Erdbeben

Ich lerne, dass die vielen kleinen Zettel, die in manchen Läden – Cafés, Smoothie-Shops, Karaoke-Bars, eng an eng an den Wänden kleben, ganze Wände bedecken wie Schuppen einen Fisch –, dass diese Zettel auf eine Tradition zurückgehen: Früher sammelten Ärzte sie an den Wänden ihrer Ladengeschäfte – wo sie ihre eigenen Medizinmischungen und ihre ärztliche Beratung anboten – von ihren Patienten, um einen Nachweis ihrer Heilkunst zu haben; quasi ein uraltes Tripadvisor-System.

Ich wache in der Dämmerung auf, schaue auf dem Computer nach, zu Hause ist es fast Mitternacht, zu spät, um anzurufen. Ich schlafe wieder ein, zurück in einen wirren Traum rund um das Thema Abreise, Zuspätkommen, eine letzte Zigarette in einem Raucherkabuff (?), da schrecke ich hoch von einem Böller-Gewitter, einer langen Salve China-Kracher. Kurze Stille und dann noch drei Mal fette Detonationen nahbei. Kehre noch mal in den Flughafen-Traum zurück, er bleibt nervig wie ein Transit-Anschluss. Zum Frühstück erfahre ich, mit den Böllern beginnt eine Beerdigung hier auf dem Land, und später, als ich mit dem Fahrrad in den Ort fahre, stehen viele Chinesen in ländlicher Kleidung an der Straße Spalier, oberhalb das umrandete Grab, und kilometerweit fliegt das rote Böllerpapier und dazwischen weiß-gelbe DinA-5-Zettel mit angedeuteten Geldstücken darauf – all das Geld, das dem Toten fürs Jenseits mitgegeben wird.

Der Fisch, der aus dem Becken gesprungen ist, liegt Bauch nach oben auf der Terrasse. Ich sehe ihn, Ravi sieht ihn, wir reagieren aber beide nur mit: Oh, ein Fisch, oh, nein, der lebt ja noch! Er schlägt panisch aus, dreht sich, schlägt weiter. Wir rufen Cindy, das Mädchen von der Rezeption. Sie greift patent und entschlossen den Fisch an Kopf und Schwanz und wirft ihn im hohen Bogen zurück in seinen kleinen Teich – aus dem er selbst herausgesprungen sein muss.

Der kurze Moment, wo ich auf dem Rücken des Lonely Planet-Reiseführers in Großbuchstaben CHINA lese, und plötzlich selbst ganz erstaunt bin, über mich, dass ich jetzt hier bin und lerne, sehe, ein bisschen verstehe, was sich hinter den paar Großbuchstaben für ein Universum verbirgt – das ich so lange eher beharrlich ignoriert hatte, mein Interesse an China war gering gewesen.

Ich sitze mit Kloß im Hals im Garten, nach dem kurzen Telefonat mit meinen Kindern, als mein Sohn mir sagte, er wolle all die Geschichten aufschreiben, die zwischen meinen seien. Und ich begreife, was er will: die Erzählung fertigen, die nicht da ist, die Lücken vervollständigen, die ganzen Zwischenräume, in denen ich verschwinde, will er füllen, ein Ganzes haben, und das berührt mich so, dass ich vor Sehnsucht, Freude, Verlorenheit und Glück kurz weinen muss.

Barbara, die mexikanische Autorin, erzählt in ihrer heiteren Art, wie sie sich bei den ständigen Erdbeben, die sie im Land haben, eigentlich immer auf den Boden legt. Ihre Nachbarn rufen sie raus auf die Straße, Komm, Barb, los!, aber sie legt sich hin. Und: lieber die vielen kleinen Erdbeben ständig, dann lockere sich die Erde immer ein bisschen, als lange Ruhe und dann der große Knall. Und wir finden, es klingt nach einer einleuchtenden Theorie, die man auch auf Rücken- oder Beziehungsprobleme anwenden kann.