100 Jahre

von larissa boehning

Reden mit meiner Tante über die Verwandten in Moskau. Alles Frauen, es gibt in der weit verzweigten Sippe nur noch einen Mann. Die Urgroßmütter hießen noch Hoffnung, Freiheit und Liebe. Und eine weitere Sagengestalt gibt es: die uralte Lalia, sie wird hundert am Ende April. Sie liegt in ihrem Zimmer von Ikonen umrahmt; ihre Enkeltochter, ein paar Jahre jünger als ich, flüsterte mir damals ins Ohr, sie würde mir die russische Geheimsprache beibringen, wenn ich nur wollte. Heute trägt sie Heiligenkostüme wochentags nachts, so geht sie durch die Straßen von Moskau. Und Lalia  – plötzlich rechnen wir es aus, und die Größe, die Länge ihres Lebens fällt wie ein Schatten über den Tisch: geboren 1916. 1916. Dann versteht man es plötzlich. Das hat sie alles erlebt.