Regen

von larissa boehning

Eben noch bin ich müde und will schlafen, da entdecke ich die sehr große haarige Spinne an meiner Zimmerwand. Verwirrterweise rede ich sie auf Englisch an, springe aufs Bett in Ekel, und stürme dann hinaus, einen Besen suchen, etwas, mit dem ich sie erschlagen kann. Während ich suche, kommt die kleine Rezeptionistin im Pyjama aus ihrem Zimmer und fragt, was sei. Sie holt einen langen Stab mit Bambusfasern am Ende und legt ihn behutsam auf die Spinne, zieht sie damit zu sich heran. Ich biete ihr meinen Schuh an, um jetzt die Spinne zu erschlagen. Sie will Kleenex. Ich gebe ihr welche, sie drückt damit die Spinne in die Besenfasern – tot. Ich will den Beweis sehen, die Chinesin verabschiedet sich aber schnell; überdankbar denke ich erst kurz darauf: sie hat sie gar nicht mit der Hand zerdrückt, sondern bringt sie im Tuch nach draußen und setzt sie aus.

Der höchstens eineinhalb Jahre alte Junge, der an der Hand seiner Mutter vor mir über den Weg geht, trägt keine Windeln. Er kann sich kaum auf den Füßen halten, schwankt immer wieder, aber braucht keine Pampers mehr.

Es hat die ganze Nacht wie im Regenwald geregnet – so stelle ich es mir vor. Ich trete auf einen Fleck neben der Straße und sinke mit meinen Ballerinas tief mit einem schmatzenden Geräusch in diesen Inbegriff von fruchtbar wirkender Erde ein. Dazu riecht es, als hätte jemand einen Joint geraucht, aber es muss die Erde sein, der Duft erstreckt sich über Hunderte von Metern.

Die Pflanze am Wegesrand, deren Blätter von oben maigrün und lorbeerartig sind – und drehe ich sie um, sind sie ochsenblutrot. Irgendwie eine chinesische Pflanze, denke ich, oben einladend-freundlich grün, unten diese dramatische, wilde Farbe, alles in scharfem Kontrast.

Die junge chinesische Studentin erzählt mir, dass sie deutsche Fußballer liebt. Neuer, Müller, Lahm und der, der immer die Saltos machte, nach jedem Tor, dessen Namen sie sich nicht merken kann. Aber vor allem der kleine, flinke Lahm. Ich sage ihr, was sein Nachname als Adjektiv bedeutet, und sie lacht auf und sagt dann: Aber er war der Kapitän.

Meine Mitstipendiaten waren in einer Multimedia-Opern-Show in der Stadt. Gigantisch, gewaltig, ist die Antwort, als ich frage, wie es war, und es sei schwer zu sagen, ob 500 oder 1000 Leute auf der Bühne gewesen seien, auf den Pontons, die knapp unterhalb der Wasseroberfläche im Fluss schwammen, so dass es aussah, als ginge diese Masse an Menschen andauernd übers Wasser.