1. Tag Yangshou / Provinz Guilin

von larissa boehning

Der Peking-Spirit, sagt die Werbung auf einem wandfüllenden Plakat am Wegesrand: „Patriotismus, Innovation, Zusammenhalt, Virtuosität“.

Wie in der Sonne glitzerndes Aluminium, so hell leuchten die LED-Schnüre an den Veranden der offenen Garküchen entlang der Straße, in der dunstigen Luft des Spätnachmittags.

Eine junge Frau hat ein Baby in einem grasgrünen Beutel auf dem Rücken, an der Kapuze des Beutels sind weiß-grüne Hasenohren. Sie fährt auf der Fahrradspur Moped, ohne Helm, dreißig, vierzig Stundenkilometer schnell, einfach mit dem Baby im grasgrünen Hasenbeutel auf dem Rücken.

Ich wache um vier Uhr nachts auf – noch unsere Zeit im Körper – und gehe in die Lobby des Gästehauses, in der Hoffnung, dort besseres Internet zu haben. Auf einem Bildschirm hinter der offenen Rezeption setzt sich aus neun Einstellungen ein großes Bild der Überwachungskameras zusammen. Wie ein Schatten bin ich durch diese Bilder gehuscht. Gegen einen inneren Widerstand bleibe ich in der Lobby sitzen, zügele aber vollständig mein Grollen über den nicht funktionierenden Zugang, weil ich nicht will, dass er aufgezeichnet wird.

Die Berge, wie Zuckerhüte, wie Pralinen. Überzogen von einem dunkelgrünen Flaum aus Pflanzen. Sie bauen sich vor uns auf, in der Dämmerung. Ich schaue an ihnen hoch, es ist wie vor einem steinalten, sehr hohen Urwesen zu stehen, das immer schon da war und immer da sein wird –, wenn die Häuser am Fluss zu seinen Füßen, die Steinplattenwege, die roten Laternen an den Wellblechdächern, die offenen Garküchen, die surrenden Kühlschränke, die kleinen Hühnerverschläge, die LED-Beleuchtung in den Büschen längst verschwunden sind.

Eine Gruppe Chinesen drängelt sich vor. Eilig, in den Gang. Fertig zum Aussteigen. Es ist wie eine innere Natur, sich durchzudrängeln. Es geht nicht anders. Im Drängeln hilft der Mann, der dabei in schneller Folge eine Sprachnachricht nach der nächsten in sein vor den Mund gehaltenes iPhone spricht, noch einer älteren Frau, ihr Gepäckstück aus der Ablage zu ziehen. Es ist nicht ein ‚Ich zuerst‘, das Drängeln. Es ist ein ‚Wir zuerst‘, denke ich später.

Um sechs Uhr fünfzehn krähen von weit her die ersten Hähne, und Stimmen sind zu hören, auch sehr fern, wie von Menschen, die sich etwas über den Fluss zurufen. Aber vielleicht ist es auch ein Radio.

Der drahtige Chinese in dem gelben T-Shirt, der auf der Terrasse der Mountain Lodge steht und raucht, spricht die zwei Amerikaner in einem sehr amerikanisch gefärbten Englisch an. Er fragt sie, ob sie das erste Mal hier seien und was sie arbeiten würden. Er will eindeutig reden, die Amerikaner reagieren distanziert. Working in business, sagt der ältere der beiden und dreht sich zum Gehen. Great, ruft der Chinese, ehrlich begeistert. Später sehe ich, dass auf seinem T-Shirt steht: speak english. Und auf der Rückseite: better english, better life.

Es fliegt ein Schmetterling um mich herum, der handtellergroß ist, schillernd blau-schwarz und puschelig am Körper. Er arbeitet sich mit seinen Flügelschlägen richtig durch die Luft, so schwergewichtig und gravitätisch wirkt er.

Ich habe nur 50 Yuan, statt der 53, die ich zahlen müsste, und die Frau an der Rezeption des Restaurants erlässt mir die 3 Yuan mit einer selbstbewussten, fein ironischen Schärfe. Wir schauen uns, eher zufällig, direkt in die Augen und ich sehe ihren Stolz darüber, in dieser Position zu sein. Meine Verlegenheitsgesten, mein entschuldigendes Gestammel wirken in ihrer Ironie doppelt unsicher.