Träume

von larissa boehning

Höre das schöne Sprichwort: Wenn du einen Tag lang glücklich sein willst, betrinke dich, wenn du eine Woche lang glücklich sein willst, schlachte ein Schwein, wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst, heirate, wenn du ein Leben lang glücklich sein willst, werde Gärtner.

Melissa erzählt mir aufgeregt ihren Traum: Sie wusste, dass die Romanows ermordet werden sollen, und sie versucht, noch was zu ändern, sich einen Plan zu überlegen, wer wie zu retten sein könnte, ob da nicht jemand ist, der die Verschwörung aufdeckt – und ich erzähle ihr meinen: Dass ich einen deutschen Komiker namens Dieter Hallervorden in einer Berliner Eckkneipe davon überzeugen will, etwas für mich zu tun. Ich weiß aber nicht mehr was.

SALTWATER HEALS EVERYTHING steht auf dem langärmeligen T-Shirt der strengen amerikanischen Touristin, die höchstens ein paar Jahre älter ist als ich und einen ähnlichen Haarschnitt hat, an der ich aber sehe, wie wenig gut es unseren Gesichtern tut, so viel so streng zu gucken. „I am one“, höre ich sie später knapp mit erhobenem Zeigefinger zu den Chinesinnen sagen, als es um die Raumaufteilung geht.
Dann klopft der sehr schmale, ältere, großgewachsene Chinese an die Tür ihres Apartments, den ich hier schon was habe essen sehen, zwischen den ganzen Westlern, und ich frage mich, ob es doch ihr Mann ist, aber sie hatte doch ein Einzelzimmer, daraufhin denke ich: Sex-Tourismus?! Bis mir klar wird, wer er ist: der chinesische Masseur, der ihr den Ernst aus dem Gesicht zaubern, sie durchwalken, drücken und entspannen wird, was hier so selbstverständlich ist wie ein Frisörbesuch.

Stromausfall, alles dunkel. Wirklich Dunkelheit. Wir sitzen ganz still da, wie in Ehrfurcht ob ihrer Übergröße. Dann geht in einem Telefon nach dem nächsten die Taschenlampe an. Wir wandern als flackernde Lichterprozession durch die Dunkelheit nach Hause. Ein weißer Mercedes rast vorbei, er leuchtet in seinem eigenen Licht.

Die Süßspeise hat das Aussehen und die Konsistenz einer gelben Schaumstoffmatratze. Aber als ich sie probiere, erinnert sie an ein fluffiges Fruchtgummi mit Brioche-Geschmack. Es ist nur schwer sie herunter zu schlucken. Im Hals wird sie wieder zur Schaumstoffmatratze.

Ich nehme mir vor, an den drei Männern in den blauen Phantasie-Uniformen, die die Einfahrt zu dem sehr edlen Nobel-Hotel versperren, auf dessen Riesengelände ich laufen will, mit einem Nicken vorbei zu joggen, mit einem teuer aussehenden Nicken, das ich im Laufen schon mal übe: Ein Einzelzimmer für 800 Dollar die Nacht? Klar! Ich verdiene doch fünfstellig im Monat! So einem Nicken. Und dann laufe ich durch, nicke, und alle drei nicken zurück, genau so: Klar verdienst du fünfstellig im Monat, und ich laufe ganz erstaunt weiter, muss lachen und freue mich wie ein Kind.

Wegen Halloween, das wir heute gemeinsam feiern werden: Gespenster zu malen, ist leicht, sagt man in China. Menschen zu malen, ist schwer.

Eine alte, sehnige Chinesin in einem Kittel und mit Ärmelschonern, die auf einem niedrigen Hocker vor einer Nähmaschine sitzt, direkt auf der Straße, näht einen bunten, poppigen Nike-Turnschuh, – freihand – an der Spitze zusammen.

Zeige in einem kleinen Küchenwaren-Geschäft auf eine Wasserflasche, die ich kaufen will, und der Besitzer stellt eine Holzleiter wie frei in den Raum, und fängt an, hoch zu klettern, dann klappt er eine höchstens 50×50 cm große Luke auf und verschwindet in dieser Lager-Zwischen-Decke; um nach ein paar Minuten wieder hinabzusteigen, umsichtig, flink, um mir die verpackte Flasche zu überreichen.