Augenblick

von larissa boehning

Ich stehe auf dem Bahngleis, aufgewühlt, in Gedanken, mit dem beschäftigt, was mich gerade bewegt. Ich starre geradeaus auf die Wand, ein H&M-Plakat, die orangefarbenen Kacheln drumherum. Die U-Bahn fährt ein, kommt zum Stehen. Genau da, wo ich hingeschaut habe, steht ein dunkelhaariger Mann mit dunklem Bart, ein Araber, Syrer, Flüchtling. Durch die Scheibe schaue ich jetzt ihn an. Er schaut mich an. Wir schauen uns direkt in die Augen. Ich bewege mich nicht. Er auch nicht. Es ist seltsam. Die Bahn steht. Wir schauen uns weiter an. Plötzlich denke ich an eine Szene in The Americans. Wo Nina, die russische KGB-Spionin, lernen muss, den amerikanischen Lügendetektor zu überlisten. Schau dem Mann, der dir die Fragen stellt, genau auf die obere Nasenwurzel. Dann sieht es so aus, als würdest du ihn direkt anschauen. Und antworte. Dann kannst du die Unwahrheit sagen, während du wahrhaft schaust. Ich fühle mich wie Nina, plötzlich. Als stellte mir der Mann eine Frage, und ich schaue ihn wahrhaftig an und lüge dabei.