Gute Tochter

von larissa boehning

Die junge Frau steht verloren zwischen ihren männlichen, grauhaarigen Kurz-vor-der-Rente-Kollegen, alle angereist zur Innotrans-Messe. Sie lächelt unschlüssig-höflich über die Altherrenwitze, die laut erzählt werden, sie gibt sich so, als wäre es ihr nicht unangenehm. Sie ist angespannt, bemüht, beflissen, das richtige Bild abzugeben, die freundliche Zugewandtheit ihrer Kollegen nicht zu verspielen; so steht sie da, und ich erkenne mich in ihr wieder. Gern würde ich ihr, mit dem Abstand von über 20 Jahren etwas sagen, merke ich. Was genau? Hör nicht auf die? Glaube nicht, dass du lächeln musst? Du musst nicht die gute Tochter spielen – das ist es, was ich ihr sagen wollen würde, in diesem Moment.