Hühner

von larissa boehning

Alle Klassenräume in allen Gebäuden sind in der Nacht hell ausleuchtet, weiß-blaues LED-Licht, als wollte die Uni-Leitung ihre Studenten fortwährend daran erinnern, wozu sie eigentlich hier sind.

Die junge Schülerin lässt mir durch die Übersetzerin die Frage stellen: Was ich von der Hegemonie der USA in der Welt halten würde? Der Übersetzerin ist es sichtlich peinlich, sie windet sich. Ich sage: Sehr spannende Frage! Aber die Schülerin lässt sich von diesem Lob nicht ablenken, sondern wartet mit konzentrierter Neugierde weiter darauf, dass ihr meine lange Antwort endlich übersetzt wird.

‚Wir leben in Harmonie‘, steht auf Englisch über der kleinen Polizeistation, einem festeren Schuppen, der an eine Hauswand gezimmert ist, und das Wandbild darüber zeigt eine lächelnde Mutter zwischen zwei lächelnden Polizisten, die ihr ihr Kind überreichen.

Die Marktfrauen haben ihre Stände direkt gegenüber von dieser kleinen Polizeistation aufgebaut. Plötzlich fängt ein blau-rotes Blinklicht am Dachgiebel an zu flackern und eine Sirene ertönt, die nicht lauter ist als die Alarmsirene der Mopeds, die angeht, wenn man sie aus Versehen berührt.
Die Marktfrauen springen auf, tragen ihre Kleiderständer, ihre Körbe eilig, flüchtend, bis in die nächste Seitengasse, stellen dort alles ab, aber bauen es nicht auf. Als würden sie nur auf das Ende der Sirene warten.

Ich jogge sehr langsam über einen schmalen Damm mit Straße, rechts und links Felder. Als ich auf der Höhe eines älteren Mannes bin, der direkt neben der Straße sein Feld mit einer Holzhacke umgräbt, fährt an uns eine weiße BMW-Limousine vorbei. Für eine Sekunde oder weniger, sind wir alle auf einer Höhe, genau gleich. Verrückte Welt, denke ich.

Im Touristenbüro kann man eine Reise dahin buchen – zu dem exakten Ausblick auf die Sandsteinberge, wie er auf den 20-Yuan-Geldscheinen abgebildet ist. Es wird nicht mit den echten Bergen Werbung dafür gemacht, sondern mit einem postergroßen 20-Yuan-Geldschein, auf dem die Berge in rot als Radierung zu sehen sind.

Wie ich denke, dass nur, weil die Kellnerin in der Garküche mir diese zwei großen Schüsseln mit Reis und reichhaltiger Suppe bringt, auch der Preis ein höherer sein muss – und wie sie mir beim Bezahlen sagt, dass es 28 Yuan (3 Euro) sind, was ich kaum glauben kann.

Auf dem Hinweg ins Restaurant sehe ich das letzte Huhn im Käfig, es kauert in der Mitte des Blechverschlags. Auf dem Rückweg sehe ich, wie der Koch dem gelben Körper letzte Federn ausreißt und ihn am Wassertrog wäscht, der sich aus dem Fluss speist; und das tote Huhn sieht wirklich aus wie bei Max und Moritz –, wie es dort vom Baum hing oder an Grusel-Witwe Boltes ausgestrecktem Arm, was mich als Kind fasziniert hat und schaudern ließ, beides zugleich.