Zwei Mütter

von larissa boehning

I. Ich treffe eine Walkerin beim Frühsport im Wald. Eine Frau um die sechzig, klein, mit einem Pagenschnitt, der ihr Gesicht umrahmt. Sie lächelt mich an. Wir grüßen uns. Lang noch nehme ich auf der Strecke ihren Blick mit und frage mich, warum. Sie hatte mich ganz offenherzig und zugewandt angeschaut, weich und mütterlich, mit einer ehrlichen Unmittelbarkeit, als kennten wir uns schon Jahre.

II. Die Mutter liest morgens in der S-Bahn ihren beiden Kindern laut aus ‚Michel’ vor. Sie betont alles  genau, liest die Dialoge aus und erklärt Begriffe. Sie steigt an der selben Station aus wie meine Kinder und ich. Sie liest im Gehen, selbst auf der Treppe nach unten, noch weiter. Wir hören mit. Sie wird mir immer unsympathischer, obwohl ihre Art zu lesen, das nicht ist. Ich kann nichts dagegen machen. Ihre Übereifrigkeit. Oder dieser Wunsch, dass alle Umstehenden mitbekommen mögen, wie gut sie es meint mit ihren Kindern.