Bananen-Palmen schluckte. Und die LED-Schlange, die am Weg entlang führt, anfing zu leuchten, sie ist so gehängt, wie wir eine Endlosfolge von Us aufs Papier schreiben würden.

Augenblick, verweile!, pinsele ich dem Kalligraphen in meiner schönsten Schönschrift auf ein China-Papier, weil ich ihm etwas für das Gedicht, das er mir schenkt, zurückgeben möchte. In dem Moment komme ich nicht mehr auf das bittende Doch. Ich schreibe es in dieser fordernden Form, sogar mit Ausrufezeichen.

Fan übersetzt und erklärt, von wem und woher, und wie wirklich, und wir machen Fotos vom Austausch der Bilder auf allen Handys; und plötzlich ist dieses Gefühl im Raum, über alle Sprachdistanzen, kulturellen Unterschiede, Unbeholfenheiten und sonstigen Differenzen hinweg, sind wir uns einig, einen poetischen, außergewöhnlichen, schönen Moment zu erleben, der anhalten wird – und das ist der Grund für unsere gemeinsame Euphorie, glaube ich.