It’s pretty deep – weiter

von larissa boehning

In der Morgendämmerung höre ich die Insekten und Vögel draußen erwachen. Sie klingen irgendwie elektrisch. Zzrrrr macht ein Vogel, in präzisen Intervallen. Tshhuu macht etwas anderes, das klingt, wie ein lauter Stromkabelzaun. Dazwischen Geräusche, als fliege eine Motte gegen eine Lampe. Es sind ihre Rufe, ich bin mir eigentlich sicher. Aber es könnte auch sein, dass ein überdimensionaler Glühdraht in der Dämmerung hängt, der schlicht jedes Insekt, das ihm zu nahe kommt, durchglüht und in Staub verwandelt.

Seit dem Morgen fliegen filigrane Helikopter sehr tief über unser Haus hinweg. Erst ein roter, dann ein königsblauer, jetzt nur noch schwarze, libellenschmale, aber deshalb nicht weniger bedrohlich wirkende Hubschrauber. Ich beziehe sie auf mich. Darauf, dass ich hier unten sitze und versuche, auf amerikanische Website zu gelangen, Texte über Geheimdienste lese, Deutsche bin mit einem Flug, der vom Auswärtigen Amt bezahlt wurde, ach, verschwörerische Gründe finde ich genug.

Da wird aus dem kleinen Teich am Ende der Terrasse, neben dem ich sitze und arbeite, ein Fisch mit einem Kescher herausgeholt. Der junge Chinese trägt den im Netz zappelnden Fisch eilig den Weg hinunter, Richtung Küche. Der Fisch schlägt heftig aus. Der Junge beginnt zu rennen. Ich stelle mir vor, wie dem Fisch gleich der Kopf abgehakt wird, bevor er ausgenommen wird, stundenlang in Bier gekocht, wie hier üblich. Ich fühle mit ihm, wie er, vollkommen zu recht, Lebensangst hat und auf den letzten Metern um sein Leben kämpft.

Der Zaun zwischen Terrasse und Fluss, der aussieht, wie die geschuppten Stämme von hoch gewachsenen Kiefern. Auf den ersten Blick wirklich identisch, da die Schuppen überwuchert sind von ockerfarbenem Moos. Aus der Nähe sehe ich, der Zaun besteht aus Betonstehlen, an die längliche kiefergraubraune Gips-Schuppen angeklebt sind. Ein frappierendes Kunstwerk, alles in allem, das sich über hunderte von Metern erstreckt.

Immer noch ein Wellblechdach über dem eigentlichen Dach des Hauses, an dessen offen liegenden Verstrebungen auf Bügeln frisch gewaschene Wäsche hängt und in der Brise schaukelt: Unterhosen, T-Shirts, Tüllkleider, Handtücher und ein hautfarbener und ein pinker BH.

Zwei Männer in Polohemden und schwarzen Hosen kommen zu dem Becken, wo ich immer noch sitze und arbeite, zusammen mit dem Jungen, der vorhin schon am Becken war, der den Kescher trägt. Die Männer schauen die Fische im Becken an und diskutieren. Sie stehen auf dem gemauerten Rand und reden. Sehr ruhig, ganz anders, als vorhin, fährt der Junge den Kescher durchs Wasser. Sehr ruhig zieht er ihn hoch, und der Fisch darin fängt nicht zu zappeln an, auch nicht, als er gar nicht eilig zusammen mit den Männern Richtung Küche geht.

Begreife am späten Nachmittag, dass es ja Wochenende ist und all die Helikopter reiche Chinesen an die „most remote places“ hier in Yangshuo bringen, über das Sandsteingebirge, den grün-türkisen Fluss hinweg, zu der Aussicht, die sonst keiner hat.

Ein Mann auf einem Moped, der mir entgegenfährt, grüßt mich: Hello! Die Frau, die hinter ihm sitzt, schaut mich interessiert an. Ich grüße zurück, Hello!, da sind sie schon weiter, aber ich höre ihn noch auflachen, in Freude und in einem fröhlichen Triumph, der Fremden diesen Gruß entlockt zu haben.

Auf einer gemauerten Schwelle am oberen Ende des Flusses steht ein Brautpaar und wird fotografiert. Drei Assistenten, alle mit den modisch aufgehellten Haaren, um sie herum, einer macht das Licht, einer den Schirm, eine hält die bestimmt zehn Meter lange Tüllschleppe über den kleinen gemauerten Wasserabhang hinweg. Der Stoff wird immer wieder ins Wasser gesogen, er zieht an der Braut. Die Hosenbeine des Bräutigams sind bis zu den Knien nass. Der Fotograf muss immer wieder Pausen einlegen, wenn die Bambusboote sich an der Schwelle stauen und nah neben dem Pärchen stecken bleiben.

Die Bambusbootfahrer liegen auf den Mauervorsprüngen, gegen die haushohen Bambusstauden gelehnt, zwischen die sie auch ihre geflochtenen Spitzhüte gesteckt haben; oder auf den Metallgestängen, die sie als Doppelsitz auf ihrem Boot nutzen. Hunderte Fahrer, alle klein, braungebrannt, drahtig in den gleichen gelben T-Shirts. Im Wasser hinter ihnen liegen die Flöße, eng an eng, die Schirme eingeklappt, es sieht aus wie ein einziger Riesensteg aus Bambusröhren, der weit in den Fluss hineinwuchert.

An der einzigen freien Stelle, nahe einer Rampe, kommt ein uralter LKW zum Stehen. Er hat auf seiner Ladefläche fünfzehn, zwanzig Bambusflöße übereinandergestapelt. Er kippt die Ladefläche und die Boote rutschen direkt ins Wasser, treiben weit in den Fluss. An einer Leine holt sie ein Mann wieder ein, die Fahrer springen mit ihren Bambusstäben auf das erste Floss und dirigieren die restlichen gekonnt an die ganze große Riesenstegfläche aus Booten heran.

Ich gehe an einem großen Feld vorbei, auf dem Erdbeerpflanzen in perfekten Reihen stehen und bewässert werden. Und muss an die chinesischen Erdbeeren denken, die mein Sohn mal gegessen hat, in der Schule, beim Catering, die wohl eingefroren waren und aufgetaut wurden und von denen er sich einen heftigen Virus geholt hatte.

Zwei schwarz-weiße Schmetterlinge torkeln im Balztanz an mir vorbei. Schlagen die Flügel in einem immer gleichen Takt, ohne sich zu berühren. Vor einem großen Blatt werden sie langsamer, der eine setzt sich aufs Blatt und hält still. Der andere flattert neben dem Blatt, so schnell, dass es aussieht, als stehe er mit ausgebreiteten Flügeln still in der Luft. Ich sehe das Bild auf seinen Flügeln. Es sieht aus wie das Anonymous-Gesicht, wie die Maske, mit einem breiten, schwarz-weiß gezackten, schaurigen Grinsen.

Man soll nicht im Fluss schwimmen, sagt das Warnschild. Die Grund: It’s pretty deep.