Ähnlichkeiten

von larissa boehning

Kein Fernsehen, kein funktionierendes Internet. Ich sitze im Restaurant, nehme den Jasmintee mit in die Ecke, zum Bambussofa. Ich setze mich und kann nur Sekunden still sitzen, dann suche ich, mit einer fast zittrigen Fahrigkeit, nach etwas zu tun, nach einer Ablenkung, die aber nicht lesen ist, eher so wie Fernsehgucken oder Surfen. Ich finde eine weichgeblätterte MADAME zwischen niederländischen und französischen Büchern.
Ich blättere die MADAME von hinten nach vorne durch, schaue mir jedes Kleidungsstück an, wäge ab, wie ich es finde, schlage die Seite um, das nächste Bild, plötzlich mit einer Ruhe, die ich lange nicht mehr gehabt habe.

Wir fahren an einem Unfall auf der Hauptstraße vorbei, der gerade eben erst passiert zu sein scheint: die junge Frau steigt aus ihrem königsblauen Toyota Yaris, ihre hohen Plateau-Schuhe fallen mir auf. Der Moped-Fahrer, mit dem sie kollidiert sein muss, ein mittelalter Mann, sitzt im Graben, mit dem Rücken zur Fahrbahn und zu ihr, als wollte er seinen Ärger, seine Wut, die er haben muss über sein ruiniertes Moped, verstecken.

Die weiß-grauen Bauruinen, die überall an den Ausläufern der Stadt hängen, wie in Spanien, und die wirken, als wären sie ausgeblichene Gerippe von etwas, das am Rande der Wüste verdurstet ist.

Die grünen Plastik-Kisten vor jedem Restaurant, aufgestapelt zu Fünfer- bis Sechser-Türmen. Darin sammeln die Garküchen, aber offenbar auch andere Restaurants, das dreckige Geschirr. Es muss in der Nacht abgeholt, und gegen das neue ausgetauscht werden. Man bekommt die Sets aus Teller, zwei Schüsseln, Teebecher, Löffel, alles platzsparend ineinandergelegt und in Plastik eingeschweißt, jedes Mal auf den Tisch gestellt und packt es selber aus, vor jedem Essen.

‚Golden Way To Success‘ steht auf dem ansonsten in Chinesisch gehaltenen Lernheft, das oben auf dem hohen Stapel aus Lernheften liegt – ein Stapel, der den nur DinA3-großen Schreibtischplatz, den jeder Schüler in der Schulklasse hat, schon mal zur Hälfte abdeckt. Dazu sitzen sie auf kleinen Hockern – über fünfzig Kinder in einer Klasse.

Ich frage nach, ob das Gebäude hinten raus ein Wohngebäude sei, es ist von jedem Klassenzimmer aus zu sehen. Da hängen Jeans und T-Shirts, Handtücher und die privatesten Kleidungsstücke, für alle einsehbar. Ja, ein großer Teil der Schülerschaft wohnt dort, ab der sechsten Klasse, ihr Weg zur Schule ist zu weit.

Die automatisiert, blechern klingende Lautsprecheransage hallt in der Pause über den großen Schulhof. Ein Dank an die Lehrer, übersetzt mir Liling, für die vergangene Stunde.

Jetzt, wo ich es einmal bemerkt habe, fällt mir bei vielen der Tremor auf, den sie in den Beinen haben, das ständige nervöse Hin- und Herwackeln, das Auf und Ab der Knie.

Die Alten im Park wirken ausgelaugt, man sieht ihnen an, dass sie ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben. Es steht ihnen in den Gesichtern. Vielen fehlen mehrere Finger. Aber sie sitzen zusammen an den niedrigen Steintischen, zu sechst, sieben, viele Tische lang, und spielen Karten. Manche um Geld. Oder stehen in Gruppen vor Staffeleien, oder geben Tai-Chi-Kurse auf dem sandigen Bouleplatz. Oder hören beim Mountain Song Fair zu, der immer mittwochs drei Mal im Monat hier stattfindet.

Fünf Frauen in üppig bunten, perlenbestickten Kostümen, mit Blumenkopfschmuck aus gehämmertem Blech – Blätter über Blätter, Glöckchen, Pfauen oben auf – sitzen fünf Männern gegenüber, nicht weniger eindrucksvoll ausgestattet. Sie singen sich improvisierte, in dem Moment entworfene Liedzeilen zu, die Melodien immer ähnlich, aber die Texte eben immer neu, je nachdem, was das jeweils andere Geschlecht ihnen gerade von seiner Sehnsucht, seinem Verzehren, seiner Erinnerung an die Liebe, die sie hatten und im letzten Sommer teilten, erzählt hat.
Sie leiden so, dass sie noch nicht einmal Drachenleber essen können, singen die Männer den Frauen zu.
Sie seien wie Blätter vom Baum gefallen, letzten Herbst, als die Männer gegangen seien, antworten die Frauen im Gesang.

Der opulente Blumen-Blätter-Glöckchen-Pfau-Schmuck auf den Köpfen der Frauen ist nur von vorne opulent, von hinten schaut man in das billige Gestänge und auf die Schrauben, die es zusammenhalten.

Ein mittelalter Chinese im Business-Outfit schläft heruntergerutscht in dem Sessel, seine Füße ruhen in dem Kissing-Fish-Bad, in dem es sprudelt und ein dichter Schwarm kleiner Fischchen ihm die Hornhaut von den Füßen knabbert.

Wir fahren auf der Autobahn an einer Ausfahrt Xanadu vorbei. Xanadu? Ich komm nicht drauf. Was ist noch mal Xanadu? So was wie Arkadien? Wie Shangri-La? Ohne Google zu sein, wirkt wie ein großes Manko, bis mir wieder einfällt, dass ich einfach meine Mitmenschen fragen kann.

Wir fahren schon drei, vier Kilometer über eine ganz neu gebaute achtspurige Straße mit einem imposanten, erdigen Mittelstreifen, auf dem nur riesengroße Laternen stehen. Auf beiden Seiten der Straße stehen Häuser, sind Läden, gehen Menschen. Es ist kein Übergang mitgebaut worden, und so laufen die Menschen mit ihren Karren hinter sich herziehend oder die Studenten mit hüpfenden Rucksäcken eilig über die Riesenstraße. Wenn mal eine Lücke im dicht rauschenden Verkehr ist.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz, vorn. Am Toll-Collect-Point stiert eine Kamera direkt in die Frontscheibe des Autos hinein. Ich drehe, aus einer Laune heraus, den Kopf zur Seite. Da schaut mich eine 360-Grad-Glubschaugen-Kamera an.

Wir überholen zwei rote Tuck-Tucks, eins schleppt das andere ab. Die offenen Ladeflächen beider Wagen sind eng an eng bedeckt mit lebenden Hühnern, die wirken, als würden sie sich selbsttätig zusammenkauern ob der Fahrt.

Sie seien beide Single-Dogs, sagen die Studentinnen, die mich über ihren Uni-Campus führen, der ungelogen die Ausmaße von mindestens der Innenstadt Wolfsburgs hat.
Single-Dogs? Warum Hunde? Es sei ironisch gemeint, beteuert Summer, und klingt nicht lustig dabei. Wir sind die, erklärt Melissa, die keinen finden, den sie lieben können, oder der sie liebt. Als ich Fan später frage, sagt sie: Ja, Single-Dogs. Weil, Hunde ein Scheiß-Leben in China führen. Sie werden nicht nur vor die Tür geworfen, Fußtritt und raus, sie werden ja auch immer noch gegessen. Gerade in dieser Region hier.

Die Englisch-Studentin kommt nach der Lesung auf mich zu. Du kennst Einsamkeit, sagt sie, als Frage formuliert. Ich zögere kurz, unsicher, ob ich sie richtig verstanden habe, aber sage dann einfach, ja, und dass ich immer die war, die außen stand, die Party woanders, ich auf meinem Beobachtungsposten, sicher, aber einsam, unverbunden. Bis ich verstand, dass meine Beobachtungsgabe eine Fähigkeit ist, weil ich vieles sehe, das anderen entgeht, weil ich dadurch gelernt habe zu sehen, wie andere sich fühlen.
Mit einer Aufrichtigkeit, die einfach aus ihr herausplatzt, sagt sie: We have so much in common.